Das erstaunliche Staunen über die Intoleranz

Anfangs Juli hat gemäss Meldung von Mena-Watch BBC News Arabic eine Studie über die Akzeptanz von homosexuellen Beziehungen im arabischen Raum veröffentlicht. Dort und in anderen Medien wurde das Ausmaß der in den entsprechenden Ländern existierenden Homophobie als „schockierend“ bezeichnet. Für mein Befinden war einzig die Zahl aus dem Libanon, das als besonders liberal gilt, wo nur 6% der Bevölkerung homosexuellen Beziehungen gegenüber Akzeptanz zeigt, erstaunlich, was ungefähr der Zahl in der Westbank (5%) entspricht. Ganz generell „schockierend“ waren die Zahlen aus dem Nahen Osten und aus dem Norden Afrikas für mich hingegen überhaupt nicht. Ich staunte eigentlich vielmehr darüber, dass Journalisten über diese Zahlen derart schockiert waren. In meinem heutigen Blog möchte ich mich mit diesem für mich unerklärlichen Staunen auseinandersetzen. Was mich insbesondere selbst ins Staunen versetzt ist, dass die „Schockierten“ offenbar ihre eigenen Geschichte, was den Umgang mit der Homosexualität betrifft, nicht kennen und eine unglaubliche und unerklärliche Erwartungshaltung gegenüber den Gesellschaften im Nahen Osten haben.

Da die Story in der BBC veröffentlicht wurde, könnten wir gleich das Beispiel von Großbritannien nehmen. Großbritannien ist ein Verfassungsstaat. Sein Verfassungsrecht hat insbesondere auch die Europäische Menschenrechtskonvention beeinflusst. Es war ein britischer Jurist, der die Schaffung entsprechender verbindlicher Normen forderte. Großbritannien ist ein Land, wo Gewaltenteilung und Demokratie seit Menschengedenken existieren. Mann und Frau sind gleichberechtigt und dies schon seit etlichen Jahrzehnten, so wie andere rechtsstaatliche Errungenschaften zur verfassungsrechtlichen Realität gehören. Gleichwohl hat Großbritannien auch in seiner Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts, als all diese vorgenannten Dinge bereits existierten, Homosexuelle verfolgt. Ein prominentes Beispiel , das viele kennen dürften, ist Alan Turing, der geniale Mathematiker, dem die Briten den Sieg im Zweiten Weltkrieg und wir alle den Computer verdanken. Die chemische Kastration, die von den Briten bei diesem genialen und sensiblen Mann vorgenommen wurde, hat ihn zuerst physisch und psychisch vernichtet und dann zum Selbstmord getrieben, wie wir im Spielfilm „The Imitation Game“ sehen konnten. Strafbar waren homosexuelle Handlungen in Großbritannien auch lange nach Turings Tod. Entsprechende Paragraphen wurden erst 1967 (England und Wales), 1981 (Schottland) und 1982 (Nordirland) abgeschafft. In anderen europäischen Staaten erfolgte dies noch später. Erst vor zehn Jahren übrigens hat sich der damalige englische Premier für das Unrecht, das Alan Turing angetan wurde, entschuldigt und erst vor sechs Jahren erhielt er die königliche Begnadigung, womit seine Rehabilitation erst in diesem Jahzehnt vollständig abgeschlossen wurde.

In meinem Land, der Schweiz, gibt es erst seit kurzem eine breitere Koalition für eine „Ehe für alle“. Gegenwärtig existiert lediglich die eingetragene Partnerschaft. Als ich in den Neunziger Jahren Jura studierte, konnte man zumindest an den Zivilrechtsvorlesungen keine positive Einstellung zur Öffnung der Ehe gegenüber homosexuellen Menschen vorfinden und kaum jemanden, der dies verteidigt hätte. Ein Gesetz, das Homosexuelle allgemein vor Diskriminierung schützt, existiert in der Schweiz selbst heute nicht. Neulich hat das Bundesgericht klargestellt, dass das Gleichstellungsgesetz im Zusammenhang mit Homosexuellen nicht gelte. Wie zu sehen ist, befinden wir uns selbst heute noch mitten in einem Prozess, was die gesellschaftliche Akzeptanz von homosexuellen Beziehungen anbelangt. Ich denke, dass diese Entwicklungen sogar uns individuell betreffen, zumindest mich. Wenn man mich anfangs der Neunziger Jahre danach gefragt hätte, ob ich für die „Ehe für alle“ sei, hätte ich sie ganz bestimmt noch nicht befürwortet. Dazu zählen auch viele andere Menschen, die wie ich in gesellschaftspolitischen Fragen sehr liberal eingestellt sind.

Erstaunlich ist das Staunen über die Intoleranz in arabischen Gesellschaften gegenüber Homosexuellen deswegen, weil die dort vorherrschenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse sich nicht einmal auf jener Stufe befinden, die wir in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kannten, was ganz offensichtlich ist. Die Demokratie ist im Nahen Osten nicht stark ausgeprägt, ebenso wenig die Rechtsstaatlichkeit, wenn diese Dinge überhaupt existieren. Eine Gleichberechtigung der Geschlechter kommt – wenn überhaupt – höchstens auf dem Papier vor und der Mann ist klar das Oberhaupt der Familie, übrigens auch in christlichen Gesellschaften im Nahen Osten. Vorehelicher Geschlechtsverkehr, der in westlichen Gesellschaften mittlerweile zur Norm gehört, ist in nahöstlichen Gesellschaften, die patriarchalisch geprägt sind, quasi inexistent und höchstens bei Menschen vorzufinden, die nach westlichen Standards leben und westlich denken. Selbst das Händchenhalten von heterosexuellen Paaren ist an vielen Orten im arabischen Sprachraum ein gesellschaftliches Tabu und wird sogar bestraft. Gesellschaftspolitische Normen der Scharia finden ganz generell Eingang in die Gesetzgebung und werden sogar teilweise direkt angewendet. Die vorherrschende Sexualmoral kommt vor allem auch mit dem islamischen Kopftuch und den anderen Verschleierungsarten des Islam zum Ausdruck.

In solchen Gesellschaften sollen nun liberale Zustände im westlichen Sinne für Schwule vorherrschen? Ist diese Erwartungshaltung wirklich ernst gemeint? In einer Gesellschaft, wo selbst ein öffentlicher Kuss des Ehemannes auf den Mund der Ehefrau beim Abschied ein Tabu ist, was bei uns sogar schon in den Dreißiger Jahren existierte, sollen nun CSD-Veranstaltungen und Drag-Queens auf breite gesellschaftliche Akzeptanz stoßen, weil diese Dinge bei uns mittlerweile zur Normalität gehören? Aus welcher Quelle im Nahen Osten soll eine solche generelle Toleranzhaltung gegenüber Schwulen denn entspringen? Welche gesellschaftspolitischen Voraussetzungen existieren denn dort, die so etwas begünstigen könnten?

Auch wenn die gesellschaftspolitischen Zustände im Nahen Osten extrem bedenklich sind, sollten sich die Menschen in Europa doch auch einmal bewusst werden, dass sie es sind, die sich innert kürzester Zeit massiv verändert haben und dies nicht nur in Belangen, welche den Umgang mit homosexuellen Menschen betreffen. Ein schönes Beispiel, um dies zu erkennen, ist ein Buch aus dem Jahr 1969, das mit ein Freund vor vielen Jahren spaßeshalber geschenkt hat. Der Titel des Buches aus der Schweiz lautet „Vor der Ehe Ja oder Nein – 1008 Mädchen antworten“, aus dem ich nachfolgend einige Perlen zitieren möchte. Man beachte insbesondere auch das jeweilige Alter der Damen.

Nach diesen Zitaten, welche die Sexualmoral von jungen Schweizerinnen des Jahres 1969 widerspiegeln, die in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht der Hippie-Bewegung angehörten, kann man zunächst feststellen, dass nur ein halbes Jahrhundert vergangen ist, seit diese Dinge gesagt wurden. Geflirtet haben diese Frauen trotzdem und sind immerhin auch voreheliche Beziehungen (ohne Geschlechtsverkehr) eingegangen, wie man lesen kann, was in arabischen Ländern selbst heute noch ein Tabu ist. Viele von ihnen sind mit ihren Freunden ausgegangen und haben sich auch küssen lassen, was für viele – aber nicht alle –  nahöstliche Gesellschaften völlig ausgeschlossen ist. Man kann also sagen, dass Europa, wo bereits verhältnismäßig liberale Zustände ohnehin schon vorherrschten, die wir heute nicht mehr als besonders liberal empfinden würden, einen riesigen gesellschaftspolitischen Sprung gemacht hat, insbesondere was die Sexualmoral anbelangt. Die heutige arabische Welt steht noch nicht einmal am Startpunkt, als diese Entwicklungen bei uns begannen.

Hinzu kommt die Frage danach, ob solche Entwicklungen in den entsprechenden Ländern überhaupt erwünscht sind. Dies trifft nur für westlich zivilisierte Subkulturen in diesen Ländern zu, die es durchaus gibt, aber ansonsten werden die gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Westen von vielen mit Argwohn beobachtet und oft als „verdorben“ eingestuft. Der politische Islam ist übrigens auch eine Reaktion auf solche Entwicklungen des westlichen Lebensstils, der für diese Gesellschaften während einer Phase des Zwanzigsten Jahrhunderts noch nachahmenswert war. Dies ist heute weitaus weniger der Fall, weil wesentlich weniger Menschen dazu bereit sind, sich gesellschaftspolitisch so zu entwickeln, wie der Westen dies gegenwärtig tut. Was ich damit sagen will: Es gibt durchaus fortschrittliche Araber, deren Frauen ihr Haar offen tragen. Sie haben keinerlei Vorbehalte, wenn die Tochter mit anderen Mädchen und Jungs in einer Eisdiele einen fröhlichen Nachmittag verbringt. Einen vorehelichen Geschlechtsverkehr der Tochter oder die Homosexualität des Sohnes würden sie dennoch niemals akzeptieren. Diese Haltung widerspiegelt den gesellschaftlichen Zustand der Fünfziger und Sechziger Jahre im Westen, als viele arabische Länder säkular geprägt und damit die Gesellschaften – die arabischen und die westlichen – wesentlich näher zueinander standen, als dies heute der Fall ist.  

Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir feststellen, dass wir es waren, die sich derart massiv verändert haben und weniger die Menschen im Nahen Osten und in Nordafrika und wir taten dies innert kürzester Zeit. Insbesondere ist die gesellschaftlich breit abgestützte Toleranz gegenüber Homosexuellen im Westen vor allem ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Dass man gegenüber arabischen Gesellschaften entsprechende Erwartungen hat, ist nicht nur scheinheilig, sondern auch reichlich naiv. Was dabei ebenfalls in Betracht gezogen werden muss ist, dass in der arabischen Welt eine ausdrückliche Abwehrhaltung gegenüber diesen neueren Entwicklungen im Westen besteht. Insbesondere nährt sich auch der politische Islam davon, weil auch viele moderne Menschen in der arabischen Welt nicht dazu bereit sind, diese Entwicklungen mitzumachen. Islamisten können hervorragend auf diese „verdorbenen“ Zustände im Westen hinweisen, um ihre Ideologie zu rechtfertigen und aufzeigen, wohin das Ganze hinführt, wenn das westliche Modell der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zur Wirklichkeit wird. Die „sexuellen Ausschweifungen“ von Frauen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr haben und die Akzeptanz von homosexuellen Beziehungen sind damit in solchen Gesellschaften Argumente, um den westlichen Lebensstil und westliche Werte ganz generell abzulehnen. Mit einem vom Patriarchat geprägten Westen der Babyboomer – wie die Zeit zwischen 1945 und 1990 zweifelsohne war – hatten die Araber weitaus weniger Probleme, weil die Modernität dieser Zeit nicht diametral ihren eigenen Vorstellungen einer modernen Gesellschaft widersprach, die sie für sich wünschten.

Die Erwartungshaltung von westlichen Gesellschaften gegenüber Gesellschaften im Nahen Osten, welche eine gewisse Naivität widerspiegelt, ist aus meiner Sicht fatal. Viele Menschen im Westen erwarten, dass Migranten aus solchen Gesellschaften beim Überschreiten der Grenze ihre Mentalität und ihre kulturell geprägte Sexualmoral einfach ablegen und die gleiche Toleranz zeigen, die man im Westen ihnen gegenüber zeigt, etwa indem man beispielsweise ihre Lebensführung nach den Normen der Scharia akzeptiert und den Islam sogar in die Inklusionspolitik einbezieht, wie vor allem die politischen Linken im Westen dies tun. Diese Erwartungshaltung ist deshalb absurd, weil die gleiche Scharia eine intolerante Haltung gegenüber Homosexuellen fordert und auch in vielen anderen Belangen sich als eine Ideologie der Intoleranz und der Unfreiheit offenbart. Es funktioniert also nicht im Sinne der Goldenen Regel, wenn man den Angehörigen einer intoleranten Ideologie Toleranz entgegenbringt, dass sie genau die gleiche Toleranzhaltung aufgrund der ihnen entgegengebrachten Toleranz anderen entgegenbringen würden.

Moderne türkische Frauen in Bahçelievler, Ankara in den Sechziger Jahren. Trotz dieser Modernität war die Türkei damals eine vom Patriarchat geprägte Gesellschaft, so wie die modernen westlichen Gesellschaften damals die gleiche Eigenschaft vorwiesen.
Das erstaunliche Staunen über die Intoleranz

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