Erdoğans Gegenrecht – Eine Meinung über die mögliche Errichtung von türkischen Auslandschulen in Deutschland

In der Türkei existieren drei deutsche Schulen, darunter auch die im Jahr 1868 gegründete Deutsche Schule in Istanbul. Offenbar verlangt die Erdoğan-Diktatur eine Art «Gegenrecht» und verhandelt gegenwärtig mit der Bundesregierung über die Errichtung von türkischen Auslandsschulen in Deutschland. Die Forderung ist nicht ganz neu. Bereits 2010 hatte Erdoğan erstmals seine Anspruchshaltung geltend gemacht und gefordert, dass es in Deutschland türkische Gymnasien geben müsse. Damals hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel offen gezeigt: «Wenn Deutschland Auslandsschulen in anderen Ländern hat, zum Beispiel in der Türkei, dann kann es natürlich auch die Türkei sein, die Schulen in Deutschland hat.» Umgesetzt wurden die Pläne trotzdem nicht.

Die Verhandlungen zwischen der Türkei und der Bundesregierung hätten gemäss Meldungen in den Medien bereits im Sommer 2018 begonnen, nachdem die Erdoğan-Diktatur damals völlig willkürlich die Deutsche Schule in Izmir geschlossen hatte. Das türkische Erziehungsministerium hatte die Massnahme damit begründet, dass der Schule die rechtliche Grundlage fehle, obwohl sie zum damaligen Zeitpunkt bereits seit 10 Jahren existiert hatte. Das heisst also, dass die Verhandlungen auf Druck der Türken stattfinden, welche die deutsche Seite spüren liessen, wie staatliche Willkür funktioniert. Mit dem gegenwärtig ausgehandelten Abkommen soll einerseits die Rechtsgrundlage für die deutschen Auslandsschulen in der Türkei abgesichert werden, dies obwohl die älteste deutsche Schule in der Türkei seit 1868 existiert, und andererseits soll das Abkommen auch den rechtlichen Rahmen für die drei Schulen regeln, die analog zu den deutschen Auslandsschulen in Deutschland gegründet werden sollen. Als Standorte für die türkischen Schulen seien Berlin, Köln und Frankfurt am Main im Gespräch, wo überdurchschnittlich viele Menschen mit türkischem Migrationshintergrund leben.

Mit anderen Worten will die Erdoğan-Diktatur die in Deutschland lebenden Türken noch mehr beeinflussen und macht zu diesem Zweck ein «Gegenrecht» für die Errichtung türkischer Schulen in Deutschland geltend und für die unter Druck gesetzten Deutschen – allen voran für Angela Merkel – ist dieser Wunsch zumindest nachvollziehbar: Wenn die Bundesrepublik in der Türkei Gymnasien betreibt, sollen die Türken dasselbe in Deutschland doch auch tun dürfen. Diese «Logik» verkennt allerdings die Bedeutung der deutschen Schulen und anderer Bildungseinrichtungen in der Türkei, die nicht von Türken gegründet wurden. In meinem heutigen Blog-Post werde ich versuchen darzulegen, wofür hier ein höchst zweifelhaftes, wenn nicht gar absurdes «Gegenrecht» eingeräumt werden soll.

Nur vier Monate nach der Gründung der Türkischen Republik hat das türkische Parlament am 3. März 1924 auf Anordnung von Mustafa Kemal, der erst später den Nachnamen Atatürk erhalten sollte, drei Gesetze verabschiedet, die man durchaus als Grundlage des neu entstehenden säkularen Staates und als Voraussetzung für die noch kommenden Reformen bezeichnen kann. Mit dem Gesetz Nr. 429 wurde das türkische Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) oder kurz Diyanet gegründet. Damit wurden sämtliche Imame, die in der Türkei predigen durften, zu weisungsgebundenen Staatsbeamten. Diese hatten von nun an die Aufgabe, einen Islam zu predigen, der dem säkularen Staat nicht in die Quere kam und die moderne Gesellschaftsordnung mit den Reformen Atatürks, die nun folgen sollten, nicht in Frage stellte. Ohne Kontrolle der Imame respektive ohne ihre Weisungsgebundenheit wäre dies unmöglich gewesen. Mit dem Gesetz Nr. 430, das gleich anschliessend verabschiedet wurde, hat das Parlament das gesamte Bildungssystem dem bereits im Jahre 1920 gegründeten Ministerium für Nationale Erziehung (MEB) übertragen und damit die religiösen Schulen, die sog. Madrasas, schliessen lassen. Mit dem Gesetz Nr. 431 schliesslich wurde das Kalifat abgeschafft.

In der Folge entstanden überall in der Türkei staatliche Gymnasien, die heute noch «Anadolu Lisesi» (Anatolisches Gymnasium) heissen und an welchen besonders begabte Schülerinnen und Schüler, das Gymnasium absolvieren. Diese staatlichen Gymnasien stehen bei Schülerinnen und Schülern bei den jährlichen Aufnahmeprüfungen regelmässig weit oben auf der Wunschliste und bieten grundsätzlich eine recht gute Gymnasialausbildung an. Übertroffen werden diese Schulen sowohl hinsichtlich der Aufnahmebedingungen als auch der angebotenen Bildung allerdings von meist sehr alten und in der Regel vor der Gründung der Republik von Europäern und Amerikanern eingerichteten Schulen. Sie verfügen zwar auch über das Anadolu Lisesi Standard, aber bieten weitaus mehr an. Die Qualität dieser Schulen, welche die türkische Bildungselite ausbildet, kann mit derjenigen der vom türkischen Staat gegründeten Gymnasien, die ich keineswegs herabsetzen möchte, nicht gleichgesetzt werden, weshalb das türkische Bildungsministerium deren Existenz vor der schrittweise stattfindenden Zurückführung des Landes in die Scharia durch die AKP nie in Frage gestellt hat. Zu diesen Topschulen gehören unter anderem auch das Deutsche Gymnasium (Alman Lisesi) oder das Österreichische Gymnasium (Avusturya Lisesi) in Istanbul.

Auch in meiner Familie besteht ein Bezug zu solchen Elite-Schulen. Mein Vater und seine beiden Brüder etwa, die anders als er in die Vereinigten Staaten auswandern und das amerikanische Bürgerrecht erlangen sollten, besuchten in den Fünfziger und Sechziger Jahren amerikanische Gymnasien, namentlich das Talas Amerikan Koleji (Amerikanisches Gymnasium Talas), welches Ende der Sechziger Jahre leider geschlossen wurde und das Tarsus Amerikan Koleji (Amerikanisches Gymnasium Tarsus). Wäre ich Ende der Siebziger Jahre nicht mit meiner Familie in die Schweiz eingewandert, hätte wohl auch ich der Tradition meiner Familie folgend das amerikanische Gymnasium in Tarsus besucht. Jedenfalls hatten meine Eltern, als ich erst in der zweiten Grundschulklasse war, damit begonnen, mich zu ergänzendem Privatunterricht zu schicken, damit ich die anspruchsvollen Aufnahmeprüfungen dieser Schule bestehen konnte.

Schultheateraufführung von „Carmen“ an der Tarsus American College mit meinem Vater (1961)

Dazu kam es nicht und ich besuchte meine Schulen in der Schweiz. Ich kann allerdings zumindest aus heutiger Perspektive über meinen Vater sagen, was diese Schulen bei ihm bewirkten. Er spricht heute noch Englisch wie ein Amerikaner, das heisst akzent- und vor allem fehlerfrei, wenn er sich mit Amerikanern unterhält, aber seine Sprache bewusst vereinfacht, wenn er nicht mit englischsprachigen Personen spricht. Seine breite Allgemeinbildung und sein analytisches Denkvermögen sind in erster Linie auf die Ausbildung in diesen Schulen zurückzuführen und nicht auf die staatliche Universität, die er später besuchte. Es waren also diese beiden amerikanischen Gymnasien, die meinen Vater prägen sollten, was auch einen unmittelbaren Einfluss auf mich hatte. Schon als Kind fing ich damit an, die englische Sprache zu erlernen und mich für die amerikanische Kultur zu interessieren, die bei uns zuhause allgegenwärtig waren. Der Grund, weshalb ich heute überdurchschnittlich viel über amerikanische Kultur, amerikanische Geschichte und amerikanische Politik Bescheid weiss und weshalb mein Englisch keineswegs britisch ist, kann ich auf meine frühe Beeinflussung durch meinen Vater zurückführen. Das heisst also, dass die reiche Substanz und die Nachhaltigkeit seiner Gymnasialausbildung an diesen Schulen gewissermassen in mir fortdauert, obwohl ich selbst diese nie besucht habe.

Andere Gymnasien in der Türkei, die von Europäern oder Amerikanern gegründet wurden, sind mit den Schulen, die mein Vater und seine beiden Brüder besuchten, durchaus vergleichbar. Die nachfolgende Anekdote soll dies verdeutlichen: Irgendeinmal in den Achtziger Jahren, als wir bereits in der Schweiz wohnten, bekamen wir Besuch aus Istanbul. Ein Geschäftsmann, der mit meinem Vater geschäftlich zu tun hatte, war mit seiner Familie bei uns, mit dabei auch die mit mir ungefähr gleichaltrige Tochter, die damals das Österreichische Gymnasium in Istanbul besuchte und sich in der zweitletzten Abschlussklasse befand. Mich interessierte natürlich brennend, wie gut ihr Deutsch war, weshalb ich mich von Anfang an auf Deutsch mit ihr unterhielt. Ich staunte nicht nur, als ich feststellen konnte, dass ihr Deutsch komplett fehlerfrei war. Sie sprach vielmehr wie eine Österreicherin mit einem leichten österreichischen Akzent, obwohl sie Österreich bis zum damaligen Zeitpunkt nur für einige wenige Urlaubstage besucht hatte, wie sie angab. Meine Verblüffung war perfekt, weil ich so etwas nie und nimmer erwartet hätte.

Später machte ich ähnliche Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern anderer Eliteschulen, darunter auch mit solchen, die französische Gymnasien wie das St. Joseph, das St. Michel oder das Galatasaray Lyceum in Istanbul besuchten oder die Deutsche Schule in Istanbul. Es waren alle und zwar ohne Ausnahme brillante junge Menschen mit hervorragender Bildung und verblüffenden Sprachkenntnissen in mindestens einer Fremdsprache. Man kann über die Absolventen dieser Schulen auch sagen, dass sie praktisch die einzigen sind, die später an einer ausländischen Topuniversität überhaupt studieren könnten und dies nicht nur, weil diese Gymnasien auch international einen hervorragenden Ruf geniessen, sondern vielmehr auch deshalb, weil solche Schulen allein die für das Studium an einer ausländischen Eliteuniversität notwendigen Voraussetzungen und Fähigkeiten schaffen. Obwohl der Abschluss an einem gewöhnlichen Anadolu Lisesi keineswegs schlecht ist, kann man damit nicht mit einem erfolgreichen Studium in Harvard, in Cambridge oder an der Sorbonne rechnen. An eine solche ausländische Universität kommt man nur, wenn man beispielsweise das Istanbuler Üsküdar Amerikan Lisesi (Amerikanisches Gymnasium Üsküdar) besucht hat, um eine weitere Topschule zu nennen.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass die Existenz dieser Topgymnasien wohl viel stärker im Interesse der Türkei liegt, weil an diesen die türkische Bildungselite geformt wird und weitaus weniger im Interesse des Herkunftsstaates des jeweiligen Gymnasiums. Wenn diese Schulen aufgrund staatlicher Willkür schliessen müssten, wäre die Türkei nebst den Schülerinnen und Schüler, denen man eine hervorragende Ausbildungsmöglichkeit rauben würde, die alleinige Verliererin und würde sich damit ins eigene Fleisch schneiden. Daher ist die Türkei grundsätzlich gar nicht in der Position, Deutschland unter Druck zu setzen, um «Gegenrecht» zu erhalten. Wenn die Erdoğan-Diktatur die besten Schulen des Landes schliessen will, soll sie dies ruhig tun. Von einer möglichen Selbstschädigung, die mit der willkürlichen Schliessung der Deutschen Schule in Izmir angedroht wird, sollte sich die deutsche Seite wahrlich nicht beeindrucken lassen.

Hinzu kommt, was dieses «Gegenrecht» bedeuten würde. Die alte laizistische Türkische Republik existiert nicht mehr und die Türkei wird von einem Nationalislamisten mit Kalifatsambitionen beherrscht, der politisch der türkischen Muslimbruderschaft (Milli Görüş) zuzuordnen ist. Er ist gegenwärtig damit beschäftigt, die Reformen Atatürks rückgängig zu machen, darunter auch die, die ich vorhin erwähnt habe. Das staatliche Bildungsministerium (MEB) wurde mit der Religionsbehörde Diyanet verknüpft und die Bildung wird zunehmend islamisiert, wie das Beispiel der Beseitigung der Evolutionstheorie aus dem Bildungsprogramm dies eindrücklich bestätigt. Gleichzeitig nützt Erdoğan die Strukturen dieser Behörden namentlich deren Weisungsgebundenheit, um die ehemals laizistische Republik zu islamisieren. Früher oder später wird er auch das Kalifat wiedererrichten, was mittlerweile auch offen ausgesprochen wird.

Die Frage, die sich stellt ist, ob Deutschland einer solchen Türkei Bildungseinrichtungen auf deutschem Boden zubilligen will, nur weil die abstrakte «Gefahr» besteht, dass die Türkei, der kein «Gegenrecht» eingeräumt würde, willkürlich die deutschen Schulen in der Türkei schliessen könnte und damit vor allem eigenen Interessen schaden würde. Da damit ein eigentlicher Druck gegenüber den Deutschen gar nicht besteht und Deutschland nicht das geringste Interesse daran haben sollte, integrationsverhindernde Schulen einer islamistischen Diktatur auf deutschem Staatsgebiet zu dulden, wäre es meines Erachtens angezeigt, wenn die Bundesregierung ihre Position überdenken würde.

Erdoğans Gegenrecht – Eine Meinung über die mögliche Errichtung von türkischen Auslandschulen in Deutschland

One thought on “Erdoğans Gegenrecht – Eine Meinung über die mögliche Errichtung von türkischen Auslandschulen in Deutschland

  1. Ulrich Schlaefli says:

    Ich lebte drei Jahre in Istanbul und alles was Sie sagen entspricht auch meinen Erfahrungen. Wenn Frau Merkel sich bei ihrem Botschafter in Ankara oder ihrem Generalkonsul in Istanbul über die Aufgaben der deutschen Schule informiert hätte, hätte sie nie so einen Quatsch übrig Gegenrecht erzählt.

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