Jean Ziegler, mein Lehrer

1988, drei Jahre vor meiner Matura, wechselte ich das Gymnasium und absolvierte meine Restschulzeit irgendwo im schönen Bündnerland. Vor diesem Schulwechsel hatte ich im ersten Gymnasium, das ich besuchte, einen Französisch-Lehrer, dessen Unterricht mich massiv forderte, weil er, ein Philosoph, regelrechte Philosophie-Vorlesungen abhielt und zwar auf Französisch, so dass wir als Schüler gezwungenermassen die Sprache erlernen mussten, um seinem Unterricht zu folgen. Die Folge dieser Überforderung war, dass ich in meiner neuen Schule im Fach Französisch bis zur Matura unterfordert war und kaum etwas Neues dazugelernt habe. Französisch war ein Klacks – so dachte ich – und da ich so überzeugt von meinen Fähigkeiten war, beschloss ich nach der Matura, in Genf Politologie zu studieren.

Die ersten Vorlesungen in Genf empfand ich aus sprachlichen Gründen durchaus als einen regelrechten Schock, bereute ein wenig meine allzu selbstbewusste Entscheidung, gewöhnte mich aber innerhalb von wenigen Monaten an die Sprache, vor allem auch an deren Geschwindigkeit, die ich so nicht erwartet hatte. Das Politologie-Studium in Genf – oder besser das Studium der Hautes Etudes Internationales (HEI) – bestand aus zwei Jahreskursen an der Universität mit festem Stundenplan und vorgegebenen Fächern, die man obligatorisch zu absolvieren und dabei jede Prüfung zu bestehen hatte. Anschließend würde es im altehrwürdigen Institutsgebäude des HEI, in der Villa Barton am Genfersee, weitergehen, sofern man das Grundstudium bestehen sollte. Unterrichtet wurden im ersten Jahr die Fächer Jura (insbesondere Verfassungsrecht), Volkswirtschaftslehre, Politologie, Methodik der Politologie, Statistik, Ökologie, Geschichte und Soziologie, wobei das Fach Soziologie zwischen zwei Professoren aufgeteilt wurde. Der erste las im ersten Semester, der zweite folgerichtig im zweiten. So hörten wir im ersten Semester Prof. Patrick de Laubier, der uns sehr viel über Emile Durkheims Soziologie erzählte. Sehr viel mehr habe ich aus seinem Unterricht nicht mitgenommen. Er hatte ein ultradünnes Büchlein publiziert, das so kompliziert geschrieben war, so dass sogar französische Muttersprachler damit ihre Mühe hatten, welches wir im Hinblick auf die Prüfung lesen mussten. Jedenfalls war sein Kurs in jeder Hinsicht derart anspruchsvoll, dass ich eine mündliche Prüfung bei ihm niemals überstanden hätte.

Im zweiten Semester war Jean Ziegler mein Lehrer, dessen Namen die meisten Leserinnen und Leser meines Blogs schon gehört haben dürften. Da er schon damals über die Schweizer Grenzen hinweg bekannt war, hatte ich mit Spannung auf seine Vorlesungen gewartet. Ich hatte zwar keine Ahnung darüber, was mir bevorstand, und hatte nicht einmal sein damals berühmtes Buch „Die Schweiz wäscht weisser“ gelesen. Neugierig war ich dennoch, nur schon weil er eine Celebrity war.

Meine jugendliche Sensationslust wurde nicht enttäuscht. Spektakulär waren die Vorlesungen des Narzissten auf jeden Fall, wobei ich mich gleich korrigieren muss. Jean Ziegler hielt nicht wirklich Vorlesungen ab, er missbrauchte seine Lehrveranstaltung vielmehr für sozialistische Propaganda, erzählte vor allem sehr viel von seinem ereignisreichen Leben, von Treffen mit berühmten Kommunisten, von seinem Kampf gegen den „Kapitalismus“ und gegen die „Kannibalen“, wie er die „Kapitalisten“ nannte, und natürlich von seinen Prozessen. Einmal lud er uns Studenten zwecks Unterstützung sogar zu einem gegen ihn geführten Strafprozess ein, nachdem er vom Genfer Financier Nessim Gaon wegen Ehrverletzungsdelikten angezeigt worden war, die mit seinem Buch “Die Schweiz wäscht weisser” im Zusammenhang standen. Zuvor hatte das Schweizer Parlament, dessen Mitglied er damals war, vermutlich zum ersten Mal in seiner Geschichte einem Ratsmitglied die parlamentarische Immunität entzogen, was in diesem Fall besonders brisant war, zumal es hier um Meinungsäußerungen eines Parlamentariers ging.

Im zweiten Semester bestand das Fach Soziologie nicht nur aus den Propaganda-Veranstaltungen Jean Zieglers im Vorlesungssaal. Vielmehr hatten wir Studierenden bei einem seiner drei Assistenten, die aus welchen Gründen auch immer alle aus Afrika stammten, eine Seminararbeit zu verfassen. Ich wurde in die Seminargruppe von Mohammed Abdou eingeteilt, der ein Prinz aus Benin war, über eine unvorstellbare Körpermasse verfügte, selten lächelte, aber ein überaus liebenswerter Mensch war. Er war sehr höflich, hilfsbereit gegenüber uns Studierenden und erledigte die ihm übergetragenen Aufgaben sicherlich besser und gewissenhafter als sein Chef, der in seinen Veranstaltungen eigentlich nur „vom grossen Ché“ oder „vom grossen Castro“ schwärmte, die er persönlich kennengelernt haben soll und gegen „les cannibales“ wetterte. Meine Seminararbeit bestand darin, eine Doktorarbeit aus Benin schriftlich zusammenzufassen, die ich in der Form von Fotokopien von Mohammed Abdou erhalten hatte. Mehr als eine Zusammenfassung der Dissertation lag übrigens nicht drin, weil keine Sekundärliteratur zu dieser Arbeit, ja nicht einmal die Dissertation selbst in Buchform, in der Universitätsbibliothek vorhanden waren. Der Titel der Dissertation lautete „L’organisation du pouvoir à Kpande au 19ème siécle“ (Die Machtorganisation in Kpande im 19. Jahrhundert), die – soweit ich mich zurückerinnern kann – von einem Häuptling in der Gegend von Kpande in Benin handelte, der im Besitz der „heiligen Beschneidungsinstrumente“ war, die im Ergebnis seine Machtbasis ausmachten und der auf einem Hügel seine Hütte hatte, wo ihn seine Untergebenen jeden Freitag aufsuchten, um ihm ihre Ehrerbietung zu erweisen. Oder so ähnlich.

Die Bücher, die wir bei Jean Ziegler im Hinblick auf die Prüfung lesen mussten, waren nicht wirklich – wie soll ich das ausdrücken – anders als meine Seminararbeit und ich erwarb mit diesen sicherlich nicht die für das weitere Studium erforderliche Grundausbildung im Fach Soziologie. Ziegler selbst unterschied zwar zwischen seinen „livres d’intervention“ (Bücher, um politisch einzugreifen) und „livres scientifiques“ (wissenschaftliche Bücher) und gab an, dass wir als Prüfungsvorbereitung nur die letzteren lesen müssten. Seine anderen Bücher könnten wir lesen, so Ziegler. Allerdings bestanden auch seine sogenannten wissenschaftlichen Bücher nur aus postkolonialer Ideologie, sozialistischer Propaganda, tiefem Hass gegen den Westen und Verherrlichung von gewalttätigen Diktaturen und blutrünstigen Rebellen- und Guerillatruppen. Wir hatten insgesamt drei Bücher zu lesen, von denen ich mich nur noch an die Titel von zweien erinnern kann: „La victoire des vaincus“ (Der Sieg der Besiegten) und „Les Rebelles: Contre l’ordre du monde“ (Die Rebellen: Gegen die Weltordnung). Nur schon das letztgenannte Buch umfasste mehr als 600 Seiten und war vollgefüllt mit afrikanischen Namen, die ich mir niemals merken konnte, weshalb ich die entsprechenden Kapitel großzügig übersprang. Am Schluss hatte ich einzig die Geschichte von Augusto César Sandino aus Nikaragua gelesen, dem Urvater der Sandinisten, weil alles andere – für mich zumindest – völlig uninteressant war.

Dann kam der Morgen der mündlichen Prüfung, an welchem wir Studierenden erst erfuhren, wer von den beiden Professoren uns prüfen würde, was durch Losziehung entschieden wurde. Auf eine allfällige Prüfung von Prof. de Laubier war ich völlig unvorbereitet und hätte mir glatt die schlechtest mögliche Note eingeholt. Mit viel Glück zog ich das Los „Jean Ziegler“, was mich bereits extrem erleichterte. Die Losziehung war von Mohammed Abdou vorgenommen worden, der mir sogleich mitteilte, dass ich – sofern ich möchte – die Prüfung so wie vorgeladen am Morgen absolvieren könne, allerdings nur bei Prof. de Laubier, weil Jean Ziegler am Morgen wegen Zahnschmerzen ausfallen würde. Er könne die Prüfung erst am Nachmittag abnehmen. Da ich nicht wahnsinnig war, lehnte ich das höfliche Angebot natürlich sofort ab, begab mich nach Hause und las noch einmal über meinen Sandino.

So kam es, dass ich meine mündliche Soziologie-Prüfung an der Fakultät HEI bei Jean Ziegler absolvierte, der sich während der ganzen Prüfung die Wange hielt und Schwierigkeiten beim Sprechen hatte – sprich nuschelte – weil er am Morgen eine Zahnbehandlung bekommen hatte. Und das Prüfungsthema war – oh Wunder – Sandino! Ich konnte praktisch jede Frage beantworten, außer eine Frage, die in seinem Buch gar nicht thematisiert worden war und zwar, wie der Bruder des berühmten Schriftstellers Ernesto Cardenal hieß (Fernando Cardenal, Jesuit, Befreiungstheologe und Mitglied in der sandinistischen Regierung von Daniel Ortega, sofern es jemanden interessieren sollte). Ich bekam für meine „Leistung“ die Note 5,75 (von 6) und damit eine summa cum laude.

Ja, ich weiss, die Welt ist nicht gerecht, schon gar nicht, wenn Jean Ziegler im Spiel ist.

Jedenfalls flog ich später nicht wegen des Faches Soziologie aus der Uni, sondern wegen Nichtbestehens der Fächer Volkswirtschaftslehre und Statistik. Ich blieb dennoch ein weiteres Jahr in Genf und versuchte diese beiden Fächer in der Frühjahrsprüfungssession nachzuholen, was mir allerdings nicht gelang. Während dieser Zeit, namentlich im März 1993, fand in der Schweiz eine Bundesratswahl statt, bei der es darum ging, eine neue sozialdemokratische Bundesrätin oder einen neuen sozialdemokratischen Bundesrat zu wählen, die oder der den zurückgetretenen sozialdemokratischen Bundesrat René Felber ersetzen sollte. Die SP wollte nach der Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen im Jahr 1983 unbedingt eine Frau aufstellen, damit die Schweiz nach dem bedauernswerten Rücktritt von Bundesrätin Kopp (FDP) endlich ihre zweite Bundesrätin bekam. Die Sozialdemokraten stellten ihre damalige Spitzenpolitikerin, Christiane Brunner, als einzige Kandidatin auf, eine Rechtsanwältin, Arbeitsrechtsspezialistin und Gewerkschafterin aus Genf. Sie war jedenfalls, obwohl ich wahrlich kein SP-Wähler bin, eine hervorragende Kandidatin mit der wohl besten Qualifikation für dieses Amt, die in ihrer Partei damals vorhanden war. Christiane Brunner war eine überaus kluge Politikerin, sprach hervorragend Deutsch, was für dieses Amt sehr wichtig ist, argumentierte stark, konnte geschickt verhandeln und war – wie damals von vielen Frauen erwünscht – eine Frau.

Im Vorfeld der Wahl veranstaltete ausgerechnet ihr Kollege aus der Kantonalpartei, Jean Ziegler, eine Schmutzkampagne gegen Christiane Brunner, um ihre Wahl zu verhindern. Die Kampagne ging völlig unter die Gürtellinie und unterstellte Christiane Brunner im Ergebnis ein promiskes Verhalten mit wilden Sexpartys. Auf Details will ich gar nicht eingehen und verweise auf diesen Link (siehe ganz am Schluss des Artikels). Jedenfalls hat das frauenfeindliche Intrigieren Jean Zieglers sein Ziel erreicht und Christiane Brunner wurde nicht gewählt. Stattdessen wählte die Vereinigte Bundesversammlung erneut einen Mann und zwar Francis Matthey, der die Wahl allerdings nicht annahm. Am Schluss wurde nach wütenden Demonstrationen von Frauen vor dem Bundeshaus Ruth Dreifuss in den Bundesrat gewählt, die in einer Nacht- und Nebelaktion von Bern ihre Papiere nach Genf geholt hatte, weil eine Doppelvertretung eines Kantons im Bundesrat damals nicht zulässig war, zumal ein Berner bereits in der Landesregierung vertreten war (Adolf Ogi, SVP). Alle drei – Brunner, Dreifuss und Ogi – sah ich später beim Empfang der frischgewählten Bundesrätin in Genf, als der Kanton zum ersten Mal seit 1919 wieder eine Vertretung in der Landesregierung hatte. Zwar war Ruth Dreifuss anders als Christiane Brunner keine Genferin, aber sie hatte immerhin viele Jahre dort verbracht. Für Jean Ziegler jedenfalls hatte die Kampagne, die er gegen Christiane Brunner geführt hatte, keine wirklichen Konsequenzen. Bis Dezember 1999 blieb er Ratsmitglied, bevor er sich anderen Tätigkeiten – unter anderem in der UNO – zuwandte, wo er seinen Hass gegen den Westen noch exzessiver ausleben konnte.

Es gebe noch sehr viel mehr über Jean Ziegler zu erzählen. Erwähnenswert ist etwa sein Wirken beim Gaddafi-Menschenrechtspreis oder sein Einsatz für den Islamisten Tariq Ramadan, Enkel des Gründungsmitglieds der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna. Mit dieser letztgenannten Episode, die sich während meiner Zeit in Genf ereignete, von der ich aber erst wesentlich später erfuhr, möchte ich meinen heutigen Blog-Post schließen.

Tariq Ramadan widmete seine Dissertation seinem Großvater Hassan al-Banna, den er völlig beschönigend als einen muslimischen Gandhi darzustellen versuchte, wofür er sogar Übersetzungen aus dem Arabischen manipulierte. Den in der islamistischen und antiwestlichen Organisation vorherrschenden Totalitarismus und den krassen Antisemitismus ließ er in seiner politischen Kampfschrift, der jede Wissenschaftlichkeit fehlte, völlig außer Acht. Gemäß späteren Angaben seines Doktorvaters, der diese Funktion allerdings aufgrund des inakzeptablen Verhaltens seines Doktoranden später aufgab, soll dieser sich im Rahmen seiner Betreuung geweigert haben, Korrekturen in seiner mangelhaften Arbeit vorzunehmen. Ferner habe er die Mitglieder der Jury regelrecht bedrängt, ihm den Doktortitel zu verleihen. Einem emeritierten Professor von der Universität Sorbonne, aus dem Kreise der Experten, der seine Dissertation abgelehnt hat, soll er sogar mit Klage gedroht haben. Nach der Ablehnung seiner Doktorarbeit durch die Experten beschuldigte Ramadan diese des Komplotts und der Diskriminierung eines Muslims.

In der Folge setzte Jean Ziegler ein intensives Lobbying in Gang, damit eine zweite Jury die mangelhafte Doktorarbeit Ramadans dennoch abnahm, was in der langen Geschichte der Universität Genf ein einzigartiger Vorgang gewesen sein dürfte. Ganz knapp wurde daraufhin das islamistische Pamphlet mit dem Titel “Aux sources du renouveau musulman. D’Al-Afghani à Hassan Al-Banna, un siècle de réformisme islamique” (An den Quellen der muslimischen Neuerung. Von Al-Afghani bis Hassan Al-Banna, ein Jahrhundert des islamischen Reformismus) als Doktorarbeit akzeptiert. Jean Ziegler sei Dank! Mit anderen Worten verdankt der Islamist sowohl seine akademische Karriere als auch seine Bekanntheit sicherlich auch Jean Ziegler.

Gestern, als ich auf Facebook von Robert Mugabes Tod berichtete, über den Jean Ziegler im Jahr 2002 gesagt hat, dass die Geschichte ihm Recht geben würde, erwähnte ich, dass Jean Ziegler mein Lehrer war, eine Bezeichnung, die ich jeweils nicht ohne Ironie verwende, weil es im Grunde genommen nicht wirklich stimmt. Als eine Followerin, die Jean Ziegler bewundert und ihn am liebsten kennenlernen möchte, von mir erfuhr, dass ich ihn verachte, wollte sie wissen, weshalb dem so sei. Ich denke, ich muss das nicht länger begründen. Ihr sei dieser Blog-Post gewidmet.

Augusto César Sandino
Jean Ziegler, mein Lehrer

2 thoughts on “Jean Ziegler, mein Lehrer

  1. Véronique Altamont says:

    Lieber Giordano Brunello, danke für die Zusatzinformationen! Dass der Herr Ziegler wesentlich am Aufstieg und am Gemauschel um die Dissertation des mutmasslichen Serienvergewaltigers und islamistischen Predigers Tariq Ramadan beteiligt war, wusste ich. Auch ist mir die Geschichte vom Ghaddafi “Menschenrechts”-preis bekannt (das hat Caroline Fourest wieder ans Licht gebracht, in Frankreich zumindest). Aber dass der Mann an der Schmutzcampagne gegen Frau Brunner, die kurz vor meiner Einwanderung in die Schweiz stattgefunden hatte, wesentlich bzw. ursächlich beteiligt war, wusste ich noch nicht. Es ist unbegreiflich, wie ein solcher, an und für sich rechtsextremer Mafioso es zum Status eines linken Heiligen bringen konnte (naja, da sit er ja nicht der einzige).
    Und was den Bruder Tariq anbetrifft: es ist Zeit, dass eine Campagne zwecks Aberkennung der Doktorwürde gestartet wird. Was bei von und zu Guttenberg möslich war, muss auch bei Ramadan gehen.

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