Warum eigentlich?

Das grösste Glück in meinem Leben ist, dass ich in einem Elternhaus aufgewachsen bin, das sich nicht für Religion interessierte, sondern für die Wissenschaften, für Musik, Malerei, Fotografie, Geschichte, Archäologie und vieles mehr. Von ganz klein auf wurde ich von meinen Eltern auf Bildung getrimmt und darauf programmiert, mich in dieser Hinsicht weiterzuentwickeln. Meine Grosseltern, die ihrerseits über keine Universitätsbildung verfügten, haben sie in diesem Unterfangen nicht nur nicht gehindert, sondern ganz im Gegenteil ermutigt.

Natürlich bedeutet das nicht, dass meine Familie und ich uns gewissen sozialen Verpflichtungen entziehen konnten, die teilweise auch einen religiösen Bezug hatten. So wurden wir, als ich fünf Jahre alt war, zu einem Opferfestessen eingeladen, das in der Gegend von «Baraj» (Staudamm), einem Vorort der südtürkischen Grossstadt Adana, stattfand. Nach unserer Ankunft in dieser damals ländlich geprägten Vorstadtgegend mit Gärten und sehr viel Grün wurde ich von meinen Eltern getrennt, die sich unter die Erwachsenen mischten. Ich meinerseits wurde von Kindern empfangen, die mich umgehend zu den Opfertieren mitnahmen. Ein älterer Junge streute Salz in meine Hand und befahl mir, sie einem der Schafe entgegenzustrecken, das sich mit drei oder vier weiteren Tieren in einem Gehege befand. Ich kam dem nach und spürte ein angenehmes und warmes Nass in meiner Hand und war völlig entzückt. «Mehr Salz» oder etwas Ähnliches sagte ich (den genauen Wortlaut weiss ich natürlich nicht mehr). Jedenfalls konnte ich nicht genug davon kriegen, meine salzgefüllte Hand von den Schafen abschlecken zu lassen. Da weder meine Eltern noch ihre Freunde Haustiere hatten, denke ich, dass dies mein erster unmittelbarer Kontakt zu Tieren überhaupt war und damit auch die erste Erinnerung in diesem Zusammenhang: Es war ein angenehmes und warmes Nass.

Ich kann mich natürlich nicht genau erinnern, wieviel Zeit verging – aber es war sicher nicht mehr als eine Stunde – und auf einmal kamen zwei Männer, rissen die Schafe aus den Käfigen, brachten sie auf einen Vorplatz, der sich wenige Meter vom Gehege befand und schächteten sie eines nach dem anderen. Dabei wurde jedes Schaf auf den Boden gelegt, dessen Beine zusammengebunden und nach einem liebevollen Streicheln des Halses und des gleichzeitigen Murmelns eines «Bismillah!» wurden keine zwei Meter vor meinen Augen die Hälse der Tiere durchgeschnitten. Eines nach dem anderen. Nach dem Ausbluten des jeweiligen Tieres schnitt einer der beiden Männer ein Loch in ein Hinterbein, steckte ein Rohr hinein und fing an, das Schaf aufzublasen, um es zu häuten. Irgendeinmal wurden ebenfalls vor unseren Augen die Innereien des Tieres entfernt, der Kopf abgetrennt und sehr bald fing man damit an, das Fleisch des Schafes zu verarbeiten. Aus dem Nichts tauchte ein mir völlig fremder Mann auf, steckte einen Finger in die Blutlache, die von den toten Schafen stammte und netzte damit die Stirne aller herumstehenden Kinder, die das Ganze beobachtet hatten. Blut floss über mein Gesicht und der Mann sagte: «Sevap! Sevap!» (Gottgefällig! Gottgefällig!).

Ich kann das Ausmass der Traumatisierung und des Ekels über diese Vorgänge nicht in Worte fassen, die ich damals empfand und heute noch empfinde. Ich meine damit nicht nur mein blutverschmiertes fünfjähriges Gesicht, sondern auch die Perversion des gesamten Vorgangs, angefangen mit meinem ersten unmittelbaren Kontakt zu einem Tier, dessen Wärme, Nässe und Geruch, das liebevolle Streicheln des Halses durch den Schlachter und der plötzliche Schnitt, das Zucken des sterbenden Schafes, das Aufblasen des Tieres, die grauen Innereien, die beiseitegeschoben wurden, aus denen Scheisse herausquoll und die Menschen, welche diese Vorgänge mit sichtbarem Interesse beobachteten. Mir wurde schlecht und ich konnte und wollte vom geschnetzelten und mit Kümmel und Salz angebratenen Fleisch («Kavurma», eine türkische Opferfestspezialität) keinen Bissen nehmen. Ich konnte es nicht ertragen, ein Tier zu essen, welches ich nur Minuten zuvor liebkost hatte und die Gerüche, die in der Luft hingen, widerten mich an. Glücklicherweise blieben wir nicht lange und ich musste nie wieder ein Opferfest über mich ergehen lassen.

Natürlich wollte ich nach diesem Anlass erfahren, was der Grund für das Ganze war und ich bekam die allseits bekannte Geschichte von Abraham und Isaac zu hören. Schon damals konnte ich die Logik dahinter nicht erkennen, dass Menschen aufgrund dieser Geschichte exzessiv und ostentativ Tiere schlachten und dabei eine Blutorgie unter Einbezug von Kindern feiern und tue es heute noch weniger. Natürlich war mir dabei schon damals bewusst, dass das Ganze auch einen positiven Effekt hatte. Das Fleisch wurde auch unter den Armen verteilt, das Fell an die Waisenfürsorge gespendet und überhaupt wurde das Tier praktisch vollständig «genutzt». All dies vermochte jedoch die Perversion, die ich mit meiner kindlichen Wahrnehmung empfand und meine Traumatisierung nicht wegwischen.

Meine Reaktion auf dieses Erlebnis war, dass ich kurze Zeit später – ich dürfte damals ungefähr sechs Jahr alt gewesen sein – an meine Eltern herantrat und sie danach fragte, wie man einen Menschen bezeichnet, der nicht an Gott glaubt. Nachdem sie beide gleichzeitig das türkische Wort «ateist» aussprachen, entgegnete ich: «Dann bin ich ein Atheist!» Meine Eltern schwiegen einen Augenblick, nachdem ich dies gesagt hatte und meinten dann kurz und knapp «OK!».

Schon damals blieb es nicht dabei, dass meine Abneigung vor dem Islam sich darin manifestierte, dass sie ausschliesslich im Zusammenhang mit dem Opferfest stand. Es gab viele andere Dinge, die mich abstiessen: Das Arabisch, eine Sprache die ich nicht verstand und die in meinen Ohren alles andere als einen Wohlklang erzeugte, der Ruf des Muezzins aus blechernen Lautsprechern in voller Lautstärke, so dass einem fast die Ohren explodierten, wenn man zufällig neben einer Moschee stand, wenn das Geschrei losging, die masochistische Selbstkasteiung während des Ramadan und überhaupt die ganze sich aufdrängende Art sowie die Schwere des Islam.

Wie weit meine Abneigung gegenüber dem Islam schon damals ging, kann man vielleicht aus dem nachfolgenden Beispiel entnehmen: Als ich in Adana die dritte Grundschulklasse besuchte, wurde meine über alles geliebte Lehrerin Mutter und während sie sich im Mutterschaftsurlaub befand, bekamen wir eine äusserst unsympathische Aushilfslehrerin, die uns so ziemlich am Anfang ihres Einsatzes das islamische Glaubensbekenntnis beibrachte. Sie sagte den Satz auf, den ich hier ganz bewusst nicht wiederholen möchte und wir Kinder mussten es ihr sozusagen im Chor nachsagen. Das wollte ich natürlich auf keinen Fall tun und bewegte deshalb meine Lippen und sagte etwas, das ich gerade in jenem Augenblick erfand und damit «Worte» ohne jede Bedeutung. Da wir eine Klasse von rund 60 Schülern waren, fiel das glücklicherweise nicht auf. Was den Islam anbelangt, war ich also schon damals sehr stur mit meiner ablehnenden Haltung. Nur wenige Monate später wurde ich von einer weitergehenden religiösen Indoktrinierung bewahrt, als meine Familie und ich in die Schweiz einwanderten.

Mittlerweile sind mehr als vierzig Jahre seit diesen Ereignissen vergangen und meine Abneigung vor dem Islam ist in dieser Zeit eigentlich nur stärker geworden, insbesondere als ich sehen konnte, was diese totalitäre Irrlehre aus der säkularen Türkischen Republik gemacht hat, die ihre grösste Hypothek war und immer noch ist. Ich habe allerdings erst im neuen Jahrtausend damit angefangen, mich mit dem Islam zu befassen und mein Wissen zu vertiefen, als diese freiheitsfeindliche religiöse Ideologie immer mehr nach Europa vordrang und von vielen ahnungslose Europäern mit offenen Armen empfangen wurde.

Es kommt natürlich vor, dass ich aufgrund meiner unversöhnlichen Haltung gegenüber dem Islam als islamfeindlich oder gar als islamophob bezeichnet werde. Wenn jemand mir so etwas vorwirft, bin ich – wenn ich ehrlich bin – nicht wirklich beleidigt, weil es im Grunde genommen schlicht und einfach stimmt. Das mag für viele schockierend klingen, was mich allerdings wenig kümmert. Die Frage, die sich dabei stellt, ist nämlich, ob ich verpflichtet bin, den Islam zu mögen. Ich denke nicht und verweise auf meine mir zustehenden verfassungsmässige Rechte, wie etwa auf die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die mir erlaubt, keine Religion zu mögen und keiner Religionsgemeinschaft anzugehören sowie auf die Meinungsäusserungsfreiheit, die es mir erlaubt, auch eine extrem negative Haltung gegenüber dem Islam zu haben und dies auch öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Natürlich bedeutet all dies nicht, dass ich Muslime hasse. Ganz im Gegenteil! Ich habe keine Vorbehalte gegenüber einer Person, bloss weil sie muslimisch ist, auch wenn ich den Islam ablehne. Ich habe heute noch viele Freunde, die muslimisch sind und bin auch während zwei Jahren mit einer bekennenden Muslimin ausgegangen, die natürlich keine Freude an meiner negativen Haltung gegenüber dem Islam hatte, aber diese respektierte, so wie ich ihren Glauben respektierte. Wenn man mich heute fragt, ob ich am Islam überhaupt etwas gut finde, kann ich nur die islamische Kunst und die schönen Bauwerke nennen, wie etwa das Taj Mahal, das klar muslimischen Ursprungs ist. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass ich nichts gegen eine Welt ohne den Islam hätte, in der diese Ideologie untergegangen ist, so wie das Aztekenreich und das alte Ägypten, die ihrerseits auch atemberaubende Kunstschätze hinterlassen haben und ähnlich wie der Islam zur Geschichte der Menschheit gehören. Abgesehen von diesen Dingen gibt es für mich jedenfalls nichts, was den Islam erhaltenswert machen könnte.

Ich, kurze Zeit vor meinem traumatischem Erlebnis
Warum eigentlich?

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