Islamischer Extremismus in der Schweiz – Ein Interview mit “Giordano Brunello”

Eine neupublizierte Studie von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) zum Thema Extremismus in der Schweiz hat ergeben, dass knapp die Hälfte der befragten muslimischen Jugendlichen eine abwertende Haltung gegenüber westlichen Gesellschaften hat. 26.1% der Befragten finden beispielsweise dass die Frauen in der Schweiz viel zu viele Freiheiten hätten. 29.1% der Befragten gaben an, dass sie die Lebensweise der Menschen in der westlichen Welt, etwa die Kleidung, abstossend finden würden. Circa ein Viertel der befragten 670 jungen Muslimen haben sogar angegeben, dass sie sich die Scharia auch in der Schweiz wünschen.

Ich wurde heute von einer Journalistin kontaktiert, die mir im Zusammenhang mit dieser Studie einige Fragen gestellt hat. Ich habe diese relativ umfassend beantwortet, weshalb meine Ausführungen im fraglichen Medium nicht vollständig wiedergegeben werden können. Darüber hinaus sollen auch andere Experten zu Wort kommen. Da meine Antworten in der etwas umfassenderen Form vom allgemeinen Interesse sein könnten, habe ich diese nachfolgend wiedergegeben:

Sie kennen bzw. zeigen die Folgen der Scharia auf. Was denken Sie, wieso haben jugendliche Muslime diese Anti-Haltung gegenüber der westlichen Gesellschaft und ihren Werten?

Zunächst möchte ich definieren, was Scharia überhaupt ist, weil die meisten Menschen hier in Europa eine falsche respektive ungenügende Vorstellung davon haben, was dieser Begriff bedeutet. Scharia (häufig mit „Weg zur Quelle“ übersetzt) ist die Gesamtheit der islamischen Rechts- und Verhaltensnormen (inklusive Methode der Rechtsfindung), die sehr umfassend sind. Die Scharia übertrifft das, was wir uns üblicherweise unter dem Begriff Recht vorstellen, bei weitem. So sagt die Scharia beispielsweise auch, dass ein Gläubiger sich die Zähne putzen sollte. Sie gibt dem Muslim die Gebetsrichtung vor. Sie sagt, dass er eine Pilgerfahrt durchführen sollte und sie gibt die Regeln bei einer Scheidung vor. Scharia ist also Recht im weitesten Sinne.

Die Scharia ist aber kein Buch. Vielmehr existieren verschiedene Quellen der Scharia. Die Hauptquelle der Scharia ist der Koran, das über den Erzengel Gabriel und mittels den Propheten Mohammed gegenüber den Menschen offenbarte Wort Gottes. Darüber hinaus sind insbesondere die sog. Hadithe eine Quelle der Scharia. Insbesondere dort sind Befehle, Gebote und Verhaltensweisen des Propheten zu finden und darüber hinaus der Offenbarungszusammenhang der koranischen Suren, damit diese interpretiert werden können. Die Hadithe sind rund 200 Jahre nach dem Koran schriftlich verfasst und kanonisiert worden. Zuvor seien sie mündlich übertragen worden, so die Angabe der islamischen Tradition. Wenn ein gläubiger Muslim oder Muslimin den Regeln der Scharia folgt, namentlich die Gebote und Verbote des Koran einhält und das angeblich vorbildliche Verhalten des Propheten kopiert und auch dessen Befehlen folgt, die insbesondere in diesen Hadithen niedergelegt sind, führt er oder sie damit ein gottgefälliges Leben. Genau darum geht es in der Scharia. Sie beantwortet den Muslimen, wie sie ein gottgefälliges Leben führen können. Scharia ist also bei weitem nicht bloss das islamische Zivilrecht oder das Strafrecht mit den barbarischen Körperstrafen.

Wenn wir uns diese Regeln anschauen, stehen sie teilweise und meines Erachtens auch in äusserst sensiblen Bereichen in einem diametralen Widerspruch mit den Werten, die in unseren freiheitlichen westlichen Gesellschaften gelten. Das betrifft beispielsweise die Rechtsgleichheit im Allgemeinen, aber natürlich auch die Gleichberechtigung der Geschlechter sowie die archaische Sexualmoral des Islam, die etwa an den Kleidervorschriften zu erkennen ist, deren Zweck darin besteht, Frauen und Männer sexuell möglichst unattraktiv zu machen, weil ohne die entsprechende Kleidung genau das befürchtet wird.

Zu Ihrer Frage: Wenn jemand das volle Programm der Scharia auch bei sich anwenden will, wird diese Person zwangsweise früher oder später die westlichen Werte irgendeinmal ablehnen. Ausserdem besteht eine solche Haltung in sämtlichen Formen des politischen Islam. Der westlichen Lebensstil wird abgelehnt, weil er einerseits dem islamischen Lebensstil nicht entspricht. Andererseits wird der westliche Lebensstil als eine Bedrohung der islamischen Werte wahrgenommen.

Haben die jugendlichen Muslime überhaupt eine Ahnung davon, was die Einführung der Scharia für Folgen hätte?

Bei weitem nicht jeder Muslim, der ein gottgefälliges Leben führen will und den Regeln der Scharia folgt, die insbesondere oder gar ausschliesslich Glaubensbereiche betreffen, hat vor, in der Schweiz oder sonst wo in Europa die Scharia einzuführen. Jugendliche, die solche Ansichten vertreten, wie die angesprochenen sind ganz klar Extremisten. Da allen bekannt ist, dass in Europa die Muslime eine Minderheit bilden, könnte eine flächendeckende Einführung der Scharia nur über Gewalt erfolgen. Jugendliche, die solche Forderungen stellen, nehmen dies wohl mindestens billigend in Kauf. Personen, welche die Einführung der Scharia in Europa verlangen, wissen ganz genau, was sie damit meinen. Wir haben es vorliegend mit Eroberungsfantasien zu tun.

Weiter geben die Jugendlichen an, dass die islamischen Gesetze der Scharia, nach denen z.B. Ehebruch oder Homosexualität hart bestraft werden, viel besser sind als die Schweizer Gesetze. Warum denken sie das?

Weil nach dem Verständnis dieser Menschen Recht, das von Menschen geschaffen wurde, wie dies bekanntlich bei unseren Gesetzen der Fall ist, niemals höher gewertet werden kann als Recht, das gemäss islamischer Vorstellung von Gott geschaffen wurde. Damit meinen sie die entsprechenden Regeln im Koran, in den Hadithen und in den relevanten Kommentaren. Für diese Jugendliche gehen diese göttlichen Regeln staatlichem Recht, das von Menschen geschaffen wurde, vor.

Nehmen wir an, in der Schweiz würde plötzlich die Scharia gelten. Was wäre dann? Und: Gebe es vielleicht auch Scharia-Gesetze, die auch hier Sinn machen würden?

In der Schweiz wird niemals die Scharia vollumfänglich gelten. Sie wird aber gewissermassen rechtlich geschützt, dort wo dieser Schutz bestehen muss. Das betrifft insbesondere das Recht, eine Kultushandlung vorzunehmen wie beispielsweise ein Gebet, was ja durch die Glaubens- und Gewissensfreiheit verfassungsrechtlich geschützt wird. Ein solches Gebet folgt den Regeln der Scharia, etwa durch die Vorgabe der Gebetsrichtung und der Gebetszeit, oder durch Vorgaben der Scharia, wie die rituelle Waschung zu verrichten ist. Hierzu gibt es sehr genaue Regeln. Andere Aspekte der Scharia wiederum dürfen und können in der Schweiz niemals Geltung beanspruchen wie beispielsweise die Position des Islam bei der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter. Dieser Verfassungsgrundsatz, der in unserer gesamten Rechtsordnung faktisch und rechtlich seine Wirkung entfalten muss, geht islamischen Vorschriften in jeder Hinsicht vor.

Haben Sie die Ergebnisse dieser Studie überrascht?

Nein, überhaupt nicht. Mir ist bewusst, dass es in der Schweiz ganz unterschiedliche muslimische Menschen und Gesellschaftsstrukturen gibt. Manche von ihnen lehnen die westlichen Werte eben ab und betrachten diese gegenüber den islamischen Werten als minderwertig. Ich bin froh, dass dieses Problem durch diese Studie etwas bekannter wird.

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(Symbolbild, nicht in der Schweiz aufgenommen)

 

Islamischer Extremismus in der Schweiz – Ein Interview mit “Giordano Brunello”

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