Dr. Michael Blume und der stille Rückzug des Islam

Bereits mein letzter Blog handelte von Dr. Michael Blume, dem Antisemitismus-Beauftragten des Landes Baden-Württemberg, der einen eigenwilligen und klar falschen Antisemitismus-Begriff verwendet, der neuerdings nicht nur den Hass respektive Vorurteile gegenüber Juden umschreiben soll, sondern sämtliche Angehörige von abrahamitischen Religionen als mögliche Betroffene einbeziehen will. Ich verwies dabei auf eine Filmaufnahme von ihm auf YouTube, auf der genau dies zu hören ist (ab circa Min. 11:00).

Zu meinem großen Bedauern stellte ich leider erst nachträglich fest, dass Dr. Michael Blumes neues Buch just diese absurde These sogar im Titel wiedergibt und ich deshalb gar nicht so weit hätte suchen müssen. „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ heißt das neue Werk des Antisemitismus-Beauftragten und aus der Buchbeschreibung kann entnommen werden, die ich aus urheberrechtlichen Gründen nur verlinken möchte, dass Dr. Michael Blume auch mit der Publikation dieses Buches die Absicht verfolgt, den Begriff des Antisemitismus willkürlich auszuweiten und diese Falschbehauptung sogar einem größeren Publikum kundzutun, was ich in Anbetracht seiner Position für extrem bedenklich halte.

Ich bin froh, dass es auch andere Menschen gibt, welche die Brisanz dieser Thematik und das Problem bei dieser eigenwilligen Definition des Antisemitismus durch einen Antisemitismus-Beauftragten erfassen und dies auch öffentlich zu erkennen geben. In der vergangenen Woche habe ich insbesondere die Entgegnung von Prof. Susanne Schröter sehr geschätzt, nachdem sich Dr. Michael Blume darüber empört hatte, dass sie es gewagt hatte, meinen letzten Blog-Artikel auf Facebook zu teilen und gemäß Angaben von Blume daraus zu zitieren, wobei das Letztere übrigens nicht zutraf. Prof. Schröter schrieb dazu die folgenden beiden Kommentare, nachdem Blume auf seiner Wall auf Facebook „Freiheit oder Scharia“ wahrheitswidrig als einen „muslimfeindlichen Blog“ bezeichnet hatte und mir implizit eine rassistische Haltung unterstellte:

 „Rassismus ist eigentlich eine ziemlich ernste Sache. Aber in der momentanen Debatte wird der Begriff von vielen, darunter von Michael Blume, nur noch als Instrument einer Diskreditierung von Kritikern verwendet. Damit spart man es sich, ein Argument für die eigene Meinung vorzutragen. Letztendlich ist es ein armseliger Versuch die eigene Position gegen Einsprüche zu immunisieren, frei nach dem Motto: jeder, der anderer Meinung ist als ich, ist ein Rassist und Rassisten werden aus dem Diskurs ausgeschlossen. Was verbirgt sich dahinter? Nichts anderes als der Wunsch nach Zensur.

 Dazu kommt, dass seine Definition von Antisemitismus höchst bedenklich ist. Er richte sich gegen “Migrantinnen und Muslime, gegen Demokratinnen und Juden, gegen Gottes- und Medienhäuser”. Abgesehen davon, dass das wirklich eine krude Mischung darstellt, steht unzweifelhaft die Absicht dahinter, Muslime implizit zu Opfern von Antisemitismus zu erklären. Dann kann man guten Gewissens mit Organisationen wie Juma zusammenarbeiten.“

In meinem heutigen Blog möchte ich eine weitere Absurdität aus dem Paralleluniversum von Dr. Michael Blume behandeln, auf die ich vor rund 1 ½ Jahren stieß. Das war kurz nachdem man uns vorgestellt hatte und wir zu „Facebook-Freunden“ wurden, was nicht von langer Dauer sein sollte. Es waren übrigens Ex-Muslime, die uns bekanntmachten und nur gute Dinge über ihn zu berichten wussten. Vor allem seine Dialogfähigkeit und Objektivität waren mir gegenüber gelobt worden und außerdem wies man mich darauf hin, dass er mit einer Türkin verheiratet sei, was ich auf Anhieb sympathisch fand und dies nicht bloß wegen meiner eigenen türkischen Herkunft, sondern weil bei Ehen zwischen Deutschen und Türken in der Regel ein türkischer Mann eine deutsche Frau heiratet und nicht umgekehrt. Aufgrund dieser Informationen dachte ich, dass ich einem weltoffenen Deutschen begegnet war, der auch mit der türkischen Kultur und den türkischen Realitäten vertraut sein dürfte.

Unsere Facebook-Bekanntschaft sollte allerdings nur von kurzer Dauer sein, weil Dr. Michael Blume mich nach einer Bestreitung einer absurden These, die er in seinem damals neuen Buch aufgestellt hatte und auch in Interviews wiederholte, gleich blockierte. Es ging dabei um seine realitätsfremde Behauptung, wonach der Islam sich in einem stillen Rückzug befinden würde. Ähnlich wie in seinem neuen Werk war auch in diesem Fall die widersinnige Angabe bereits im Buchtitel enthalten: „Islam in der Krise: Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“. Das mit dem „stillen Rückzug“ des Islam war durchaus ernst gemeint und diesbezüglich war Dr. Michael Blume sogar steigerungsfähig. Der Islam könne auch untergehen, behauptete er in einem Interview und gab an, dass der Islam sich eigentlich in einer Krise befinden würde, „auch zahlenmäßig“, so wörtlich. Als ich diese haltlosen Behauptungen bestritt, gab Dr. Michael Blume mir gegenüber gewissermaßen ex cathedra an, dass ich wissenschaftsfeindlich sei, weil ich seine wissenschaftlichen Ergebnisse anzweifeln würde und außerdem sei ich ein „Verschwörungstheoretiker“, übrigens ein Lieblingsausdruck von ihm, was ich damals noch nicht wusste. Jedenfalls hatte ich zuvor durchaus schon einige wenig schmeichelhafte Entgegnungen gehört, aber derartige Vorwürfe waren mir ganz neu und vor allem waren sie grotesk, zumal in Anbetracht der Absurdität dieser Behauptungen die Beschreibung eher auf ihn zutraf. Kurz darauf hatte er mich auf Facebook blockiert und eine weitere Diskussion zwischen uns fand nie wieder statt.

Damit die Leserinnen und die Leser es selbst beurteilen können, ob sich der Islam – „auch zahlenmäßig“ – in einem stillen Rückzug befindet und die „Gefahr“ besteht, dass sie auch untergehen könnte, so wie Dr. Michael Blume dies behauptet, möchte ich nachfolgend einige dieser Zahlen nennen.

Im Jahr 2017 lebten gemäß Schätzungen des Pew Research Center circa 1,8 Mia. Muslime auf der Welt, was damals ungefähr einen Viertel der Weltbevölkerung ausmachte. Damit war der Islam die zweitgrößte Religion unmittelbar nach dem Christentum. Darüber hinaus schätzte das renommierte Forschungsinstitut, dass im Jahr 2070 der Islam das Christentum überholen würde. Mit durchschnittlich 2,7 Kindern pro Familie gegenüber 2,2 Kindern bei Christen war der Islam im Jahr 2017, also im Jahr als das Buch von Dr. Michael Blume über den stillen Rückzug des Islam erschien, die am schnellsten wachsende Religion der Welt.

Das muslimisch geprägte Ägypten beispielsweise hat dieses Jahr die 100 Mio. Grenze bereits überschritten und steuert bereits auf die nächste zusätzliche Million zu. Im Jahr 2005 betrug die Einwohnerzahl noch 76,78 Mio. und 1985 50,20 Mio., also rund die Hälfte von heute. Ganz anders sah die Bevölkerungsentwicklung Ägyptens hingegen in den Jahren 1955 (23,52 Mio.), 1960 (26,99 Mio.) und 1965 (30,87 Mio.) aus, als das Land wesentlich säkularer geprägt war, als dies aktuell der Fall ist. Die Verdoppelung der Bevölkerung von 50 auf 100 Mio. hatte ferner genau dann stattgefunden, als die Muslimbruderschaft stärker geworden war und das säkulare Leben immer mehr zurückdrängte. Anders als noch in den frühen Achtzigerjahren ist heute selbst in Kairo kaum noch eine Frau ohne Kopftuch zu sehen. Gewiss leben auch Christen, in erster Linie Kopten, in Ägypten, die diese Zahlen etwas relativieren, aber es sind ganz sicher nicht die verfolgten Kopten, welche diese Bevölkerungsexplosion zu verantworten haben.

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(Kairoer Innenstadt, 1964)

Weitere Zahlen? Saudi Arabiens Bevölkerung betrug im Jahr 1985 noch 13,18 Mio. In diesem Jahr werden es 34,14 Mio. Einwohner sein. Irans Bevölkerung im Jahr 1975 betrug 32,73 Mio. und betrug ein Jahr nach der sogenannten „Islamischen Revolution“ des Jahres 1979 38,67 Mio. Einwohner. Im Jahr 2000 betrug die Einwohnerzahl Irans 66,13 Mio., hatte sich damit in 25 Jahren verdoppelt und dieses Jahr wird der Iran eine Bevölkerung von 82,82 Mio. Einwohnern haben. Das bedeutet, dass sich die Bevölkerung seit 1955 (19,29 Mio.) mehr als vervierfacht hat. Indonesien hatte 1975 noch eine Bevölkerung von 130,72 Mio. Einwohnern. Im Jahr 2019 wird diese Zahl 269,53 Mio. betragen. Pakistan hatte im Jahr 1980, also rund zwei Jahre nachdem die Islamisierungswelle von Zia-Ul-Haq losging, eine Bevölkerungszahl von 78,06 Mio. Einwohnern. In diesem Jahr sollen es 204,59 Mio. werden.

Sieht so ein stiller Rückzug des Islam aus? Besteht in Anbetracht dieser Zahlen wirklich der Anlass, dass man die These aufstellen könnte, dass der Islam auch untergehen könnte? Soll der Islam „auch zahlenmäßig“ in einer Krise stecken?

Nun ist gewiss in Betracht zu ziehen, dass die vorhin zitierten Zahlen über das einzelne Individuum, über die Familien, über die jeweiligen Gesellschaften und Subkulturen , nichts aussagen. Wenn von solchen Statistiken die Rede ist, darf nicht vergessen werden, dass sowohl ein hübsches Fotomodell aus Izmir, die wenig bis gar nichts mit dem Islam zu tun hat, als auch der Kalif des untergegangenen IS-Kalifats nominell zu Muslimen gezählt werden und die Statistik ihre Unterschiedlichkeit nicht ausdrücken kann. Vor allem gibt es unter diesen Menschen auch einige Agnostiker und sogar Atheisten, die sich gar nicht zu erkennen geben, unter anderem auch deswegen, weil Apostasie im Islam mit dem Tode bestraft wird und selbst wenn der Staat die entsprechende Strafe nicht kennt, irgendwelche Fanatiker diese „Funktion“ bereitwillig übernehmen, wie etwa beim türkischen Freidenker und Ex-Imam Turan Dursun.

Ferner existiert in der arabisch-sprachigen Welt mittlerweile ein größeres Publikum bestehend vor allem aus Jugendlichen, welches beispielsweise arabische YouTube-Videos von Hamad Abdel Samad oder von anderen islamkritischen und säkularen Intellektuellen regelmäßig verfolgt. Außerdem ist es auch eine Tatsache, dass eine nicht autorisierte arabische Übersetzung des atheistischen Meisterwerks „Gotteswahn“ von Richard Dawkins in der Form einer pdf-Datei am meisten in Saudi Arabien heruntergeladen wurde (rund 30% von rund 10 Mio. Downloads). Doch diese Entwicklungen sollten nicht dazu verleiten anzunehmen, dass sich wegen solchen Dingen der Islam in einem („auch zahlenmäßig“) stillen Rückzug befinden würde. Vielmehr trifft das Gegenteil davon zu, wie die oben aufgeführten Zahlen dies belegen konnten.

Dabei ist insbesondere auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die mit diesen Zahlen zum Ausdruck kommenden Bevölkerungsexplosionen nicht auf säkulare Muslime zurückzuführen sind. Ein den westlichen Standards entsprechendes Leben führendes türkisches Paar beispielsweise macht in aller Regel keine 10 bis 15 Kinder. Gleiches gilt für säkular orientierte Ägypterinnen und Ägypter und Iranerinnen und Iraner und für weitere ähnliche Gruppierungen aus der muslimischen Welt.

Entgegen der unqualifizierten Angabe von Dr. Michael Blume ist der Islam sogar äußerlich erkennbar nicht in einem stillen Rückzug. Ganz im Gegenteil ist in der islamischen Welt seit circa 1978 eine Rückkehr in von der Scharia geprägte Gesellschaftsordnungen festzustellen. Diese Entwicklungen fingen mit der Machtübernahme Zia-Ul-Haqs in Pakistan an und wurden in den unmittelbar darauffolgenden Jahren durch mehrere Schlüsselereignisse in der islamischen Welt fortgesetzt, welche die Reislamisierung anfeuerten. Es sind die Folgenden:

  1. „Islamische Revolution“ Khomeinis im Iran (1979)
  2. Der Überfall auf die Grosse Moschee in Mekka und das Erstarken der Konservativen in Saudi Arabien (1979)
  3. Einmarsch der Sowjets nach Afghanistan mit der Folge eines dort geführten internationalen Dschihads (1979)
  4. Militärputsch in der Türkei – Verfolgung von linken Oppositionellen und gleichzeitige Stärkung von Islamisten und Nationalisten (1980)
  5. Ermordung Anwar Sadats durch die Muslimbruderschaft (1981)

In den darauffolgenden Jahren wurden viele einst vom Säkularismus geprägte Länder eines nach dem anderen reislamisiert und insbesondere auch aufgrund der Geburtenrate bei Scharia-Muslimen wurden neue Mehrheitsverhältnisse geschaffen. Säkular orientiert ist in der heutigen Türkei noch rund die Hälfte der Bevölkerung, was man beispielsweise mit den Sechzigerjahren nicht einmal ansatzweise vergleichen kann.

Ich habe mich gefragt, weshalb Dr. Michael Blume in Anbetracht dieser Realitäten einen derart kolossalen Unsinn erzählt. Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen. Er könnte allenfalls die für ihn überraschende Erfahrung gemacht haben, dass es – auch in Deutschland – viele Musliminnen und Muslime gibt, die nicht nach der Scharia leben, mit dem Hijab nichts anfangen können und sich in erster Linie weltlichen Dingen zuwenden. Bei diesem Überraschtsein, was ich bei Dr. Michael Blume vermute, handelt es sich um eine Erwartungshaltung, die ich bei vielen Menschen aus dem sogenannten „Westen“ immer wieder feststellen konnte. So hatte beispielsweise auch der Buchautor und Fotograf Lutz Jäkel, über den ich auch schon gebloggt habe, die Erwartungshaltung, dass doch alle Muslime für die Scharia sein müssten und darüber erstaunt war, als er erfuhr, dass dies nicht der Fall war. Es ist nun möglich, dass auch Dr. Michael Blume aufgrund einer bestimmten Erwartungshaltung heraus überrascht ist, dass es selbst in Deutschland viele Musliminnen und Muslime gibt, die nicht nach solchen Maßstäben leben, sondern ein durch und durch säkulares Leben führen. Eine weitere Erklärung, die ich persönlich für plausibler halte ist, dass Dr. Michael Blume mit seiner absurden Behauptung den Islamisierungsängsten der europäischen Bevölkerung Gegengewicht geben wollte und irgendeinmal selbst an seine absurde These glaubte, weil sie ihm ins Konzept passte und daher wahr sein musste. Zumindest stelle ich ein ähnliches Verhaltensmuster auch bei seinem Bemühen fest, den Antisemitismus neu zu definieren. Er ist dabei so sehr vom vermeintlichen Wahrheitsgehalt der selbst ausgesprochenen Unwahrheit überzeugt, dass er eine Bestreitung als eine unerträgliche Lüge oder eben als eine „Verschwörungstheorie“ wahrnimmt. Anders kann ich mir seine Dünnhäutigkeit jedenfalls nicht erklären.

 

Dr. Michael Blume und der stille Rückzug des Islam

3 thoughts on “Dr. Michael Blume und der stille Rückzug des Islam

  1. Ulrich Schlaefli says:

    Ich möchte darauf hinweisen, dass auch Hamad Abdel Samad in seinem Buch ‚der Untergang der islamischen Welt: eine Prognose‘ vorausagte der Islam werde durch die aufklärerischen Kräfte schlussendlich besiegt werden. Das erinnert an Condercet! Steht Samad noch auf seiner Progz?

    Liked by 1 person

    1. Eines Tages wird der Islam gewiss untergehen, daran habe ich auch keine Zweifel. Der homo sapiens ist seit 300’000 Jahren als Fossil belegt. Was sind da schon die wenigen Jahre, in denen die abrahamitischen Religionen Bestand haben. Von einer extrem langfristigen Perspektive betrachtet, wird es diese Religionen wohl eines Tages auch nicht mehr geben. Allerdings mittelfristig – wenn wir die nächsten 100 Jahre anschauen – besteht kein Grund zur Annahme, dass der Islam untergehen könnte.

      Wohl schauen sich junge Araber seine Videos an und lesen Gotteswahn von Richard Dawkins. Wesentlich mehr Leute nützen allerdings die neuen Medien, um den Islam zu verbreiten.

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  2. Diehl says:

    Der Buchtitel bei Hamed Abdel Samad “Untergang der islamischen Welt, eine Prognose” wurde vom Verlag wohl als Verkaufsargument verwendet. Wenn man das Buch liest, sollte es eher heißen: “Probleme der islamischen Welt, eine Analyse”

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