Reformation des Islam?

Immer wieder wird in gesellschaftspolitischen Diskussionen gefordert, dass der Islam sich einem Reformationsprozess unterziehen müsse. Damit könne auch der Islam – so wie das beim Christentum und beim Judentum geschehen sei – in der Neuzeit ankommen. Eine Reformation im Islam im Sinne davon, wie dies bei dieser Forderung wohl gemeint ist, hat es allerdings bereits gegeben, was vielen Europäern leider unbekannt ist. Modernisierungsprozesse, die Säkularisierung der Gesellschaft, die Dominanz des Staates gegenüber der Religion, Rechte für Frauen und weitere solche Postulate hat es auch in der islamischen Welt gegeben. Bei dieser Entwicklung steht ganz zuoberst der Name der Gründer der modernen Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk.

Bereits die Staatsform der Republik, ein Staats- und Verwaltungsrecht nach dem Vorbild Frankreichs und die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie zeigen, dass Atatürk trotz seiner antiimperialistischer Grundeinstellung ein zutiefst westlich geprägter Staatsmann war, was auf seine Erziehung und Ausbildung zum Offizier zurückzuführen ist. Zum Zeitpunkt der Geschichte, als Mustafa Kemal die Offiziersschule besuchte, gehörten Offiziere zur geistigen Elite im Osmanischen Reich, weil ihre Ausbildung westlichen Standards entsprechen musste. Gerade solche Leute waren überhaupt in der Lage, die Rückständigkeit der Scharia-Gesellschaft zu erkennen. Mustafa Kemal, der später Atatürk werden sollte, war ein Mann, der die Gesetze der Logik, westliche Philosophie, westliche Literatur, westlichen Durst nach Wissen und Erkenntnis und die Liebe zum Fortschritt schon als junger Offizier kennengelernt hatte.

Atatürk gab dem Scharia-Islam einen Beinahe-Todesstoss, indem er nach der Staatsgründung das Kalifat abschaffte, wovon sich die orthodox-islamische Welt nie wieder erholt hat. Anschließend kamen weitere Reformen wie die Abschaffung des arabischen Alphabets und des islamischen Kalenders, eine Kleiderreform, eine Zivilgesetzgebung nach dem Vorbild der Schweiz, eine Handelsgesetzgebung nach dem Vorbild Deutschlands, eine Strafgesetzgebung nach dem Vorbild Italiens, das Wahlrecht für Frauen, die Abschaffung der Scharia und vieles mehr. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass im Zuge dieser Reformen auch der Koran nicht mehr auf Arabisch sondern auf Türkisch rezitiert werden musste. Der Ruf des Muezzins war für eine Zeit lang Türkisch. Gerade diese Tatsache erinnert wohl unweigerlich an die Reformation Luthers! Die Beseitigung dieser Reform Atatürks war im Übrigen die erste Amtshandlung der Regierung Menderes (grosses Vorbild des Islamisten Erdoğan) im Jahr 1950. Wesentlich später wurde Adnan Menderes gehängt, weil er unter anderem auch für das Pogrom von Istanbul verantwortlich gemacht wurde.

Durch seine Reformen schuf Atatürk jedenfalls eine moderne Gesellschaft, die heute durch die Islamisierung angeschlagen ist und enorm an dieser Modernität eingebüsst hat. Überhaupt ist Atatürk der Schöpfer des Konzepts des „türkischen Staatsbürgers“. Zuvor gab es keine Bürgergesellschaft sondern bloße Untertanen. Atatürk ging rigoros gegen solche althergebrachte Untertanenverhältnisse vor. Seine Reformen hatten aber nicht nur eine Wirkung in der jungen Türkischen Republik. Vielmehr wurden auch andere muslimische Staatsoberhäupter auf sie aufmerksam. So wurde Atatürk noch zu Lebzeiten vom persischen Schah (dem Vater des gestürzten Schah) und vom afghanischen König aufgesucht, die Atatürks Konzepte auch bei eigenen Landsleuten anwenden wollten. Wenn man sich Bilder aus diesen Ländern anschaut, die vor 1979 entstanden sind, wird man feststellen können, dass Atatürks Einfluss sehr weitreichend war, sogar nach seinem Tod. Seine Reformen hatten jedenfalls teilweise unmittelbar teilweise mittelbar eine große Wirkung auf die muslimische Welt.

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Eine Gerichtsverhandlung in Ankara im Jahre 1943. Eine Richterin hat den Vorsitz und eine Staatsanwältin klagt an. Ein solches Bild wäre beispielsweise in der Schweiz, wo es durchaus eine Reformation gegeben hat, nicht möglich gewesen. Mit Reformation hat das Bild auch nichts zu tun sondern mit Säkularisierung und zwar mit obrigkeitlich befohlener Säkularisierung!

Foto: George Pickow

Das größte Defizit dieser Entwicklungen ist, war und bleibt die Tatsache, dass die Reformen nicht die Folge einer gesellschaftlichen Evolution und eines demokratischen Prozesses waren. Vielmehr wurden sie von einer Elite „von Oben gegen Herab“ befohlen. Ich möchte dies anhand eines sehr schönen Beispiels erläutern:

Die totalrevidierte Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1874 räumte dem Bund die Kompetenz ein, im Bereich des Zivilrechts Gesetze zu erlassen, was zuvor eine kantonale Kompetenz war. 1892 erhielt ein Jurist namens Eugen Huber (im Übrigen ein ehemaliger Chefredaktor der NZZ) vom Bundesrat den Auftrag, einen Vorentwurf für das Schweizerische Zivilgesetzbuch (ZGB) zu erstellen. Eugen Huber studierte daraufhin sämtliche kantonale Zivilrechtsordnungen und suchte – einfach erklärt – nach gemeinsamen Nennern und Kompromissen. Diese Arbeit wurde in drei dicken Bänden publiziert. Seine Arbeit am ZGB beendete er 1904 mit einem definitiven Entwurf, den der Bundesrat der Bundesversammlung unterbreitete. Die parlamentarischen Beratungen, die Eugen Huber selbst als gewählter Parlamentarier begleitete, dauerten von 1905 bis zur (einstimmigen) Schlussabstimmung vom 10. Dezember 1907. Am 1. Januar 1912 trat das Schweizerische Zivilgesetzbuch in Kraft. Meines Erachtens kann man eine evolutive Entwicklung beim westlichen Gesetzgebungsprozess nicht schöner darstellen. Von der Errichtung der Bundeskompetenz bis zum Inkrafttreten des Gesetzes waren ganze 38 Jahre vergangen. Man hatte auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung Rücksicht genommen und nach Gemeinsamkeiten und Kompromissen gesucht. Anders ist die Einstimmigkeit im Parlament nicht zu erklären. In der jungen Türkischen Republik wurde dieses Produkt eines schweizerischen Kompromisses, das nach jahrelanger Suche nach Gemeinsamkeiten entstanden war, von einem Tag auf den anderen als Gesetz auf den Tisch gelegt. In der Tat wurde das Schweizerische Zivilgesetzbuch mehr oder weniger in seiner Gesamtheit ins Türkische übersetzt. Es fehlen einige Bestimmungen wie etwa Art. 5 ZGB (Verhältnis zu den Kantonen und zum kantonalen Zivilrecht), weil die Türkei ganz offensichtlich keine Kantone hat und nicht föderalistisch ist sowie etwa auch das Bauhandwerkerpfandrecht – ein Rechtsbehelf aus dem Bereich des Sachenrechts – mit dem die Türken offensichtlich nichts anfangen konnten. Der Grund für die Rezeption des Schweizerischen Zivilgesetzbuches war einerseits die Tatsache, dass es zum damaligen Zeitpunkt eines der modernsten Zivilgesetzbücher war. Zum anderen hatte der damalige türkische Justizminister in Neuenburg Jura studiert, womit er das ZGB gut kannte. Es war anschließend auch naheliegend, dass die Türkei die passende Zivilprozessordnung zum rezipierten Zivilrecht vom Kanton Neuenburg übernahm, weil es damals noch keine eidgenössische Zivilprozessordnung gab, da zum damaligen Zeitpunkt das Zivilprozessrecht in der Kompetenz der Kantone war. Somit übernahm die junge Türkische Republik kantonales Recht, direkt aus dem Kanton Neuenburg. Ich denke, dass es wohl kein besseres Beispiel gibt, um den Unterschied zwischen westlicher Rechtsetzung und westlich-orientierten Rechtsetzung in einem muslimisch geprägten aber säkularen Land zu illustrieren. Die Defizite sind offensichtlich.

Trotz dieser ganz offensichtlichen Unzulänglichkeiten muss betont werden, dass es dazu wohl keine Alternative gab. Eine Entwicklung aus der Scharia heraus war ganz sicher keine Option, weil in der Scharia keinerlei Inhalte zu finden sind, die für eine moderne Gesellschaft tauglich wären. Man kann angesichts der noch gravierenderen Defizite der Scharia einen solchen obrigkeitlichen „Input“ letztendlich nur zustimmen, zumal ausgeschlossen werden kann, dass sich aus der Scharia heraus eine moderne Gesellschaft entwickeln kann.

Nach dieser Darstellung möchte ich nochmals auf die Forderung nach einer Reformation in der islamischen Welt zurückkommen. Meines Erachtens braucht die islamische Welt und insbesondere Europa keine Reformation des Islam. Die entsprechende Forderung ist naiv und selbst wenn sich eine Reformation der Religion verwirklichen sollte, wird dieser Reformislam voraussichtlich nur wenige Anhänger haben, wenn man realistisch bleibt, womit das Scharia-Problem in Europa keineswegs gelöst werden kann. Um das Scharia-Problem nachhaltig zu lösen braucht Europa einen massiven Säkularisierungsschub  für die hier lebenden Muslime. Mit dieser realistischeren Forderung, die sich nicht an die gesamte muslimische Welt richtet, kann man meines Erachtens arbeiten. Allerdings kann man eine solche Säkularisierung ganz sicher nicht fördern, indem man mit Islamverbänden, die ideologisch der Muslimbruderschaft oder allenfalls dem Mullah-Regime im Iran nahestehen, Staatsverträge abschliesst.

 

Reformation des Islam?

Gleichberechtigung im Islam?

Immer wieder behaupten Islamapologeten aber vor allem Islamapologetinnen in Fernsehsendungen und Artikeln, dass im Islam Frauen und Männer gleichberechtigt seien. Sie gehen manchmal so weit wie beispielsweise Khola Maryam Hübsch und geben an, dass Mohammed der erste Feminist gewesen sei. Nachfolgend möchte ich zunächst eine berühmte Stelle aus dem Koran, namentlich Sure 4:34, zitieren, welche die entsprechenden absurden Behauptungen sofort widerlegt, wonach der Scharia-Islam so etwas wie die Gleichberechtigung der Geschlechter kenne. Die Übersetzung stammt von Rudi Paret, die in Fachkreisen als die beste Koranübersetzung in deutscher Sprache gilt.

„Die Männer stehen über (qauwāmūn ʿalā) den Frauen, weil Gott sie (von Natur aus vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen?) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt (d.h. weil Gott darum besorgt ist, dass es nicht an die Öffentlichkeit kommt). Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie (wa-dribū-hunna)! Wenn Sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß.“

Im ersten Teil dieser Koranstelle wird klar die Überordnung des Mannes gegenüber der Frau festgelegt. Dies steht einerseits wortwörtlich dort und ferner entspricht diese Interpretation auch der Meinung der Tradition. Darüber hinaus – und das ist das Wichtigste – ist dies die praktizierte Realität in der islamischen Welt, was für alle Menschen, die in der Lage sind, objektiv zu denken, völlig offensichtlich ist. Der Schluss der vorzitierten Koranstelle sieht – so wie man dort nachlesen kann – ein Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber seiner Frau vor. Dabei gibt es eine Kaskade von drei Stufen, was von gewissen Musliminnen und Muslimen als eine Art Errungenschaft empfunden wird. Zuerst soll die Frau ermahnt werden und nicht gleich geschlagen. Dann gibt es Sexentzug, was insbesondere für jene muslimische Frauen, die ohne eigene Einwilligung in einer Ehe leben müssen, eine enorme Strafe sein muss. Erst dann, wenn selbst das nicht gewirkt hat, dann soll geschlagen werden. Dazu gibt es übrigens Regeln. Man(n) schlägt seine Frau nicht einfach so, wie es einem gerade passt! Die Scharia gibt dazu nützliche Tipps, wie diese beiden Damen aus Australien in diesem Film mit viel Detailwissen darlegen. Auch andere Filme auf YouTube sagen darüber ähnliche Dinge. Der Mann soll mit einem kleinen Stecken schlagen, mit einem Tuch oder mit der flachen Hand jedoch nicht mit der Faust und vor allem niemals mit Verletzungsabsicht (weil man(n) sein “Eigentum” nicht zerstören sollte, ist schliesslich Gabe Gottes).

Nach Kenntnis dieser Koranstelle kann nicht wirklich behauptet werden, dass im Islam Frau und Mann gleichberechtigt seien. Dies widerspricht dem klaren Wortlaut des Koran und entsprechende Behauptungen sind nichts anderes als Taqiya, um den Islam vor Kritik von “Ungläubigen” zu verteidigen, ausser die Person, die solchen Unsinn ausspricht, hätte tatsächlich keine Ahnung vom Islam. Jedenfalls sollten solche Äusserungen nicht ernst genommen werden. Wer in Anbetracht dieser Koranstelle von Gleichberechtigung sprechen will, hat sicherlich nicht das gleiche Verständnis davon, was normalerweise unter diesem Begriff verstanden wird. Wer solchen Unsinn verbreitet wie, dass Mohammed der erste Feminist gewesen sei wie Khola Maryam Hübsch im oben verlinkten Artikel, unterscheidet sich nicht wirklich von Kellyanne Conways mit ihren “Alternative Facts“.

Um es noch deutlicher zu machen, weshalb nach islamischer Vorstellung Frauen Männern untergeordnet sind, möchte ich aus dem Nasihat al Muluk (Ratgeber für Könige) des “grossen” islamischen Denkers al-Ghazali zitieren. Damit die Bedeutung und der Stellenwert dieses al-Ghazali im Islam von den Lesern eingeordnet werden kann, hier ein Auszug aus dem Wikipedia-Eintrag über diesen “Philosophen”:

„Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī, kurz auch Alghazāli (arabisch أبو حامد محمد بن محمد الغزالي, DMG Abū Ḥāmid Muḥammad b. Muḥammad al-Ġazzālī; persisch ابو حامد محمد غزالی; lateinisch Algazel; geboren 1058 in Tūs bei Maschhad; gestorben am 19. Dezember 1111, mit dem ehrenden Beinamen Huddschat al-Islām, war ein persischer islamischer Theologe, Philosoph und Mystiker. Ghazali zählt bis heute zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islams. (…) Während er einerseits für den Untergang der Philosophie im islamischen Osten (im Gegensatz zum islamischen Spanien, wo sie aufblühte) verantwortlich gemacht wird, bewirkte er auf der anderen Seite eine Wiederbelebung der Theologie.“

Mit anderen Worten stellt das Werk Nasihat al Muluk etwas Ähnliches dar wie Il Principe (Der Fürst) von Machiavelli im Westen, wobei al-Ghazali in der islamischen Welt eine ähnliche Rolle spielt wie der bedeutende Denker der Renaissance. Jedenfalls ist dieser al-Ghazali so bedeutend, dass vier seiner Werke in die UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke aufgenommen wurden, wobei ich fairerweise einräumen muss, dass Nasihat al Muluk nicht dazu gehört. In diesem Buch, in dem die perfekte Beschaffenheit von Königen und ihren Ratgebern anhand von Aphorismen und Anekdoten dargelegt wird, gibt es auch ein Kapitel über die Frauen. Das Kapitel heisst „Frauen und ihre guten und schlechten Seiten“. Das Buch kann übrigens hier auf Englisch gelesen werden. Das Kapitel über die Frauen fängt auf Seite 158 an und die Stelle, die ich mit meiner eigenen Übersetzung nachfolgend zitieren werde, befindet sich auf den Seiten 164 und 165. Ich kann meinen Lesern die Lektüre mindestens dieses einen Kapitels nur nahelegen.

„Was die unterschiedlichen Charakteristika anbelangt, mit denen Gott im Himmel Frauen bestraft hat, verhält sich die Angelegenheit folgendermassen:

Als Eva dem allmächtigen Gott nicht gehorchte und die Frucht vom Baum im Paradiese ass, die er ihr verboten hatte, hat der Herr, sei er gepriesen, Frauen mit 18 Dingen bestraft: (i) Menstruation; (ii) (die Strapazen) der Geburt; (iii) die Trennung von Mutter und Vater und Verheiratung mit einem Fremden; (iv) die Schwangerschaft (durch diesen Mann); (v) die Unfähigkeit, über sich selbst zu bestimmen (d.h. Bevormundung durch den Mann); (vi) einen kleineren Erbteil zu haben (als Männer); (vii) die Einklagbarkeit wegen Scheidung, aber die Unfähigkeit, selbst eine Scheidungsklage einzureichen; (viii) die Tatsache, dass es rechtlich zulässig ist, dass ein Mann vier Frauen haben kann, wohingegen Frauen nur einen Mann haben können; (ix) die Tatsache, dass sie im Haus eingesperrt (d.h. abgekapselt) wird; (x) das Gebot, im Haus den Kopf zu bedecken (damit meint Ghazali, dass Frauen selbst im eigenen Haus den Kopf bedecken müssen, wenn Fremde im Haus sind); (xi) die Tatsache, dass vor Gericht die Zeugenaussagen von zwei Frauen gegen die Zeugenaussage eines Mannes entgegengebracht werden können; (xii) die Tatsache, dass die Frau das nicht verlassen darf, ohne dabei von einem nahen Verwandten begleitet zu werden; (xiii) die Tatsache, dass Männer an Freitags- und Feiertagsgebeten teilnehmen, wohingegen Frauen dies nicht tun; (xiv) der Ausschluss von Regierungsämtern und vom Richteramt; (xv) die Tatsache, dass von 1000 verdienstvollen Dingen, nur 1 Frauen zugerechnet werden kann, während Männern 999 verdienstvolle Dinge zugerechnet werden können; (xvi) die Tatsache, dass wenn Frauen verschwenderisch sind, ihnen am Tag der Auferstehung nur halb soviel Peinigung gegeben wird als dem Resten der muslimischen Gemeinschaft (mit anderen Worten werden Frauen pauschal bestraft); (xvii) die Tatsache, dass sie beim Versterben des Ehemannes eine Wartefrist von vier Monaten und zehn Tagen abwarten müssen, bevor sie sich wieder verheiraten; (xviii) die Tatsache, dass sie eine Wartefrist von drei Monaten und drei Menstruationsperioden abwarten müssen, bevor sie wieder heiraten dürfen.“

Nach diesem Zitat möchte ich nochmals an Sure 4:34 erinnern, die ich oben wiedergegeben habe, welche die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann festlegt. Oben zählt al-Ghazali eine Reihe von für Frauen unvorteilhaften Regeln des Islam auf, die gläubigen Muslimen bekannt sind, weil sie aus dem Koran selbst stammen. Es gibt hunderte von anderen Regeln, die unvorteilhaft für Frauen sind, die in anderen Quellen der Scharia zu finden sind, etwa in den Hadithen. Al-Ghazali konzentriert sich hier jedoch ausschliesslich auf koranische Inhalte. Er versteht diese Nachteile als eine Gottesstrafe für die schwere Sünde, welche nicht nur zur Vertreibung vom Paradies geführt habe. Vielmehr habe Gott mit diversen Dingen, die im Koran erwähnt sind, die Frauen bestrafen wollen. Daraus folgt ihre Schlechterstellung, was aus diesen Zeilen zu vernehmen ist.

Obwohl die Stellung der Frau im Islam bei näherer Betrachtung dieser Aufzählung  als durchaus bedenklich eingestuft werden kann, verbirgt sich hinter dem al-Ghazali-Zitat noch etwas erheblich Bedenklicheres. Hier wird der islamische Syllogismus deutlich und zwar in seiner ganzen Pracht. Dieser Syllogismus ist im Islam allgegenwärtig und dieses Kernproblem ist sogar erheblicher als die islamische Frauendiskriminierung. Das funktioniert ungefähr so: Das, was im Koran steht, ist nach islamischer Vorstellung, das unmittelbare Wort Gottes und ist in jeder Hinsicht perfekt. Es ist so perfekt, dass selbst Mohammed in dessen Schatten steht. Das Wort Gottes ist aus dieser Perspektive betrachtet so perfekt wie ein mathematisches oder physikalisches Naturgesetz, das gegeben und unumstösslich ist wie das  1 + 1 = 2. Mit anderen Worten fängt jedes Denken im Islam unter der Prämisse der Wahrheit koranischer Inhalte an, die wie Naturgesetze gelten. Damit sind die Benachteiligungen der Frauen, die al-Ghazali aufgezählt hat, Naturgesetze, die auch zusammengefasst einen göttlichen und naturgesetzlichen tieferen Sinn haben. Selbstverständlich ist dieser tiefere Sinn auch in Sure 4:34 zu finden.

Da jede Argumentation einer Person, die diesen Prämissen folgt, sich von unserer Denkweise unterscheidet, besteht wenig Hoffnung, dass man sich mit einem solchen Menschen in gesellschaftlicher Hinsicht einigen respektive auf gedanklicher Ebene finden könnte. In unseren europäischen Gesellschaften sind Frauen und Männer gleichberechtigt und die islamischen Vorstellungen stehen diesen Werten diametral entgegen. Unsere Regeln und Vorstellungen in diesem Zusammenhang kommen nicht aus der absoluten Wahrheit eines göttlichen Buches heraus, dessen Inhalte wie Naturgesetze gelten. Vielmehr bestimmen Objektivität und Rationalismus unser Denken und Handeln und zwar in jedem Lebensbereich. Als zivilisierte Menschen, die mit diesen Eigenschaften ausgestattet sind, können wir  – um beim Beispiel zu bleiben – durchaus feststellen, dass zwischen Frauen und Männer gewisse Unterschiede bestehen, die eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen. So müssen Schwangere bei der Erfüllung ihrer Arbeitspflicht besonders geschützt werden. Aus ganz unterschiedlichen, objektiv nachvollziehbaren und gut überlegten Gründen gibt es so etwas wie den Mutterschaftsurlaub. Es gibt objektive Gründe dafür, weshalb die Militärdienstpflicht in den meisten Staaten nur für Männer obligatorisch ist. Beim sportlichen Wettkampf sind Frauen und Männer aufgrund unterschiedlicher körperlicher Stärke getrennt. Überlegungen wie jene im Koran oder die Art und Weise, wie im Islam Schlussfolgerungen gezogen werden, wie dies der angeblich “grosse” islamische Gelehrte al-Ghazali tut, sind uns in jeder Hinsicht fremd. Einerseits, weil sie objektiv betrachtet frauenverachtend sind und krass dem Gleichberechtigungsgedanken widersprechen und andererseits ein Denkmuster beinhalten, das für ein Leben in Europa völlig untauglich ist. Bei diesem Absolutheitsgrad ist nämlich auch staatliches Recht der Wahrheit des Koran untergeordnet und jede andere gesellschaftliche Regel. Vor allem ist diese Prämisse der Wahrheit des Koran hinderlich für das objektive Denken, was in unserer Gesellschaft überlebensnotwendig ist. Wie ich vorhin ausgeführt habe, stellt dieses Denkmuster, das dem Rationalismus und dem objektiven Denken feindlich gesinnt ist, weitaus das grössere Problem im Islam dar als die Geschlechterdiskriminierung. Es ist eines der Hauptgründe, weshalb sich die islamische Welt nicht entwickeln konnte. Ohne eine Emanzipation aus diesem Absolutheitsgedanken des Koran werden sich jedenfalls Muslime niemals weiterentwickeln und sich in Europa auch niemals integrieren können.

Um die eingangs gestellte Frage hier am Schluss zu beantworten: Nein, der Islam hat die Gleichberechtigung der Geschlechter weder erfunden, noch beinhaltet sie ansatzweise irgendwelche Inhalte, die für die Emanzipation der Frau sprechen. Eine muslimische Frau steht nicht einmal im Glauben auf der gleichen Stufe wie ein muslimischer Mann, obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Vor Gott seien Mann und Frau gleich. Das stimmt nicht. So ist die Freitagspredigt nur für die Männer eine Pflicht. Wenn eine Frau ebenfalls den Wunsch hätte, der Predigt zu folgen, gibt es für sie in den meisten Moscheen keinen Platz. Selbst im Jenseits, wo es für die Muslime nach islamischer Vorstellung ja so viel besser werden soll, geht die schreiende Ungerechtigkeit weiter: Wenn ein muslimischer Mann zu einem “Märtyrer” wird, werden ihm gemäss Scharia die berühmten 72 Jungfrauen zugesprochen, die nach jedem Geschlechtsverkehr wieder zu Jungfrauen werden, um gleich nochmals vom gleichen “Märtyrer” entjungfert zu werden. Die Belohnung einer guten Muslimin hingegen ist, dass sie auch im Jenseits bei ihrem Ehemann verbleiben darf (während sich dieser wohl gleichzeitig mit den 72 Jungfrauen vergnügt).

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Gleichberechtigung im Islam?

DITIB, Diyanet & MEB – Konsequenzen eines Paradigmenwechsels

Nur vier Monate nach der Gründung der Türkischen Republik hat das Türkische Parlament am 3. März 1924 auf Anordnung von Mustafa Kemal, der erst später den Nachnamen Atatürk erhalten sollte, drei Gesetze verabschiedet, die man durchaus als Grundlage des neu entstehenden säkularen Staates und als Voraussetzung für die noch kommenden Reformen bezeichnen kann.

Mit dem Gesetz Nr. 429 wurde das türkische Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) oder kurz Diyanet gegründet. Damit wurden sämtliche Imame, die in der Türkei predigen durften, zu weisungsgebundenen Staatsbeamten. Diese hatten von nun an die Aufgabe, einen Islam zu predigen, der dem säkularen Staat nicht in die Quere kam und die moderne Gesellschaftsordnung mit den Reformen Atatürks, die nun folgen sollten, nicht in Frage stellte. Ohne Kontrolle der Imame respektive ohne ihre Weisungsgebundenheit wäre dies unmöglich gewesen. Es ist dabei wichtig zu erwähnen, dass das Diyanet ausschliesslich im Bereich des sunnitischen Islam – also der Mehrheitsreligion – tätig war und immer noch ist. Die alevitische Minderheit blieb vom Diyanet unberücksichtigt, was auf den ersten Blick als ungerecht erscheinen mag. Meines Erachtens ist ihre Nichtintegrierung in den Aufgabenbereich dieses Amtes insofern unproblematisch, weil die Aleviten nicht nach der Scharia leben, was den säkularen Staat in Frage stellen würde und deshalb ein staatlicher Eingriff, wie dies beim sunnitischen Islam erfolgte, unnötig ist. Mit dem Gesetz Nr. 430, das gleich anschliessend verabschiedet wurde, hat das Parlament das gesamte Bildungssystem dem bereits im Jahre 1920 gegründeten Ministerium für Nationale Erziehung (MEB) übertragen und damit die religiösen Schulen, die sog. Madrasas, schliessen lassen. Mit dem Gesetz Nr. 431 schliesslich wurde das Kalifat abgeschafft.

Selbstverständlich hat das Diyanet sich im Laufe der Jahre stark verändert, ist konservativer geworden und man kann die Gründungsjahre kaum mit der Zeit nach 1950 vergleichen. Es blieb aber bis zur Machtergreifung der islamistischen AKP genauso wie das MEB ein Instrument des säkularen Staates. Kurz nachdem die AKP jedoch die Mehrheit im Parlament erobert hatte, fand ein Bruch statt. Das Diyanet bekam schon im März 2003 einen von der AKP designierten Präsidenten. Ab diesem Zeitpunkt wuchsen das Diyanet und vor allem auch dessen Haushalt massiv. Die Behörde hatte im Jahre 2015 mehr als 100’000 Mitarbeiter und einen Jahresetat von mehr als 1 Mia. Euro. So wie das Diyanet einst dem Erhalt des säkularen Staates gedient hatte, fördert es seit der Machtergreifung der AKP die Islamisierung der Türkei und die schleichende Wiedereinführung der Scharia, wobei die Islamisten just die Eigenschaft der Weisungsgebundenheit der Imame, was ursprünglich für die Wahrung des säkularen Charakters der Türkischen Republik gedacht war, für ihre Zwecke ausnutzen. Das Diyanet, das ursprünglich die Scharia unter Schach hielt, ist mittlerweile zu einem Ideologie-, Propaganda- und auch Spionageministerium geworden, wo heute sogar Kriegshetze betrieben und zum Dschihad aufgerufen wird.

Nach dem inszenierten Putsch vom Juli 2016 und den darauf folgenden willkürlichen Entlassungen und Verhaftungen ist auch das MEB vollständig unter islamistischer Kontrolle, was nach der Machtübernahme der AKP noch nicht möglich war, weil der Partei, deren Basis zu Beginn nicht nur aber vornehmlich aus bildungsfernen Gesellschaftsschichten bestand, noch das entsprechende Personal fehlte. Dennoch war die AKP von Anfang an bestrebt, die Bildung zu islamisieren, weshalb sie jahrelang Anhänger der Gülen Sekte, die wesentlich gebildeter waren als die Parteibasis der AKP, in dieses Ministerium einschleuste.

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(Lehrerinnen und Lehrer einer Imam- und Vorbeterschule von Diyanet in den Sechzigerjahren in der Stadt Balikesir, als die Ideologie der Muslimbruderschaft von dieser Institution sehr weit weg war)

Ich denke nicht, dass der Leser die volle Tragweite des bisher Beschriebenen erfassen kann. Deshalb möchte ich auf die nachfolgende Tatsache hinweisen:

Hätte es die wertvolle Arbeit des MEB und des Diyanet nicht gegeben, wäre ich eine ganz andere Person, wobei man sich sogar fragen kann, ob es mich überhaupt gegeben hätte. Meine Eltern hätten sich wohl nie kennengelernt, sie hätten nie studiert (schon gar nicht meine Mutter), sie hätten keine säkulare Erziehung genossen und sie wären in der Zeit, in der sie noch in der Türkei lebten, der Scharia ausgesetzt gewesen. Mit anderen Worten hätten sie mir nie nahegelegt, mich zu bilden und mich mit interessanten Dingen zu beschäftigen. Das heisst natürlich auch, dass der Leser den vorliegenden Text nicht lesen würde, hätte es die wichtige Arbeit des MEB und des Diyanet nicht gegeben. Was ich soeben über mich selbst gesagt habe, gilt selbstverständlich auch für eine sehr grosse Zahl meiner Landsleute. Die säkular orientierten Menschen aus der Türkei verdanken wesentliche Aspekte ihrer Persönlichkeit und ihrer menschlichen Entwicklung der hochgeschätzten Arbeit dieser beiden Staatsbehörden, auch wenn sie nicht perfekt war.

Nutzniesser dieser Arbeit waren damit insbesondere auch europäische Staaten, in welche viele türkische Staatsangehörige ab den Fünfzigerjahren einwanderten. Zu Beginn waren nahezu alle Einwanderer geprägt vom Säkularismus, der durch diese beiden Behörden gewährleistet wurde, was sich in Europa aber mit der Zeit ändern sollte, weil da der Scharia im Gegensatz zur Türkei keinerlei Schranken auferlegt wurden. Diese Schrankenlosigkeit – insbesondere in Deutschland – führte dazu, dass sich in Europa eine Gegenbewegung formieren konnte. Das Ergebnis davon ist die AKP und Erdoğan. Bevor die AKP aber an die Macht kam, haben das MEB und das Diyanet die säkulare Erziehung und damit auch den säkularen Charakter des Staates gewährleistet.

Bis zur Machtergreifung der AKP ist auch die Arbeit der im Jahre 1984 gegründeter DİTİB (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği), der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, im soeben beschriebenen Sinne zu verstehen. Sicherlich war das Diyanet und damit auch die DİTİB im Jahre 1984 längst nicht mehr so säkular orientiert, wie das Amt zu Lebzeiten von Atatürk noch war. Dennoch waren das Diyanet und damit auch die DİTİB gewissermassen Garanten für einen moderaten türkischen Islam, von dem auch europäische Länder profitierten. Es ist von entscheidender Bedeutung für die Menschen in Europa zu erkennen, was der Paradigmenwechsel, der in der Türkei stattfindet, für sie bedeutet. Die Tatsache, dass die Türkei gegenwärtig kurz davor steht, die bereits existierende totalitäre Diktatur eines Islamisten zu vollenden, der ideologisch der Muslimbruderschaft nahesteht, sollte einem zu denken geben. Damit werden sowohl das MEB, das in Europa ebenfalls aktiv ist, als auch die DİTİB zu Instrumenten einer totalitären islamistischen Diktatur, deren Aufgabe daraus besteht, diese abgeänderte Staatsideologie auch den türkischen Staatsangehörigen im Ausland zu vermitteln, insbesondere natürlich den Kindern. Wie wenn das nicht reichen würde, werden solche im Ausland aktive Behörden zudem als Vollstreckungsgehilfen des totalitären islamistischen Staates fungieren, wenn sie es nicht schon längst tun. Ich verweise lediglich auf die Spionageaktivitäten der DİTİB-Imame in Deutschland. Wie wenn das nicht reichen würde, dienen die Moscheen dieser Institution mittlerweile auch als Brutstätten des Dschihad.

Regieren bedeutet Voraussehen und Planen. Das, was versäumt wurde, kann man wohl nicht mehr rückgängig machen. Nachdem das Verfassungsreferendum vom April 2017 eine Präsidialdiktatur in der Türkei eingeführt hat, müssen in Europa Konsequenzen folgen, was den künftigen Umgang mit diesen Institutionen anbelangt. Insbesondere muss die islamistische Indoktrinierung durch diese Institutionen, die einen Staat im Staat darstellen, aufhören. Die Zeit ist reif für gesetzliche Grundlagen für ein DITIB-Verbot und für die definitive Schliessung der türkischen Bildungseinrichtungen, die vom MEB kontrolliert werden. Gemäss neuen Medienberichten soll das Bundesland Berlin Türkisch als Zweitsprache an Grundschulen einzuführen, was zwar zu begrüssen ist. Ohne ein staatliches Verbot von DITIB und MEB, Schliessung ihrer Moscheen, Schulen und Vereinslokale, Ausweisung ihrer Funktionäre und Konfiszierung ihres Vermögens wird die islamistisch-nationalistische Indoktrinierung in Deutschland weitergehen.

 

DITIB, Diyanet & MEB – Konsequenzen eines Paradigmenwechsels

Die Venedig Kriterien der Venedig Kommission des Europarates – Völkerrechtliche Grundlagen aus Europa für die Errichtung einer neo-osmanischen Diktatur mit Kalifat unter Erdoğan

Im Jahr 1997 wurde die Regierung des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan und seiner islamistischen Wohlfahrtspartei (Refah Partisi) im Rahmen eines unblutigen „postmodernen Staatsstreichs“ abgesetzt. Der entsprechende Interventionsprozess war durch ein während eines Treffens des Nationalen Sicherheitsrats der Türkei am 28. Februar 1997 beschlossenes Memorandum des Generalstabs eingeleitet worden, das eine Reihe von gegen die islamistische Bewegung Erbakans gerichtete Massnahmen beinhaltete. Infolge dieses Konflikts mit dem Militär und des steigenden Drucks sahen sich Ministerpräsident Erbakan und seine Regierung vier Monate später zum Rücktritt gezwungen.

Währenddessen hatte auch der Generalstaatsanwalt ein Schliessungsverfahren gegen die Wohlfahrtspartei eröffnet, mit der Begründung, die Wohlfahrtspartei sei zum Brennpunkt anti-laizistischer Aktivitäten geworden. Das türkische Verfassungsgericht fällte am 16. Januar 1998 das Urteil zur Schliessung der Wohlfahrtspartei. Am 28. Februar 1998 wurde die Partei dann endgültig geschlossen. Das Urteil des türkischen Verfassungsgerichts führte zu einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der hinsichtlich des Schliessungsurteils allerdings keine Menschenrechtsverletzungen feststellte. Der EGMR führte in seinem am 13. Februar 2003 gefällten Urteil folgendes aus:

„Die Einführung verschiedener Rechtssysteme kann nicht als vereinbar mit der EMRK betrachtet werden. Ein System verschiedener Rechtsnormen für die Angehörigen verschiedener Religionen würde die Rolle des Staates als Garant individueller Rechte und Freiheiten und unparteiischer Organisator der Ausübung der unterschiedlichen Religionen in einer demokratischen Gesellschaft abschaffen, indem Individuen verpflichtet würden, nicht länger den vom Staat in seiner oben beschriebenen Rolle aufgestellten Regeln, sondern statischen Regeln der jeweiligen Religion zu folgen. Überdies würde es dem Diskriminierungsverbot des Art. 14 EMRK widersprechen. Die Scharia ist unvereinbar mit den grundlegenden Prinzipien der Demokratie, die in der Konvention festgeschrieben sind. Die Feststellung der Unvereinbarkeit der von der Wohlfahrtspartei angestrebten Einführung der Scharia mit der Demokratie durch den Verfassungsgerichtshof war daher gerechtfertigt. Dasselbe gilt für die angestrebte Anwendung einiger privatrechtlicher Vorschriften des islamischen Rechts auf die muslimische Bevölkerung der Türkei. Die Freiheit der Religionsausübung ist in erster Linie eine Angelegenheit des Gewissens jedes Einzelnen. Die Sphäre des individuellen Gewissens ist grundverschieden von der des Privatrechts, welche die Organisation und das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes betrifft.

In Anbetracht der Unvereinbarkeit der Ziele der Wohlfahrtspartei mit den Grundsätzen der Demokratie und der Tatsache, dass sie auch die Anwendung von Gewalt zum Erreichen dieser Ziele nicht ausgeschlossen hat, entsprach die Auflösung der Wohlfahrtspartei und der vorübergehende Entzug bestimmter politischer Rechte der übrigen Beschwerdeführer einem dringenden gesellschaftlichen Bedürfnis und war verhältnismäßig zum verfolgten Ziel. Der Eingriff war daher notwendig in einer demokratischen Gesellschaft iSv. Art. 11 (2) EMRK. Keine Verletzung von Art. 11 EMRK (einstimmig, im Ergebnis übereinstimmende Sondervoten von Richter Kovler sowie von Richter Ress, gefolgt von Richter Rozakis).“

Angesichts dieses klaren und einstimmigen Votums des EGMR war es also für das türkische Verfassungsgericht nicht nur rechtlich zulässig, eine islamistische Partei wie die Wohlfahrtspartei zu verbieten. Vielmehr war diese Handlung unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der von der EMRK garantierten Grundfreiheiten und des Schutzes der Demokratie sogar notwendig. Damit hatte das höchste für Grundrechte zuständige Gericht Europas klare Grenzen für politische Parteien und Bewegungen gesetzt. Einerseits wurde klargestellt, dass die Scharia mit der Demokratie unvereinbar war. Andererseits war auch ein Systemwechsel zu diesem Schariasystem unter Anwendung von Gewalt verboten.

Die hier gesetzten Grenzen galten hier konkret gegenüber einer politischen Bewegung, die insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland stark geworden war, zumal sich hinter der Wohlfahrtspartei nichts anderes verbarg als die Milli Görüş, also die von Necmettin Erbakan anfangs der Siebzigerjahre in Deutschland gegründete Vereinigung, deren Ideologie erklärtermassen derjenigen der Muslimbruderschaft entspricht, wobei Milli Görüş zusätzlich auch einen nationalistischen Touch hat. Wenn man der Ansicht des EGMR folgt, was ich tue, hatte damit die Bundesrepublik eine Organisation auf ihrem Territorium geduldet (und tut dies weiterhin), deren Ziel es ist, die von der EMRK garantierten Grundfreiheiten und die Demokratie zu beseitigen, um einen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu schaffen, wozu natürlich auch die Wiederrichtung des Kalifats gehört, welches von Atatürk im Jahr 1924 abgeschafft worden war. Wie die meisten wissen, steht diese Organisation seit Jahren unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, wobei sich die Intervention des deutschen Staates auf dieses blosse Beobachten beschränkt. Mit anderen Worten können die Schariabrüder weiterhin wirken und werken, wie sie es schon immer taten. Sie werden lediglich beobachtet! Ein Verbot einer solchen verfassungsfeindlichen islamofaschistischen Organisation würde nämlich nach deutscher Ansicht „Grundrechte“ verletzen. In letzter Zeit sind sogar Bestrebungen im Gange, dass diese Organisation, die der Muslimbruderschaft zugerechnet wird, nicht einmal mehr beobachtet wird.

Nachdem die Türkei 1997 vorerst vor den Islamisten gerettet worden war und dabei grundrechtlich alles korrekt ablief, was wie oben dargelegt, vom EGMR einstimmig gebilligt worden war, vollzogen die türkischen Islamisten einen Strategiewechsel, um doch an ihre Ziele zu gelangen. Im Jahr 1999 hat der damalige Verbündete von Erdoğan, Fethullah Gülen, diese neue Strategie wie folgt zum Ausdruck gebracht. Dabei ist anzumerken, dass diese Äusserungen, die  mit versteckter Kamera mitgeschnitten wurden, der Grund seines Exils in den Vereinigten Staaten ist:

“Man muss die Stellen im Justiz- und Innenministerium, die man in seine Hand bekommen hat, erweitern. Diese Einheiten sind unsere Garantie für die Zukunft. Die Gemeindemitglieder sollten sich jedoch nicht mit Ämtern wie zum Beispiel denen der Richter oder Landräte begnügen, sondern versuchen, die oberen Organe des Staates zu erreichen. Ohne Euch bemerkbar zu machen, müsst Ihr immer weiter vorangehen und die entscheidenden Stellen des Systems entdecken. Ihr dürft in einem gewissen Grad mit den politischen Machthabern und mit denjenigen Menschen, die hundertprozentig gegen uns sind, nicht in einen offenen Dialog eintreten, aber ihr dürft sie auch nicht bekämpfen. Wenn sich unsere Freunde zu früh zu erkennen geben, wird die Welt ihre Köpfe zerquetschen, und die Muslime werden dann Ähnliches wie in Algerien erleben. Die Welt hat große Angst vor der islamischen Entwicklung. Diejenigen von uns, die sich in diesem Dienst befinden, müssen sich so wie ein Diplomat verhalten, als ob sie die ganze Welt regieren würden, und zwar so lange, bis Ihr diese Macht erreicht habt, die Ihr dann auch in der Lage seid, mit eigenen Kräften auszufüllen, bis Ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen an Euch gerissen habt.”

Mit anderen Worten sollte die Islamisierung des türkischen Staates schleichend, möglichst unbemerkt und langsam erfolgen. Damit wurde auch die Befürchtung vor der Gewalt, die für die Erreichung der politischen Ziele gemäss EGMR wie oben dargelegt nicht angewendet werden durfte, mindestens vorübergehend ausgeschlossen. Die Aussage Gülens stand freilich immer noch im Widerspruch zu den in der EMRK verankerten Grundfreiheiten, weil das Ziel der Islamisten immer noch gleich war: Die Errichtung eines Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia mit dem dazugehörenden Kalifat. Wenig später nach diesen Äusserungen Gülens, im Jahr 2001, wurde schliesslich die AKP gegründet, die bei den Wahlen vom 2002 34,26% der Stimmen holen und Erdoğan den Weg zur Macht ebnen sollte. Zuvor war er mit einem lebenslangem Verbot belegt worden, ins Parlament gewählt zu werden, nachdem er das folgende Gedicht rezitiert hatte, dessen Inhalt sich in jeder Hinsicht bewahrheitet hat.

“Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.
Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.”

Nachdem die Verbotshürde, welche Erdoğan verhinderte, im Jahr 2003 durch Verfassungsänderung beseitigt worden war, konnte er ungehindert sein Amt als Ministerpräsident übernehmen und die Türkei islamisieren, wobei er genau so vorging, wie Gülen dies empfohlen hatte. Unterstützung bekam er dabei insbesondere aus Europa, namentlich von der rot-grünen Regierung unter Schröder (SPD) und seinem Aussenminister Fischer (Grüne). Bundeskanzler Schröder war so begeistert von seinem Freund Erdoğan, dass er ihn im Jahr 2004 mit dem Preis „Europäer des Jahres“ auszeichnete, um damit den Wunsch nach der Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei zu unterstreichen. Insbesondere die rot-grüne Regierung der Bundesrepublik sollte damals der Erdoğan-Regierung eine hohe Legitimation verschaffen. Jedenfalls hatte die von Rot-Grün regierte Bundesrepublik mindestens damals kein Interesse mehr an einer säkular orientierten Türkischen Republik und konnte sich sogar eine Türkei, die von einem Islamisten regiert wurde, in der EU vorstellen.

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(Erdoğan bei der Auszeichnung zum Europäer des Jahres durch Schröder)

Vom 17. März 2008 (Klageerhebung) bis zum 30. Juli 2008 (Urteil) lief vor dem Türkischen Verfassungsgericht ein Prozess, in welchem versucht wurde, die illegale Machtübernahme durch den Islamofaschisten Erdoğan wieder rückgängig zu machen und um die AKP aus gleichen Gründen wie jene bei der Wohlfahrtspartei zu schliessen. Dies war zugleich die letzte Chance, Erdogan auf eine zivilisierte Art und Weise zu entmachten, weil er eine Abwahl niemals hinnehmen würde. Die Mehrheit der Verfassungsrichter folgte der Klage und stimmte für das Verbot der AKP. Die notwendige 2/3-Mehrheit wurde aber wegen einer einzigen Stimme verfehlt, weswegen die AKP nicht verboten wurde. Ausschlaggebend war insbesondere auch die Stimme des damaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts, Haşim Kılıç, für dessen Urteil insbesondere die sogenannten Venedig Kriterien („Richtlinien über das Verbot und Auflösung von politischen Parteien und analoge Vorgehensweisen“ der Venedig Kommission des Europarates“) ausschlaggebend waren. Die entscheidende Stelle in den Venedig Richtlinien von 2000, welche die säkulare Natur des türkischen Staates begraben sollte, die aber vom späteren Entscheid des EGMR im Zusammenhang mit der Wohlfahrtspartei abweicht, lautet wie folgt (S. 4, Ziff. 3):

“Ein Verbot oder eine zwangsweise Auflösung von politischen Parteien kann nur dann gerechtfertigt werden, wenn Parteien die Anwendung von Gewalt befürworten, oder Gewalt als Mittel dazu gebrauchen, um die demokratisch verfassungsmässige Ordnung umzustürzen und dabei die Rechte und die Freiheiten, die von der Verfassung garantiert werden, zu unterminieren. Die Tatsache allein, dass eine Partei eine friedliche Verfassungsänderung anstrebt, darf für ein Parteiverbot oder –auflösung nicht genügen.”

Unter dem Gesichtspunkt dieses Kriteriums allein war damit ein Systemwechsel möglich, wobei hinsichtlich der Natur dieses Systems keinerlei Grenzen gesetzt wurden. Damit konnte nämlich, solange es friedlich verlief und niemand zu Gewalt aufrief, der laizistische Charakter eines Staates ausgehebelt und ein islamischer Staat errichtet werden. Im Ergebnis kann unter Anwendung dieses Kriteriums natürlich auch ein „Präsidialsystem“ eingeführt werden, wie dasjenige von Erdoğan, das kein Präsidialsystem ist sondern eine Präsidialdiktatur. Ob dabei die Machtübernahme durch eine Partei erfolgt, die klar der Muslimbruderschaft zuzuordnen ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle und ist dabei auch kein Kriterium. Einzig die Anwendung von Gewalt oder die Befürwortung der Gewalt ist entscheidend.

Beseelt von diesen Venedig-Kriterien und ohne jeden Vorbehalt gegenüber der Scharia reagierten damals die EU, europäische Staaten und die Medien sehr erleichtert über den Verfahrensausgang und freuten sich darüber, dass Erdoğan weiterhin im Amt bleiben konnte. Wenn man die damaligen Berichterstattungen schaut oder liest, erwarteten sog. „Beobachter“ eine „gemässigte Entwicklung“. Es waren übrigens die gleichen Leute, die Erdoğan während vielen Jahren als einen „gemässigten Islamisten“ bezeichnet hatten. Man sprach damals davon, dass in der Türkei eine Staatskrise abgewendet worden sei. Ich kann mich noch sehr genau an meine Fassungslosigkeit von damals erinnern, als sich die Mehrheit der europäischen Öffentlichkeit über den Machterhalt Erdoğans freute.

Die Venedig Kommission des Europarates hat mit ihren Richtlinien, die keinerlei Einschränkungen gegenüber der Scharia beinhalten, der Türkischen Republik geschadet, so wie es aussieht, diese sogar vernichtet. Die Richtlinien dieser Einrichtung, die eigentlich der Demokratie dienen sollte, waren aus meiner Sicht die völkerrechtliche Grundlage für die Errichtung der neo-osmanischen Ein-Mann-Diktatur mit dem dazugehörenden Kalifat. Sie waren nämlich ausschlaggebend im Parteischliessungsverfahren vom 2008. Die von Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1923 gegründete säkulare Republik steht heute aufgrund der Beachtung der Venedig Kriterien auf einem Trümmerhaufen. Der türkische Rechtsstaat, der nie perfekt war, ist vollständig beseitigt worden. Ebenso wurden die parlamentarische Demokratie und die Gewaltenteilung abgeschafft. Die Grundrechte und die Grundfreiheiten, die auch von der EMRK garantiert werden, werden in der Türkei gegenwärtig am Laufmeter verletzt. Die Scharia, der totalitäre Staat und die Ein-Mann-Diktatur sind bereits Realität. Beamte, Richter, Professoren und viele andere völlig unbescholtene Bürger werden fristlos vom Staatsdienst verlassen und/oder eingesperrt. Dieser ganze Regime-Wechsel findet im Übrigen nicht einmal mit einer demokratischen Legitimation statt. Vielmehr setzt der Diktator Erdoğan, der für sein beabsichtigtes Präsidialsystem das III. Reich als Beispiel genannt hat, seinen Willen um, nachdem er und seine Bande bei der Abstimmung für die Verfassungsrevision betrogen aber dennoch klar verloren haben. Der Wahlbetrug ist offensichtlich, womit der Despot keinerlei Legitimation für sich beanspruchen kann.

Man könnte meinen, dass mindestens im jetzigen Zeitpunkt Europa, damit ist zumindest die EU und der Europarat gemeint, endlich erkennen müsste, wie nachhaltig sie der Türkei geschadet hat, indem sie diesen Mann unterstützte und förderte. Auch könnte man erwarten, dass das Beispiel der Türkei, bei der die Venedig Kriterien zur Anwendung gelangten, völlig untauglich waren, um einen Staat vor der Errichtung eines totalitären Systems zu bewahren. Leider ist dem überhaupt nicht so. Ganz im Gegenteil! Federica Mogherini, die sofort vorpreschte, um  das Referendumsergebnis anzuerkennen, gab bekannt, dass die EU das Ergebnis des Verfassungsreferendums respektiere. Der  Beitrittsprozess der Türkei soll nämlich ungeachtet der bedenklichen Ereignisse, die sich in der Türkei abspielen, weitergehen. Beim geplanten Staatsumbau soll die Türkei – so Mogherini – lediglich die Vorgaben der Venedig Kommission beachten, jener Institution also, welche die Türkische Republik mit ihren “Venedig Kriterien” vernichtet hat. Diesem Wunsch wird Erdoğan kaum nachkommen, nachdem er sein Ziel bereits erreicht hat.

Die Venedig Kriterien der Venedig Kommission des Europarates – Völkerrechtliche Grundlagen aus Europa für die Errichtung einer neo-osmanischen Diktatur mit Kalifat unter Erdoğan

Wie freiwillig ist das freiwillige Tragen des islamischen Kopftuchs?

Nachdem ich mich bereits einmal sehr ausführlich zum islamischen Kopftuch geäussert habe, möchte ich meinen ersten Blog-Artikel in diesem Jahr einem besonderen Aspekt dieses Themas widmen. Es soll im Nachfolgenden um die Frage nach der Freiwilligkeit des Tragens des islamischen Kopftuchs und anderer Verhüllungsformen des orthodoxen Islams gehen. Diese angebliche Freiwilligkeit ist bei Diskussionen unter Europäern sehr oft das schlagende Argument schlechthin, das sich jeweils ungefähr so anhört: «Ja, wissen Sie… Ich bin zwar auch kein Fan vom islamischen Kopftuch, aber solange eine Frau das freiwillig macht, darf und soll man sie nicht davon abhalten wollen!» Selbstverständlich könnte dem entgegengehalten werden, dass das politische Statement des islamischen Kopftuchs und die damit zum Ausdruck kommende Sexualmoral mit Geschlechterapartheid ohnehin völlig inakzeptabel sei und die Freiwilligkeit daher nicht wirklich eine Rolle spiele. Ich möchte es aber bei diesem einen Gegenargument nicht belassen, weil die meisten regressiven Linken dem entgegenhalten würden, dass diese Sexualmoral zulässig sein muss, solange sie auf freiwilliger Basis erfolge. Deshalb möchte ich genau auf diesen Punkt eingehen, namentlich auf die Freiwilligkeit selbst. Was bedeutet eigentlich «freiwillig»? Ist das Tragen des islamischen Kopftuches denn wirklich freiwillig?

Meines Erachtens können wir die angebliche Freiwilligkeit des Hijab-Tragens daran messen, wenn wir betrachten, was geschieht, wenn eine Frau oder eine Vielzahl von Frauen den Hijab nicht mehr tragen wollen. Wie wir wissen, ist dies in vielen Staaten dieser Erde überhaupt keine Option, womit wir es mindestens in diesen Fällen wohl unstrittig nicht mit Freiwilligkeit zu tun haben. Dann gibt es muslimisch geprägte Staaten, wo eine gesetztliche Pflicht zur Verschleierung zwar nicht besteht, aber der gesellschaftliche Druck so gross ist, dass etwas anderes nicht zur Debatte steht wie beispielsweise Ägypten. Und dann kennen wir den Umgang mit Frauen in Europa, die den Hijab ablegen. Regelmässig werden solche Frauen bedroht und beschimpft. Meines Erachtens kann daher kaum bestritten werden, dass solche Dinge enorm einschüchternd wirken, so dass eine Frau auf einen solchen Schritt lieber verzichtet und es erst gar nicht wagt, das islamische Kopftuch oder den Niqab abzulegen.

Tatsache ist, dass die islamische Orthodoxie kein Ding der Freiwilligkeit ist und meines Erachtens sollten wir beim Gebrauch des Freiwilligkeitsbegriffs ohnehin etwas sorgsamer sein. Immerhin ist in diesem Wort der sogenannte «freie Wille» versteckt, mit anderen Worten die Fähigkeit und die Freiheit, in Eigenverantwortung Entscheidungen treffen zu können und die Konsequenzen dieser Entscheidungen zu tragen. Um freien Willen zu haben, braucht es einerseits eine gewisse Reife (Urteils- und Handlungsfähigkeit) und vor allem darf es keinerlei Zwang geben. Ansonsten ist etwas nicht wirklich freiwillig.

Wenn eine Frau, die das Kopftuch ablegt, im besten Fall von Eltern, Verwandten und Freundeskreis gemobbt und gemieden  und im schlimmsten Fall verletzt oder sogar umgebracht wird, kann nicht wirklich von Freiwilligkeit die Rede sein. Und das ist genau der wichtige Unterschied, wenn wir von freiwilligen Entscheidungen im Bereiche der Religion sprechen. Ein gewöhnlicher Westeuropäer mit christlichen Wurzeln kann in aller Regel problemlos zu einer anderen christlichen Denomination oder zu einer anderen Religion wechseln und selbstverständlich auch ganz auf Religion verzichten, ohne dass dies gesellschaftliche, familiäre oder gar lebensbedrohliche Konsequenzen für ihn hätte. Eine Scharia-Muslimin hingegen, die das islamische Kopftuch angeblich freiwillig trägt, kann dieses nicht einfach so von einem Tag auf den anderen ablegen. Wer glaubt, dass dies mindestens in Europa  möglich sei, lebt vermutlich in einem anderen Jahrzehnt.

Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte und deshalb möchte ich den Lesern meines Blogs abschliessend einige Fotos zeigen, die ich neulich auf einer türkischen Webseite gefunden habe. Die Fotos zeigen eine Hijab-Party («Kapanma partisi») an einer Grundschule in der Türkei, bei der die Kinder sich verschleiern und diesen Anlass feiern. Wörtlich bedeutet «kapanmak» (Verb) übrigens passenderweise «sich verschliessen» und somit würde die wörtliche Übersetzung dieses Anlasses «Die Party des Sich-Verschliessens» lauten. Wenn das kein Grund zum Feiern ist!

In diesem Kontext bedeuten die nachfolgenden Fotos, dass sich die Kinder hier zum ersten Mal aber auch für die Zukunft verschleiern, d.h. von nun an «Tesettür» tragen werden, also ein Kopftuch und in der Regel ein Mantel oder etwas in dieser Art, sprich einen Hijab.

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Auf den Tafeln steht: «Gott sei Dank habe ich mich verschleiert»; «Ich habe es getan, weil es Gottes Befehl ist»; «Glück ist ein gutes Geschäft»; eine andere Variante von «Gott sei Dank habe ich mich verschleiert»; «Los, verschleiere dich auch»; «Ich habe mich verschleiert, ich bin glücklich»; «Hoffentlich (inschallah) wird euch dies ebenfalls zuteil werden»; «Auch ich habe mich nun verschleiert»

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Auf dem «Bilderrahmen» steht «Wir sind glücklich mit Tesettür»

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Auch wenn diese Bilder vermutlich zunächst schockierend wirken, kann ich meinen Lesern versichern, dass die Hirnwäsche, die auf diesen drei Bildern dokumentiert wird, noch eine harmlose ja sogar eine liebevolle Variante der Kinderverschleierung darstellt. In aller Regel findet für so etwas keine Party statt. Vielmehr kommt die Mutter im Auftrag des Vaters eines schönen Tages zur Tochter und gibt den Befehl durch, dass sie sich von nun an verschleiern müsse. So sieht die «Freiwilligkeit» des Kopftuchs in den meisten Fällen faktisch aus.

Natürlich bedeutet das noch lange nicht, dass sich alle Musliminnen, die sich an diesem einen Tag in ihrem Leben verschleierten und seither verschleiert geblieben sind, unterdrückt fühlen. Der Hijab ist für viele dieser Frauen seit jenem schicksalshaften Tag ein Teil ihres Lebens, den sie oft auch akzeptiert haben und der seither irgendwie zu ihnen gehört. Doch das bedeutet wiederum nicht, dass wir es vorliegend mit «Freiwilligkeit» zu tun haben, weil sofern etwas wirklich freiwillig sein soll, eine echte Option bestehen muss, genau das Gegenteil zu tun, namentlich das Kopftuch abzulegen, was die wenigsten Frauen, die das islamische Kopftuch tragen, tun können.

Wie freiwillig ist das freiwillige Tragen des islamischen Kopftuchs?

Der “Zungenöffner”

Vor ungefähr einer Woche ereigneten sich unfassbare Szenen in der türkischen Hauptstadt Ankara. Die Mutter der Co-Vizepräsidentin der HDPAysel Tuğluk, die seit dem 26. Dezember 2016 in Haft sitzt, sollte zu Grabe getragen werden. Die Verstorbene, Hatun Tuğluk, eine alevitische Kurdin, war 78 Jahre alt geworden.

Eine Horde von Barbaren griff den Trauerzug an, ohne dass die Sicherheitskräfte, die zugegen waren, eingriffen und verhinderte die Beerdigung der verstorbenen Frau im für sie vorgesehenen Grab. Die Trauernden wurden dabei mit Steinen und mit Schlagstöcken angegriffen. Die Barbaren skandierten überaus hässliche und rassistische Parolen und drohten sogar damit, die Leiche aus dem Grab zu entfernen und diese in Stücke zu reissen, weshalb die Verstorbene anderswo begraben werden musste. Sie schrieen auf Türkisch:

“Burası Kürt mezarlığı değil, Alevi mezarlığı değil!

Buraya Kürdü, Aleviyi, Ermeniyi gömdürtmeyiz!

Burada şehit cenazesi var, buraya terörist cenazesi gömdürmeyiz!

Gömerseniz de çıkartır parçalarız!”

Übersetzung:

“Das hier ist kein kurdischer Friedhof, kein alevitischer Friedhof!

Wir lassen es nicht zu, dass hier ein Kurde, ein Alevite, ein Armenier begraben wird!

Hier liegen Märtyrer begraben, wir lassen es nicht zu, dass hier Terroristen begraben werden!

Und wenn ihr (die Leiche) dennoch begraben solltet, werden wir (sie) herausnehmen und in Stücke reissen!”

In meinem heutigen Blog-Artikel möchte ich nicht auf den unerträglichen Rassismus der Barbaren und ihren fehlenden Respekt gegenüber einer Toten und ihren Angehörigen eingehen. Auch soll er nicht von den Armeniern handeln, deren Zahl in der heutigen Türkei nur noch 60’000 beträgt, die hier verunglimpft wurden, indem ihre ethnische Bezeichnung als Fluchwort verwendet wurde, obwohl bei diesem Begräbnis weit und breit keine Armenier zu sehen waren. Vielmehr soll er von jenem Mann handeln, der diesen Barbaren die türkische Sprache gegeben hat, mit der sie die Armenier rassistisch herabsetzten. Die Rede ist von einem gewissen Herrn Dilaçar, dem Vater des modernen Türkisch.

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(Dilaçar im Jahr 1936)

Den Namen Dilaçar hatte der Vater des modernen Türkisch vom Staatsgründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, erhalten. Der Name setzt sich zusammen aus den türkischen Begriffen “dil”, was so viel bedeutet wie “Zunge” oder “Sprache” und “açar”, was übersetzt so viel heisst wie “derjenige, der öffnet” respektive “Öffner”. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name folglich, “derjenige, der die Sprache öffnet” oder “derjenige, der die Sprache befreit” oder eben “Der Zungenöffner”. Der ursprüngliche Name dieses Herrn lautet allerdings Agop Martayan und wie es sich vermuten lässt, handelte es sich dabei um einen Armenier.

Agop Martayan, der später den Namen Dilaçar erhalten sollte, wurde im Jahr 1895 in Istanbul geboren. Im Jahr 1915 schloss er sein Studium an der Istanbuler Eliteschule Robert College ab und diente anschliessend während des Ersten Weltkrieges in der ottomanischen Armee als Reserveoffizier. Während seines Militärdienstes in Damaskus im Jahr 1917 wurde ein gewisser Mustafa Kemal Pascha, der später die Türkische Republik gründen sollte, auf den intelligenten jungen Mann aufmerksam und nahm ihn in seinen Stab auf. Nach dem Ersten Weltkrieg verloren sich die beiden vorerst aus den Augen. Agop Martayan unterrichtete zunächst an seiner Alma Mater Robert College Englisch (1919), bevor er in Beirut eine Direktorenstelle an einer armenischen Schule übernahm. Der Linguist, der nebst Armenisch und Türkisch auch Englisch, Griechisch, Spanisch, Latein, Deutsch, Russisch und Bulgarisch sprach, hatte dort gleichzeitig auch den Posten des Chefredaktors einer armenischen Zeitung inne. Darüber hinaus publizierte er immer wieder vielbeachtete wissenschaftliche Arbeiten.

Im Jahr 1932, neun Jahre nach der Gründung der Republik, wurde Mustafa Kemal erneut auf den brillanten Linguisten aufmerksam, der in einer Zeitschrift eine wissenschaftliche Arbeit publiziert hatte, die er gelesen hatte. Gemeinsam mit zwei weiteren armenischen Linguisten, İstepan Gurdikyan und Kevork Şimşyikyan, wurde er als Experte zum Dolmabahçe Serail in Istanbul, wo am 22. September 1932 die erste Türkische Sprachkonferenz stattfand, eingeladen.

Das Ziel dieser Konferenz war die Schöpfung einer neuen türkischen Sprache, weil das ottomanische Türkisch in linguistischer Hinsicht eine ungenügende Sprache war, die auch nicht von allen Bürgern gesprochen wurde. Ottomanisch war auch die Sprache des Ancien Regimes, von dem man sich distanzieren wollte. Es mag den einen oder anderen Leser überraschen, dass Atatürk die Aufgabe für die Schöpfung der neutürkischen Sprache, die heute noch in der Türkei gesprochen wird, Armeniern übertragen hatte. Der Grund dafür ist, dass die wenigsten Menschen des untergegangenen Ottomanischen Reiches des Lesens und des Schreibens mächtig waren. Ausser Offizieren, Staatsbeamten, Kindern der ottomanischen Elite sowie den christlichen und jüdischen Minderheiten konnten die wenigsten Menschen lesen und schreiben. Und noch weniger Menschen waren derart hochgebildet wie Agop Martayan.

Ab diesem Zeitpunkt wurde er jedenfalls zum ständigen Begleiter Mustafa Kemals bis zu dessen Tod und vor allem wurde er zum Präsidenten des staatlichen Instituts für die Türkische Sprache (Türk Dil Kurumu) ernannt. Die Aufgabe dieser wichtigen Institution entspricht derjenigen des Dudens im deutschen Sprachraum. Ab 1934 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 war Agop Martayan Dilaçar dessen Präsident und Hauptexperte und hat in dieser Funktion unzählige Arbeiten verfasst und publiziert, die heute noch massgeblich sind.

Wie oben erwähnt, bekam Agop Martayan seinen neuen Nachnamen “Dilaçar” von Mustafa Kemal Pascha höchstpersönlich. Das ist jedoch noch nicht alles. Agop Martayan Dilaçar selbst dürfte der Schöpfer des Namens “Atatürk” sein! “Atatürk” wird häufig mit “Vater der Türken” übersetzt, was die Bedeutung dieses Namens nur ungenau wiedergibt. “Ata” bedeutet “Urvater” respektive “Ahne”. “Vater der Türken” würde mit “Türklerin babası” übersetzt werden. Atatürk bedeutet damit “Urvatertürk”, wobei der Genitiv auch im Türkischen fehlt. Mit anderen Worten haben wir es vorliegend mit einem Kunstwort zu tun. Die Wortschöpfung “Atatürk” ist dabei sprachlich so brillant, dass ich es mir nicht vorstellen kann, dass kein Linguist dahintersteckt und wer könnte dieser Linguist wohl gewesen sein wenn nicht Agop Martayan? Die Information, wonach Agop Martayan Dilaçar der Schöpfer des Namens “Atatürk” gewesen sei, ist zwar nicht zu 100% gesichert. Ich persönlich habe diesbezüglich aus vorgenannten Gründen keine Zweifel.

Wenn heute auf den Strassen der türkischen Hauptstadt Ankara Barbaren rassistische Parolen brüllen und dabei Armenier verfluchen, sollten sie wissen, dass der Mann, der ihnen ihre Sprache gab – sprich ihnen die Zungen öffnete – ein Armenier war. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, wenn sie so etwas wie Schamgefühle überhaupt haben, was ich stark bezweifle!

Ich jedenfalls bin Agop Martayan Dilaçar zum unendlichen Dank verpflichtet, weil er mir eine meiner Muttersprachen, namentlich die türkische Sprache, schenkte und meine Zunge öffnete. Ich verneige mich vor Ihnen, Agop Efendi!

In diesem Sinne möchte ich meine heutigen Ausführungen in der Sprache abschliessen, die Agop Martayan Dilaçar mir geschenkt hat.

Hepimiz Ermeniyiz!

(Wir sind alle Armenier!)

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(Demonstration für den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink; auf den Tafeln steht auf Türkisch und auf Armenisch “Wir sind alle Hrant, Wir sind alle Armenier”)

Der “Zungenöffner”

“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute

Wie kein anderes Buch hat  Reşat Nuri Güntekins “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) aus dem Jahr 1922 die Gesellschaft der jungen Türkischen Republik aber auch Generationen danach massgeblich beeinflusst. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause namens Feride während den letzten Jahren des untergehenden Osmanischen Reiches. Gerüchten zufolge soll es sich um die Lebensgeschichte einer gewissen Feride Polat handeln, die literarisch überarbeitet worden sei.

Feride wird bereits in jungem Alter zu einer Vollwaise und wächst bei ihren reichen Verwandten in Istanbul auf. Als junges Mädchen besucht sie das Internat Notre Dame de Sion in Istanbul, wo sie aufgrund ihres unartigen Wesens von ihren Klassenkameradinnen den Spitznamen “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) erhält. Später verliebt sich “Çalıkuşu” in ihren Cousin Kamran, mit dem sie sich verlobt. Bevor sie heiraten, soll Kamran jedoch aus Karrieregründen die Möglichkeit haben, drei Jahre in Europa im diplomatischen Dienst zu verbringen, was von Feride ausdrücklich unterstützt und gutgeheissen wird. Bei seiner Rückkehr und kurz vor der geplanten Hochzeit findet sie in seinen Sachen allerdings Briefe von einer anderen jungen Frau, die Kamran in der Schweiz kennengelernt haben soll. Feride veranstaltet daraufhin eine dramatische Eifersuchtsszene und verlässt das Elternhaus mit der Absicht, auf eigenen Füssen zu stehen und als Lehrerin zu arbeiten. Sie vertraut dabei auf ihre gute Ausbildung, die sie im französischen Internat geniessen konnte. “Çalıkuşu” tritt dabei als eine selbstbewusste Idealistin auf, die ihren Willen durchsetzt und gegen behördlichen Widerstand und Bürokratie es ablehnt, in Istanbul als Lehrerin tätig zu werden. Stattdessen will sie im ländlichen Anatolien arbeiten, von Dorf zu Dorf ziehen und sozial benachteiligte Kinder alphabetisieren. Gewissermassen ist dies natürlich auch eine Flucht von Kamran. Dennoch heben genau diese vorgenannten Aspekte den Roman “Çalıkuşu” von gewöhnlichen Liebesromanen ganz erheblich ab. Einerseits wird durch die Hauptperson das inszeniert, was Emanzipation wirklich bedeutet: Eine junge Frau setzt ihren Willen durch und bestimmt selbst über ihr Leben, unter Umständen auch gegen den Willen ihrer Familie. Sie ist auch von keinem Mann abhängig und lässt sich von ihrer einflussreichen Familie überhaupt nichts sagen, von der sie sich ihren eigenen Fähigkeiten vertrauend trennt. Ferides Ideal ist die Bildung von Kindern, die sozial benachteiligt sind und im rückständigen Anatolien leben, wo die Alphabetisierungsrate zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3-4% beträgt. Hier wird der Liebesroman zu einer Gesellschaftsstudie der letzten Tage des Osmanischen Reiches mit all seinen Unzulänglichkeiten. Bemerkenswert ist insbesondere auch der Umstand, dass Feride trotz des hohen sozialen Status ihrer Familie keine Berührungsängste mit der ländlichen Bevölkerung hat. Damit wird das Ideal einer Elite vorgezeichnet, die sich nicht abschottet, sondern vielmehr das Ziel verfolgt, die Landbevölkerung zu alphabetisieren, zu bilden und zu zivilisieren.

Wie eingangs erwähnt hatte das Buch von Reşat Nuri Güntekin auf die türkische Gesellschaft, insbesondere auf die Frauen, einen enormen Einfluss. Viele junge türkische Mädchen, die das Buch gelesen hatten, wollten genauso wie “Çalıkuşu” ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen und vor allem wollten sehr viele dem im Buch idealisierten Lehrerberuf nachgehen und dabei Ferides Beispiel folgend mit missionarischem Eifer die sozial benachteiligten Kinder Anatoliens alphabetisieren. Eine dieser Frauen war meine Grossmutter väterlicherseits, die den Weg Ferides einschlug, ihr Leben lang ihrem Beispiel nacheiferte und sozial benachteiligte Kinder förderte und zwar auch dann, wenn sie selbst so gut wie nichts hatte. Sie, eine der ersten Lehrerinnen der jungen Türkischen Republik, war es übrigens, die mir im zarten Alter von fünfeinhalb Jahren das Lesen und das Schreiben beibrachte. Das Buch “Çalıkuşu” kenne ich übrigens ebenfalls durch meine Grossmutter und ich habe es gelesen, bevor ich die Grundschule besuchte. Ich kann heute zwar nicht mit Sicherheit sagen, ob “Çalıkuşu” das erste Buch überhaupt war, das ich gelesen habe. Ich kann mich jedoch an den Protest meiner Eltern gegenüber meiner Grossmutter erinnern, die völlig zu Recht dachten, ich sei noch etwas zu jung für dieses Buch. Da der Roman in der türkischen Kultur einen derart hohen Stellenwert hatte, konnten sie sich jedoch argumentativ nicht durchsetzen, weshalb ich das Buch zu Ende lesen durfte.

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(Meine Grossmutter)

Die Geschichte der jungen und hübschen Feride, die sich von ihrer Familie und von ihrem untreuen Bräutigam emanzipiert und loszieht, um benachteiligte anatolische Kinder zu unterrichten, gefiel natürlich auch dem jungen türkischen Staat. Doch konnte dieses Idealbild einer Städterin, welche die ungebildete Landbevölkerung alphabetisiert, niemals genügen. Die junge Türkische Republik brauchte dringend Lehrerinnen und Lehrer, die das rückständige Anatolien alphabetisieren sollten. Da die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer aus der Stadt für diese Herkulesaufgabe nicht einmal annähernd ausreichen konnte, wurden die sogenannten Dorfinstitute (“Köy enstitüleri”) ins Leben gerufen. Die Idee war, talentierte Kinder und Jugendliche aus Anatolien – also von der Landbevölkerung selbst – von klein auf für den Lehrerberuf zu qualifizieren, um Anatolien zu alphabetisieren und zu zivilisieren. Unterrichtet wurden ganz gewöhnliche Schulfächer wie Mathematik, Physik, Sprache und Geschichte. Darüber hinaus wurden den Kindern und Jugendlichen die schönen Künste aber auch praktische Fächer wie Landwirtschaft und Handwerk beigebracht. Ganz beliebt war das Musizieren, wobei die Mandoline das beliebteste Instrument war, was aus den nachfolgenden Bildern zu erkennen ist.

Die Dorfinstitute existierten ab 1940 und haben einen enorm wichtigen Beitrag bei der Alphabetisierung und Bildung des türkischen Volkes geleistet. Der Grund, weshalb sie verschwunden sind, hat politische Gründe, was mindestens aus heutiger Sicht äusserst bedauerlich ist. Am Ende des Zweiten Weltkrieges und zu Beginn des Kalten Krieges hatte Stalin den Wunsch, in Kars, Artvin, Ardahan und beim Bosporus militärische Stützpunkte zu errichten, weshalb der Nachfolger Atatürks, Ismet Inönü, die USA um militärische Unterstützung gebeten hatte. Diese war dazu bereit, setzte aber ein Mehrparteiensystem voraus und es sollten auch angeblich stalinistisch anmutende Aktionen des türkischen Staates – namentlich die Dorfinstitute – abgeschafft werden. Die Türkische Republik befolgte diese Wünsche. Im Jahr 1954 wurden die Dorfinstitute von der konservativen Regierung von Adnan Menderes, die dank des neu eingeführten Mehrparteiensystems an die Macht gekommen war, abgeschafft und in Lehrerseminare umgewandelt.

Ja. Es gab sie einmal: Eine Türkei, die Bildung und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Geblieben davon sind nur diese erstaunlichen Bilder aus einer längst vergangenen Zeit.

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(Junger türkischer Bauer rezitiert Shakespeare vor seinen Klassenkameraden)

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“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute