Der internationale Frauentag in Istanbul, der außerplanmäßige Gebetsruf und die Folgen

Am 8. März 2019 wurde an vielen Orten auf der Welt der internationale Frauentag gefeiert, so auch in Berlin, wo Frauen diesen zum ersten Mal als einen arbeitsfreien Tag begehen konnten. Weit weniger respektive gar keine staatliche Anerkennung bekamen progressive und säkulare türkische Frauen zu spüren, die an diesem Tag etwa in Istanbul auf die Strasse gingen, um ihren berechtigten Anliegen Gehör zu verschaffen. Ganz im Gegenteil: Ihr friedlicher und farbenfroher Protest wurde von der Erdoğan-Diktatur gewaltsam unterdrückt, worüber auch diverse deutschsprachige Medien berichtet haben. Kurios – und damit Gegenstand meines heutigen Blogs – war ein ganz besonderes Instrument der Islamisten, welches zu später Stunde in der Nacht zum Einsatz kam, um den friedlichen Protest der Frauen zu vereiteln. Es war der Gebetsruf. Auf dieses spezifische Ereignis möchte ich nachfolgend eingehen und mich auch mit der daraus entstandenen Dynamik befassen.

Ich habe keine Probleme damit, es hier gleich zu Beginn meiner Ausführungen offen und ehrlich zuzugestehen, dass ich den Gebetsruf, so wie ich diesen während meinen Aufenthalten in der Türkei erdulden musste, schon immer als eine unsägliche Lärmbelästigung wahrgenommen habe. Dabei meine ich ausdrücklich nicht den religiösen Gesang („Ezan“) selbst, was sogar gewisse nichtreligiöse Menschen als schön empfinden. Ich spreche vielmehr die auf volle Lautstärke aufgedrehten, blechernen Lautsprecher an, die mehrfach und in alle Richtungen gedreht einen ohrenbetäubenden und lästigen Lärm erzeugen. Wie Maschinengewehrsalven prasselt jeweils der Lärm auf einen nieder, vor allem, wenn man sich unverhofft und nichtsahnend in der unmittelbaren Nähe einer Moschee befindet.

Als Kind nahm ich naiverweise an, dass der Grund für die volle Lautstärke auf die unsachgemäße Bedienung der Anlage durch den Muezzin zurückging. Erst später sollte ich verstehen, was das wirkliche Motiv dahinter war. Es ging dabei schon immer darum, um Präsenz und Allmacht des Islam zu demonstrieren und diese Tatsache – freiwillig oder unfreiwillig – jeder Person, die sich in der Nähe einer Moschee befand, mit voller Lautstärke einzuhämmern. Was den Anfang dieser Entwicklung in der Türkischen Republik bildete, habe ich in einem anderen Blog beschrieben, dessen nochmalige Lektüre ich meinen Leserinnen und Lesern ausdrücklich empfehlen möchte, nachdem sie meinen heutigen Blog zu Ende gelesen haben.

Der Gebetsruf steht, wie der Name es schon sagt, grundsätzlich im Zusammenhang mit der Verrichtung der obligaten täglichen fünf Gebete, was eine der fünf Säulen des Islam darstellt, aber in einem säkular geprägten Land wie der Türkei nach wie vor von einer Minderheit eingehalten wird. Diese fünf Gebete werden von den Gläubigen, die sich daraus etwas machen, jeweils zu unterschiedlichen d.h. sich immer wieder verändernden Zeiten verrichtet, die in einem Zusammenhang mit dem Sonnenauf- und Sonnenuntergangsuhrzeiten stehen. Jedenfalls waren die Gebetszeiten am 8. März 2019 in Istanbul um 05.54 Uhr, 13.20 Uhr, 16.34 Uhr, 19.21 Uhr und um 20.30 Uhr und der jeweilige Gebetsruf hätte sich eigentlich nach diesen Zeiten richten sollen, was grundsätzlich auch der Fall war.

Völlig außerplanmäßig erfolgte an diesem Tag jedoch ein weiterer Gebetsruf und zwar circa um 22.00 Uhr, als protestierende Frauen, die ein Pfeifkonzert veranstalteten, sich in der Gegend des Taksim Platzes und İstiklâl Caddesi aufhielten. Diese Gegend, insbesondere der Platz mit dem Denkmal der Republik, hat einen besonderen symbolischen Stellenwert für die laizistische Türkei und für die säkularen Bürger des Landes, weshalb in der Vergangenheit Proteste von progressiven Menschen, Gewerkschaften und der republikanischen Linken immer wieder dort stattgefunden haben. Aus demselben Grund lässt der nationalislamistische Diktator genau an dieser Stelle gegenwärtig eine riesige Moschee errichten, um den Symbolcharakter dieses Ortes herabzusetzen und diesem seinen eigenen neoosmanisch geprägten islamischen Stempel aufzudrücken. Um circa 22.00 Uhr jedenfalls ertönte just aus den Lautsprechern dieser sich noch in Bau befindlichen Moschee der Gebetsruf, um das Pfeifkonzert der protestierenden Frauen zu unterdrücken.

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(Säkulare Türkinnen vor dem Denkmal der Republik, circa 1940)

Dass der Gebetsruf wie hier gewissermaßen als Waffe eingesetzt wurde, ist in der Erdoğan-Diktatur nichts Neues. Bereits im Rahmen des von Erdoğan selbst orchestrierten „Putsches“ vom 16. Juli 2016 hatte er lange nach den ordentlichen Gebetszeiten mit generalstabsmäßiger Präzision veranlasst, dass überall im Land sogenannte Sela-Gebetsrufe ertönten, um seine Scharia-Brüder zum Dschihad aufzurufen und seine Anhängerschaft zu mobilisieren, damit diese auf die Straße gingen. Diese nächtlichen Dschihad-Gebetsrufe sollten noch während Monaten von den Minaretten der ehemaligen laizistischen Türkischen Republik ertönen, um der Bevölkerung implizit mitzuteilen, dass es eine Rückkehr in die alte Zeit nicht mehr geben würde. Der Gebetsruf war damit einmal mehr als eine Art Machtdemonstration des Islam eingesetzt worden und sollte die neue religiöse Staatsordnung widerspiegeln.

Dieses Mal, am internationalen Frauentag vom 8. März 2019 in Istanbul, war dies nicht anders, als der Gebetsruf lange nach den Gebetszeiten ertönte, um protestierende Frauen zu unterdrücken und sie an die neue Realität zu erinnern. Doch dabei blieb es nicht. Wenig später wurde auf diversen islamistisch geprägten Online-Medien in türkischer Sprache gegen die protestierenden Frauen gehetzt, mit der Begründung, dass sie mit ihrem Pfeifkonzert angeblich versucht hätten, den Gebetsruf zu unterdrücken. Die protestierenden Frauen, die damit den Stempel von Islamfeinden aufgedrückt bekamen, waren also plötzlich nicht diejenigen, deren Protest mit einem außerplanmäßigen Gebetsruf aus einer noch nicht fertig gestellten Moschee, wo gegenwärtig ohnehin niemand beten kann, unterdrückt worden war, sondern es war umgekehrt. Die Frauen hatten gemäß Propaganda der Islamisten keinen Respekt vor dem Islam und hatten die Gläubigen gestört, was in einem muslimisch geprägten Land wie der Türkei gleichbedeutend ist, wie wenn man ihnen den heiligen Krieg erklären würde.

Ich hoffe, dass die Leserin oder der Leser es erfasst, wie perfide hier die Spieße umgedreht wurden, die unterdrückten Frauen plötzlich als Unterdrückerinnen des Islam dastanden und welche Rolle der Gebetsruf dabei spielte. Doch das war noch nicht alles und die Propaganda sollte noch exzessiver weitergeführt werden. Zu einem vorläufigen Höhepunkt kam es gestern, am 15. März 2019, also genau eine Woche nach den Ereignissen, um die gut organisierte islamistische Hetze gegen die Frauen und gegen die einstige laizistische Staatsordnung aufrechtzuerhalten. Gestern, nach dem Morgengebet, versammelten sich weibliche Mitglieder – freilich allesamt Scharia-Musliminnen – der sogenannten Türkischen Jugendstiftung (TÜGVA), einer islamistischen Jugendorganisation, vor einer Moschee in Diyarbakir und eine unter ihnen verlas eine Erklärung. Pikant dabei ist, dass der Sohn des nationalislamistischen Diktators, Bilal Erdoğan, im Verwaltungsrat dieser Stiftung sitzt und die Angelegenheit damit klarerweise von ganz oben orchestriert wurde. Ich werde diese Erklärung nachfolgend übersetzen, die auch für westliche Leserinnen und Leser interessant sein dürfte, weil damit der Gebetsruf mit islamischen Eroberungsfantasien in einen Zusammenhang gebracht wird, die auch Europa betreffen. Aus der Erklärung ist auch zu erkennen, welchen Zweck diese Leute im Gebetsruf erkennen und wie dieser instrumentalisiert wird.

Seher Şenyüz von TÜGVA, welche die Erklärung verlas, begann mit der Lüge, dass am 8. März 2019, beim internationalen Frauentag, gegen den Gebetsruf protestiert worden sei. Mit sehr umständlich formulierten Sätzen, die den Eindruck von Hochgebildetheit erzeugen sollen, aber bei einem gebildeten Türken eher das Gegenteil bewirken, setzte sie ihre Rede wie folgt weiter:

„Der Gebetsruf ist der Ruf, der den Gläubigen jene Kraft stiftet, die es ihnen ermöglicht, es gegen die ganze Welt aufzunehmen, sofern sie im Recht sind, indem sie in das zuvor existierende Zeitalter eintreten, ohne im Entferntesten daran gedacht zu haben, erfolglos den Versuch zu unternehmen, als Mensch einen anderen Menschen als Gott anzubeten (gemeint ist die angebliche Atatürk-Anbetung der säkularen Türken und die erhoffte Rückkehr in das osmanische Zeitalter des Islam, wobei der Gebetsruf auf die Gläubigen inspirierend wirken soll).

Der Gebetsruf bedeutet für uns die Erneuerung unseres Willens, Rom, New York, Peking, Tokyo, Moskau, Berlin, Paris und auch Wien zu erobern, wo wir eine nur halbwegs beglichene offene Rechnung haben (gemeint ist die nicht gelungene Eroberung Wiens).

Der Gebetsruf ist überall auf der Welt die einzige Waffe der Unterdrückten, das Freiheitslied des eingesperrten Muslimbruders (sie verwendet dafür den arabischen Ausdruck „ichvan“) und die Siegesmelodie der tschetschenischen Mujaheddin. Der Gebetsruf ist der geistige Nagel dieser Welt und die rote Linie aller Muslime.

Dass einige neureiche Typen (gemeint sind die politisch vornehmlich links stehenden Frauen, darunter auch Gewerkschafterinnen) gegen den Gebetsruf, der ein Bindemittel dieses türkischen Bodens ist, protestieren, hat uns wohl oder übel – obwohl diese klein aber dennoch Übelkeit erzeugend sind – an das Beispiel von Fliegen erinnert (sie meint damit, dass die Demonstrantinnen sie an Fliegen erinnern würden, die um Kot herumschwirren).

Wir möchten, dass diese Personen ohne jeden Zweifel wissen – während wir uns momentan in der Position befinden, uns mit einer mündlichen Verwarnung zu begnügen und sogar manchmal so zu tun, wie wenn wir solche Dinge nicht beachten würden – dass diese Fliegen, die kleine Stücke dieses Bindemittels für ihre Zwecke zu verwenden wissen, dass sofern unser heiliger Glaube zur Diskussion steht, die unnachgiebigen Wächter dieses heiligen Glaubens, namentlich die Kader (gemeint sind die zuständigen militanten Mitglieder) der Türkischen Jugendstiftung (TÜGVA), auf der gegnerischen Seite finden werden.“

Aus diesen Worten wird einerseits deutlich, was den säkularen Bürgern der ehemals laizistischen Türkischen Republik noch bevorsteht, die ähnlich wie Oppositionelle, Juden oder andere “unerwünschte Elemente” in Nazi-Deutschland mit Ungeziefer verglichen werden. Die Leserin oder der Leser kann versichert sein, dass die hier ausgesprochenen Warnungen ernst gemeint sind und diese Leute nur auf einen Befehl von oben warten, der diesen Befehl auch immer wieder öffentlich angedroht hat. Andererseits sollte nach diesen Ausführungen jedem klar sein, dass sämtliche der Muslimbruderschaft zuzurechnende Gruppierungen in Europa, darunter natürlich auch alle Organisationen, die dem Regime nahestehen und die teilweise als „gemäßigte Islamisten“ bezeichnet respektive wahrgenommen werden, mindestens ähnliche Eroberungsfantasien haben wie hier angesprochen, die nicht „bloß “ Europa betreffen, sondern sogar ein Land wie Japan, wo gemäß Schätzungen lediglich 185’000 Muslime (bei einer Gesamtbevölkerung von circa 127 Mio. Menschen) leben. Selbst dort soll es also darum gehen, mit dem Gebetsruf Präsenz zu markieren und damit die Allmacht des Islam auf der ganzen Welt durchzusetzen.

Das Beispiel zeigt auch in aller Deutlichkeit, was Grundrechte für Scharia-Muslime bedeuten. Sie sind ausschließlich Scharia-Muslimen vorbehalten, stehen klar hinter dem muslimischen Glauben und vor allem sollen sie lediglich als Schariagewährleistungsrechte funktionieren, welche die schrankenlose Wahrnehmung des Scharia-Lifestyles und die weltweite Verbreitung des Islam ermöglichen. Sofern und sobald Scharia-Muslime die absolute Macht im Staat erlangt haben, was in der Türkei nun der Fall ist, bedeutet dies freilich die Entrechtung aller anderen, die mit ihnen nicht einhergehen.

Der internationale Frauentag in Istanbul, der außerplanmäßige Gebetsruf und die Folgen

One thought on “Der internationale Frauentag in Istanbul, der außerplanmäßige Gebetsruf und die Folgen

  1. Sabine David-Glißmann says:

    Ich bin angesichts der hier übersetzten Rede erschüttert, was sich in der Türkei gerade abspielt. Ich bin als Touristin schon so oft und in unterschiedlichen Gegenden der Türkei unterwegs gewesen. Ich konnte mich mit sehr gebildeten Menschen unterhalten und fühlte mich als Gast im Land immer willkommen. Wo bleiben die Gegner dieses demokratiefeindlichen und aggressiv islamischen Regimes heute? Sind denn die Mechanismen der Unterdrückung schon so wirksam? Ziehen sich alle ins Private zurück? Man könnte es kaum glauben, wenn wir in Deutschland nicht auch schon die Nazizeit und die DDR mit ähnlichen Repressionsstrukturen erlebt hätten. Bitter! Ich betone ausdrücklich, dass ich mit Respekt und Toleranz anerkenne, dass Menschen im Privaten ihre Religion brauchen und dass die Religion ihnen Kraft und Halt geben kann, egal ob Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus oder andere, aber wenn die Religion zu Weltherrschaftsphantasien und Unterdrückung anderer einen Grund liefert, dann ist ein deutliches Zeichen der Demokratien dagegen erforderlich. Mehr freiheitliche, kritische Presse und gründliche Recherche, wie in diesem Blog, ist erforderlich. Danke für den aufklärenden Artikel!

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