Erbakan öffentlich loben und am nächsten Tag im Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten des Landes Baden-Württemberg einsitzen

Nachdem ich mich vor nur zwei Tagen sehr intensiv mit dem Antisemitismus im muslimischen Kontext auseinandergesetzt hatte, erlebte ich auf Facebook eine surreale Situation, welche puncto Surrealismus selbst den Film Un chien Andalou von Luis Buñuel und Salvador Dalí aus dem Jahr 1929 in den Schatten stellen dürfte. Zu Grotesk war die Konstellation aber auch bemerkenswert.

Un Chien Andalou

(Bild aus dem surrealistischen Meisterwerk “Un chien andalou”, Salvador Dali & Luis Buñuel, 1929)

Am 4. April 2019, um 15:22 Uhr, postete der Präsident der „Türkischen Gemeinde“, Gökay Sofuoğlu, den ich nicht kenne und mit dem ich auch über Facebook nicht befreundet bin, Folgendes öffentlich auf Facebook:

„Vielen Dank lieber Michael Blume für das wichtige Buch und Deine Widmung. Bei der Klausurtagung des Ressortkreises und des Expertenrats beim Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus dürfte ich (Als Mitglied des Expertenkreises) das Buch über IRGW beziehen und vielen Dank an dieser Stelle .
Antisemitismus bedroht uns alle, sowie Antiziganismus und Islamaphobie. Deshalb müssen wir gegen jegliche Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen.“

Auch dieser Meldung zufolge soll sich Gökay Sofuoğlu im Kreise der Experten befinden, die der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Baden Württemberg, Dr. Michael Blume, über den ich neulich gebloggt habe, zur Erfüllung seiner Aufgabe bestellt hat. Gemäß Nachricht nimmt er im Expertengremium wohl in seiner Eigenschaft als „Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland“ teil. Einen anderen Grund für die Ernennung des SPD-Mitglieds und Verbandfunktionärs kann ich zumindest nicht erkennen.

Bemerkenswert wenn nicht gar absurd ist der Umstand, dass der gleiche Gökay Sofuoğlu keine 24 Stunden zuvor, namentlich am 3. April 2019, um 16:31 Uhr, ein Meme mit dem größten Antisemiten der Geschichte der Türkischen Republik, Necmettin Erbakan, auf seine Wall auf Facebook postete mit der Bemerkung „Ich wollte eine Notiz aus der Geschichte zum Besten geben“. Bevor ich auf die Person von Erbakan eingehe, möchte ich die Fakten noch etwas ergänzen. Auf dem Meme (siehe Bild) steht auf Türkisch Folgendes:
Ohne Titel

“Unser Weg ist nicht der Weg des Behauptens und des Beschuldigens, sondern des Beweisens und des Überzeugens. Unter den Kindern der gleichen Nation kann es unterschiedliche Ansichten geben. Aber das sollte niemals Anlass dafür sein um zu beschuldigen, um zu diskriminieren und zu spalten.
Prof. Dr. Necmettin Erbakan, der Führer von Milli Görüş (“Nationale Sicht”)”

Als jemand auf diesen Post reagierte und Gökay Sofuoğlu spaßeshalber (inkl. Smiley) auf Türkisch als „Krypto-Erbakan-Fan“ bezeichnete, antwortete dieser – ohne auf den Scherz einzugehen – Folgendes (in türkischer Sprache):

“Wenn jemand Wahres ausspricht (und der Hodscha (gemeint ist Erbakan) hat nie betrogen und hat sich nie betrügen lassen), muss man sich an seinen Namen wohlwollend erinnern. Auch wenn Unterschiede hinsichtlich politischer Ansichten bestehen, müssen wir im Sinne einer Methode eine gemeinsame Sprache finden. Das brauchen wir heute sehr.”

Erbakan

(Necmettin Erbakan, 1926 – 2011)

Bei Necmettin Erbakan, der mittlerweile verstorben ist, handelt es sich um den Gründer der Milli Görüş Bewegung, der türkisch-nationalistischen Variante der Muslimbruderschaft, eine Organisation, die vor allem in Deutschland seit den frühen Siebzigerjahren groß und stark werden sollte. Auch war er der politische Ziehvater des nationalislamistischen Diktators Erdoğan, mit dem er sich aber später verworfen hatte. Milli Görüş wird in der Bundesrepublik seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet und gilt als antisemitisch, was in Anbetracht des Antisemitismus von Necmettin Erbakan nicht überraschend ist. Es handelt sich dabei übrigens nicht „bloß“ um einen Hass gegenüber Israel. In seinen Reden stellt Erbakan die wirrsten Verschwörungstheorien über Juden auf, die alles in den Schatten stellen, was ich jemals auf Türkisch gehört habe. Wenn es um Antisemitismus geht, sieht selbst Erdoğan neben einem Erbakan wie ein Chorknabe aus. Mehr noch: Erbakan hat Erdoğan mehrfach, nachdem er sich mit ihm verworfen hatte, Kollaboration mit den Juden vorgeworfen. Die Radikalität des Antisemitismus von Erbakan ist nicht nur in der Türkei jedem bekannt, der sich halbwegs für Politik interessiert, sondern auch vielen Deutschen, die sich für türkische Politik interessieren, weil auch diverse deutsche Medien über Erbakan und dessen Antisemitismus berichtet haben. Unter diesem Link (in englischer Sprache) kann man selbst nachlesen, wie krass antisemitisch Erbakan war. Hier die Übersetzung aus Lizas Welt:

Journalist: „Lieber Herr Erbakan, wir steuern am Ende einer fünfjährigen Regierung ihrer Schüler (in der AKP) auf die Wahlen zu. Sie sagen, dass diese Wahlen entscheidend sind, dass sie über ‚Sein oder Nichtsein’ der Türkei entscheiden. Warum denken Sie so, insbesondere wenn das Land von Ihren Schülern regiert wird?“

Erbakan (nach Grüßen und Gebeten): „Diese Wahlen entscheiden, ob wir sein werden oder aufhören. […] Der rechte Weg zum Glück der ganzen Menschheit ist unser Weg, der Weg von Milli Görüş. Unser Prophet wurde mit Liebe und Erbarmen ausgesandt, und unser Ziel ist das Glück der sechs Milliarden Menschen in der Welt. Wir sind Muslime, und unsere Zivilisation hat der ganzen Welt Glück gebracht. Das ist das Gute, aber es gibt auch das Böse. Unsere Religion sagt, dass die Ungläubigen eine Nation [Millah] bilden. Das bedeutet, das Böse wird von einem Kontrollzentrum geführt. Betrachten wir die Weltkarte, dann sehen wir ungefähr 200 Länder in [verschiedenen] Farben, und wir denken es gibt viele Rassen, Religionen und Nationen. Tatsache ist, dass in den [letzten] 300 Jahren all diese [200 Nationen] von einem Zentrum kontrolliert wurden. Dieses Zentrum ist der rassistische, imperialistische Zionismus. Nur wenn Sie die korrekte Diagnose der Krankheit vornehmen, können Sie die Heilung finden. Sie werden fragen: ‚Was ist dieser Glaube, dieser rassistische Imperialismus der das Glück dieser Welt vernichtet?’ Dieser Glaube begann vor 5765 Jahren, als die Kinder Israels in Ägypten lebten, mit einem Buch der Magie, die von einer Kabbala genannten [Person] geschrieben wurde.“

 Erbakan unterstellt den Juden in seinen Ausführungen 4 „Prinzipien“:

„1. Ihr seid das wirkliche Volk Gottes; alle anderen wurden nur geschaffen, eure Sklaven zu werden; ihr wurdet als Menschen [geschaffen] und die anderen als Affen, die später in Menschen verwandelt wurden. 2. Diese Überlegenheit wird nicht nur eine im Gedanken sein, sondern sie wird materialisiert, tatsächlich realisiert. Sie werden die Meister sein und die anderen ihre Sklaven. Zur Verwirklichung müssen sie drei Pflichten erfüllen: Die erste Pflicht ist, alle verstreuten Söhne Israels in Quds [Jerusalem] zu versammeln; die zweite Pflicht ist, das ‚Großisrael’ zwischen Nil und Euphrat innerhalb dieser vorbestimmten Grenzen zu schaffen und die Sicherheit dieses Großisraels zu garantieren. Wissen Sie, was die Sicherheit Israels bedeutet? Sie bedeutet, dass sie die 28 Länder von Marokko bis Indonesien beherrschen werden. Da alle Kreuzfahrten von den Zionisten organisiert wurden und da es unsere Vorväter, die Seldschuken, waren, die sie aufgehalten haben, sollte es laut Kabbala keinen souveränen Staat in Anatolien geben. Das ist die Religion dieses Volkes [das heißt der Juden], ihr Glaube. Sie können nicht mit ihnen argumentieren oder verhandeln. Das ist ihre Religion, und die kommt von der Kabbala. […] 3. Sie werden – was Allah verhüten möge – die Al-Aqsa-Moschee zerstören und stattdessen Salomons Tempel bauen. 4. Nur dann wird ihr Messias kommen und sie zu den Herrschern der Welt machen.

 „Was für eine Welt haben sie gebaut? Ohne dies zu verstehen, kann nichts verstanden werden. Die Stimmzettel, die Wahlen [nach denen Sie fragen], das sind alles Details. Das Wesentliche ist dies: Angenommen, Sie als Muslim wollen [nach Mekka] zum hadj [Wallfahrt] und möchten dabei mit einem türkischen Flugzeug fliegen. Eine Fluglinie muss die Erlaubnis haben, zu fliegen und in anderen Ländern zu landen, deswegen muss sie IATA-Mitglied sein. IATA ist eine Organisation der Kinder Israels, von Rockefeller. Um Mitglied zu werden, müssen die Fluglinien ihnen [den Juden] neun Prozent der Ticket-Einnahmen geben.“

 „Es war der Zionismus, der die Sekte des Protestantismus geschaffen hat. Die kapitalistische Ordnung heute ist der religiöse Auftrag des Protestantismus. Das ist deshalb so, weil der Papst das Konzept des Zinses ablehnt, um nicht die Ausbeutung seiner Kinder zu gestatten. Das ist [der Grund], weshalb die Juden beschlossen, die [christliche] Religion zu ändern und den Protestantismus gründeten. So können sie Zinsen erheben und alle dazu bringen, für sie zu arbeiten. Ohne all dies zu wissen, können Sie nicht verstehen, was in der Welt vor sich geht. Wenn wir all dies erfahren, dann wissen wir, dass es keine 200 Länder in der Welt gibt. Es gibt lediglich zwei. Das eine ist die Welt des Islam, und das andere sind all die anderen. Wer benutzt die anderen? Der rassistische Imperialismus [gemeint ist der Zionismus]. Die Zionisten halten die Christen an der Hand und benutzen sie. Die Industrieentwicklung Chinas und Indiens wird mit jüdischem Kapital betrieben. Die Japans ebenfalls. Sie kontrollieren auch diese. Nur der Islam bleibt gegen sie. Die Juden sagen, ihr werdet unsere Sklaven sein. Der Islam sagt: La i lahe il l’ Allah – Wir werden vor niemandem als vor Allah den Kopf senken. Niemand wird irgendjemandes Sklave sein. So ist das ein Konflikt zwischen den beiden – ein Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen.“

Damit keine Missverständnisse entstehen: Gökay Sofuoğlu hat auf Facebook keine antisemitischen Inhalte geteilt auch keine antisemitischen Memes von Erbakan, die es ja auch gibt, wie beispielsweise dieses hier.

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(Antisemitisches Meme aus dem Internet mit einem antisemitischen Erbakan-Zitat: “Den Muslim, der sich nicht für Politik interessiert, regiert der Jude, der sich für die Politik interessiert.”)

Allerdings hat Gökay Sofuoğlu nur wohlwollende Worte für Erbakan, bezeichnet ihn sogar als Hodscha („Lehrer“, entspricht dem jüdischen Rabbi), was eine türkische Ehrerbietung und Respektbezeugung ist. Er habe sich nie betrügen lassen, bedeutet sinngemäß, dass man ihn nicht täuschen konnte, womit er ihm einen scharfen Verstand zurechnet. Dass er selbst nie betrogen habe, bedeutet, dass Erbakan kein Lügner gewesen sei, sprich er sei ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch gewesen. Wenn jemand etwas Wahres ausspreche, wie hier Erbakan, müsse man sich – unabhängig davon, wer er ist und auch unabhängig von allfälligen Meinungsverschiedenheiten – wohlwollend an ihn erinnern.

Das hört sich zweifelsohne zunächst einmal altklug an aber ist das wirklich so? Kann man beispielsweise eher unverdächtige Aussagen einer Nazi-Größe wiedergeben und darüber schreiben „Er war zwar ein Nazi und Mitglied der SS, aber wo er Recht hatte, hatte er Recht!“. Meines Erachtens entspräche dies der allseits bekannten „Hitler war zwar schon ganz schlimm, aber er hat die Autobahnen gebaut!“. Es spielt daher nicht wirklich eine Rolle, ob Gökay Sofuoğlu eine eher unproblematische Aussage von Erbakan geteilt hat, weil Erbakan selbst problematisch genug ist. Das würde ich übrigens nicht über jeden so angeben, der einer politischen Gruppierung angehört, mit der ich selbst nicht sympathisiere. Es ist nicht so, dass ich die Aussage einer bestimmten Person nur schon wegen dessen Parteizugehörigkeit disqualifiziere. Wir sprechen hier allerdings über Erbakan und nicht über einen Sozialdemokraten oder Grünen, dessen politischen Auffassungen nicht den meinen entsprechen. Da ist jede Apologie und jede Verharmlosung völlig unzulässig. Wenn jemand sogar noch eine Stufe wahnsinniger und rassistischer ist als ein Jean-Marie Le Pen, was bei Erbakan wohl zutraf, erübrigt sich jede Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass Gökay Sofuoğlu selbst kein Antisemit ist, respektive kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich selbst als einen Antisemiten wahrnimmt. Er ist allerdings ein politisch engagierter Mann und muss daher die Positionen von Necmettin Erbakan kennen insbesondere auch die Tatsache, wie krass antisemitisch Erbakan drauf war, der sogar so weit ging, einem Antisemiten wie Erdoğan selbst verschwörungstheoretische und antisemitische Vorwürfe zu machen, die ihresgleichen suchen. Wie kann ein Mann wie Gökay Sofuoğlu, der in der Bundesrepublik die Schulen besuchte und über Antisemitismus mehr wissen sollte als seine Landsleute in der Heimat, so ohne weiteres über diese Haltung dieses Mannes hinwegsehen und ihn in einem positiven Zusammenhang zitieren, ihn als Hodscha bezeichnen und wohlwollend an seinen Namen erinnern? Wie das geht? Es geht deshalb, weil Gökay Sofuoğlu es selbst nicht merkt und auch nur deshalb in der Lage ist, nur einen Tag später etwas über seine Aufgabe als Experte beim Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten auf Facebook zu posten, ohne dabei zu erröten. Ich bin überzeugt, dass hier zu keinem Zeitpunkt böser Wille vorhanden war. Vielmehr denke ich, dass dem Verbandspräsidenten der „Türkischen Gemeinde“ sein widersprüchliches wenn nicht gar groteskes Verhalten schlicht und einfach nicht bewusst ist.

Ich denke daher, dass Gökay Sofuoğlu sich vielleicht nicht als Experte sondern eher als Studienobjekt für diesen Expertenrat eignet, weil bei ihm ein sehr wesentliches Problem des Antisemitismus im muslimischen Kontext offenbar wird. Er ist in der Lage, über die haarsträubendsten Aussagen eines Necmettin Erbakan hinwegzusehen, sich über dessen allseits bekannten von Verschwörungstheorien nur so triefenden Antisemitismus zu foutieren, den Umstand, dass dessen Milli Görüş vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird, als völlig unbeachtlich zu finden und trotz dieser Umstände in ihm einen Ratgeber (Hodscha) zu erkennen. Dieses Hinwegsehen entspricht haargenau dem bereits oben aufgeführten Beispiel von Hitler mit den Autobahnen. Genau hier muss angesetzt werden, wenn es um den Antisemitismus im muslimischen Kontext geht.

Erbakan öffentlich loben und am nächsten Tag im Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten des Landes Baden-Württemberg einsitzen

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