Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten

Am 2. Juli 2017 wurde auf dem YouTube-Channel von Gunnar Kaiser ein von ihm geführtes Interview mit dem Journalisten Lutz Jäkel mit dem Titel Was ist die Scharia? – Lutz Jäkel im Gespräch” veröffentlicht. Wenig später machte mich mein guter Freund und Kollege Erol Özkaraca über Facebook darauf aufmerksam. Ich sah mir anschliessend die ersten 10 Minuten des Films an, den ich aufgrund der darin zum Ausdruck kommenden positiven Haltung Jäkels gegenüber der Scharia unerträglich fand. Da ich schon viele solcher Interviews gesehen respektive gelesen hatte, verspürte ich keine Lust, mich länger als die genannten 10 Minuten mit den altklugen Ergüssen dieses Herrn und seinen Halbwahrheiten über die Scharia auseinandersetzen und mich unnötig darüber aufzuregen. Ich gab auf Facebook gegenüber meinem guten Freund deshalb nur kurz an, dass ich eine fundamental andere Auffassung über die Scharia hätte und verwies auf meinen Blog-Artikel „Eine islamkritische Einführung in die Welt der Scharia“, in welchem ich das Funktionieren und einige wesentliche Probleme dieser totalitären Ideologie kompakt zusammengefasst hatte.

Aufgrund meines Kommentars meldete sich wenig später Lutz Jäkel höchstpersönlich auf Facebook und es entwickelte sich ein regelrechter verbaler Schlagabtausch zwischen uns. Jäkels Hauptvorwurf, den er in diesem Disput gegen mich vorbringen konnte, war der Umstand, dass ich nicht das ganze Interview gesehen hatte, was ich allerdings von Anfang an offen deklariert und begründet hatte. Aus meiner Sicht war dieses Argument nicht relevant, weil die Ausführungen, die ich gehört hatte, mir ausreichten, um festzustellen, dass er ein Scharia-Appeaser war und um zu erkennen, welche Ziele er mit seinen beschönigenden Ausführungen verfolgte. Jäkel wiederum verneinte dies und meinte dazu, dass er “wertneutral” sei, was bei objektiver Betrachtung nicht zutraf. Jedenfalls gab er im besagten Interview etwa an, wonach es “grundsätzlich nicht schlecht”sei, wenn ein Muslim, der nach Europa komme, die Scharia fordere, was man ganz sicher nicht als “wertneutral” bezeichnen kann.

Nachdem ich mir nun das gesamte Interview angesehen habe, um den vorliegenden Blog-Artikel zu verfassen, kann ich nicht behaupten, dass mein erster Eindruck mich getäuscht hätte, wie ich es übrigens auch nicht anders erwartet hatte. Lutz Jäkel ist ganz sicher nicht “wertneutral” und gehört auch aus meiner heutigen Sicht zu jenen Menschen, die mit ihrem Halbwissen über den Islam Europäer “aufklären” wollen, damit diese ihre vermeintlichen Vorurteile gegenüber der Scharia ablegen. Das Ziel einer solchen als Aufklärung deklarierter Scharia-Verharmlosung, die Lutz Jäkel mit missionarischem Eifer  betreibt, besteht darin, dass Europäer die Scharia-Observanz der in Europa lebenden Scharia-Muslime akzeptieren und diese mit Wohlwollen hinnehmen, wie wenn die Befolgung dieser totalitären und zivilisationsfeindlichen Ideologie in Europa des 21. Jahrhunderts die natürlichste Sache der Welt wäre. “Du willst die Scharia?”, meinte Jäkel in diesem Zusammenhang später im Interview als mögliche Aussage gegenüber einem Muslim, der nach Europa kommt und die Scharia fordert. Man könne sich bei einer Konfrontation mit einer solchen Forderung entspannt zurücklehnen und “Lass uns darüber reden!” gegenüber diesem Muslim sagen, so  Jäkel.

Im Mittelpunkt der kampagnenhaft betriebenen “Aufklärungsarbeit” Lutz Jäkels steht das von ihm angenommene und zu korrigierende Missverständnis bei der Bevölkerung, wonach die Scharia einzig und allein aus den sogenannten Hadd-Strafen (islamische Körperstrafen) bestehen würde, wie diese in Saudi Arabien und dem Iran praktiziert werden. “Vor allem nur dort!” meinte dazu Jäkel appeasend im Interview, indem er es wohl wider besseres Wissen gegenüber den Zuschauern des Interviews unterschlug, dass die Ausbreitung der Hadd-Strafen in anderen Staaten und die Zahl der Menschen, die anderswo davon betroffen sind, die Bevölkerungszahlen dieser beiden Länder bei weitem übertreffen. So haben der Iran und Saudi Arabien zusammengerechnet etwas mehr als 100 Mio. Einwohner. Mauretanien, Somalia, Sudan, Afghanistan, Brunei, Irak, Malediven, Pakistan, Katar, Yemen, Provinz Aceh in Indonesien sowie die 12 Scharia-Gliedstaaten von 36 in Nigeria wenden diese barbarischen Hadd-Strafen ebenfalls an und die Gesamtzahl der  Menschen, die in diesen Ländern unter dem Joch dieses unmenschlichen Strafrechtssystems leben müssen, ist mehr als dreimal so hoch als die Bevölkerung von Saudi Arabien und des Iran zusammen. Meine Aufzählung ist übrigens bei weitem nicht vollständig. Ich erinnere lediglich an die Anwendung der Hadd-Strafen durch den IS in Syrien oder an die Boko Haram, die auch in Tschad, Niger und Kamerun aktiv ist.

Scharia sei viel mehr als diese Hadd-Strafen, gab Jäkel im Interview an, was natürlich unbestritten ist. Obwohl es jedoch in der Scharia wesentlich mehr Inhalte gibt, die zivilisationsfeindlich und damit durchaus kritikwürdig wären und die gleichzeitig rein gar nichts mit den Hadd-Strafen zu tun haben, nannte Jäkel im gesamten Interview kein einziges anderes negatives Beispiel, damit bei einem unkundigen Zuschauer durch diese Fokussierung auf die von jedermann als negativ empfundenen Hadd-Strafen der Eindruck entstand, dass diese, die angeblich “vor allem nur” in Saudi Arabien und dem Iran vorkommen würden, das einzige Problem der Scharia darstellten, was in mehrfacher Hinsicht nicht zutrifft. Einerseits traf seine Angabe, wonach diese Strafen “vor allem nur dort” – sprich in Saudi Arabien und im Iran – angewandt werden, nachweislich nicht zu, wie ich bereits ausgeführt habe.  Und andererseits sei lediglich an die in der Scharia verankerte Geschlechterapartheid, an die Frauendiskriminierung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, an die Zwangsverheiratung von Minderjährigen, an die FGM, an die Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung und an den islamischen Antisemitismus hingewiesen, um nur einige wenige der vielen Unzulänglichkeiten der Scharia zu nennen, die mir gerade spontan in den Sinn kommen. Schon gar nicht sind solche Problembereiche der Scharia bloss auf die Länder Saudi Arabien und den Iran beschränkt. Was Jäkel im Interview ebenfalls nicht erwähnte, war das Hauptproblem der Scharia, namentlich dass sie in jeden menschlichen Lebensbereich eingreifen und die gesamte Lebensführung des Menschen regeln will, was die Scharia  zu einem freiheitsfeindlichen und totalitären System macht.

Bevor ich auf einige seiner aus meiner Sicht doch sehr bedenklichen Kernaussagen in diesem Interview eingehe, möchte ich noch ein weiteres Beispiel geben, welches das von Unterlassungen und Beschönigungen nur so strotzende Scharia-Appeasement Lutz Jäkels hervorragend illustriert. Er sprach an einer Stelle im Interview über die “vier Rechtsschulen des Islams”, um dem Zuschauer aufzuzeigen, dass es unterschiedliche Auffassungen bei der Auslegung der Scharia gibt, was grundsätzlich nicht falsch ist. Unterschiedliche Auffassungen gibt es sogar innerhalb der Rechtsschulen. So weit, so gut. Jäkel brachte es allerdings fertig, die Existenz dieser Rechtsschulen als Ausdruck eines “Meinungspluralismus” zu bezeichnen. Wie unglaublich falsch wenn nicht gar absurd diese Aussage ist, möchte ich nun im Nachfolgenden erklären.

Zunächst einmal steht der Begriff “Pluralismus” für eine Vielfalt von Weltanschauungen innerhalb einer Gesellschaft, die koexistieren und die miteinander auch in einem Austausch stehen. Die Rechtsschulen hingegen, von denen Jäkel sprach, basieren weder auf Koexistenz noch sind sie in der einen und der selben Gesellschaft mehrfach anzutreffen. Jede Rechtsschule hat ihr eigenes Einflussgebiet und ein Meinungsaustausch oder irgendwelche innerislamische Debatten zwischen den Rechtsschulen, den man als einen Ausdruck eines “Meinungspluralismus” bezeichnen könnte, finden nicht statt. Es ist auch nicht so, dass die Menschen, die in einem Einflussgebiet einer Rechtsschule leben, die freie Wahl zwischen einer der vier Schulen hätten. Auch trifft es nicht zu, dass sich eine Person eklektizistisch für die eine Frage aus den Antworten von dieser und bei einer anderen Frage nach den Auffassungen jener Schule orientieren würde. Mit “Meinungspluralismus” haben die Rechtsschulen des Islams ganz offensichtlich rein gar nichts zu tun.

Darüber hinaus existieren ohnehin nicht bloss “vier Rechtsschulen des Islams”. Da Jäkel nur vier der insgesamt acht Rechtsschulen nennt, schliesst er die nicht genannten vier aus der Welt des Islams wohl aus und spricht mit dieser Bezeichnung einzig die sunnitischen Rechtsschulen des Islams an. Der Vollständigkeit halber möchte ich hier alle acht nennen:

  • 4 sunnitische Rechtsschulen, namentlich Hanafiya, Malikiya, Schafi’iya und Hanbaliya
  • 2 schiitische Rechtsschulen, namentlich Dscha’fariya und Zaidiya
  • Ibadiya
  • Zahiriya (die allerdings nicht mehr existiert)

Es trifft gewiss zu, dass innerhalb der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams unterschiedliche Auffassungen existieren. Mit der Verwendung des Begriffs “Meinungspluralismus” im Zusammenhang mit diesen Rechtsschulen suggeriert Jäkel jedoch, dass dadurch “liberale” Auffassungen über die Auslegung der Scharia geben würde, was nicht zutrifft. Alle vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams sind nämlich stockkonservativ, totalitär und keineswegs liberal. Dass die in Saudi Arabien vorherrschende Hanbaliya noch totalitärer ist als die Hanafiya, die beispielsweise in der Türkei geläufig ist, ändert nichts an dem Umstand, dass auch die Scharia der Hanafiya eine totalitäre Ideologie darstellt. Mit anderen Worten spielt es in zivilisatorischer Hinsicht nicht wirklich eine Rolle, ob verschiedene Auffassungen über ein bestimmtes Problem existieren, wenn sämtliche Ansichten haarsträubend sind. So befürworten alle vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams die Beschneidung von Frauen. Die Auffassungen dabei sind in der Tat unterschiedlich, wobei es wohl ein Hohn wäre, diesen Umstand als “Meinungspluralismus” zu bezeichnen. Bei den Schafiliten ist die Frauenbeschneidung eine Pflicht, für Malikiten ist sie Prophetentradition (sunna), für die Hanafiten und für manche Hanbaliten ist sie ehrenhaft (makruma) und für andere Hanbaliten ist sie wiederum Pflicht. So viel zur vermeintlich subtilen Unterscheidung Jäkels zwischen den Rechtsschulen und zum angeblichen “Meinungspluralismus”.

Ich komme nun auf einige der aus meiner Sicht äusserst bedenklichen Kernaussagen Jäkels im besagten Interview. Das ging schon sehr früh los. Jedenfalls standen mir bereits nach den ersten Worten, die der Scharia-Appeaser aussprach, die Haare zu Berge und ich bin überzeugt, dass mindestens ein Teil meiner Leserschaft es nun verstehen wird, weshalb ich zunächst nicht länger als 10 Minuten dieses Interviews sehen wollte. Jäkel zeigte sich nach der ersten Frage von Gunnar Kaiser überrascht, dass gemäss einer Umfrage von Pew Research Center rund 1,1 Mia. Muslime weltweit den Wunsch hätten, die Scharia zum Gesetz ihres Landes zu machen. Wörtlich meinte Jäkel dazu: “Da wundere ich mich, dass es nur so wenige sind. Wenn man davon ausgeht, dass rund 1,4 oder 1,5 Mia. Muslime weltweit leben, müsste man eigentlich erwarten, dass alle Muslime dafür sind.” 

Mit diesen einleitenden Worten machte Jäkel gleich zu Beginn des Interviews deutlich, dass er unter einem Muslim nur eine Person versteht, welche nach der Scharia lebt und die Scharia befürwortet, womit die Aleviten aus dieser Perspektive betrachtet bereits schon keine Muslime wären, auch die säkularen Muslime nicht, die nicht nach der Scharia leben, diese weitestgehend ablehnen und sich nur auf ganz bestimmte Glaubensinhalte beschränken, die sie in erster Linie im privaten Rahmen ausleben. Schon gar nicht wollen säkulare Muslime die Scharia zum staatlichen Gesetz ihres Landes machen, was Gegenstand der vorgenannten Pew-Umfrage war, deren Ergebnis Jäkel überraschte. Später im Interview hat er seine haarsträubende Haltung über diese Frage sogar noch verschlimmbessert. Er meinte, man könne von einem Muslim nicht verlangen, dass er sich von der Scharia distanzieren soll. Wenn man dies tun würde, könne man gleich von ihm fordern, ein Apostat zu werden.

Wenn man der Logik Jäkels folgen würde, was man wirklich nicht tun sollte, wären im Umkehrschluss sämtliche Muslime, die nicht nach der Scharia leben wollen und sich ausdrücklich davon distanzieren, Apostaten. Es ist mir klar, dass Jäkel dies nicht ausdrücklich so gesagt hat, aber eine andere Bedeutung hat eine solche Angabe nicht. Wenn die Forderung gegenüber einem Muslim danach, sich von der Scharia zu distanzieren, gleichbedeutend wäre wie die Forderung, ein Apostat zu werden, bedeutet dies nichts anderes als, dass diejenigen Muslime, die sich von der Scharia distanzieren, Apostaten sind. Im Übrigen erachte ich es als zwingend, dass von Muslimen, die in Europa leben wollen, gefordert wird, dass sie sich von der Scharia distanzieren sollten, soweit es sich dabei nicht um die Vornahme von reinen Kultushandlungen (Gebet) handelt. Insbesondere die gesellschaftspolitischen Regeln der Scharia haben keinen Platz in Europa. Wer nach der Scharia leben möchte, ist aufgefordert, dies in einem Land zu tun, wo die Scharia zur sozialen Norm gehört. In Europa des 21. Jahrhunderts hat diese totalitäre Ideologie jedenfalls nichts verloren.

Der Hauptgrund, weshalb Jäkel die Scharia-Befolgung als derart zwingend erachtet, hat er später damit begründet, dass die fünf Säulen des Islams in der Scharia festgelegt seien. Wenn ein Muslim die Scharia nicht akzeptiere, würde er diese fünf Säulen des Islams ablehnen. Damit sprach Jäkel nicht nur jenen Muslimen, die ihr Leben nicht nach der Scharia richten den muslimischen Glauben ab, sondern auch jenen, die sich nicht nach den fünf Säulen des Islams orientieren. Mit solchen Ansichten steht Lutz Jäkel im Einklang mit den Vertretern des politischen Islams, die ebenfalls die strikte Einhaltung der Scharia und der fünf Säulen des Islams fordern. Wenn man Jäkels Auffassung folgen würde, würde rund die Hälfte der Bevölkerung der Türkei, die ein säkulares Leben führt, nicht aus Muslimen bestehen und diese Menschen wären nach Jäkels Ansicht wohl Apostaten, weil sie sich ausdrücklich von der Scharia distanzieren und die fünf Säulen des Islams wenn überhaupt nur rudimentär einhalten.

Schauen wir uns diese fünf Säulen des Islams doch etwas aus der Nähe an und betrachten, welche Rolle sie im Leben von säkularen Muslimen spielen.

Die erste und wichtigste Säule des Islams, das islamische Glaubensbekenntnis (shahada), dürfte wohl von jedem gläubigen Muslim befolgt werden, natürlich auch von den säkularen Muslimen. Es ist klar, dass man sich nicht als Muslim bezeichnen kann, wenn man sich nicht zum islamischen Glauben bekennt. Alles andere würde den Gesetzen der Logik widersprechen. Diese Säule war auch bei meiner verbalen Auseinandersetzung mit Jäkel völlig unstrittig. Ich gab dazu jedoch an, dass das islamische Glaubensbekenntnis die einzige Voraussetzung sei, um sich als muslimisch zu bezeichnen, was er wiederum bestritt. Jäkel wollte das volle Programm.

Die meisten säkularen Muslime (beispielsweise in der Türkei) verrichten das tägliche fünfmalige Gebet (salat) – die hier an zweiter Stelle genannte Säule des Islams – nicht; sie besuchen nicht einmal die Freitagspredigt. Wenn es überhaupt dazu kommt, dass sie in einer Moschee das rituelle Gebet verrichten, steht dies in den allermeisten Fällen in einem Zusammenhang mit einem Begräbnis. Im Übrigen ist es auch in der Schweiz eine ausgesprochene Minderheit von Muslimen, die das tägliche fünfmalige Gebet verrichten. Schweizer Muslime sind im Schnitt ebenso religionsfern wie die Protestanten. Gemäss Erhebungen des Bundesamtes für Statistik gehen 45% nie in eine Moschee, weitere 30% tun dies höchstens fünfmal im Jahr. Nur eine kleine Minderheit von rund 10% besucht mindestens einmal die Woche eine Moschee. Auch im Privaten hält sich die gelebte Religiosität in Grenzen: 40% der befragten Muslime gaben an, nie zu beten, weitere 14% tun dies weniger als einmal im Monat. Nur eine Minderheit von 30% betet täglich oder fast täglich – ein ähnlicher Anteil wie bei Katholiken und Reformierten –, zwei Drittel davon tun dies jedoch zu Hause. Der Grund für die Nichteinhaltung dieser Säule des Islams ist einfach zu erklären. Das fünfmalige rituelle Gebet am Tag ist mit einem modernen Leben nicht zu vereinbaren, weder in Europa noch im Leben von säkularen Muslimen in muslimisch geprägten Ländern.

Nicht alle Muslime geben schariakonform Almosen (zakat), die nächste Säule des Islams, die ich kurz behandeln möchte, schon gar nicht säkulare Muslime. Spenden für einen guten Zweck oder für Nichtmuslime ist übrigens noch lange kein zakat. Wenn man von schariakonformem zakat spenden will, gibt es dazu rechnerische Regeln, die eine grosse Ähnlichkeit mit einer Steuer haben und zakat darf ausschliesslich Muslimen zugutekommen. Ich kenne in meinem bisherigen muslimischen Bekanntenkreis niemanden, der sich mit solchen Dingen beschäftigen würde. Was in die Nähe einer solchen Abgabe kommt, ist etwa das Verteilen von Fleisch beim Opferfest unter den Bedürftigen im Sinne einer Spende, was in der Türkei schon immer üblich war, auch unter säkularen Muslimen.

Betrachten wir die nächste Säule des Islams: Das Fasten während des Ramadans. Viele Muslime fasten nicht, insbesondere solche, die berufstätig sind. Das Zuckerfest, das als hoher Feiertag auf den Ramadan folgt, nehmen viele Türkinnen und Türken beispielsweise zum Anlass, Ferien zu nehmen. Sie unternehmen Städtereisen – manchmal sogar ins Ausland – oder verbringen einige entspannte Tage am Strand. Während des Ramadans nicht zu fasten, ist übrigens weit verbreitet und betrifft nicht nur eine westlich geprägte Elite der Türkei. Mein türkischer Coiffeur beispielsweise, den ich neulich danach gefragt habe, ob er faste, meinte, dass dies für ihn überhaupt nicht in Frage komme. Er stehe den ganzen Tag und könne nicht den ganzen Tag nichts essen und nichts trinken. Jedenfalls kenne ich unzählige bekennende Muslime, die während des Ramadans nicht fasten. Im Jahr 2011 betrug die Zahl der Menschen in der islamisierten Türkei Erdoğans, die während des Ramadans fasteten, 34 Mio. (von insgesamt 81 Mio.). In der Türkei der Siebzigerjahre, in der ich meine Kindheit verbrachte, war diese Zahl deutlich tiefer.

Kommen wir zur letzten Säule des Islams: Die Pilgerfahrt (haj). Die allerwenigsten säkularen Türken, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte, würden überhaupt auf den Gedanken kommen, die Pilgerfahrt durchzuführen, nicht zuletzt auch deswegen, weil dies eine Reise nach Saudi Arabien bedeuten würde, ein Land, auf das die wenigsten vernünftigen Menschen ihr Fuss darauf setzen würden. Damit der Leser eine Vorstellung über die faktische Bedeutung der Pilgerfahrt bekommt, hier einige Zahlen: Die Türkei hat rund 81 Mio. Einwohner. Im Jahr 2017 wurde das türkische Kontingent von 60’000 im Vorjahr auf 80’000 Pilger erhöht. Gemäss einer Zahl aus dem Jahre 2014 warten 1,5 Mio. Hadschwillige auf einer Liste, um in das jährliche Kontingent zu kommen. Zwar mag es mehr Menschen in der Türkei geben, die durchaus die Pilgerfahrt durchführen würden, wenn sie die entsprechenden finanziellen Mittel dazu hätten. Nichtsdestotrotz fährt eine erheblichere Zahl von Türken lieber in den Strandurlaub statt nach Saudi Arabien. Das wird aus dem Umstand deutlich, dass selbst in der mittlerweile islamisierten Türkei nur etwa 0,1% der Bevölkerung pro Jahr die Pilgerfahrt durchführt.

Nach dieser kurzen Darstellung der fünf Säulen des Islams und ihrer Bedeutung im Leben von säkularen Muslimen möchte ich Folgendes betont haben: Bei diesen Menschen, die ich beschrieben habe, handelt es sich keineswegs um Atheisten sondern um gläubige Muslime. Wenn man sie danach fragen würde, ob sie an Gott glaubten, würden die meisten dies ohne zu zögern bejahen und wären dabei auch nicht unehrlich. Es gibt zwar Atheisten und Agnostiker auch in der muslimischen Welt, aber diese sind hier nicht angesprochen. Diese Menschen würden sich selbst auch als muslimisch identifizieren, ohne dabei zu zögern, wenn man sie nach ihrer Konfession fragen würde. Wenn man sie hingegen danach fragen würde, was sie von der Scharia halten, würden sie allerdings eine ablehnende Haltung einnehmen, es sei denn, es würde sich um eine reine Kultushandlung handeln. Im Übrigen will das Ganze nicht heissen, dass diese Menschen eine ablehnende Haltung gegenüber den fünf Säulen des Islams hätten, weil diese durchaus zu ihrem muslimischen Glauben gehören. Erfüllen dürften jedoch die allermeisten unter ihnen lediglich das islamische Glaubensbekenntnis und vielleicht noch das Fasten während des Ramadans. Die drei verbleibenden Säulen spielen in ihrem Leben jedoch praktisch keine Rolle, auch nicht die gesellschaftlichen Regeln, die von der Scharia aufgestellt werden wie etwa das islamische Kopftuch und schon gar nicht das islamische Zivil- und Strafrecht.

Wenn man den Auffassungen Lutz Jäkels folgen würde, wäre die vielen zivilisierten Gesellschaften in der islamischen Welt, die insbesondere im vergangenen 20. Jahrhundert existierten, die heute aber auch nicht vollständig verschwunden sind, nicht möglich gewesen. Nach Jäkels Ansicht dürfte es bei den Menschen in diesen Gesellschaften wohl um Apostaten gehandelt haben, weil sie die Scharia ablehnten und nicht konsequent nach den fünf Säulen des Islams lebten. Die überwiegende Mehrheit dieser Menschen betrachtete sich allerdings durchaus als muslimisch und keineswegs als atheistisch oder als unislamisch. Abschliessen möchte ich daher mit Bildern von diesen vermeintlichen Apostaten, denen ich ein Gesicht geben möchte, die in ihrem Leben nicht der Scharia folgten, den fünf Säulen des Islams eine untergeordnete Rolle beigemessen haben und die es nach Ansicht Jäkels wohl nicht geben sollte, nachdem ihre Existenz ihn schon zu Beginn des Interviews überrascht hatte.

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(Türkische Familie (1928), die sich ein Fass Bier genehmigt)

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(Türkei in den Sechzigerjahren)

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(Kairoer Innenstadt, 1964)

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(Ein afghanisches Touristenpaar mit einem einheimischen Mädchen aus dem Iran, Teheran, frühe Siebzigerjahre)

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Bijan Mofid, der berühmte iranische Verfasser von Theaterstücken und seine Frau Jamileh Nedaei in Teheran (1974).

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(Medizinstudentinnen an der Universität in Baghdad, 1969)

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(Universität Kairo im Jahr 1978, ein Jahr vor der islamofaschistischen Wende)

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(Zwei junge türkische Bäuerinnen, die an einem Dorfinstitut in der Nähe von Trabzon studieren, mit ihrem Besuch, 1946)

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Eine Klasse mit jungen Bäuerinnen und Bauern, die an einem türkischen Dorfinstitut studieren (1938)

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(Teheran, 1972)

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(Teheran, in den späten Sechzigern)

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(Beim Ulus-Platz in Ankara in den Vierzigern)

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(Ankara, 1943)

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(Ein Spaziergang in einem Park in Kabul in den Siebzigern)

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(Kabul, 1978)

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(Kabul in den Siebzigern)

 

Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten

Über den Wahrheitsgehalt der islamischen Geschichtsschreibung und das Birmingham Koranfragment

Gewiss hat sich die Leserin oder der Leser auch schon gefragt, wie es dazu kam, dass die Welt so unglaublich viel über den Propheten des Islam, Mohammed, und überhaupt über die Geschichte des Frühislam Bescheid weiss, respektive Bescheid zu wissen glaubt. Nahezu jede Station seines Lebens, wobei dies auch Alltagssituationen sein können, seine Angewohnheiten, seine Sprüche, seine Lieblingsspeisen, was er vom Zähneputzen hielt, seine Lieblingsfrauen, die Namen seiner Gefährten, seine Schlachten, seine Eroberungen scheinen bekannt zu sein, aber auch, wie es nach seinem Tode weiterging, inklusive Jahreszahlen. Aber woher kommen diese Informationen, die detaillierter nicht sein können, so dass ein Hamad Abdel-Samad sich sogar in der Lage sieht, im Propheten Mohammed einen psychisch kranken Menschen zu erkennen und ihn damit zu pathologisieren? Die Antwort darauf ist relativ einfach: Beinahe alles, was die Welt über Mohammed zu wissen glaubt, geht auf die Hadith- und Sira-Überlieferung zurück. Es gibt zwar eine kleine Zahl von umstrittenen ausserislamischen Quellen wie die Doctrina Jacobi, welche die angebliche Historizität Mohammed belegen sollen. Die umfangreichen und detaillierten Informationen über Mohammed gehen allerdings ausschliesslich auf die Hadith- und Sira-Quellen zurück.

Hadithe, über die ich schon einmal geschrieben habe und für deren weitere Details ich auf meinen früheren Aufsatz verweisen möchte, beinhalten Sprüche, Befehle, Taten und Unterlassungen des Propheten in ganz konkreten Situationen. Diese bilden für den gläubigen Muslim gewissermassen eine Richtschnur für eigenes Verhalten. Andererseits stellen sie immer wieder den Offenbarungszusammenhang einer Koransure her, ohne den das traditionelle Verständnis und die Interpretation des Korantextes oft nicht möglich wäre. Mit anderen Worten beschreiben die Hadithe nicht nur Alltagssituationen des Propheten. Sie beschreiben auch die genauen Umstände, als diese oder jene Sure über den Erzengel Gabriel von Gott gegenüber Mohammed offenbart worden sei. Die Sira hingegen ist eine fromme Prophetenbiographie, die kanonisch ist.

Im sunnitischen Islam sind sechs Hadith-Sammlungen kanonisch. Es handelt sich dabei um Sahih Bukhari und Sahih Muslim, die heiligsten Hadith-Quellen des sunnitischen Islam sowie um Ibn Madsch, Abu Dawud, Tirmidhi und Nasa’i. Die Autoren dieser Werke sind zwischen den Jahren 870 und 915 verstorben und haben damit über Vorgänge geschrieben, die sich angeblich zwischen den Jahren 610 (angeblicher Zeitpunkt der ersten Offenbarung und damit Prophetwerdung Mohammeds) und 632 (angeblicher Tod Mohammeds) abgespielt hätten, was so viel heißt, dass diese angeblichen Ereignisse und Alltagssituationen mindestens 200 Jahre später schriftlich niedergelegt wurden. Vor der Niederschrift seien die Hadithe gemäß Darstellung der Tradition und der ihr völlig unkritisch folgenden traditionellen Islamwissenschaftlern mehrere hunderttausendfach mündlich überliefert worden, und dabei Dinge wie, dass der Prophet Honig gemocht habe oder Ratschläge gegeben habe, wie man sich verhalten müsse, wenn jemand während des Gebets furze. Bei der Sira sieht es nicht wesentlich besser aus. Auch dort ist die früheste Quelle die von Ibn Hisham, der 833 gestorben sei. Mit anderen Worten verstarb der Verfasser der frühesten erhaltenen schriftlichen Quelle über Mohammeds Lebensgeschichte ganze 201 Jahre nach dessen angeblichem Tod.

Ibn Hisham soll allerdings einiges von der nicht mehr erhaltenen Sira von ibn Ishaq übernommen haben, der 767 gestorben sei. Weshalb die islamische Histographie nicht um den Erhalt des früheren Werkes bemüht war, das in zeitlicher Hinsicht näher zu den angeblichen Ereignissen um einen arabischen Propheten namens Mohammed stand, ist meines Erachtens unerklärlich und lässt Zweifel aufkommen. Es ist gut möglich, dass gewisse Inhalte dem späteren „Biographen“ nicht so ins Konzept passten. Wir wissen es nicht. Meines Erachtens kann man nicht einmal mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob diese angeblich frühere Sira jemals existierte. Sowohl Hadithe als auch die Sira sind theologisch, religionspolitisch und damit auch gesellschaftspolitisch motiviert und sie richten sich damit in erster Linie gegenüber den Gesellschaften, in welchen diese Schriften verfasst wurden und zwar zum Zeitpunkt, als sie effektiv geschrieben wurden. Mit anderen Worten sind nicht nur die vielen Jahre zwischen dem angeblichen Tod des Propheten Mohammed und der Abfassung dieser Schriften problematisch sowie die Darstellung von profansten Lebenssituationen, um die Übermittlung unglaublichster Details über das angebliche Leben von Mohammed für glaubhaft zu halten, sondern auch die Motive der Verfasser.

Sowohl bei den Hadithen als auch bei der Sira beruht die Glaubhaftigkeit der angeblich zuvor stattgefundenen Überlieferung auf den Isnad, d.h. auf die Vertrauenswürdigkeit der Kette der mündlichen Überlieferer, wobei bei den Hadithen unterschiedliche Grade der Vertrauenswürdigkeit existieren. Faktisch funktioniert die Übertragung so:

A hat von B gehört, dass dieser von C vernommen habe, was dieser von D erfahren habe, der seinerseits von E mitbekommen habe, (…), dass der Prophet des Islam in jener konkreten Situation dies und das gemacht habe und dabei die folgenden Worte gesprochen habe, was ein Begleiter von ihm – beispielsweise Abu Huraira – bezeugt habe.

Auf diese Art und Weise soll also jede erdenkliche Information über Mohammed zunächst mündlich überliefert worden sein, wobei „Wissenschaftler“, die 200 Jahre und mehr nach seinem angeblichen Tod gelebt haben, unter Anwendung von mindestens aus heutiger Sicht völlig unbrauchbaren Methoden, diese nach ihrer „Authentizität“ aus hunderttausenden von Quellen relativ willkürlich zusammengetragen haben.

Wer an den Wahrheitsgehalt solcher Geschichten glaubt, sollte sich meines Erachtens als gläubigen Muslim betrachten. Mit Geschichtswissenschaft hat das ganz offensichtlich nichts zu tun und aufgrund der großen Ferne zwischen der Niederschrift und dem effektiven Ereignis (sofern dieses überhaupt stattfand, was anzuzweifeln ist) kann diese Konstellation auch nicht mit der historisch-kritischen Jesus-Foschung gleichgesetzt werden. Der erste christliche Text stammt von Paulus (1. Thessaloniker Brief) und dürfte im Jahr 41 n. Chr. verfasst worden sein. Bart Erhman etwa nimmt an, dass die Bekehrung dieses Paulus, der später die Jerusalmer Urgemeinde besuchen und Leute wie Petrus kennen lernen sollte, circa im Jahr 33 n. Chr. stattfand, d.h. ungefähr 2-3 Jahre nach der Kreuzigung Jesu.

Das Problem bei der islamischen Geschichtsschreibung liegt allerdings nicht nur in der Lebensgeschichte von Mohammed sondern in der gesamten Frühgeschichte des Islam, die, anders als viele denken, kaum fassbar ist. Ich habe dieses Thema bereits in meinem Aufsatz über den Felsendom in Jerusalem eingehend behandelt. Ein schönes Beispiel dafür sind auch die angeblichen frühen islamischen Eroberungen nach dem angeblichen Tod Mohammeds, die bei vielen Europäern heute noch Entsetzen hervorrufen. Gemäß islamischer Histographie und nach Ansicht der traditionellen „Islamwissenschaftlern“, die dieser theologisch und politisch motivierten Darstellung völlig unkritisch folgen, sollen die Muslime in atemberaubend kurzer Zeit einen wesentlichen Teil der damals bekannten Welt erobert haben. Hier die Stationen dieser angeblichen Eroberungen während 100 Jahren nach dem angeblichen Tod Mohammeds im Jahr 632:

  • Die Schlacht am Fluss Jarmuk und die Schlacht bei Qadissiyya (angeblich ca. 636)
  • Die Eroberung Syriens und Palästinas ( angeblich ca. 634-640)
  • Die Eroberung von Ktesiphon (angeblich ca. 637)
  • Die Eroberung Jerusalems (angeblich ca. 638)
  • Die Eroberung Iraks (angeblich ca. 641) und Irans (angeblich ca. 642)
  • Die Eroberung Ägyptens (angeblich ca. 642)
  • Die Eroberung Nordafrikas (angeblich ca. 699-705)
  • Die Eroberung Spaniens und Südfrankreichs (angeblich ca. 711-732)

Es gibt allerdings auch kritische Wissenschaftler, welche die islamische Histographie nicht für bare Münze nehmen und der Sache etwas näher an den Grund gehen. Sie sehen in der Entstehung des Islam einen historischen Prozess, der in erster Linie durch das Machtvakuum entstanden ist, welches durch den freiwilligen Rückzug von Byzanz aus vielen ehemaligen Reichsgebieten herbeigeführt sei, die aufstrebenden Araber dieses Machtvakuum allmählich gefüllt haben und diese angeblichen Eroberungen damit gar nicht stattgefunden hätten. So beispielsweise Yehuda D. Nevo und Judith Koren in ihrem im Jahr 2003 erschienen Werk „Crossroads to Islam“, welche früheste Quellen untersucht haben. Gemäß ihrer – meines Erachtens korrekten Darstellung – war Mu’awiya (gest. 661) der erste fassbare Kalif (wobei dieser Begriff damals eine völlig andere Bedeutung hatte) und die Religion, die man heute als Islam bezeichnet, dürfte in ihrer ursprünglichsten Form auf ihn zurückgehen. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus diesem Buch ist allerdings, dass die  angeblich Eroberten von diesen vorhin angesprochenen angeblichen Eroberungen gar nichts mitbekommen haben. Zeitgenössische nichtislamische Quellen (beispielsweise Aufzeichnungen von Klöstern) die zum Zeitpunkt dieser angeblichen Eroberungen vor Ort verfasst wurden, wissen darüber nichts, obwohl derart weitreichende Ereignisse kaum unbemerkt stattfinden können. Ergo: Sie haben auch nicht stattgefunden. Die Eroberungsfantasien im Islam sind damit vielmehr Teil dessen politisch durchsetzten Theologie und damit ist nichts anderes beabsichtigt als, dass die Gläubigen die „wahre Religion“ – und nicht jene der Christen und der Juden – verbreiten und dabei befugt sind, das Äußerste zu unternehmen.

Ein erhebliches Problem für den Wahrheitsgehalt der islamischen Histographie ist mit der Entdeckung des sogenannten Birmingham Koranfragments im Jahr 2015 hinzugekommen. Bevor ich darauf eingehe, braucht es allerdings einige Informationen als Vorwissen, was für das Erfassen der Bedeutung dieser bahnbrechenden Entdeckung relevant ist. Gemäß islamischer Tradition und nach Ansicht der ihr sklavisch folgenden traditionellen Islamwissenschaftlern soll der Koran in seiner jetzigen redaktionellen Endform, d.h. in der Form eines Buches, zum Zeitpunkt des angeblichen Todes des Propheten Mohammed (632) gar noch nicht existiert haben. Die Gläubigen hätten die Suren des Koran vom Propheten mündlich vorgetragen bekommen und diese hätten sie in erster Linie auswendig gelernt, während sie freilich auch weitere Dinge auswendig gelernt hätten, wie beispielsweise seine Worte, die später angeblich in den Hadithen und der Sira Niederschlag gefunden haben sollen, die ich vorhin angsprochen habe. Die nachfolgende Hadith-Stelle beschreibt, wie dieses Auswendiglernen „faktisch“ stattgefunden haben soll, was bei einem gläubigen Muslim diese angebliche lückenlose Auswendiglernerei der “frühen Muslime” vermutlich glaubhaft macht.

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Wissen:

Abu Huraira berichtet:

Ich sagte: „Oh Gesandter Gottes, ich höre von dir so viele Hadithe, aber oft vergesse ich sie wieder.“ Der Prophet antwortete: „Breite deinen Mantel aus.“ Ich kam dieser Aufforderung nach. Danach bewegte der Prophet seine Hände, als schöpfe er etwas in meinen Mantel hinein. Dann sagte er: „Jetzt zieh ihn wieder an.“ Ich tat, was er gesagt hatte, und seitdem habe ich nichts mehr vergessen!

Mit anderen Worten soll das Buch Koran, welches im Islam bekanntlich eine hervorragende Rolle spielt, in den ersten Jahren dieser Religion, selbst noch nicht existiert haben, also nicht einmal zu Lebzeiten von Mohammed. Erst nach dem angeblichen Tod des Propheten (632) habe der dritte Kalif der Muslime, ein gewisser historisch nicht fassbarer Uthman, der angeblich in den Jahren 644-656 geherrscht haben soll, den Koran in der angeblich heute noch geltenden Form kanonisieren lassen. Sehr wichtige Bemerkung: Auch die Reihenfolge der Suren, die keiner Chronologie folgt, sondern diese der Länge nach aneinanderreiht, wobei die erste Sure des Koran (al-Fatiha) aufgrund deren grossen Bedeutung eine Ausnahme bildet, soll auf diesen gewissen Uthman zurückgehen. Die längeste Sure des Koran ist gemäss dieser Logik die 2. Sure des Koran, al-Baqara (die Kuh), obwohl es sich dabei um eine sogenannte “medinische Sure” und damit eine in zeitlicher Hinsicht spätere Sure handelt.

Klammerbemerkung: Ich gehe auch davon aus, dass die sogenannten “mekkanischen Suren” früher entstanden sind als die sogenannten “medinischen Suren”. Nur denke ich nicht, dass der Koran im heutigen Saudi Arabien verfasst worden ist, sondern sehr wahrscheinlich in der syrischen Heimat von Mu’awiya.

Gemäss Darstellung der Tradition hingegen soll die Kanonisierung des Koran in dieser eigenartigen Form durch Uthman 20 Jahre nach dem angeblichen Tod Mohammeds, d.h. ca. im Jahr 652 erfolgt sein. Uthman habe dann die heute noch geltende Fassung des Koran in alle Ecken des Reiches geschickt.

Das im Jahr 2015 von Alba Fedeli entdeckte in kufischer Schrift geschriebene Birmingham Koranfragment steht in einem eklatanten Widerspruch zu dieser traditionellen Darstellung. Die Radiokarbondatierung des Dokuments ergab mit einer 95,4% Vertrauenswürdigkeit, dass das Koranfragment zwischen 568 und 645 verfasst wurde. Hinzu kommt dieses bereits vorhin angesprochene wichtige Detail: Die Fragmente enthalten Teile der früheren sogenannten “mekkanischen Suren” 18 bis 20 (Schluss von 18 bis und mit Anfang von 20) in der heute noch „geltenden“ Reihenfolge, d.h. sie folgen der weiter oben erwähnten uthmanischen Logik mit dem nichtchronologischen Reihenfolge der Suren, die der Länge nach nummeriert sind, ausser wie erwähnt die erste Sure des Koran al-Fatiha mit ihren 7 Versen aufgrund ihrer grossen Bedeutung, weil diese Sure das islamische Hauptgebet bildet.

Zum Vergleich hier nochmals die wichtigsten Zahlen:

  • Angebliche Geburt Mohammeds: 570
  • Angeblicher Tod Mohammeds: 632
  • Kanonisierung des Korans durch Uthman mit der uthmanischen „Logik“: angeblich ca. 652

In Anbetracht des Alters des Birmingham Koranfragments (568-645) bedeutet dies, dass sich die islamische Histographie im allergünstigsten Fall um 7 Jahre irrt, falls es sich bei diesem Fragment um einen Teil aus dem ursprünglichen Uthman Codexes handeln sollte, der von diesem in alle Ecken des Reiches geschickt worden sei, was man ohne weiteres als unbewiesen betrachten oder sogar bestreiten kann. Obwohl nämlich der Text im Fragment dem heutigen Standardtext entspricht, existieren erhebliche Unterschiede in der Orthographie und auch die Verse sind anders getrennt als im heutigen Standardtext. Im ungünstigsten Fall hingegen irrt sich die Tradition um ganze 84 Jahre und es ist aufgrund der Radiokarbondatierung sogar möglich, dass dieses Dokument zwei Jahre vor der angeblichen Geburt Mohammeds verfasst wurde, der gemäß islamischer Darstellung erst ab seinem 40. Lebensjahr (610) Koransuren empfangen habe.

Konfrontiert mit diesen Zahlen denken einige Islamwissenschaftler, die grundsätzlich der Darstellung der Tradition folgen und an die Existenz Mohammeds glauben, dass dieses Koranfragment aus der Zeit von Mohammed selbst stammen müsse, was aber aufgrund der vorhin erwähnten Reihenfolge von anderen Islamwissenschaftlern vehement ausgeschlossen wird. Andere wiederum denken, dass dieser Uthman seine Redaktion offenbar früher als angenommen vorgenommen habe und identifizieren den Text als Teil des ursprünglichen Codexes und andere meinen wiederum, die Radiokarbondatierung könne nicht stimmen. Damit versuchen diese sogenannten „Wissenschaftler“, das Dokument mit der theologisch motivierten traditionellen Darstellung der Frühgeschichte des Islam zu versöhnen, die auf eine völlig unwissenschaftliche Art und Weise zustande kam, wie ich es oben beschrieben habe. Mit wissenschaftlicher Forschung hat dieses ergebnisorientierte Vorgehen der traditionellen Islamwissenschaftler natürlich nichts zu tun.

Weitere Untersuchungen des Dokuments stehen noch an und man darf gespannt sein, was dabei herauskommt. Was allerdings bereits heute gesagt werden kann ist, dass die sogenannten „Revisionisten“ (beispielsweise jene der Inarah-Gruppe) mit der Entdeckung des Birmingham Koranfragments Recht behalten haben. Die Entstehung des Koran hat mit der wesentlich später erfundenen Mohammed-Figur und dem damit entstandenen Mohammed-Kult, was nicht von einem Tag auf den anderen geschah, sondern wie so vieles im Islam ein längerer Prozess war, ganz offensichtlich nichts zu tun.

Birmingham_Quran_manuscript

(Quelle: Wikipedia)

Seventh-century Quran manuscript held by the University of Birmingham. Folio 2 recto (left) and folio 1 verso (right). From the end of Chapter 19 s:ar:القرآن الكريم/سورة مريم to the beginning of Chapter 20 s:ar:القرآن الكريم/سورة طه.

(Quelle: Wikipedia)

Über den Wahrheitsgehalt der islamischen Geschichtsschreibung und das Birmingham Koranfragment