Erbakan öffentlich loben und am nächsten Tag im Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten des Landes Baden-Württemberg einsitzen

Nachdem ich mich vor nur zwei Tagen sehr intensiv mit dem Antisemitismus im muslimischen Kontext auseinandergesetzt hatte, erlebte ich auf Facebook eine surreale Situation, welche puncto Surrealismus selbst den Film Un chien Andalou von Luis Buñuel und Salvador Dalí aus dem Jahr 1929 in den Schatten stellen dürfte. Zu Grotesk war die Konstellation aber auch bemerkenswert.

Un Chien Andalou

(Bild aus dem surrealistischen Meisterwerk “Un chien andalou”, Salvador Dali & Luis Buñuel, 1929)

Am 4. April 2019, um 15:22 Uhr, postete der Präsident der „Türkischen Gemeinde“, Gökay Sofuoğlu, den ich nicht kenne und mit dem ich auch über Facebook nicht befreundet bin, Folgendes öffentlich auf Facebook:

„Vielen Dank lieber Michael Blume für das wichtige Buch und Deine Widmung. Bei der Klausurtagung des Ressortkreises und des Expertenrats beim Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus dürfte ich (Als Mitglied des Expertenkreises) das Buch über IRGW beziehen und vielen Dank an dieser Stelle .
Antisemitismus bedroht uns alle, sowie Antiziganismus und Islamaphobie. Deshalb müssen wir gegen jegliche Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen.“

Auch dieser Meldung zufolge soll sich Gökay Sofuoğlu im Kreise der Experten befinden, die der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Baden Württemberg, Dr. Michael Blume, über den ich neulich gebloggt habe, zur Erfüllung seiner Aufgabe bestellt hat. Gemäß Nachricht nimmt er im Expertengremium wohl in seiner Eigenschaft als „Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland“ teil. Einen anderen Grund für die Ernennung des SPD-Mitglieds und Verbandfunktionärs kann ich zumindest nicht erkennen.

Bemerkenswert wenn nicht gar absurd ist der Umstand, dass der gleiche Gökay Sofuoğlu keine 24 Stunden zuvor, namentlich am 3. April 2019, um 16:31 Uhr, ein Meme mit dem größten Antisemiten der Geschichte der Türkischen Republik, Necmettin Erbakan, auf seine Wall auf Facebook postete mit der Bemerkung „Ich wollte eine Notiz aus der Geschichte zum Besten geben“. Bevor ich auf die Person von Erbakan eingehe, möchte ich die Fakten noch etwas ergänzen. Auf dem Meme (siehe Bild) steht auf Türkisch Folgendes:
Ohne Titel

“Unser Weg ist nicht der Weg des Behauptens und des Beschuldigens, sondern des Beweisens und des Überzeugens. Unter den Kindern der gleichen Nation kann es unterschiedliche Ansichten geben. Aber das sollte niemals Anlass dafür sein um zu beschuldigen, um zu diskriminieren und zu spalten.
Prof. Dr. Necmettin Erbakan, der Führer von Milli Görüş (“Nationale Sicht”)”

Als jemand auf diesen Post reagierte und Gökay Sofuoğlu spaßeshalber (inkl. Smiley) auf Türkisch als „Krypto-Erbakan-Fan“ bezeichnete, antwortete dieser – ohne auf den Scherz einzugehen – Folgendes (in türkischer Sprache):

“Wenn jemand Wahres ausspricht (und der Hodscha (gemeint ist Erbakan) hat nie betrogen und hat sich nie betrügen lassen), muss man sich an seinen Namen wohlwollend erinnern. Auch wenn Unterschiede hinsichtlich politischer Ansichten bestehen, müssen wir im Sinne einer Methode eine gemeinsame Sprache finden. Das brauchen wir heute sehr.”

Erbakan

(Necmettin Erbakan, 1926 – 2011)

Bei Necmettin Erbakan, der mittlerweile verstorben ist, handelt es sich um den Gründer der Milli Görüş Bewegung, der türkisch-nationalistischen Variante der Muslimbruderschaft, eine Organisation, die vor allem in Deutschland seit den frühen Siebzigerjahren groß und stark werden sollte. Auch war er der politische Ziehvater des nationalislamistischen Diktators Erdoğan, mit dem er sich aber später verworfen hatte. Milli Görüş wird in der Bundesrepublik seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet und gilt als antisemitisch, was in Anbetracht des Antisemitismus von Necmettin Erbakan nicht überraschend ist. Es handelt sich dabei übrigens nicht „bloß“ um einen Hass gegenüber Israel. In seinen Reden stellt Erbakan die wirrsten Verschwörungstheorien über Juden auf, die alles in den Schatten stellen, was ich jemals auf Türkisch gehört habe. Wenn es um Antisemitismus geht, sieht selbst Erdoğan neben einem Erbakan wie ein Chorknabe aus. Mehr noch: Erbakan hat Erdoğan mehrfach, nachdem er sich mit ihm verworfen hatte, Kollaboration mit den Juden vorgeworfen. Die Radikalität des Antisemitismus von Erbakan ist nicht nur in der Türkei jedem bekannt, der sich halbwegs für Politik interessiert, sondern auch vielen Deutschen, die sich für türkische Politik interessieren, weil auch diverse deutsche Medien über Erbakan und dessen Antisemitismus berichtet haben. Unter diesem Link (in englischer Sprache) kann man selbst nachlesen, wie krass antisemitisch Erbakan war. Hier die Übersetzung aus Lizas Welt:

Journalist: „Lieber Herr Erbakan, wir steuern am Ende einer fünfjährigen Regierung ihrer Schüler (in der AKP) auf die Wahlen zu. Sie sagen, dass diese Wahlen entscheidend sind, dass sie über ‚Sein oder Nichtsein’ der Türkei entscheiden. Warum denken Sie so, insbesondere wenn das Land von Ihren Schülern regiert wird?“

Erbakan (nach Grüßen und Gebeten): „Diese Wahlen entscheiden, ob wir sein werden oder aufhören. […] Der rechte Weg zum Glück der ganzen Menschheit ist unser Weg, der Weg von Milli Görüş. Unser Prophet wurde mit Liebe und Erbarmen ausgesandt, und unser Ziel ist das Glück der sechs Milliarden Menschen in der Welt. Wir sind Muslime, und unsere Zivilisation hat der ganzen Welt Glück gebracht. Das ist das Gute, aber es gibt auch das Böse. Unsere Religion sagt, dass die Ungläubigen eine Nation [Millah] bilden. Das bedeutet, das Böse wird von einem Kontrollzentrum geführt. Betrachten wir die Weltkarte, dann sehen wir ungefähr 200 Länder in [verschiedenen] Farben, und wir denken es gibt viele Rassen, Religionen und Nationen. Tatsache ist, dass in den [letzten] 300 Jahren all diese [200 Nationen] von einem Zentrum kontrolliert wurden. Dieses Zentrum ist der rassistische, imperialistische Zionismus. Nur wenn Sie die korrekte Diagnose der Krankheit vornehmen, können Sie die Heilung finden. Sie werden fragen: ‚Was ist dieser Glaube, dieser rassistische Imperialismus der das Glück dieser Welt vernichtet?’ Dieser Glaube begann vor 5765 Jahren, als die Kinder Israels in Ägypten lebten, mit einem Buch der Magie, die von einer Kabbala genannten [Person] geschrieben wurde.“

 Erbakan unterstellt den Juden in seinen Ausführungen 4 „Prinzipien“:

„1. Ihr seid das wirkliche Volk Gottes; alle anderen wurden nur geschaffen, eure Sklaven zu werden; ihr wurdet als Menschen [geschaffen] und die anderen als Affen, die später in Menschen verwandelt wurden. 2. Diese Überlegenheit wird nicht nur eine im Gedanken sein, sondern sie wird materialisiert, tatsächlich realisiert. Sie werden die Meister sein und die anderen ihre Sklaven. Zur Verwirklichung müssen sie drei Pflichten erfüllen: Die erste Pflicht ist, alle verstreuten Söhne Israels in Quds [Jerusalem] zu versammeln; die zweite Pflicht ist, das ‚Großisrael’ zwischen Nil und Euphrat innerhalb dieser vorbestimmten Grenzen zu schaffen und die Sicherheit dieses Großisraels zu garantieren. Wissen Sie, was die Sicherheit Israels bedeutet? Sie bedeutet, dass sie die 28 Länder von Marokko bis Indonesien beherrschen werden. Da alle Kreuzfahrten von den Zionisten organisiert wurden und da es unsere Vorväter, die Seldschuken, waren, die sie aufgehalten haben, sollte es laut Kabbala keinen souveränen Staat in Anatolien geben. Das ist die Religion dieses Volkes [das heißt der Juden], ihr Glaube. Sie können nicht mit ihnen argumentieren oder verhandeln. Das ist ihre Religion, und die kommt von der Kabbala. […] 3. Sie werden – was Allah verhüten möge – die Al-Aqsa-Moschee zerstören und stattdessen Salomons Tempel bauen. 4. Nur dann wird ihr Messias kommen und sie zu den Herrschern der Welt machen.

 „Was für eine Welt haben sie gebaut? Ohne dies zu verstehen, kann nichts verstanden werden. Die Stimmzettel, die Wahlen [nach denen Sie fragen], das sind alles Details. Das Wesentliche ist dies: Angenommen, Sie als Muslim wollen [nach Mekka] zum hadj [Wallfahrt] und möchten dabei mit einem türkischen Flugzeug fliegen. Eine Fluglinie muss die Erlaubnis haben, zu fliegen und in anderen Ländern zu landen, deswegen muss sie IATA-Mitglied sein. IATA ist eine Organisation der Kinder Israels, von Rockefeller. Um Mitglied zu werden, müssen die Fluglinien ihnen [den Juden] neun Prozent der Ticket-Einnahmen geben.“

 „Es war der Zionismus, der die Sekte des Protestantismus geschaffen hat. Die kapitalistische Ordnung heute ist der religiöse Auftrag des Protestantismus. Das ist deshalb so, weil der Papst das Konzept des Zinses ablehnt, um nicht die Ausbeutung seiner Kinder zu gestatten. Das ist [der Grund], weshalb die Juden beschlossen, die [christliche] Religion zu ändern und den Protestantismus gründeten. So können sie Zinsen erheben und alle dazu bringen, für sie zu arbeiten. Ohne all dies zu wissen, können Sie nicht verstehen, was in der Welt vor sich geht. Wenn wir all dies erfahren, dann wissen wir, dass es keine 200 Länder in der Welt gibt. Es gibt lediglich zwei. Das eine ist die Welt des Islam, und das andere sind all die anderen. Wer benutzt die anderen? Der rassistische Imperialismus [gemeint ist der Zionismus]. Die Zionisten halten die Christen an der Hand und benutzen sie. Die Industrieentwicklung Chinas und Indiens wird mit jüdischem Kapital betrieben. Die Japans ebenfalls. Sie kontrollieren auch diese. Nur der Islam bleibt gegen sie. Die Juden sagen, ihr werdet unsere Sklaven sein. Der Islam sagt: La i lahe il l’ Allah – Wir werden vor niemandem als vor Allah den Kopf senken. Niemand wird irgendjemandes Sklave sein. So ist das ein Konflikt zwischen den beiden – ein Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen.“

Damit keine Missverständnisse entstehen: Gökay Sofuoğlu hat auf Facebook keine antisemitischen Inhalte geteilt auch keine antisemitischen Memes von Erbakan, die es ja auch gibt, wie beispielsweise dieses hier.

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(Antisemitisches Meme aus dem Internet mit einem antisemitischen Erbakan-Zitat: “Den Muslim, der sich nicht für Politik interessiert, regiert der Jude, der sich für die Politik interessiert.”)

Allerdings hat Gökay Sofuoğlu nur wohlwollende Worte für Erbakan, bezeichnet ihn sogar als Hodscha („Lehrer“, entspricht dem jüdischen Rabbi), was eine türkische Ehrerbietung und Respektbezeugung ist. Er habe sich nie betrügen lassen, bedeutet sinngemäß, dass man ihn nicht täuschen konnte, womit er ihm einen scharfen Verstand zurechnet. Dass er selbst nie betrogen habe, bedeutet, dass Erbakan kein Lügner gewesen sei, sprich er sei ein ehrlicher und aufrichtiger Mensch gewesen. Wenn jemand etwas Wahres ausspreche, wie hier Erbakan, müsse man sich – unabhängig davon, wer er ist und auch unabhängig von allfälligen Meinungsverschiedenheiten – wohlwollend an ihn erinnern.

Das hört sich zweifelsohne zunächst einmal altklug an aber ist das wirklich so? Kann man beispielsweise eher unverdächtige Aussagen einer Nazi-Größe wiedergeben und darüber schreiben „Er war zwar ein Nazi und Mitglied der SS, aber wo er Recht hatte, hatte er Recht!“. Meines Erachtens entspräche dies der allseits bekannten „Hitler war zwar schon ganz schlimm, aber er hat die Autobahnen gebaut!“. Es spielt daher nicht wirklich eine Rolle, ob Gökay Sofuoğlu eine eher unproblematische Aussage von Erbakan geteilt hat, weil Erbakan selbst problematisch genug ist. Das würde ich übrigens nicht über jeden so angeben, der einer politischen Gruppierung angehört, mit der ich selbst nicht sympathisiere. Es ist nicht so, dass ich die Aussage einer bestimmten Person nur schon wegen dessen Parteizugehörigkeit disqualifiziere. Wir sprechen hier allerdings über Erbakan und nicht über einen Sozialdemokraten oder Grünen, dessen politischen Auffassungen nicht den meinen entsprechen. Da ist jede Apologie und jede Verharmlosung völlig unzulässig. Wenn jemand sogar noch eine Stufe wahnsinniger und rassistischer ist als ein Jean-Marie Le Pen, was bei Erbakan wohl zutraf, erübrigt sich jede Diskussion.

Ich bin mir sicher, dass Gökay Sofuoğlu selbst kein Antisemit ist, respektive kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich selbst als einen Antisemiten wahrnimmt. Er ist allerdings ein politisch engagierter Mann und muss daher die Positionen von Necmettin Erbakan kennen insbesondere auch die Tatsache, wie krass antisemitisch Erbakan drauf war, der sogar so weit ging, einem Antisemiten wie Erdoğan selbst verschwörungstheoretische und antisemitische Vorwürfe zu machen, die ihresgleichen suchen. Wie kann ein Mann wie Gökay Sofuoğlu, der in der Bundesrepublik die Schulen besuchte und über Antisemitismus mehr wissen sollte als seine Landsleute in der Heimat, so ohne weiteres über diese Haltung dieses Mannes hinwegsehen und ihn in einem positiven Zusammenhang zitieren, ihn als Hodscha bezeichnen und wohlwollend an seinen Namen erinnern? Wie das geht? Es geht deshalb, weil Gökay Sofuoğlu es selbst nicht merkt und auch nur deshalb in der Lage ist, nur einen Tag später etwas über seine Aufgabe als Experte beim Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten auf Facebook zu posten, ohne dabei zu erröten. Ich bin überzeugt, dass hier zu keinem Zeitpunkt böser Wille vorhanden war. Vielmehr denke ich, dass dem Verbandspräsidenten der „Türkischen Gemeinde“ sein widersprüchliches wenn nicht gar groteskes Verhalten schlicht und einfach nicht bewusst ist.

Ich denke daher, dass Gökay Sofuoğlu sich vielleicht nicht als Experte sondern eher als Studienobjekt für diesen Expertenrat eignet, weil bei ihm ein sehr wesentliches Problem des Antisemitismus im muslimischen Kontext offenbar wird. Er ist in der Lage, über die haarsträubendsten Aussagen eines Necmettin Erbakan hinwegzusehen, sich über dessen allseits bekannten von Verschwörungstheorien nur so triefenden Antisemitismus zu foutieren, den Umstand, dass dessen Milli Görüş vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird, als völlig unbeachtlich zu finden und trotz dieser Umstände in ihm einen Ratgeber (Hodscha) zu erkennen. Dieses Hinwegsehen entspricht haargenau dem bereits oben aufgeführten Beispiel von Hitler mit den Autobahnen. Genau hier muss angesetzt werden, wenn es um den Antisemitismus im muslimischen Kontext geht.

Erbakan öffentlich loben und am nächsten Tag im Expertenrat des Antisemitismus-Beauftragten des Landes Baden-Württemberg einsitzen

Über Antisemitismus im muslimischen Kontext

Der Ursprung des Antisemitismus im muslimischen Kontext ist der islamische Antisemitismus auf der Grundlage der Scharia. Es handelt sich dabei um einen originären – d.h. von anderen Antisemitismen losgelösten und unabhängig entstandenen – Antisemitismus, der in allen möglichen Quellen der Scharia vorzufinden ist. Der islamische Antisemitismus ist im Koran, der Primärquelle der Scharia zu finden, aber auch in den Hadithen, die in außerkoranischen Hadith-Sammlungen über Taten, Verhaltensweisen, Befehle und Empfehlungen des Propheten berichten, die teilweise kanonisch sind sowie in der Sira, der frommen kanonischen Prophetenbiographie. Islamischer Antisemitismus findet sich aber auch in den relevanten Kommentaren zu diesen Schriften, in Fatwas (Rechtsgutachten) und in vielen Publikationen religiösen Inhalts. Für einen Europäer, der sich nur über die Printmedien und übers Internet mit dem Islam befasst hat, ist das Ausmaß des Judenhasses im Islam – und dies bereits in dessen Grundlagen  – kaum vorstellbar. Ein Buch, um dieses Manko zu beheben ist Andrew Bostoms „The Legacy of Islamic Antisemitism: From Sacred Texts to Solemn History“ aus dem Jahr 2008. Wie es sich aus dem Titel erraten lässt, handelt es sich bei diesem Werk um ein Quellenbuch, das beim Ursprung des islamischen Antisemitismus, namentlich beim Koran, anfängt und entsprechende antisemitische Stellen übersetzt; anschließend kommen einige Hadithe, dann Stellen aus der Sira, dann aber auch Augenzeugenberichte aus späteren Jahrhunderten von Europäern, die in islamischen Ländern Beobachtungen von Übergriffen auf Juden machen konnten. Der Eindruck, der bei der Lektüre dieses Buches entsteht ist, dass der islamische Antisemitismus sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte des Islam ziehen lässt.

Bereits in der Eröffnungssure des Koran, der al-Fatiha, werden die Juden negativ umschrieben. Die erste Sure im Koran hat im Islam eine zentrale Bedeutung, weil sie das islamische Hauptgebet beinhaltet. Der gläubige Muslim, der die obligaten fünf Gebete des Tages verrichtet, wiederholt ihn mehrmals und bezeichnet dabei die Juden, ohne sie ausdrücklich zu nennen als jene, die dem Zorn Gottes verfallen seien. In den Ayat 6 und 7 der Sure heißt es:

Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!“

Der Grund, weshalb die Juden gemäß der ersten Sure des Koran dem Zorn Gottes verfallen seien und gläubige Muslime in ihrem Hauptgebet, welches dem christlichen Vaterunser entspricht, mehrmals am Tag Gott darum bitten, dass sie bloß nicht so werden wie Juden, ist im Koran selbst zu finden. Einerseits wird ihnen vorgeworfen, dass sie Gottes Zeichen verleugnet hätten, dessen Gebote missachteten und Propheten ungerechterweise ermordeten (Sure 3, Vers 112) und andererseits werden die Juden beschuldigt, nach ihrem Gutdünken die Thora verfälscht zu haben (Sure 2, Vers 75).

Unter „Ermordung von Propheten“ (Sure 3, Vers 112) ist nicht etwa die Kreuzigung Jesu zu verstehen, wie ein westlicher Leser erwarten würde, weil die Muslime nicht daran glauben, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, dies obwohl die Kreuzigung Jesu und seine Taufe die wohl sichersten Informationen aus dem Leben des historischen Jesus darstellen. Es sind andere Propheten gemeint, die von den Juden ermordet worden seien. In den Hadithen wird das Motiv des Prophetenmordes durch die Juden sogar auf den Tod von Mohammed selbst übertragen. Gemäß Hadith-Quellen, die nach islamischer Vorstellung als sahih und damit als besonders vertrauenswürdig und heilig gelten, sei Mohammed an den Spätfolgen eines Giftmordanschlags durch die Juden verstorben, die ihm nach der Eroberung Khaibars vergiftetes Hammelfleisch zum Essen angeboten hätten (vgl. dazu die entsprechenden Stellen aus Sahih Bukhari und Abu Dawud). In anderen Überlieferungen ist es eine Jüdin, die Mohammed versucht zu vergiften, wobei seine Begleiter auf der Stelle umkommen, die vom gleichen Fleisch gegessen hätten. Der Giftanschlag sei im Übrigen ein Test gewesen, um festzustellen, ob Mohammed tatsächlich ein Prophet sei. Nachdem Mohammed gemäß Überlieferung zunächst überlebt, wird nach islamischer Vorstellung seine Propheteneigenschaft bewiesen. Er stirbt aber dennoch an den Folgen, womit das Prophetenmordmotiv im Kontext des islamischen Antisemitismus sogar beim Propheten des Islam erfüllt wird. Wie schwerwiegend der Vorwurf ist, dass Mohammed an den Folgen eines Giftmordanschlags durch die Juden umgekommen sei, muss hier wohl kaum näher erörtert werden.

Unter dem Vorwurf der Thoraverfälschung gegenüber den Juden (Sure 2, Vers 75) ist zunächst die fehlende Erwähnung Mohammeds in der Thora zu verstehen, weil dessen Ankunft nach islamischem Verständnis ursprünglich bereits in der Thora angekündigt worden sei. Weil Mohammed in der Thora fehlt, was durchaus zutrifft, können nach islamischem Verständnis nur die Juden dahinter stecken, die in ihrer angeblichen Böswilligkeit Mohammed aus der Thora entfernt und damit ihre eigene Heilige Schrift verfälscht hätten. Aber auch Stellen der Thora, die mit dem Koran nicht übereinstimmen, werden als spätere jüdische Fälschungen betrachtet. Entsprechende Vorwürfe gibt es übrigens auch gegenüber Christen. Obwohl diese angeblichen Schriftfälschungen durch die Juden deren eigene Schrift betreffen, wird dies auch aus islamischer Perspektive als eine schwere Sünde angesehen, weil damit die Juden das Wort des gemeinsamen abrahamitischen Gottes gefälscht haben sollen. Es geht also nicht nur darum, dass Mohammed in der Thora fehlt. Vielmehr geht es auch darum, dass überhaupt eine heilige Schrift des Gottes von Abraham verfälscht worden sei und zwar durch die Juden.

Im Koran finden sich weitere sehr schwerwiegende antisemitische Verschwörungstheorien gegen Juden, von denen ich einige wiedergeben möchte, die keiner weiteren Interpretation bedürfen. Sie stammen alle aus der gemäß islamischer Tradition zeitlich letzten Sure, namentlich Sure 5.

Sure 5, Verse 12-14

“Allah hatte ja mit den Kinder Isrāʾīls ein Abkommen getroffen. (…) Dafür, daß sie ihr Abkommen brachen, haben Wir sie verflucht und ihre Herzen hart gemacht. Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihnen erfahren – bis auf wenige von ihnen. (…) Und (auch) mit denen, die sagen: „Wir sind Christen“, haben Wir ihr Abkommen getroffen. Aber dann vergaßen sie einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren. So erregten Wir unter ihnen Feindschaft und Haß bis zum Tag der Auferstehung. (…)”

Sure 5, Vers 41

O du Gesandter, lasse dich nicht durch jene traurig machen, die im Unglauben dahineilen, unter denen, die mit ihren Mündern sagen: „Wir glauben“, während ihre Herzen nicht glauben. Und unter denjenigen, die dem Judentum angehören, unter ihnen gibt es manche, die auf Lügen horchen, die auf andere Leute horchen, die nicht zu dir gekommen sind. Sie verdrehen den Sinn der Worte, nach(dem sie an) ihrer (richtigen) Stelle (waren), und sagen: „Wenn euch dies gegeben wird, dann nehmt es an. Wenn euch dies aber nicht gegeben wird, dann seht euch vor.“ Wen Allah der Versuchung aussetzen will, für den wirst du gegen Allah nichts (auszurichten) vermögen. Das sind diejenigen, deren Herzen Allah nicht rein machen wollte. Schande gibt es für sie im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe;

Sure 5, Vers 51

„Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen). Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht.“

Sure 5, Vers 64

“Und die Juden sagen: „Allahs Hand ist gefesselt.“ Ihre (eigenen) Hände seien gefesselt und sie seien verflucht für das, was sie sagen. Nein! Vielmehr sind Seine Hände (weit) ausgestreckt; Er gibt aus, wie Er will. Was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herabgesandt worden ist, wird sicherlich bei vielen von ihnen die Auflehnung und den Unglauben noch mehren. Und Wir haben unter ihnen Feindschaft und Haß erregt bis zum Tag der Auferstehung. Jedesmal, wenn sie ein Feuer zum Krieg anzünden, löscht Allah es aus. Und sie bemühen sich, auf der Erde Unheil zu stiften. Aber Allah liebt nicht die Unheilstifter.”

Ein weiterer wichtiger Aspekt des islamischen Antisemitismus auf der Grundlage der Scharia ist insbesondere die Dhimma, die unfreiwillige „Schutzbefohlenheit“ von Juden und Christen unter muslimischer Herrschaft, die eine fortgesetzte rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung für diese Menschen bedeutete, die in muslimischen Mehrheitsgesellschaften lebten, in denen die Scharia ihre Wirkung entfalten konnte. Der zynisch anmutende Begriff „Schutz“ ist übrigens durchaus ernstgemeint, weil andere Religionsangehörige – insbesondere Polytheisten – überhaupt keine Daseinsberechtigung hatten. Die Dhimmi durften in einer Scharia-Gesellschaft deshalb überleben und überhaupt existieren, weil sie den gleichen abrahamitischen Gott anbeteten wie die Muslime und aus islamischer Perspektive „Leute der Schrift“ waren. Die aus islamischer Sicht „privilegierten“ Dhimmi mussten sich allerdings erkennbar als Juden respektive Christen kleiden (teilweise mit besonderen Farben), sie durften kein Pferd reiten, damit verhindert werden konnte, dass sie über den Muslimen standen (einerseits faktisch und andererseits auch sozial), sie durften ihre Häuser nicht höher bauen als diejenigen von Muslimen, sie konnten nur unter schwierigsten Bedingungen und nur höchst ausnahmsweise neue Gotteshäuser bauen und durften verfallende nicht renovieren. Sie wurden in Zivil- und Strafprozessen rechtsungleich und willkürlich behandelt, wenn die Gegenpartei ein Muslim war und vieles mehr. Dhimmi mussten unter anderem aber auch eine Sondersteuer – die sogenannte Dschizya – als Gegenleistung für ihren „Schutz“ entrichten, welche die nachfolgende folgende koranische Grundlage hat:

Sure 9, Vers 29

„Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten (oder: für verboten erklären), was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!“

In der Praxis bedeutete dies, dass sich ein Jude oder ein Christ persönlich zum Steuereintreiber begeben musste und sich für die Zahlung nicht vertreten lassen durfte, weil die Steuer „kleinlaut“ und „aus der Hand“ zu zahlen war, wie dies der Koran vorschreibt. Beim Zahlvorgang mussten sie ihr Haupt senken und sie bekamen unmittelbar nach der Zahlung einen Klaps auf den Hinterkopf, um sie daran zu erinnern, dass sie der falschen Religion angehörten.

Eine Hadith-Überlieferung ist allerdings derart schwerwiegend wie nichts anderes in der Scharia, wenn es um den islamischen Antisemitismus geht. Sie ist mehrfach – sowohl in Sahih Muslim als auch in Sahih Bukhari – sprich in den heiligsten Hadithquellen des sunnitischen Islam übermittelt. Hier die Version aus Sahih Muslim:

„Der Prophet sagte, daß die Stunde nicht kommen wird, bis die Muslime die Juden bekämpfen und umbringen; bis der Jude sich hinter dem Stein und Baum versteckt und der Stein und der Baum sagen wird: Oh, du Muslim, oh, du Diener Allahs, dies ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, komm und bring ihn um! Bis auf Gargat dieser ist von den Bäumen der Juden.

Im Islam ist die Stunde des Jüngsten Tages die Heilserwartung schlechthin und zwar durch Zerstörung jeglichen Lebens, Auferstehung und Gericht. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die Vernichtung aller Juden Voraussetzung für die islamische Eschatologie ist und deshalb soll jeder Muslim Juden töten, bis sich die letzten hinter Steinen und Bäumen verstecken, wobei sich diese ganz am Schluss mit den Muslimen solidarisieren würden, um diese Aufgabe zu erfüllen, die der Prophet dem Gläubigen befohlen hat.

Zusammengefasst bedeutet das bisher Gesagte, dass bereits in den Quellen der Scharia ein solides Grundgerüst für alle möglichen Formen des modernen Antisemitismus im muslimischen Kontext vorhanden ist. Die antisemitischen Inhalte sind dabei wesentliche Bestandteile des Glaubens selbst, wenn man bedenkt, dass solche sogar im islamischen Hauptgebet und im Zusammenhang mit der islamischen Heilserwartung vorhanden sind. Es wäre allerdings falsch, wenn man den heutigen Antisemitismus im muslimischen Kontext allein auf die Inhalte der Scharia reduzieren würde, welche – wie zu sehen war – auch typische antisemitische Verschwörungsmythen beinhalten, wie etwa dass Juden lügen und die Bedeutung von Worten verdrehen würden und sogar so weit gegangen seien, dass sie ihre eigene Schrift verfälscht hätten.

Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang aber auch die Feststellung, dass dieser Antisemitismus individuell zu durchbrechen war und heute noch ist. Sobald nämlich ein Jude oder ein Christ – sprich eine Person, die zuvor den Dhimmi zugerechnet wurde – den „wahren Glauben“, namentlich den Islam, annahm, spielte es keine Rolle mehr, ob er selbst respektive seine Familie in der Vergangenheit einmal jüdisch waren. So betrachtet war die Dhimma, welche Juden und Christen diskriminierte, immer auch ein gutgemeintes Druckmittel, damit diese Menschen mehr oder weniger „freiwillig“ den Islam annahmen, was faktisch auch geschah. Die Konversion „heilte“ sozusagen den ursprünglichen Juden, weiterhin Opfer von Antisemitismus zu sein, was mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten ganz offensichtlich nicht gleichgestellt werden kann. Ähnliches gilt natürlich auch im christlichen Kontext. Sobald ein Jude sich taufen liess, gehörte er zur christlichen Glaubensgemeinschaft und war nicht mehr ein Objekt eines christlich motivierten antisemitischen Hasses respektive Diskriminierung.

Der islamische Antisemitismus sowie die islamische Christenfeindlichkeit fand – so wie ich vorhin dargelegt habe – in der Dhimma ihren Ausdruck. Diese Diskriminierung war in allen muslimisch geprägten Gesellschaften, in welchen die Scharia maßgeblich war, schon immer vorhanden, was auch heute noch zutrifft. Insbesondere ab dem späteren 19. Jahrhundert wurde dieser islamische Antisemitismus durch äußere Inputs angereichert.

Zunächst ist dabei etwa auf den arabischen sowie auf den türkischen Nationalismus hinzuweisen, die europäische Nationalstaaten und deren Nationalismus als Vorbilder hatten. Der ideale Bürger in diesen säkular geprägten muslimischen Gesellschaften war jedoch schon immer der sunnitische Muslim. Juden und Christen konnten nie wirklich Teil der nationalen Identität werden. Daran hat sich nicht einmal in der Türkei und zwar während der gesamten Dauer der Türkischen Republik etwas geändert, auch wenn sich der Staat heute noch als laizistisch definiert. Die Folge dieses Nationalismus, der eine religiöse Komponente enthält, die meines Erachtens klar auf die vorhin aufgeführten Inhalte der Scharia zurückgehen, hatte in der Türkei vor allem gegenüber christlichen Minderheiten gravierende Konsequenzen. Diesbezüglich ist vor allem auf den Völkermord an den christlichen Minderheiten vor der Gründung der Republik hinzuweisen, deren “Nutznießerin” die neugegründete Republik war, mit ihrem Konzept des türkischen Staatsangehörigen, der ohne dass es ausdrücklich ausgesprochen wurde, ein sunnitischer Muslim zu sein hatte und kein Alevite, kein Christ aber auch kein Jude. Es kam der neugegründeten Republik gelegen, dass aufgrund des Völkermordes wesentlich weniger Christen das Staatsgebiet bewohnten, als dies ursprünglich der Fall war, was die Schöpfung des türkischen Idealbürgers begünstigte. Meines Erachtens ist dies eines der wichtigsten Motive für die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern. Die Bejahung dieses Völkermordes wird von Nationalisten als eine Art Verneinung des Nationalstaates angesehen sowie eine Verneinung des türkischen Idealbürgers, der natürlich ein sunnitischer Muslim sein muss.

Ein hervorragendes Beispiel für die Diskriminierung der christlichen und der jüdischen Minderheiten in der laizistischen Türkischen Republik ist die von der Regierung Şükrü Saracoğlu in den Jahren 1941 und 1942 erhobene Varlık Vergisi (Vermögenssteuer). Die Steuer diente der Türkisierung der Wirtschaft und verfolgte das Ziel, die Vormachtstellung der religiösen Minderheiten in diesem Bereich zu beenden. Sie sollte damit vor allem die wohlhabenden Mitglieder der jüdischen, griechischen und armenischen Minderheiten treffen. Der damalige Präsident Ismet Inönü, der Nachfolger von Atatürk und eines seiner besten Freunde, soll über das Gesetz gesagt haben, dass man den Markt den Türken übergebe, wenn man die auf dem türkischen Markt dominanten Ausländer beseitige. Wenn die Steuerpflichtigen der Zahlung nicht nachkommen konnten, wurden sie in ein Arbeitslager geschickt.

Die erhobene Vermögenssteuer sah wie folgt aus:

  • Armenier: 232%
  • Juden: 179%
  • Griechen: 156%
  • Muslime: 4,94%

Varlik Vergisi

(Eine Versteigerung von Vermögensgütern im Zusammenhang mit Varlık Vergisi im Jahr 1942, um die hohe Steuer begleichen zu können; faktisch handelte es sich dabei um eine konsfiskatorische Enteignung)

Das Beispiel zeigt, dass die vorhin dargelegte Dschizya-Mentalität aus der Scharia selbst zu den Zeiten des türkischen Laizismus, als dieser aufgrund der Einparteienherrschaft der Republikanischen Volkspartei (CHP) wesentlich erheblicher war als zu späteren Zeiten, einen Nachhall hatte. Das bedeutet, dass religiöse Motive sogar Eingang in ein streng säkulares System gefunden hatten. Der Idealbürger war ein sunnitischer Muslim und Juden und Christen, die zwar die türkische Staatsangehörigkeit bekommen hatten, waren Bürger zweiter Klasse – wenn nicht gar “Ausländer”, wie Inönü sagte – und wurden bewusst diskriminiert. Wenn man der Ansicht sein sollte, dass diese Diskriminierung nicht unmittelbar wegen der diskriminierenden Inhalte der Scharia erfolgten, müsste man meines Erachtens zumindest eingestehen, dass diese religiösen Inhalte mindestens mittelbar eine Wirkung hatten.

Auch später in der Republikanischen Zeit hatte dieser vom Islam mindestens mittelbar beeinflusste Türkische Nationalismus Auswirkungen auf das Leben von jüdischen und christlichen Minderheiten. Am 6. Und 7. September 1955 fand beispielsweise das Pogrom von Istanbul statt, nachdem das unwahre Gerücht verbreitet wurde, dass das Geburtshaus von Atatürk in Thessaloniki in die Luft gesprengt worden sei. Die Übergriffe fanden nicht nur – wie man annehmen könnte – gegenüber der griechischen Minderheit statt. Vielmehr griffen die Pogrom-Beteiligten auch Armenier und Juden an. Später, im Jahr 1961, wurde der damalige konservative Premier Adnan Menderes insbesondere aufgrund dieser Ereignisse schuldig gesprochen und gehängt. Allerdings hatten diese Ereignisse zur Folge, dass christliche Minderheiten in sehr großen Zahlen die Türkei verließen, aber auch sehr viele Juden, die spätestens jetzt in den neugegründeten jüdischen Staat einwandern sollten.

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(Frontseite der türkischen Zeitschrift “Hayat” vom 28. Oktober 1960 mit Adnan Menderes. Die Schlagzeile lautet “Die Angeklagten im Zusammenhang mit den Ereignissen um den 6. und 7. September stehen vor Gericht”)

Als Beispiel des arabischen Nationalismus, der mit ähnlichen Motiven gegen die jüdischen und christlichen Minderheiten hetzte, möchte ich insbesonder Farhud nennen, das Pogrom von Bagdad vom 1. und 2. Juni 1941, welches der Anfang vom Ende der 2600 Jahre andauernden jüdischen Präsenz im Zweistromland war. Ein arabischer Mob verletzte über 1.000 Menschen, jüdische Frauen wurden von Gruppen vergewaltigt und verstümmelt. Die genaue Zahl der Getöteten ist nicht bekannt, es wird von mindestens 180 ermordeten Juden ausgegangen, manche Quellen geben auch bis zu 600 an. Sogar eine Synagoge wurde eingenommen und Thora-Rollen verbrannt.

Farhud

(Farhud in Bagdad, 1. oder 2. Juni 1941)

Wie an diesem Beispiel bestens zu erkennen ist, existierten solche antisemitischen Übergriffe im Zusammenhang mit dem arabischen Nationalismus auch vor der Gründung des Staates Israel. Als der Staat Israel gegründet wurde, ist die antisemitische Komponente des arabischen Nationalismus nur stärker geworden. Ab diesem Zeitpunkt wurden überall in der arabischen Welt Juden zu Sündenböcken gemacht, was zur Folge hatte, dass vor allem die Arabisch sprechende muslimische Welt heute weitestgehend „judenfrei“ ist. Es handelt sich um ein Genozid gewaltigen Ausmaßes, von dem heute kaum jemand spricht. Die Nachfahren dieser Menschen, die Mizrahi Juden, leben heute praktisch alle in Israel und natürlich auch einige Überlebende. Ein Film, der über das Schicksal der Mizrahi-Juden berichtet, ist der Dokumentarfilm “The Forgotten Refugees“, den ich empfehlen möchte. Hier eine Übersicht, die aufzeigt, wie die jüdische Bevölkerung in muslimisch geprägten Ländern vor und nach der Gründung Israels aussah (Quelle: Wikipedia).

Jewish Population by country: 1948, 1972 and recent times
Country or territory 1948 Jewish
population
1972 Jewish
population
Recent estimates
Morocco 250,000–265,000 31,000 2,500–2,700 (2006) 2,000 (2014)
Algeria 140,000 1,000 ≈0 <50 (2014)
Tunisia 50,000 8,000 900–1,000 (2008) 1,500 (2014)
Libya 35,000–38,000 50 0 0 (2014)
North Africa Total 475,000–548,000 40,050 3,400–3,700 3,550
Iraq 135,000–140,000 500 5 (2013) 5-7 (2014)
Egypt 75,000-80,000 500 100 (2006) 40 (2014)
Yemen and Aden 53,000–63,000 500 320 (2008) 90 (2014)

50 (2016)

Syria 15,000–30,000 4,000 100 (2006) 17 (2014)
Lebanon 20,000 2,000 20–40 (2006) 100 (2012)
Bahrain 550–600 50 (2008) 37
Sudan 350 ≈0 ≈0
North Africa & Arab Countries Total 758,350–881,350 <45,800 <3,795-4,345 <3,802-3,762
Afghanistan 5,000 500 2 (2001) 1 (2005)
Bangladesh Unknown 175–3,500 (2009) 75-100 (2012)
Iran 65,232 (1956) 62,258 (1976) 9,252 (2006) 8,756 (2014)
Pakistan 2,000–2,500 250 200 (2009) >900 (2017)
Turkey 80,000 30,000 17,800 (2006) 17,300 (2015)
Non-Arab Muslim Countries Total 202,000–282,500 110,750 32,100 26,157

Zu erwähnen bleibt, dass der moderne nationalistisch motivierte Antisemitismus im muslimischen Kontext auch Inputs aus den Antisemitismen aus Europa bekam. So war beispielsweise der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der als Organisator des vorerwähnten Farhud gilt, ein Mitglied der SS. Auch die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion, eine Fälschung über eine angebliche jüdische Weltverschwörung, die vermutlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland entstand, erfreuen sich bei solchen Antisemiten schon seit vielen Jahren äußerster Beliebtheit. In der arabischen Welt finden sich heute noch Nationalisten, die Adolf Hitler verehren, insbesondere wegen seiner Vernichtungspolitik gegenüber Juden.

Aussenpolitik - Empfang für den Grossmufti von Jerusalem; Sayid Amin el Husseini (links) und Hitler

(Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, mit Adolf Hitler, 28. November 1941)

Zusammengefasst haben wir es beim Antisemitismus, der im Zusammenhang mit dem türkischen oder arabischen Nationalismus steht, mit einer von verschiedenen Antisemitismen ernährten Form zu tun. Einerseits spielen dabei Inhalte der Scharia mindestens mittelbar eine Rolle und andererseits entsprechen die Juden (genauso wenig wie die Christen) nicht dem Bild des Idealbürgers eines solchen Nationalstaates. Hinzu kommt der Nahostkonflikt, der dazu führte (und immer noch dazu führt), dass jüdische Mitbürger von Nationalisten zu Sündenböcken gemacht wurden sowie Inputs aus europäischen Antisemitismen, insbesondere auch Verschwörungstheorien.

Ich komme auf den islamistisch motivierten Antisemitismus. Um diesen Antisemitismus zu verstehen, ist es wichtig zu erfassen, was der Islamismus überhaupt ist und was er anstrebt. Beim Islamismus gleich welcher Art geht es sehr wesentlich darum, die Entwicklungen in der muslimischen Welt, die zu säkular geprägten Nationalstaaten geführt haben, die ich vorhin angesprochen habe, wieder rückgängig zu machen. Dieser Wunsch ist besonders schön aus den nachfolgenden Worten des Gründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, zu erkennen:

„Wir glauben fest daran, dass die Vorschriften des Islam umfassend sind und die Angelegenheiten der Menschen im Diesseits und im Jenseits regeln. Des weiteren glauben wir, dass diejenigen sich irren, die annehmen, diese Lehren behandelten lediglich die Aspekte des Glaubens und der Spiritualität. Denn der Islam ist Gottesdienst und Glaubensgrundsatz, Heimatland und Staatsangehörigkeit, Religion und Staat, Idee und Wert sowie Koran und Schwert.“

Es geht damit im Ergebnis um die Errichtung eines totalitären Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia. Dass Juden und Christen in einem solchen Gottesstaat so behandelt werden, wie die Scharia es vorschreibt, sollte sich nach meinen Ausführungen über die Dhimma von sich von selbst verstehen. Wie unmittelbar die Scharia auf die antisemitische Ideologie von Islamisten wirkt, ist etwa in Artikel 7 der Charta der Hamas erkennbar, die sich in Artikel 2 als Teil der globalen Muslimbruderschaftsbewegung zu erkennen gibt. Ganz am Schluss von Artikel 7 der Hamas Charta ist der oben zitierte Hadith wiedergegeben, gemäß dem Muslime sämtliche Juden auf der Welt (also nicht „nur“ die Israeli) ermorden müssten, damit sich die islamische Eschatalogie erfülle.

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(Zeitgenössische Karikatur, die den Inhalt der Hadith-Überlieferung wiedergibt, die Eingang in die Hamas Charta fand; die Karikatur stammt aus einem Facebook Post eines UNRWA-Mitarbeiters, einer vom Westen unterstützten UN-Organisation, die mindestens eine bedenkliche Personalpolitik betreibt)

Zusammengefasst bedeuten diese Informationen, dass der Antisemitismus im muslimischen Kontext sowohl in den Quellen der Scharia als auch bei den wichtigsten politischen Bewegungen in der islamischen Welt, die sich gegenseitig konkurrenzieren – namentlich bei den säkularen Nationalisten und bei den ihnen entgegenstehenden Islamisten – in einem erheblichen Masse vorhanden ist. Angefeuert werden diese Antisemitismen insbesondere durch den Nahostkonflikt aber auch durch ausländische Einflüsse. Die Folge davon ist, dass die überwiegende Mehrheit der muslimisch geprägten Gesellschaften extrem antisemitisch ist, wie aus der nachfolgenden Grafik zu erkennen ist. Sofern eine unkontrollierte Migration aus den jeweiligen Ländern nach Europa stattfindet, ohne dass man dabei die entsprechenden Ansichten der Migranten überprüft, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass solche Einwanderer antisemitische Ansichten und Gefühle nach Europa importieren.

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(Die Grafik zeigt, dass bei 8 von 13 genannten Staaten der Antisemitismus bei mehr als 80% der Bevölkerung vorhanden ist. Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz)

Wo eine Migration aus solchen Ländern besonders stark ist, kann man die Folgen auf das jüdische Leben in den jeweiligen Einwanderungsstaaten bereits heute sehr gut erkennen. Vor allem aus Großbritannien und aus Frankreich findet eine ernstzunehmende jüdische Auswanderung nach Israel statt, weil die Bedrohung real ist. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, dass das Gleiche leider auch in anderen Ländern erfolgen wird, die eine hohe Migration von muslimischen Migranten zu verzeichnen haben, insbesondere wenn es sich dabei um Islamisten oder um arabische respektive türkische Nationalisten handelt.

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Jüdische Kinder, kostümiert für Purim (Teheran, 1964)

 

 

 

Über Antisemitismus im muslimischen Kontext

Was ist die Scharia? – Eine islamkritische Einführung

Unter dem Begriff Scharia ist entgegen weitverbreiteter Annahme nicht bloß das barbarische Strafrechtssystem mit seinen Hadd-Strafen sowie das frauendiskriminierende Zivilrechtssystem des Islam zu verstehen, sondern die Gesamtheit sämtlicher islamischer Verhaltens- und Rechtsnormen auf der Grundlage der islamischen Quellen, die in ihrer Ganzheit betrachtet und bei einer flächendeckenden Einhaltung eine ideale islamische Gesellschaftsordnung widerspiegeln. Dabei ist der Begriff „Recht“ sehr umfassend zu verstehen, weil die Scharia auch Bereiche regelt, die üblicherweise in der Rechtsetzung nichts verloren haben. Außerdem offeriert die Scharia die Methode der Rechtsfindung, um mit diesen Quellen umzugehen. Nicht zuletzt deswegen bedeutet der Ausdruck Scharia „der Weg zur Quelle“. Je nach Quellenlage, die nicht immer identisch ist, und je nach Rechtsschule können dabei unterschiedliche Ergebnisse resultieren, womit die Scharia nicht überall auf der Welt gleich ist, was in zivilisatorischer Hinsicht allerdings keine Rolle spielt, genauso wenig wie bei der Frage, ob es sich dabei um schiitischen oder sunitischen Islam handelt. Im vorliegenden Blog-Artikel werde ich die Grundlagen dieses archaischen Rechtssystems am Beispiel des sunnitischen Islam wiedergeben und dieses kritisch würdigen.

Die primäre Rechtsquelle der Scharia ist der Koran. Die islamische Tradition geht davon aus, dass ein arabischer Prophet namens Mohammed zwischen den Jahren 610 und 632 – d.h. insgesamt während 23 Jahren und ab seinem 40. Altersjahr – auf der arabischen Halbinsel mehrmals vom Erzengel Gabriel aufgesucht worden sei. Der Erzengel soll ihm dabei von Gott Sure für Sure – d.h. Kapitel für Kapitel – den ganzen Koran überbracht und damit den Menschen eine neue heilige Schrift offenbart haben, dies insbesondere deshalb, weil die Juden und die Christen den wahren Glauben an Gott nach dem Empfang ihrer eigenen Schriften verfälscht hätten. Unter „Offenbaren“ dieser Suren, die aus Versen (Ayat) bestehen, ist in diesem Kontext damit das „Überbringen des unmittelbar vom Gott gesprochenen Wortes“ zu verstehen, weshalb der Koran nahezu zu 100% in direkter Rede verfasst ist, wobei nach islamischem Verständnis der Sprechende Gott höchstpersönlich ist.

Diese Eigenart des Korans unterscheidet den Islam ganz erheblich von anderen Religionen, bekanntlich auch vom Judentum und dem Christentum. Es ist diese Besonderheit, weshalb es den meisten Muslimen derart schwer fällt, sich von gewissen Inhalten des Korans zu distanzieren, die viele Menschen im Westen haarsträubend finden. Aufgeklärte Muslime, die es ja auch gibt, geben in diesem Zusammenhang oft an, dass diese und jene Passage im Koran in ihrem Privatleben keine Rolle spiele und dass sie diese Stellen in einem historischen Kontext verstünden. Eine bewusste und ausgesprochene Distanzierung nehmen aber die wenigsten Muslime vor, indem sie offen einräumen, dass sie diese oder jene Stelle im Koran schlecht finden, weil eine Ablehnung von Koranstellen, so primitiv, rassistisch und menschenverachtend sie auch sein mögen, für einen gläubigen Muslim letztendlich nichts anderes bedeuten würde als die Ablehnung von „Wort Gottes“. Jedenfalls dürfte es wohl einfacher für einen gläubigen Christen sein, einen biblischen Inhalt wie beispielsweise eine Auffassung des Apostels Paulus abzulehnen, etwa seine Meinung, dass die „Weiber“ in der Gemeinde zu schweigen hätten (1. Korinther 14:34). Die Schwierigkeit sich von koranischen Inhalten zu distanzieren und sich davon zu emanzipieren, bildet meines Erachtens eines der größten Probleme der Scharia. Dass viele Gläubige die Gebote des Korans über die Gesetze von modernen Staaten stellen, in denen sie leben, geht meines Erachtens nicht zuletzt auch auf die vorerwähnte Besonderheit des Korans zurück, weil von Menschen gemachte Gesetze bei einer Mehrheit von Muslimen auf der Welt niemals die gleiche Akzeptanz finden können wie der angeblich von Gott offenbarte Koran. Dies erklärt auch, weshalb in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam jedem erdenklichen Grundrecht ein Schariavorbehalt vorangesetzt wurde. Aufgrund der Kairoer Erklärung soll mindestens in diesen Ländern keine Gesetze erlassen werden, die der Scharia widersprechen. Gleichzeitig wird in der Kairoer Erklärung die Scharia als Hauptquelle zur Rechtsfindung im Bereich der Menschenrechten erklärt, damit auch diese nicht im Widerspruch zur Scharia stehen, was absurd ist, zumal Menschenrechte Individualrechte darstellen, die das Individuum schützen sollen und nicht etwa eine religiöse Ideologie, wie Scharia-Muslime dies für ihre Religion fordern und den Grundgedanken der Menschenrechte ad absurdum führen. Wie diese angeblich unmittelbar von Gott stammende Gebote und Verbote des Koran wirken und die Emanzipation von Musliminnen und Muslimen verhindern, ist an diesen Tatsachen und an der Rückständigkeit der islamischen Welt sehr deutlich zu erkennen.

Wenn man die islamische Tradition nicht kennt und nun auch über die immense Heiligkeit und Autorität dieser Worte für Muslime Bescheid weiß, dürfte die Leserin oder der Leser davon ausgehen, dass ein verantwortungsvoll handelnder Prophet Mohammed sich unmittelbar nach Empfang einer jeden Sure hingesetzt haben müsste, um das soeben empfangene Wort Gottes niederzuschreiben oder mindestens per Diktat niederschreiben zu lassen, damit nichts aber rein gar nichts für die Nachwelt verloren geht. Beim Tod Mohammeds wäre der Koran dann komplett gewesen und die ersten Muslime hätten die losen Blätter nur noch binden müssen, um die erste vollständige Ausgabe des Korans in den Händen zu halten. Einer solchen “Logik” widerspricht die islamische Darstellung. Zum einen soll der Prophet gemäß islamischer Tradition weder lesen noch schreiben gekonnt haben. Diese Behauptung mag eine Person aus dem Westen angesichts der Weisheit, die die Muslime dem Propheten zurechnen, erstaunen; sie hat einen theologischen Hintergrund. Mit dem Argument des Analphabetismus des Propheten kann begründet werden, dass der Koran tatsächlich von Gott (über den Erzengel Gabriel) offenbart worden sei und mit der Angabe, dass Mohammed weder lesen noch schreiben konnte, kann die Behauptung abgewehrt werden, Mohammed habe den Koran aus den heiligen Schriften der Juden und der Christen abgeschrieben respektive zusammengetragen. Dieses Argument ist im Islam deshalb so wichtig, weil damit eine vom Judentum und Christentum losgelöste – d.h. eigenständige – Offenbarung begründet werden kann, obwohl im Koran Parallelen zu den vorgenannten Religionen ganz offensichtlich vorhanden sind. Zum anderen erzählt die islamische Darstellung ohnehin eine ganz andere Entstehungsgeschichte des Korans. Die Anhänger Mohammeds hätten die Suren in erster Linie auswendig gelernt, die ihnen der Prophet vorgetragen habe und nur in wenigen Fällen niedergeschrieben. So habe es in den ersten Jahren des Islam, unmittelbar nach dem Tode des Propheten, noch keine komplette Ausgabe des Korans gegeben. Erst rund 25 Jahre nach dem Tod des Propheten sei unter dem Kalifen Uthman das komplette Buch entstanden, das wir heute als Koran bezeichnen, im Übrigen auch die Reihenfolge der Suren. Man spricht dabei vom uthmanischen Koran oder vom uthmanischen Kodex. Die heutige Theologie des sunnitischen Islam beruft sich auf diesen Text. Diese Informationen, die uns die islamische Tradition gibt, bedeutet allerdings nichts anderes als, dass im Islam, in dem ein Buch eine zentrale Rolle spielt, welches gemäß islamischer Vorstellung an Heiligkeit nicht zu übertreffen ist, in den ersten Jahren dieser Religion – namentlich zu Lebzeiten des Propheten und während 25 Jahren nach dessen Tod – in Schriftform noch gar nicht existierte, mindestens nicht in einer umfassenden Form. Die von Gott offenbarte heilige Schrift des Islam bestand damit zunächst vor allem aus wandelnden menschlichen Surenträgern und einigen wenigen schriftlich niedergelegten Suren respektive Teilen davon.

Um dem Leser eine umfangmäßige Vorstellung über den Koran zu geben, möchte ich darauf hinweisen, dass die Bibel aus rund 774’000 Wörtern besteht. Der Koran hingegen umfasst circa 77’000 Wörter und ist damit vom Umfang her rund zehnmal kürzer als die Bibel. Zieht man noch in Betracht, dass rund 20% des Korans selbst für Experten völlig unverständlich ist, wird dieser Umfang in inhaltlicher Hinsicht noch kleiner. Damit spreche ich die „dunklen Suren“ des Korans an, deren Bedeutung nach islamischer Vorstellung kein Mensch kennt und kennen kann, weil nur Gott sie angeblich verstehen könne. Sie bleiben aber im Koran, weil auch sie als heilig gelten, zumal auch sie gemäß islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben. Überschlagsmäßig gerechnet, bedeutet dies dennoch, dass den Menschen vorerst rund 61’600 Wörter aus dem Koran verbleiben, mit denen sie überhaupt etwas anfangen könnten. Das sind dann nur noch rund 8,5% des Umfangs der Bibel!

Es kommt hinzu, dass sich Suren in einigen Fällen inhaltlich widersprechen. Vielfach wird eine frühere mekkanische Sure durch eine spätere medinische Sure aufgehoben. In theologischer Hinsicht folgt man bei einer solchen Konstellation der Regel, die im Koran in Sure 2, Vers 106 vorgeschrieben ist:

„Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen [nansach] oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist.[…]“

Dieses koranische Gebot, das mit dem Fachbegriff Abrogation beschrieben wird, führt dazu, dass eine frühere Sure materiell aufgehoben wird, d.h. sie gilt nicht mehr und wird von der „neueren“ Sure ersetzt. Formell verbleibt die aufgehobene Sure aber weiterhin im Koran. Ich kann nicht sagen, wie viel der Koran durch die Abrogation noch zusätzlich an materiellem Inhalt verliert. Es sollte aber klargeworden sein, dass damit der Koran wegen seines geringeren Umfangs und den vorgenannten Gründen wesentlich weniger Inhalt vorweisen kann als die Bibel. Dem kann zwar entgegengehalten werden, dass die Bibel Wiederholungen enthält. Solche sind im Koran aber ebenfalls vorhanden.

Nachdem der Leser nun eine Vorstellung über den Umfang des Korans haben sollte, dürfte er nachvollziehen können, dass ein Buch von dieser Größe keinesfalls sämtliche Regeln beinhalten kann, die es in einer Gesellschaft überhaupt geben kann. Mit anderen Worten wäre ein allumfassendes System wie die Scharia allein auf der Grundlage der Primärquelle Koran nicht möglich. Weshalb sich eine solche allumfassende Gesellschafts- und Rechtsordnung im Islam überhaupt aufdrängt respektive aufgedrängt hat, geht theologisch auf die beiden nachfolgenden Stellen im Koran zurück.

Sure 3, Vers 32:

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

 Sure 33, Vers 21:

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Damit wird den Menschen befohlen, einerseits den Geboten sowie Verboten des Korans und andererseits den Geboten und Verboten des Propheten zu gehorchen. Ferner sollen die Menschen das vorbildliche Verhalten des Propheten kopieren. Der gläubige Muslim folgt damit den Geboten und Verboten des Korans und folgt der Sunna des Propheten, wie dieser Vorgang auch bezeichnet wird. Indem er beides tut, führt er ein gottgefälliges Leben. Wie der Muslim ein gottgefälliges Leben führen kann, beantwortet ihm die Scharia, d.h. die Gesamtheit dieser Rechtsquellen inklusive die Methode der Rechtsfindung. Da der Koran nach islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben soll, kann es freilich nicht sein, dass die darin enthaltenen Gebote und Verbote auch jene umfassen, die vom Propheten stammen. Beim Koran spricht ja Gott in direkter Rede und nicht etwa der Prophet. Es ist daher geradezu zwingend, dass es für die Sunna des Propheten, welcher der Gläubige folgen soll, andere Quellen geben muss, die sich logischerweise nur außerhalb des Korans befinden können. Das heisst also, dass die beiden Koranstellen, die ich vorhin zitiert habe, gewissermaßen als Anknüpfungspunkt dienen, um ausserkoranische Sekundärquellen, die das vorbildliche Leben des Propheten sowie seine Taten, Befehle, Gebote und Unterlassungen enthalten, Teil der islamischen Glaubenspraxis zu machen. Bei diesen ausserkoranischen Quellen, die teilweise kanonisch sind, handelt es sich in erster Linie um die Hadithe sowie um die Sira.

Wie der große Doyen der Islamwissenschaften, Ignaz Goldziher, halte auch ich sämtliche Hadithe, die mindestens 200 Jahre nach den angeblichen Ereignissen, die sie beschreiben, schriftlich niedergelegt wurden, für nachkoranische Erfindungen. Die Hadithe, die mehrere hunderttausendfach überliefert wurden und deren Authentizität mittels zweifelhafter wissenschaftlicher Methoden ermittelt wurde, worauf ich weiter unten eingehen werde, widerspiegeln daher keineswegs Befehle und Verhaltensweisen eines arabischen Propheten Mohammed zu dessen Lebzeiten sondern soziale, rechtliche und religiöse Vorstellungen der Gesellschaften, in denen die Hadithe verfasst wurden und zwar genau jene Vorstellungen, die dort zum Zeitpunkt der Niederschrift der Hadithe galten. Damit sich die Leserin oder der Leser vorstellen kann, wie weit sich die entsprechenden Verfasser zeitlich und geographisch zu den angeblichen Ereignissen um einen arabischen Propheten Mohammed, der angeblich zwischen 570 und 632 auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens gelebt haben soll, befinden, möchte ich nachfolgend lediglich die sechs kanonischen Hadith-Sammlungen des sunnitischen Islam aufzählen, mit Angaben darüber, wann der jeweilige Verfasser gelebt hat und wo er jeweils geboren wurde.

Gemäß Vorstellung der islamischen Tradition sollen die auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens entstandenen Hadithe, bevor sie zu den vorgenannten Autoren gelangten, mehrere hunderttausendfach mündlich von Person zu Person weitergereicht worden sein und hätten damit schon vor ihrer Niederschrift existiert. Eine solche Behauptung ist nicht nur aus zeitlicher und geographischer Perspektive völlig absurd. Sie bedeutet gleichzeitig, dass die ersten Muslime in einer Gesellschaft von fleißigen Auswendiglernern gelebt hätten – ähnlich wie in Ray Bradburys Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“ – wenn diese Vorstellungen der Realität entsprechen würden. Die frühen Muslime, denen damit die Eigenschaft von lebenden Datenträgern zugeschrieben wird, hätten nicht nur tausende von Hadithen auswendig gelernt, welche profanste Lebenssituationen des Propheten betrafen, wie etwa, dass er Honig mochte, sondern – wie bereits oben erwähnt – auch den Korantext und sie hätten beides zunächst mündlich an andere weitergegeben und dabei stets streng unterschieden, was Koran und was Hadith-Überlieferung war.

Die Personen, die sich die Hadithe angeblich mündlich weitergereicht haben sollen, spielen sodann eine sehr wichtige Rolle dabei, ob ein Hadith sahih (höchster Grad an Vertrauenswürdigkeit eines Hadith) ist, was etwa eine Voraussetzung für die Aufnahme in die heiligste kanonische Hadith-Sammlung des sunnitischen Islam, Sahih Bukhari, war. Denn um sahih zu sein, müssen die Personen in der Überlieferungskette (sog. isnad) und die Überlieferungskette selbst vertrauenswürdig sein. Nebst der wichtigsten Voraussetzung für einen Hadith, die darin besteht, dem Koran nicht zu widersprechen, spielt für die Vertrauenswürdigkeit eines Hadith einzig die vorerwähnte Vertrauenswürdigkeit der Personen in der Überlieferungskette eine Rolle, um sie von hunderttausenden von anderen Hadith-Quellen zu unterscheiden. Dass auch die Überlieferungskette in ihrer Gesamtheit erfunden sein könnte, wovon meines Erachtens ausgegangen werden kann, ist im Islam nicht wirklich ein Thema.

Das bedeutet, dass bei jedem Hadith zunächst die Überlieferungskette erwähnt wird, bevor der Text anfängt. Das funktioniert praktisch so:

A hat von B gehört, der seinerseits von C gehört habe, der von D vernommen habe, (…), wonach X den Gesandten Allahs gehört habe, wie er dieses und jenes gesagt hat, als dies und das geschah.

In inhaltlicher Hinsicht sind in den Hadithen einerseits Lebenssituationen zu finden, die in erster Linie den Propheten als Hauptperson haben. Die in den Hadithen enthaltenen Verhaltensweisen des Propheten, dessen Gebote und Verbote sind dann für den Gläubigen Maßstab für eigenes Verhalten. Praktisch wichtig sind insbesondere auch Hadithe, welche konkrete Situationen umschreiben, bei denen die Suren des Korans offenbart worden seien. Damit wird ein Kontext zwischen dem im Hadith beschriebenen Ereignis und der Offenbarung der Sure hergestellt, was dem Textverständnis des Korans dient. Oft werden Suren erst durch diesen Kontext, der durch einen Hadith hergestellt wird, überhaupt verständlich. Angesichts der Tatsache, dass sämtliche Hadithe spätere Erfindungen darstellen, kann man sich vermutlich nun auch vorstellen, dass auch dieser Kontext erfunden ist und der Korantext ursprünglich wohl ganz etwas anderes aussagte, als dies von der Tradition angenommen wird. Nebst dem Koran und den Hadithen gibt es noch eine dritte Quelle der Scharia. Bei der sogenannten Sira handelt es sich um eine theologische motivierte Lebensgeschichte des Propheten, die kanonisch ist und die ebenfalls durch Isnad-Ketten überliefert ist. Die Sira bietet eine weitere Möglichkeit, um das Verhalten des Propheten zu kopieren. Schließlich sind die wichtigen Kommentare zu nennen, Koran-Kommentare, wie der von Tabari, oder Kommentare anderer Quellen.

Anhand dieser Quellen für die Scharia-Praxis können sogenannte fatwas ausgesprochen werden, die ihrerseits eine Quelle für die Scharia-Praxis sein können. In der Regel wird eine fatwa mit dem deutschen Begriff „Rechtsgutachten“ übersetzt, was natürlich zutrifft. Allerdings ist in diesem Kontext unter dem Begriff Recht etwas wesentlich breiteres zu verstehen. Es geht bei der Scharia bei weitem nicht nur um zivil- oder strafrechtliche Rechtsgutachten, was ich bereits am Anfang angesprochen habe. Vielmehr werden damit oft ganz alltägliche Dinge beantwortet. Von Körperhygiene bis zu den Essgewohnheiten, Fragen rund um die Sexualität, über die Kleidung, über die Art, wie der Bart getragen werden sollte, ob Frauen und Männer genitalverstümmelt werden sollten oder wie Bankgeschäfte verrichtet werden können. Es gibt nichts, was nicht mit einer fatwa beantwortet werden könnte.

Wie umfassend und weitreichend die islamischen Vorschriften sind, die in intimste Bereiche des menschlichen Lebens und damit in die Privatsphäre eingreifen, kann dem nachfolgenden Beispiel über das Zähneputzen entnommen werden. Es gibt offenbar zahlreiche Hadithe, die das Zähneputzen thematisieren. Hier seien nur einige aus dieser Seite zitiert:

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen gehört zur natürlichen Veranlagung (fitra) und zum Monotheismus (Tawhid).“

(Kanz-ul-Ummal, Bd 6, S. 654)

Der Prophet (s) sprach:

Gabriel kam zu mir und sagte:

„Oh Muhammad! Wie sollen wir dir herab gesandt werden, während du dir nicht die Zähne putzt?“

(Bihar Al Anwar, Bd 76, Seite 130)

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen enthält zehn Besonderheiten:

Es macht den Mund wohlriechend, es macht das Zahnfleisch fest, es beseitigt den Auswurf, es verleiht den Augen Glanz, es beseitigt den Zahnschmelz, es ordnet den Magen, es ist die Verfahrensweise (Sunnah) des Propheten (s), es erfreut die Engel, es stellt den Herrn zufrieden und es erhöht die Wohltaten.“

(Kanzul Ummal, Bd. 9, S. 129)

Nun könnten die Befürworter der Volkszahngesundheit dazu angeben, dass dies ja wunderbar sei. Bereits die Scharia empfiehlt den gläubigen Muslimen, dass man sich die Zähne putzen sollte. Daraus folge doch, dass damit die Scharia einen positiven Beitrag dazu leistet, dass Muslime gesunde Zähne haben. Das Problem dabei ist, dass es nicht die Sache der Religion ist und sein kann, im Bereiche der Gesundheit oder der Medizin sachdienliche Tipps zu geben. Was gesund ist und was ungesund, wird durch die Erfahrungswerte bestimmt, die uns die Wissenschaften zur Verfügung stellen und nicht durch eine vormittelalterliche Ideologie. Diese Erfahrungswerte können sich mit der Zeit ändern. Wenn man dies auf die Zahnpflege überträgt, sei lediglich darauf hingewiesen, wie die Formen der Zahnbürsten sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben, wie sehr sich die Zahnpasta verändert hat, die zunächst in Pulverform verkauft wurde und wie sich die Putzmethoden, die von den Zahnärzten empfohlen wurden, in den letzten 50 Jahren veränderten. Die moderne Zahnmedizin vom 21. Jahrhundert lässt sich auch nicht wirklich mit der Zahnmedizin vergleichen, wie wir sie vor 100 Jahren kannten. Da kann der Hinweis, wonach der Prophet seine Zähne mit einem Miswak geputzt habe, nicht wirklich etwas bringen, schon gar nicht, wenn man anfängt seine Zähne mit einem Miswak zu putzen, um damit den Propheten zu kopieren. Das Beispiel der schariakonformen Zahnpflege zeigt, dass nicht rationale Argumente die Zahngesundheit fördern sondern Befehle respektive zu kopierende Verhaltensweisen. Damit ist auch möglich, dass allenfalls irrationale oder schädliche Aspekte in den Lebenswandel einfließen können. Beispiel: Der größte Teil des Vitamin D, das wir Menschen benötigen, wird vom Körper mithilfe des Sonnenlichts selbst hergestellt. Wenn der Körper vollständig verdeckt ist etwa durch religiöse Kleidung, wird dies mindestens nicht so gut gewährleistet wie bei Menschen, die keine religiöse Kleidung tragen.

Abgesehen von dieser möglichen Gesundheitsgefährdung stellt die Scharia auch einen massiven Eingriff in die Freiheit eines Menschen dar und unterwirft diesen einer totalitären Zwangskultur, wenn man bedenkt, dass solche Einmischungen sämtliche Lebensbereiche umfassen und deren Einhaltung von der Glaubensgemeinschaft und von der Familie sichergestellt wird wie beispielsweise das Tragen des islamischen Kopftuches, welches von der Trägerin nicht einfach so abgelegt werden kann. Die Scharia hat eine Meinung darüber, ob Frauen sich mit Pinzetten die Augenbrauen zupfen sollen, eine Meinung darüber, mit welcher Hand man sich den Hintern putzen sollte, wenn man das große Geschäft verrichtet hat; sie bestimmt etwa auch, dass Frauen während des Geschlechtsverkehrs nicht sprechen sollten, weil sonst das gezeugte Kind stottern würde. Die Scharia besagt, dass die Zeugenaussage eines Mannes doppelt so viel wert ist wie die einer Frau, dies weil sie “emotional” sei. Die Scharia sagt den Muslimen, dass sie keine Freundschaften mit Juden und Christen schließen sollen. Auch sagt die Scharia, dass Muslime nach Ablauf der heiligen Monate Ungläubige ermorden sollen, wo auch immer sie diese antreffen. Erwähnenswert ist aber auch, dass die Scharia die Ermordung sämtlicher Juden für die Voraussetzung der Heilserfüllung bei der Apokalypse ansieht. Von der Verweigerung des Handschlags bis zu den Auspeitschungen von Menschen wie Raif Badawi, vom Kopftuch bis zur Burka, vom Züchtigungsrecht des Ehemannes gegenüber seiner Ehefrau bis zur Zwangsverheiratung von Minderjährigen aber auch andere haarsträubende Unzulänglichkeiten des Islam, die uns beschäftigen, haben ihre Grundlage in der allumfassenden Scharia. Eines der wesentlichsten Probleme der Scharia ist genau diese letztgenannte Eigenschaft, welche die Scharia, sofern man es zulässt, dass sie in alle Lebensbereiche durchdringen kann, zu einer totalitären Ideologie macht, die zudem inhaltlich in erheblicher Weise unseren modernen Werten im Westen und unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung widerspricht, diesen Dingen sogar diametral entgegengesetzt ist und diese konkurrenziert und gefährdet. Das ist deshalb keine Überraschung, weil die Idee der Scharia darin besteht, eine ideale islamische Gesellschaft auf der Grundlage der Regeln der Scharia zu begründen und zu gewährleisten, wo diese archaischen Regeln, die aus dem Vormittelalter stammen, vollumfänglich ihre Wirkung entfalten sollen.

Trotz meines Bekenntnisses zu den Grundrechten und damit auch zur Glaubens- und Gewissensfreiheit kann ich es in Kenntnis darüber, wie die Scharia funktioniert und welche materiellen Inhalte sie beinhaltet, niemals billigen, dass diese archaischen und freiheitsfeindlichen Regeln über die Grundrechte Einzug in unsere Gesellschaftsordnungen finden, obwohl sie mit Religion nichts zu tun haben, sondern gesellschaftspolitisch motivierte Maßnahmen darstellen. Freiheit darf niemals dazu dienen, Unfreiheit zu fördern, das ist meine tiefe Überzeugung. Deshalb heisst dieser Blog ja auch „Freiheit oder Scharia“.

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(Junges Paar aus Ankara, im Jahr 1969, in der Scharia freien Türkischen Republik)

 

 

Was ist die Scharia? – Eine islamkritische Einführung

Die Genitalverstümmelungs-Fatwa des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS)

Am 19. Februar 2018 publizierte der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) auf seiner Webseite eine Genitalverstümmelungs-Fatwa mit dem Titel “Wie ist das islamische Urteil über die Beschneidung der Frau? – Der Unterschied zwischen FGM und der Sunna-Beschneidung”  und löste damit ein breites Medienecho aus, das mindestens bis in die Bundesrepublik durchdrang. Erfahren habe ich  davon erstaunlicherweise von meinem hochgeschätzten Freund und Anwaltskollegen aus Berlin Erol Özkaraca, der mich noch am gleichen Tag anschrieb und mich nicht ohne Verwunderung aber mit bitterer Ironie danach fragte, was  bei uns in der Schweiz eigentlich los sei. Dieselbe Frage stellte ich mir natürlich auch.

Einen Tag später meldete sich eine weitere Freundin, dieses Mal eine Schweizerin, die wissen wollte, was man gegen den IZRS nun strafrechtlich tun könne. Sie wollte sogar den Namen eines guten Anwalts erfahren und wäre bereit gewesen, Geld gegen diese Leute zu investieren. So wütend war sie und das wohl völlig zu Recht! Und sie nahm an, dass hier tatsächlich eine rechtliche Handhabe bestehen würde. Meine Freundin konnte ihr Geld sparen, weil ich sie wenig später quasi gefälligkeitshalber beriet. Ich bekam nichts und meine Antwort lautete genau gleich, nämlich “Nichts! Du kannst gegen diese Leute absolut nichts unternehmen!” Eine Anstiftung lag klar nicht vor und die Fatwa war auch kaum unter Art. 259 StGB (Öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder zu Gewalttätigkeit) zu subsumieren.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: In der Schweiz ist die weibliche Genitalverstümmelung ausdrücklich mit einem eigens dafür geschaffenen Straftatbestand verboten. Früher wurde das entsprechende Delikt noch als schwere Körperverletzung geahndet. Der Schweizer Gesetzgeber hat aber erst neulich mit Art. 124 StGB eine Bestimmung geschaffen, um diese besondere Form der schweren Körperverletzung ganz besonders zu ächten. Der Straftatbestand trat am 1. Juli 2012 in Kraft, also nicht einmal vor sechs Jahren. Der Gesetzgeber wollte mit der neuen Strafbestimmung vor allem auch Auslandtaten erfassen, was im Strafrecht eher eine Ausnahme darstellt, aber gerade bei der weiblichen Genitalverstümmelung eine absolute Notwendigkeit ist, um wirksam gegen diese bestialische Straftat vorzugehen. Der Umstand, dass der Gesetzgeber auch eine Auslandstraftat in der Schweiz verfolgen will, spricht im übrigen regelmässig für das Vorliegen eines besonders schweren Straftabestandes, was die weibliche Genitalverstümmelung bekanntlich auch ist.

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Da der IZRS in seiner Fatwa  schon im Titel von einer “Beschneidung der Frau” und von der “Sunna-Beschneidung” spricht, die sich von weiblicher Genitalverstümmelung angeblich unterscheiden soll, möchte ich diesbezüglich klarstellen, dass es eine solche Unterscheidung nach schweizerischer Rechtsauffassung nicht gibt. Alle Arten und Unterarten, sofern man sich mit diesen Dingen aus akademischen Gründen beschäftigen will, stellen nach unserem schweizerischen Rechtsverständnis weibliche Genitalverstümmelungen im Sinne von Art. 124 StGB dar. Weshalb? Weil  genau das dem gesetzgeberischen Willen entspricht, was man aus dessen Materialien entnehmen kann. Im Bericht der Kommission für Rechtsfragen des Nationalrates vom 30. April 2010, der eine Grundlage zu dieser Gesetzesbestimmung ist, steht nämlich Folgendes, was die gesetzgeberische Absicht verdeutlicht:

“Mit der Einführung eines expliziten und einheitlichen Tatbestandes würde auch die Anwendbarkeit des Gesetzes verbessert werden: Wenn nicht mehr abgeklärt werden muss, welcher Typ von Genitalverstümmelung vorliegt, welches die genauen Tatumstände waren und ob die Tat in der Schweiz oder einem anderen Land begangen wurde, wo sie strafbar ist, können Strafverfahren einfacher und schneller geführt werden. Jede Genitalverstümmelung wäre dann ohne weiteres als Verbrechen zu qualifizieren und entsprechend zu verfolgen.”

Mit anderen Worten wollte der Gesetzgeber genau solche spitzfindige Debatten, wie der IZRS sie führen will, vermeiden und die Tat in jedem Fall bestrafen, in all ihren möglichen Formen und wie erwähnt auch die Auslandtat. Nachdem ich klargestellt habe, wie die schweizerische Haltung zu allen Formen von Genitalverstümmelungen ist, welche die Existenz von “Frauenbeschneidungen” negiert, die man angeblich von Genitalverstümmelungen unterscheiden könne, möchte ich mich nun der islamischen Betrachtungsweise zuwenden oder besser gesagt Betrachtungsweisen.

Ich bin mir sicher, dass die meisten Leser schon oft von Musliminnen und Muslimen gehört oder gelesen haben, die angaben, dass die Genitalverstümmelung unislamisch sei. In der Tat bezeichnen sehr viele Muslime – darunter auch viele namhafte Theologen – die Genitalverstümmelung sogar aus theologischen Gründen als unislamisch. Natürlich gibt es auch entsprechende Fatwas. Unstrittig ist übrigens auch, dass es durchaus auch orthodoxe Muslime gibt, die streng nach der Scharia leben und die dennoch klar gegen die weibliche Genitalverstümmelung sind. Ich will solches überhaupt nicht in Abrede stellen. Entsprechende Äusserungen von Muslimen, wonach die weibliche Genitalverstümmelung unislamisch sei, wird von Nichtmuslimen jedoch meistens missverstanden. Die Genitalverstümmelung ist lediglich aus der Perspektive des Muslims, der es gerade ausspricht, oder aus der Haltung einer bestimmten islamischen Gemeinschaft oder Gemeinde heraus, welche den Islam anders versteht, unislamisch. Die weibliche Genitalverstümmelung ist und bleibt aber durchaus fester Bestandteil des Islams und wird von gewissen muslimisch geprägten Gesellschaften auch heute noch praktiziert und zwar durchaus aus islamischen Gründen.

Die weibliche Genitalverstümmelung kommt in der Scharia vor und ist nicht bloss Gegenstand von lokalen Traditionen. Unter diesem Link können solche Scharia-Quellen – unter anderem auch Hadithe – abgerufen werden, die durchaus islamisch sind und vor allem – so denke ich – sollten wir auch nicht wirklich bestreiten, dass die Verfasser der IZRS-Fatwa immerhin auch Muslime sind, die ihre Fatwa mit islamischen Quellen “angereichert” haben. Wenn man selbst den IZRS-Fatwa-Gutachtern und ihren Quellen nicht glauben will und diese allesamt für Nichtmuslime hält, sollte man doch wenigstens einem Professor Tariq Ramadan Glauben schenken, der normalerweise an der Universität Oxford lehrt, gegenwärtig aber verhindert ist. Hier sind Ausschnitte seiner Äusserungen vom vergangenen Sommer:

“First, when the people are saying that [female circumcision] is not in the Quran… Yes, there is nothing about this in the Quran. Anything which has to do with excision or circumcision is coming from the Prophetic tradition. Now, no one can deny the fact that in mainstream Islamic tradition, up to now, in African countries, or in the Islamic institutions – in Al-Azhar or in some of the institutions that we have – it is discussed because they are relying on the Prophetic traditions, where it clearly mentions female excision. My position as a Muslim scholar is that it is wrong, that we should not promote this, because I think that, first, it is not in the Quran, and second, it is part of the Sunna that we have. It is something that is done in African countries among the Christians and the Muslims, and it is not religious. No one can say that it is not part of our tradition. It is controversial, it is discussed, and there is a difference of opinions among the scholars. Yes. You need to take a position, but you cannot deny the fact that this is something that is part of our tradition.” […] “Can’t we take the time to have an internal discussion? To say: ‘Look, we are not going to respond to the controversy. We are not going to fire people just to be on the safe side, and to be perceived as moderate, as open-minded.’

Zusammengefasst ist die weibliche Genitalverstümmelung fester Bestandteil des Islams. Es sind bei weitem nicht alle Musliminnen davon betroffen und in der Tat existieren diesbezüglich sehr grosse regionale und kulturelle Unterschiede. Während die weibliche Genitalverstümmelung in der Türkei weitestgehend unbekannt ist, ist in Ägypten etwa 8 von 10 Frauen genitalverstümmelt. Die Tatsache, dass sehr viele Musliminnen nicht davon betroffen sind, ihre religiösen Gemeinschaften die weibliche Genitalverstümmelung sogar aus religiösen Gründen strikt ablehnen, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es diesbezüglich auch andere Realitäten gibt. Die Fatwa des IZRS ist der beste Beleg dafür. Auch für den Oxford Professor Ramadan ist das unstrittig. Für den Schweizer Gelehrten kann das Ganze allerdings nur Gegenstand einer exklusiven innerislamischen Diskussion sein. Was er uns damit sagen will: “Euch Nichtmuslime geht das Ganze gar nichts an!”

Die Genitalverstümmelungs-Fatwa des Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS)