Keine Aufklärung im Islam – Ein uraltes Klischee?

Auf der staatlich geförderten Islam-Apologeten-Seite Qantara.de ist ein interessantes Interview mit der bekannten islamwissenschaftlerin und Arabistin Angelika Neuwirth erschienen, in welcher sie die Behauptung aufstellt, dass es einem uralten Klischee entspreche, dass dem Islam die Aufklärung fehle. Sie begründet das wie folgt:

„Die Behauptung, dem Islam fehle die Aufklärung, ist ein uraltes Klischee. Der Stolz auf die Aufklärung, wenn er sich inzwischen allerdings auch etwas gelegt hat, verleitet immer wieder dazu, der westlichen Kultur gegenüber dem Islam einen erheblichen Vorsprung zuzumessen.

In der islamischen Geschichte hat es zwar keine flächendeckende Säkularisierungsbewegung gegeben, dies aber deshalb nicht, weil Sakrales und Säkulares im Islam bereits nebeneinander existierten. Auch war das Kräfteungleichgewicht zwischen Ost und West keineswegs immer so groß wie es heute vorherrscht. Die islamische Wissenskultur war sehr lange der westlichen oder überhaupt der außerislamischen weit überlegen. Das hat nicht zuletzt zu tun mit den medialen Vorsprüngen, die man hatte.

In der islamischen Welt wurde beispielsweise schon seit dem 8. Jahrhundert Papier hergestellt. Dies ermöglichte wiederum, immense Massen von Texten zu verbreiten, wovon zur gleichen Zeit im Westen noch gar keine Rede sein konnte. Es ist sicher mehr als das Hundertfache des im Westen an Schriften Vorhandenen, was da an arabischen Texten in Umlauf gebracht worden ist. Bis zum 15. Jahrhundert war man im Westen noch auf Pergament angewiesen, was sehr kostspielig und schwer zu bekommen war.“

Diese Angaben sind an Absurdität kaum zu übertreffen, weshalb es eines Kommentars bedarf.

Zunächst einmal entspricht es einer unumstösslichen Tatsache, dass die westliche Kultur gegenüber dem Islam einen erheblichen Vorsprung hat. Die Rückständigkeit der islamischen Welt kann man mit den eigenen Augen erkennen, wenn man deren Zustand und die Existenz vieler failed states in Betracht zieht, wobei dies hauptsächlich auf den Islam selbst zurückzuführen ist, namentlich auf die Existenz der Scharia, der allumfassenden Gesellschafts- und Rechtsordnung des Islam auf der Grundlage des Koran, der Hadithe, der Sira und anderer relevanten Schriften, die jeden gesellschaftlichen und politischen Fortschritt verhindert. Ausserdem spielt es nicht wirklich eine Rolle, ob der Abstand zwischen der westlichen Kultur und der Welt des Islam einst geringer war. Ich kann etwas Zielführendes in diesen Angaben, die ich immer wieder höre, nicht erkennen. Was soll es bringen, wenn einst eine entsprechende Hochkultur existierte, die heute genau wegen dieser Religion untergegangen ist?

Die Existenz von Papier und Verbreitung von Texten ist kein Merkmal der europäischen Aufklärung, sondern des europäischen Frühmittelalters, des Mittelalters im Allgemeinen und der Renaissance. Obwohl die westliche Zivilisation auch in diesen Epochen wunderbare Kulturgüter und Zeugnisse der Menschheitsgeschichte hervorgebracht hat, können deren Schöpfer nicht als Persönlichkeiten der Aufklärung bezeichnet werden. Leonardo da Vinci, Michaelangelo, Botticelli, Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, die Architekten der Kathedrale Notre Dame und Galileo Galilei waren nie und nimmer Persönlichkeiten, die der europäischen Aufklärung zuzurechnen wären. Bereits hier wird deutlich, dass Angelika Neuwirth keinen blassen Schimmer davon hat, was die Aufklärung hervorgebracht hat und was ihre Wesensmerkmale sind. Gerne möchte ich einige nennen. Da gibt es beispielsweise die Grundrechte, welche Menschen vor der Allmacht des Staates schützen und dem Staat Grenzen setzen, dann das Gewaltenteilungsprinzip, die Rechtsstaatlichkeit, die Rechtsgleichheit (später ergänzt durch die Gleichberechtigung der Geschlechter), Demokratie, Trennung von Kirche und Staat, Rationalismus und Glaube an den Fortschritt und an die Wissenschaften. Diese Dinge haben mit der Frühgeschichte des Islam, die sehr gerne idealisiert wird, nicht einmal im entferntesten etwas zu tun. Vor allem unterlässt Angelika Neuwirth bei ihren haarsträubenden und völlig übertriebenen Behauptungen über die angebliche massive Medienverbreitung auf die Angabe, dass sich die islamische Welt während Jahrhunderten gegen den Buchdruck gesträubt hat, was eines der vielen Gründe ist, weshalb sie selbst heute noch so rückständig ist. Nur schon deshalb sind ihre Angaben über die angebliche Medienvielfalt im Islam mit Vorsicht zu geniessen wenn nicht gar abzulehnen.

Völlig widersinnig wenn nicht gar sinnfrei ist aber vor allem ihre Angabe, wonach es in der islamischen Geschichte zwar keine flächendeckende Säkularisierungsbewegung gegeben habe, dies aber deshalb nicht, weil Sakrales und Säkulares im Islam bereits nebeneinander existiert haben sollen. Was soll denn das heissen? Meint Angelika Neuwirth tatsächlich, dass die Welt des Islam deshalb keine flächendeckende Säkularisierungsbewegung brauchte, weil Sakrales und Säkulares angeblich ohnehin schon nebeneinander existiert hätten? Ich muss annehmen, dass sie das so meint, weil es ausdrücklich hier so steht. Diese Angaben sind in mehrfacher Hinsicht falsch. Durch die Scharia, das allumfassende Rechtssystem des Islam, welches Regeln für jede erdenkliche alltägliche Handlung aufstellt, wurde in der Welt des Islam eigentlich praktisch schon immer das Gegenteil davon gelebt als das, was hier Angelika Neuwirth von sich gibt. Wenn jede Handbewegung, jede Handlungsweise , jedes Verbot und jede Wertung von der Scharia geleitet wird, sind säkulare Dinge und sakrale Handlungen derart miteinander vermischt, dass man nicht wirklich behaupten kann, diese Dinge hätten nebeneinander existiert. Das ist schlicht und einfach falsch, weil das pure Gegenteil davon zutrifft. Sakrale und säkulare Dinge haben in der Geschichte des Islam vor allem in der Türkischen Republik nebeneinander existiert, so circa ab 1932 bis circa 1970. Danach ging es, was diese Eigenschaft anbelangt, immer abwärts. Der Schöpfer dieser Republik, Mustafa Kemal Atatürk, war beeinflusst von der französischen Revolution und deren Ideengeschichte, namentlich von der europäischen Aufklärung. Es ist schon interessant, dass Angelika Neuwirth dessen Namen hier nicht einmal erwähnt, weil ihre Liebe offensichtlich dem Islam gilt und nicht den Säkularisierungsbewegungen in der islamischen Welt.

Angelika Neuwirth irrt sich auch in mehrfacher Hinsicht, wenn sie im Zusammenhang mit der europäischen Aufklärung auf eine islamische Wissenskultur hinweist. Zunächst einmal kann diese Wissenskultur nicht mit der europäischen Aufklärung gleichgesetzt werden, wie ich schon bereits begründet habe und vor allem handelte es sich dabei um arabische und persische Wissenskulturen und nicht um eine islamische. Ihre Existenz und den dafür erforderlichen Antrieb verdanken diese Hochkulturen nicht dem Islam. Ganz im Gegenteil: Diese Wissenskultur existierte, bevor die Dogmatik der Scharia und ihre Wirkung auf die Politik und die Gesellschaft sie vernichtete. Wir sollten die grossen arabischen und persischen Mediziner, Optiker, Physiker und Naturforscher nicht als muslimische oder islamische Forscher bezeichnen, weil diese Menschen sich der Wissenschaft gewidmet haben und nicht dem Islam und der Dogmatik der Scharia. Scharia-Muslime haben diese teilweise verfolgt und ihre Schriften verbrannt. Deshalb ist die immer wieder zu hörende Angabe, dass es sich bei diesen Forschern um „islamische Wissenschaftler“ gehandelt habe, schlicht und einfach irreführend wenn nicht gar blanker Hohn.

Im Ergebnis ist die Angabe, wonach es im Islam an Aufklärung fehle, ein uraltes Klischee sei, eine haltlose Behauptung von Angelika Neuwirth, der jede ernst zu nehmende Grundlage fehlt. Dabei ist insbesondere festzustellen, dass sie eine völlig falsche Vorstellung darüber hat, was die europäische Aufklärung gebracht hat.

Daher abschliessend:

Sic tacuisses, philosopha mansisses.

Charles-Louis de Secondat, Baron de La Brède de Montesquieu (1728)
Auf ihn geht das Gewaltenteilungsprinzip zurück
.
Keine Aufklärung im Islam – Ein uraltes Klischee?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s