Über Antisemitismus im muslimischen Kontext

Der Ursprung des Antisemitismus im muslimischen Kontext ist der islamische Antisemitismus auf der Grundlage der Scharia. Es handelt sich dabei um einen originären – d.h. von anderen Antisemitismen losgelösten und unabhängig entstandenen – Antisemitismus, der in allen möglichen Quellen der Scharia vorzufinden ist. Der islamische Antisemitismus ist im Koran, der Primärquelle der Scharia zu finden, aber auch in den Hadithen, die in außerkoranischen Hadith-Sammlungen über Taten, Verhaltensweisen, Befehle und Empfehlungen des Propheten berichten, die teilweise kanonisch sind sowie in der Sira, der frommen kanonischen Prophetenbiographie. Islamischer Antisemitismus findet sich aber auch in den relevanten Kommentaren zu diesen Schriften, in Fatwas (Rechtsgutachten) und in vielen Publikationen religiösen Inhalts. Für einen Europäer, der sich nur über die Printmedien und übers Internet mit dem Islam befasst hat, ist das Ausmaß des Judenhasses im Islam – und dies bereits in dessen Grundlagen  – kaum vorstellbar. Ein Buch, um dieses Manko zu beheben ist Andrew Bostoms „The Legacy of Islamic Antisemitism: From Sacred Texts to Solemn History“ aus dem Jahr 2008. Wie es sich aus dem Titel erraten lässt, handelt es sich bei diesem Werk um ein Quellenbuch, das beim Ursprung des islamischen Antisemitismus, namentlich beim Koran, anfängt und entsprechende antisemitische Stellen übersetzt; anschließend kommen einige Hadithe, dann Stellen aus der Sira, dann aber auch Augenzeugenberichte aus späteren Jahrhunderten von Europäern, die in islamischen Ländern Beobachtungen von Übergriffen auf Juden machen konnten. Der Eindruck, der bei der Lektüre dieses Buches entsteht ist, dass der islamische Antisemitismus sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte des Islam ziehen lässt.

Bereits in der Eröffnungssure des Koran, der al-Fatiha, werden die Juden negativ umschrieben. Die erste Sure im Koran hat im Islam eine zentrale Bedeutung, weil sie das islamische Hauptgebet beinhaltet. Der gläubige Muslim, der die obligaten fünf Gebete des Tages verrichtet, wiederholt ihn mehrmals und bezeichnet dabei die Juden, ohne sie ausdrücklich zu nennen als jene, die dem Zorn Gottes verfallen seien. In den Ayat 6 und 7 der Sure heißt es:

Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!“

Der Grund, weshalb die Juden gemäß der ersten Sure des Koran dem Zorn Gottes verfallen seien und gläubige Muslime in ihrem Hauptgebet, welches dem christlichen Vaterunser entspricht, mehrmals am Tag Gott darum bitten, dass sie bloß nicht so werden wie Juden, ist im Koran selbst zu finden. Einerseits wird ihnen vorgeworfen, dass sie Gottes Zeichen verleugnet hätten, dessen Gebote missachteten und Propheten ungerechterweise ermordeten (Sure 3, Vers 112) und andererseits werden die Juden beschuldigt, nach ihrem Gutdünken die Thora verfälscht zu haben (Sure 2, Vers 75).

Unter „Ermordung von Propheten“ (Sure 3, Vers 112) ist nicht etwa die Kreuzigung Jesu zu verstehen, wie ein westlicher Leser erwarten würde, weil die Muslime nicht daran glauben, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, dies obwohl die Kreuzigung Jesu und seine Taufe die wohl sichersten Informationen aus dem Leben des historischen Jesus darstellen. Es sind andere Propheten gemeint, die von den Juden ermordet worden seien. In den Hadithen wird das Motiv des Prophetenmordes durch die Juden sogar auf den Tod von Mohammed selbst übertragen. Gemäß Hadith-Quellen, die nach islamischer Vorstellung als sahih und damit als besonders vertrauenswürdig und heilig gelten, sei Mohammed an den Spätfolgen eines Giftmordanschlags durch die Juden verstorben, die ihm nach der Eroberung Khaibars vergiftetes Hammelfleisch zum Essen angeboten hätten (vgl. dazu die entsprechenden Stellen aus Sahih Bukhari und Abu Dawud). In anderen Überlieferungen ist es eine Jüdin, die Mohammed versucht zu vergiften, wobei seine Begleiter auf der Stelle umkommen, die vom gleichen Fleisch gegessen hätten. Der Giftanschlag sei im Übrigen ein Test gewesen, um festzustellen, ob Mohammed tatsächlich ein Prophet sei. Nachdem Mohammed gemäß Überlieferung zunächst überlebt, wird nach islamischer Vorstellung seine Propheteneigenschaft bewiesen. Er stirbt aber dennoch an den Folgen, womit das Prophetenmordmotiv im Kontext des islamischen Antisemitismus sogar beim Propheten des Islam erfüllt wird. Wie schwerwiegend der Vorwurf ist, dass Mohammed an den Folgen eines Giftmordanschlags durch die Juden umgekommen sei, muss hier wohl kaum näher erörtert werden.

Unter dem Vorwurf der Thoraverfälschung gegenüber den Juden (Sure 2, Vers 75) ist zunächst die fehlende Erwähnung Mohammeds in der Thora zu verstehen, weil dessen Ankunft nach islamischem Verständnis ursprünglich bereits in der Thora angekündigt worden sei. Weil Mohammed in der Thora fehlt, was durchaus zutrifft, können nach islamischem Verständnis nur die Juden dahinter stecken, die in ihrer angeblichen Böswilligkeit Mohammed aus der Thora entfernt und damit ihre eigene Heilige Schrift verfälscht hätten. Aber auch Stellen der Thora, die mit dem Koran nicht übereinstimmen, werden als spätere jüdische Fälschungen betrachtet. Entsprechende Vorwürfe gibt es übrigens auch gegenüber Christen. Obwohl diese angeblichen Schriftfälschungen durch die Juden deren eigene Schrift betreffen, wird dies auch aus islamischer Perspektive als eine schwere Sünde angesehen, weil damit die Juden das Wort des gemeinsamen abrahamitischen Gottes gefälscht haben sollen. Es geht also nicht nur darum, dass Mohammed in der Thora fehlt. Vielmehr geht es auch darum, dass überhaupt eine heilige Schrift des Gottes von Abraham verfälscht worden sei und zwar durch die Juden.

Im Koran finden sich weitere sehr schwerwiegende antisemitische Verschwörungstheorien gegen Juden, von denen ich einige wiedergeben möchte, die keiner weiteren Interpretation bedürfen. Sie stammen alle aus der gemäß islamischer Tradition zeitlich letzten Sure, namentlich Sure 5.

Sure 5, Verse 12-14

“Allah hatte ja mit den Kinder Isrāʾīls ein Abkommen getroffen. (…) Dafür, daß sie ihr Abkommen brachen, haben Wir sie verflucht und ihre Herzen hart gemacht. Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihnen erfahren – bis auf wenige von ihnen. (…) Und (auch) mit denen, die sagen: „Wir sind Christen“, haben Wir ihr Abkommen getroffen. Aber dann vergaßen sie einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren. So erregten Wir unter ihnen Feindschaft und Haß bis zum Tag der Auferstehung. (…)”

Sure 5, Vers 41

O du Gesandter, lasse dich nicht durch jene traurig machen, die im Unglauben dahineilen, unter denen, die mit ihren Mündern sagen: „Wir glauben“, während ihre Herzen nicht glauben. Und unter denjenigen, die dem Judentum angehören, unter ihnen gibt es manche, die auf Lügen horchen, die auf andere Leute horchen, die nicht zu dir gekommen sind. Sie verdrehen den Sinn der Worte, nach(dem sie an) ihrer (richtigen) Stelle (waren), und sagen: „Wenn euch dies gegeben wird, dann nehmt es an. Wenn euch dies aber nicht gegeben wird, dann seht euch vor.“ Wen Allah der Versuchung aussetzen will, für den wirst du gegen Allah nichts (auszurichten) vermögen. Das sind diejenigen, deren Herzen Allah nicht rein machen wollte. Schande gibt es für sie im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe;

Sure 5, Vers 51

„Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen). Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht.“

Sure 5, Vers 64

“Und die Juden sagen: „Allahs Hand ist gefesselt.“ Ihre (eigenen) Hände seien gefesselt und sie seien verflucht für das, was sie sagen. Nein! Vielmehr sind Seine Hände (weit) ausgestreckt; Er gibt aus, wie Er will. Was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herabgesandt worden ist, wird sicherlich bei vielen von ihnen die Auflehnung und den Unglauben noch mehren. Und Wir haben unter ihnen Feindschaft und Haß erregt bis zum Tag der Auferstehung. Jedesmal, wenn sie ein Feuer zum Krieg anzünden, löscht Allah es aus. Und sie bemühen sich, auf der Erde Unheil zu stiften. Aber Allah liebt nicht die Unheilstifter.”

Ein weiterer wichtiger Aspekt des islamischen Antisemitismus auf der Grundlage der Scharia ist insbesondere die Dhimma, die unfreiwillige „Schutzbefohlenheit“ von Juden und Christen unter muslimischer Herrschaft, die eine fortgesetzte rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung für diese Menschen bedeutete, die in muslimischen Mehrheitsgesellschaften lebten, in denen die Scharia ihre Wirkung entfalten konnte. Der zynisch anmutende Begriff „Schutz“ ist übrigens durchaus ernstgemeint, weil andere Religionsangehörige – insbesondere Polytheisten – überhaupt keine Daseinsberechtigung hatten. Die Dhimmi durften in einer Scharia-Gesellschaft deshalb überleben und überhaupt existieren, weil sie den gleichen abrahamitischen Gott anbeteten wie die Muslime und aus islamischer Perspektive „Leute der Schrift“ waren. Die aus islamischer Sicht „privilegierten“ Dhimmi mussten sich allerdings erkennbar als Juden respektive Christen kleiden (teilweise mit besonderen Farben), sie durften kein Pferd reiten, damit verhindert werden konnte, dass sie über den Muslimen standen (einerseits faktisch und andererseits auch sozial), sie durften ihre Häuser nicht höher bauen als diejenigen von Muslimen, sie konnten nur unter schwierigsten Bedingungen und nur höchst ausnahmsweise neue Gotteshäuser bauen und durften verfallende nicht renovieren. Sie wurden in Zivil- und Strafprozessen rechtsungleich und willkürlich behandelt, wenn die Gegenpartei ein Muslim war und vieles mehr. Dhimmi mussten unter anderem aber auch eine Sondersteuer – die sogenannte Dschizya – als Gegenleistung für ihren „Schutz“ entrichten, welche die nachfolgende folgende koranische Grundlage hat:

Sure 9, Vers 29

„Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten (oder: für verboten erklären), was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!“

In der Praxis bedeutete dies, dass sich ein Jude oder ein Christ persönlich zum Steuereintreiber begeben musste und sich für die Zahlung nicht vertreten lassen durfte, weil die Steuer „kleinlaut“ und „aus der Hand“ zu zahlen war, wie dies der Koran vorschreibt. Beim Zahlvorgang mussten sie ihr Haupt senken und sie bekamen unmittelbar nach der Zahlung einen Klaps auf den Hinterkopf, um sie daran zu erinnern, dass sie der falschen Religion angehörten.

Eine Hadith-Überlieferung ist allerdings derart schwerwiegend wie nichts anderes in der Scharia, wenn es um den islamischen Antisemitismus geht. Sie ist mehrfach – sowohl in Sahih Muslim als auch in Sahih Bukhari – sprich in den heiligsten Hadithquellen des sunnitischen Islam übermittelt. Hier die Version aus Sahih Muslim:

„Der Prophet sagte, daß die Stunde nicht kommen wird, bis die Muslime die Juden bekämpfen und umbringen; bis der Jude sich hinter dem Stein und Baum versteckt und der Stein und der Baum sagen wird: Oh, du Muslim, oh, du Diener Allahs, dies ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und bring ihn um! Bis auf Gargat dieser ist von den Bäumen der Juden.

Im Islam ist die Stunde des Jüngsten Tages die Heilserwartung schlechthin und zwar durch Zerstörung jeglichen Lebens, Auferstehung und Gericht. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die Vernichtung aller Juden Voraussetzung für die islamische Eschatologie ist und deshalb soll jeder Muslim Juden töten, bis sich die letzten hinter Steinen und Bäumen verstecken, wobei sich diese ganz am Schluss mit den Muslimen solidarisieren würden, um diese Aufgabe zu erfüllen, die der Prophet dem Gläubigen befohlen hat.

Zusammengefasst bedeutet das bisher Gesagte, dass bereits in den Quellen der Scharia ein solides Grundgerüst für alle möglichen Formen des modernen Antisemitismus im muslimischen Kontext vorhanden ist. Die antisemitischen Inhalte sind dabei wesentliche Bestandteile des Glaubens selbst, wenn man bedenkt, dass solche sogar im islamischen Hauptgebet und im Zusammenhang mit der islamischen Heilserwartung vorhanden sind. Es wäre allerdings falsch, wenn man den heutigen Antisemitismus im muslimischen Kontext allein auf die Inhalte der Scharia reduzieren würde, welche – wie zu sehen war – auch typische antisemitische Verschwörungsmythen beinhalten, wie etwa dass Juden lügen und die Bedeutung von Worten verdrehen würden und sogar so weit gegangen seien, dass sie ihre eigene Schrift verfälscht hätten.

Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch die Feststellung, dass dieser Antisemitismus individuell zu durchbrechen war und heute noch ist. Sobald nämlich ein Jude oder ein Christ – sprich eine Person, die zuvor den Dhimmi zugerechnet wurde – den „wahren Glauben“, namentlich den Islam, annahm, spielte es keine Rolle mehr, ob er selbst respektive seine Familie in der Vergangenheit einmal jüdisch waren. So betrachtet war die Dhimma, welche Juden und Christen diskriminierte, immer auch ein gutgemeintes Druckmittel, damit diese Menschen mehr oder weniger „freiwillig“ den Islam annahmen, was faktisch auch geschah. Die Konversion „heilte“ sozusagen den ursprünglichen Juden, weiterhin Opfer von Antisemitismus zu sein, was mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten ganz offensichtlich nicht gleichgestellt werden kann. Ähnliches gilt natürlich auch im christlichen Kontext. Sobald ein Jude sich taufen liess, gehörte er zur christlichen Glaubensgemeinschaft und war nicht mehr ein Objekt eines christlich motivierten antisemitischen Hasses respektive Diskriminierung.

Der islamische Antisemitismus sowie die islamische Christenfeindlichkeit fand – so wie ich vorhin dargelegt habe – in der Dhimma ihren Ausdruck. Diese Diskriminierung war in allen muslimisch geprägten Gesellschaften, in welchen die Scharia maßgeblich war, schon immer vorhanden, was auch heute noch zutrifft. Insbesondere ab dem späteren 19. Jahrhundert wurde dieser islamische Antisemitismus durch äußere Inputs angereichert.

Zunächst ist dabei etwa auf den arabischen sowie auf den türkischen Nationalismus hinzuweisen, die europäische Nationalstaaten und deren Nationalismus als Vorbilder hatten. Der ideale Bürger in diesen säkular geprägten muslimischen Gesellschaften war jedoch schon immer der sunnitische Muslim. Juden und Christen konnten nie wirklich Teil der nationalen Identität werden. Daran hat sich nicht einmal in der Türkei und zwar während der gesamten Dauer der Türkischen Republik etwas geändert, auch wenn sich der Staat heute noch als laizistisch definiert. Die Folge dieses Nationalismus, der eine religiöse Komponente enthält, die meines Erachtens klar auf die vorhin aufgeführten Inhalte der Scharia zurückgehen, hatte in der Türkei vor allem gegenüber christlichen Minderheiten gravierende Konsequenzen. Diesbezüglich ist vor allem auf den Völkermord an den christlichen Minderheiten vor der Gründung der Republik hinzuweisen, deren “Nutznießerin” die neugegründete Republik war, mit ihrem Konzept des türkischen Staatsangehörigen, der ohne dass es ausdrücklich ausgesprochen wurde, ein sunnitischer Muslim zu sein hatte und kein Alevite, kein Christ aber auch kein Jude. Es kam der neugegründeten Republik gelegen, dass aufgrund des Völkermordes wesentlich weniger Christen das Staatsgebiet bewohnten, als dies ursprünglich der Fall war, was die Schöpfung des türkischen Idealbürgers begünstigte. Meines Erachtens ist dies eines der wichtigsten Motive für die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern. Die Bejahung dieses Völkermordes wird von Nationalisten als eine Art Verneinung des Nationalstaates angesehen sowie eine Verneinung des türkischen Idealbürgers, der natürlich ein sunnitischer Muslim sein muss.

Ein hervorragendes Beispiel für die Diskriminierung der christlichen und der jüdischen Minderheiten in der laizistischen Türkischen Republik ist die von der Regierung Şükrü Saracoğlu in den Jahren 1941 und 1942 erhobene Varlık Vergisi (Vermögenssteuer). Die Steuer diente der Türkisierung der Wirtschaft und verfolgte das Ziel, die Vormachtstellung der religiösen Minderheiten in diesem Bereich zu beenden. Sie sollte damit vor allem die wohlhabenden Mitglieder der jüdischen, griechischen und armenischen Minderheiten treffen. Der damalige Präsident Ismet Inönü, der Nachfolger von Atatürk und eines seiner besten Freunde, soll über das Gesetz gesagt haben, dass man den Markt den Türken übergebe, wenn man die auf dem türkischen Markt dominanten Ausländer beseitige. Wenn die Steuerpflichtigen der Zahlung nicht nachkommen konnten, wurden sie in ein Arbeitslager geschickt.

Die erhobene Vermögenssteuer sah wie folgt aus:

  • Armenier: 232%
  • Juden: 179%
  • Griechen: 156%
  • Muslime: 4,94%

Varlik Vergisi

(Eine Versteigerung von Vermögensgütern im Zusammenhang mit Varlık Vergisi im Jahr 1942, um die hohe Steuer begleichen zu können; faktisch handelte es sich dabei um eine konsfiskatorische Enteignung)

Das Beispiel zeigt, dass die vorhin dargelegte Dschizya-Mentalität aus der Scharia selbst zu den Zeiten des türkischen Laizismus, als dieser aufgrund der Einparteienherrschaft der Republikanischen Volkspartei (CHP) wesentlich erheblicher war als zu späteren Zeiten, einen Nachhall hatte. Das bedeutet, dass religiöse Motive sogar Eingang in ein streng säkulares System gefunden hatten. Der Idealbürger war ein sunnitischer Muslim und Juden und Christen, die zwar die türkische Staatsangehörigkeit bekommen hatten, waren Bürger zweiter Klasse – wenn nicht gar “Ausländer”, wie Inönü sagte – und wurden bewusst diskriminiert. Wenn man der Ansicht sein sollte, dass diese Diskriminierung nicht unmittelbar wegen der diskriminierenden Inhalte der Scharia erfolgten, müsste man meines Erachtens zumindest eingestehen, dass diese religiösen Inhalte mindestens mittelbar eine Wirkung hatten.

Auch später in der Republikanischen Zeit hatte dieser vom Islam mindestens mittelbar beeinflusste Türkische Nationalismus Auswirkungen auf das Leben von jüdischen und christlichen Minderheiten. Am 6. Und 7. September 1955 fand beispielsweise das Pogrom von Istanbul statt, nachdem das unwahre Gerücht verbreitet wurde, dass das Geburtshaus von Atatürk in Thessaloniki in die Luft gesprengt worden sei. Die Übergriffe fanden nicht nur – wie man annehmen könnte – gegenüber der griechischen Minderheit statt. Vielmehr griffen die Pogrom-Beteiligten auch Armenier und Juden an. Später, im Jahr 1961, wurde der damalige konservative Premier Adnan Menderes insbesondere aufgrund dieser Ereignisse schuldig gesprochen und gehängt. Allerdings hatten diese Ereignisse zur Folge, dass christliche Minderheiten in sehr großen Zahlen die Türkei verließen, aber auch sehr viele Juden, die spätestens jetzt in den neugegründeten jüdischen Staat einwandern sollten.

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(Frontseite der türkischen Zeitschrift “Hayat” vom 28. Oktober 1960 mit Adnan Menderes. Die Schlagzeile lautet “Die Angeklagten im Zusammenhang mit den Ereignissen um den 6. und 7. September stehen vor Gericht”)

Als Beispiel des arabischen Nationalismus, der mit ähnlichen Motiven gegen die jüdischen und christlichen Minderheiten hetzte, möchte ich insbesonder Farhud nennen, das Pogrom von Bagdad vom 1. und 2. Juni 1941, welches der Anfang vom Ende der 2600 Jahre andauernden jüdischen Präsenz im Zweistromland war. Ein arabischer Mob verletzte über 1.000 Menschen, jüdische Frauen wurden von Gruppen vergewaltigt und verstümmelt. Die genaue Zahl der Getöteten ist nicht bekannt, es wird von mindestens 180 ermordeten Juden ausgegangen, manche Quellen geben auch bis zu 600 an. Sogar eine Synagoge wurde eingenommen und Thora-Rollen verbrannt.

Farhud

(Farhud in Bagdad, 1. oder 2. Juni 1941)

Wie an diesem Beispiel bestens zu erkennen ist, existierten solche antisemitischen Übergriffe im Zusammenhang mit dem arabischen Nationalismus auch vor der Gründung des Staates Israel. Als der Staat Israel gegründet wurde, ist die antisemitische Komponente des arabischen Nationalismus nur stärker geworden. Ab diesem Zeitpunkt wurden überall in der arabischen Welt Juden zu Sündenböcken gemacht, was zur Folge hatte, dass vor allem die Arabisch sprechende muslimische Welt heute weitestgehend „judenfrei“ ist. Es handelt sich um ein Genozid gewaltigen Ausmaßes, von dem heute kaum jemand spricht. Die Nachfahren dieser Menschen, die Mizrahi Juden, leben heute praktisch alle in Israel und natürlich auch einige Überlebende. Ein Film, der über das Schicksal der Mizrahi-Juden berichtet, ist der Dokumentarfilm “The Forgotten Refugees“, den ich empfehlen möchte. Hier eine Übersicht, die aufzeigt, wie die jüdische Bevölkerung in muslimisch geprägten Ländern vor und nach der Gründung Israels aussah (Quelle: Wikipedia).

Jewish Population by country: 1948, 1972 and recent times
Country or territory 1948 Jewish
population
1972 Jewish
population
Recent estimates
Morocco 250,000–265,000 31,000 2,500–2,700 (2006) 2,000 (2014)
Algeria 140,000 1,000 ≈0 <50 (2014)
Tunisia 50,000 8,000 900–1,000 (2008) 1,500 (2014)
Libya 35,000–38,000 50 0 0 (2014)
North Africa Total 475,000–548,000 40,050 3,400–3,700 3,550
Iraq 135,000–140,000 500 5 (2013) 5-7 (2014)
Egypt 75,000-80,000 500 100 (2006) 40 (2014)
Yemen and Aden 53,000–63,000 500 320 (2008) 90 (2014)

50 (2016)

Syria 15,000–30,000 4,000 100 (2006) 17 (2014)
Lebanon 20,000 2,000 20–40 (2006) 100 (2012)
Bahrain 550–600 50 (2008) 37
Sudan 350 ≈0 ≈0
North Africa & Arab Countries Total 758,350–881,350 <45,800 <3,795-4,345 <3,802-3,762
Afghanistan 5,000 500 2 (2001) 1 (2005)
Bangladesh Unknown 175–3,500 (2009) 75-100 (2012)
Iran 65,232 (1956) 62,258 (1976) 9,252 (2006) 8,756 (2014)
Pakistan 2,000–2,500 250 200 (2009) >900 (2017)
Turkey 80,000 30,000 17,800 (2006) 17,300 (2015)
Non-Arab Muslim Countries Total 202,000–282,500 110,750 32,100 26,157

Zu erwähnen bleibt, dass der moderne nationalistisch motivierte Antisemitismus im muslimischen Kontext auch Inputs aus den Antisemitismen aus Europa bekam. So war beispielsweise der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der als Organisator des vorerwähnten Farhud gilt, ein Mitglied der SS. Auch die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, eine Fälschung über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, die vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland entstand, erfreuen sich bei solchen Antisemiten schon seit vielen Jahren äußerster Beliebtheit. In der arabischen Welt finden sich heute noch Nationalisten, die Adolf Hitler verehren, insbesondere wegen seiner Vernichtungspolitik gegenüber Juden.

Aussenpolitik - Empfang für den Grossmufti von Jerusalem; Sayid Amin el Husseini (links) und Hitler

(Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, mit Adolf Hitler, 28. November 1941)

Zusammengefasst haben wir es beim Antisemitismus, der im Zusammenhang mit dem türkischen oder arabischen Nationalismus steht, mit einer von verschiedenen Antisemitismen ernährten Form zu tun. Einerseits spielen dabei Inhalte der Scharia mindestens mittelbar eine Rolle und andererseits entsprechen die Juden (genauso wenig wie die Christen) nicht dem Bild des Idealbürgers eines solchen Nationalstaates. Hinzu kommt der Nahostkonflikt, der dazu führte (und immer noch dazu führt), dass jüdische Mitbürger von Nationalisten zu Sündenböcken gemacht wurden sowie Inputs aus europäischen Antisemitismen, insbesondere auch Verschwörungstheorien.

Ich komme auf den islamistisch motivierten Antisemitismus. Um diesen Antisemitismus zu verstehen, ist es wichtig zu erfassen, was der Islamismus überhaupt ist und was er anstrebt. Beim Islamismus gleich welcher Art geht es sehr wesentlich darum, die Entwicklungen in der muslimischen Welt, die zu säkular geprägten Nationalstaaten geführt haben, die ich vorhin angesprochen habe, wieder rückgängig zu machen. Dieser Wunsch ist besonders schön aus den nachfolgenden Worten des Gründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, zu erkennen:

„Wir glauben fest daran, dass die Vorschriften des Islam umfassend sind und die Angelegenheiten der Menschen im Diesseits und im Jenseits regeln. Des weiteren glauben wir, dass diejenigen sich irren, die annehmen, diese Lehren behandelten lediglich die Aspekte des Glaubens und der Spiritualität. Denn der Islam ist Gottesdienst und Glaubensgrundsatz, Heimatland und Staatsangehörigkeit, Religion und Staat, Idee und Wert sowie Koran und Schwert.“

Es geht damit im Ergebnis um die Errichtung eines totalitären Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia. Dass Juden und Christen in einem solchen Gottesstaat so behandelt werden, wie die Scharia es vorschreibt, sollte sich nach meinen Ausführungen über die Dhimma von sich von selbst verstehen. Wie unmittelbar die Scharia auf die antisemitische Ideologie von Islamisten wirkt, ist etwa in Artikel 7 der Charta der Hamas erkennbar, die sich in Artikel 2 als Teil der globalen Muslimbruderschaftsbewegung zu erkennen gibt. Ganz am Schluss von Artikel 7 der Hamas Charta ist der oben zitierte Hadith wiedergegeben, gemäß dem Muslime sämtliche Juden auf der Welt (also nicht „nur“ die Israeli) ermorden müssten, damit sich die islamische Eschatalogie erfülle.

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(Zeitgenössische Karikatur, die den Inhalt der Hadith-Überlieferung wiedergibt, die Eingang in die Hamas Charta fand; die Karikatur stammt aus einem Facebook Post eines UNRWA-Mitarbeiters, einer vom Westen unterstützten UN-Organisation, die mindestens eine bedenkliche Personalpolitik betreibt)

Zusammengefasst bedeuten diese Informationen, dass der Antisemitismus im muslimischen Kontext sowohl in den Quellen der Scharia als auch bei den wichtigsten politischen Bewegungen in der islamischen Welt, die sich gegenseitig konkurrenzieren – namentlich bei den säkularen Nationalisten und bei den ihnen entgegenstehenden Islamisten – in einem erheblichen Masse vorhanden ist. Angefeuert werden diese Antisemitismen insbesondere durch den Nahostkonflikt aber auch durch ausländische Einflüsse. Die Folge davon ist, dass die überwiegende Mehrheit der muslimisch geprägten Gesellschaften extrem antisemitisch ist, wie aus der nachfolgenden Grafik zu erkennen ist. Sofern eine unkontrollierte Migration aus den jeweiligen Ländern nach Europa stattfindet, ohne dass man dabei die entsprechenden Ansichten der Migranten überprüft, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass solche Einwanderer antisemitische Ansichten und Gefühle nach Europa importieren.

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(Die Grafik zeigt, dass bei 8 von 13 genannten Staaten der Antisemitismus bei mehr als 80% der Bevölkerung vorhanden ist. Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz)

Wo eine Migration aus solchen Ländern besonders stark ist, kann man die Folgen auf das jüdische Leben in den jeweiligen Einwanderungsstaaten bereits heute sehr gut erkennen. Vor allem aus Großbritannien und aus Frankreich findet eine ernstzunehmende jüdische Auswanderung nach Israel statt, weil die Bedrohung real ist. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, dass das Gleiche leider auch in anderen Ländern erfolgen wird, die eine hohe Migration von muslimischen Migranten zu verzeichnen haben, insbesondere wenn es sich dabei um Islamisten oder um arabische respektive türkische Nationalisten handelt.

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Jüdische Kinder, kostümiert für Purim (Teheran, 1964)

 

 

 

Über Antisemitismus im muslimischen Kontext

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