Before Sharia Spoiled Everything – Eine etwas andere #MeTwo-Erfahrung

Da sich viele Menschen mit Migrationshintergrund im deutschsprachigen Raum seit ungefähr Mitte Juli 2018 mit dem Hashtag #MeTwo zu Wort melden, um von ihren Rassismuserfahrungen zu berichten, habe ich beschlossen, auch einige Worte über ein solches Erlebnis zu verlieren.

Vor fast einem Jahr veröffentlichte ich hier einen wütenden Artikel mit dem Titel „ Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten“, dies als Reaktion zu einem Interview mit diesem Herrn, das vom deutschen Journalisten Gunnnar Kaiser geführt und am 2. Juli 2017 auf dessen YouTube-Channel veröffentlicht worden war. Kurz nach der Veröffentlichung des Interviews hatte ich mit Lutz Jäkel zudem einen verbalen Streit auf Facebook, was mich auch danach noch gedanklich beschäftigen sollte. Einige Aussagen in diesem Interview aber auch gewisse Dinge, die er beim Streit ausgesprochen hatte, hatten bei mir jedenfalls einen wunden Punkt getroffen, wobei ich zu Beginn noch nicht wusste, was es genau war.

Zweifelsohne ist aus dem vorgenannten Text erkennbar, dass ich innerlich kochte, als ich ihn verfasste. Ich will das auch nicht bestreiten. Ganz im Gegenteil muss ich sogar einräumen, dass ich mich selbst nach dem Verfassen und Veröffentlichen des Blog-Artikels nicht „beruhigt“ hatte. Ich hatte eine solche Stinkwut! So fing ich kurze Zeit später an, auf meiner persönlichen Facebook-Seite alte Fotos von offenkundig säkularen Menschen aus Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten zu posten, so wie ich das in meinem Artikel bereits getan hatte, weil ich diesen Menschen – wie dort geschrieben – ein Gesicht geben wollte. Ende Dezember letzten Jahres hatte ich das negative Erlebnis mit Jäkel immer noch nicht verarbeitet und postete das nachfolgende Bild, das Istanbul in den Sechzigerjahren zeigt, auf meine Wand und kommentierte es aus einer Laune heraus mit dem Slogan „Before Sharia Spoiled Everything“.

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Nach dem Posten des Bildes stiegen Wut und Trauer in mir hoch, meine Augen füllten sich mit Tränen und nur wenige Minuten später hatte ich eine gleichnamige Facebook-Gruppe gegründet, die mittlerweile über 16’500 Mitglieder hat und über die zahlreiche Medien berichtet haben, darunter die Welt am Sonntag, EMMA und die Weltwoche. Der aussagekräftigste Text über die Gruppe, der meine Motive in ungekürzter Form wiedergibt, kann unter diesem Link abgerufen werden.

Nachfolgend lediglich die Gruppenregeln, damit den Lesern, welche die Gruppe noch nicht kennen, klar wird, worum es in dieser Gruppe geht:

„Before Sharia Spoiled Everything

 Diese Gruppe ist dem Andenken säkularer Gesellschaften und Subkulturen des Zwanzigsten Jahrhunderts in Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten gewidmet, die seit dem Ende der Siebzigerjahre entweder zurückgedrängt oder vollständig verschwunden sind. Das Ziel der Gruppe ist damit, diese Menschen und ihren ganz gewöhnlichen Alltag insbesondere Europäern bekanntzumachen, die von der Existenz dieser Gesellschaften weitestgehend nichts wissen oder nur wenig Kenntnisse über sie haben. Die Mitglieder der Gruppe werden daher gebeten, in erster Linie FOTOS aus dieser Zeit (ca. 1920-1980) von Menschen zu posten, die offenkundig ein modernes und säkulares Leben führen. Es ist dabei nicht verboten, auch Promis vorzustellen wie beispielsweise Sportler, Künstler oder Musiker. Die Gruppe soll sich jedoch vor allem auf ganz gewöhnliche Menschen konzentrieren. Nicht erwünscht sind ganz ausdrücklich Fotos von Atatürk, ohne den es den türkischen Säkularismus zweifelsohne nie gegeben hätte. Die Gruppe soll mit den Bildern das säkulare Leben von normalen Menschen feiern und nicht die Person, die sehr wesentlich dazu beigetragen hat, dass dieses Leben möglich wurde. Ich bitte auch die Vermeidung von Bildern des persischen Schah und seiner Familie oder anderer Herrscher. Das säkulare Leben absoluter Monarchen interessiert hier nicht. Hauptposts, die den oben genannten Kriterien nicht entsprechen – insbesondere auch aktuelle Artikel über den Islamismus – werden kommentarlos gelöscht. In den Kommentaren sind Links zu aktuellen Artikeln oder ähnliches erlaubt. Oder einfacher erklärt: Ein Hauptpost sollte möglichst immer ein altes Foto sein! Je „normaler“ die Personen, die darauf zu erkennen sind, umso besser… Nicht gestattet in der Gruppe sind ferner persönliche Beleidigungen, Rassismus oder politische Werbung für eine Partei oder für einen politischen Anlass. Ebenso bedeutet eine appeasende oder gar befürwortende Haltung gegenüber der Scharia oder dem Islamismus den Rauswurf aus der Gruppe. Viel Spass!“

Ich habe mich seit einem Jahr immer wieder gefragt, weshalb ich gegen Lutz Jäkel eine solche Wut entwickeln konnte und weshalb diese Geschichte derartige Ausmasse bekam, obwohl er – so wie ich es wahrnahm – ganz offensichtlich kein böser Mensch ist und mit all seinen Handlungen und Aussagen vermutlich nur die besten Absichten verfolgt. Was hatte bei mir diese Wut und gleichzeitig diese Verletzung ausgelöst? Woher kam mein Antrieb? Woher nahm ich diese Energie, dass ich weitermachte?

Nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, stelle ich fest, dass ich mich rassistisch beleidigt gefühlt habe und dieses Gefühl selbst heute in einer etwas abgewandelten Form fortdauert, dies weil ich einen Weg gefunden habe, um damit umzugehen.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich denke nicht, dass Lutz Jäkel jemals die Absicht hatte, bei diesem Interview (oder auch später) jemanden rassistisch zu beleidigen, mich sicher auch nicht. Ganz im Gegenteil denke ich sogar, dass ihm Rassismus höchst zuwider ist. Darüber hinaus dachte ich vor einem Jahr auch nicht an Rassismus, was meine Erfahrung mit ihm anbelangt. Es ist eine Erkenntnis, zu der ich erst später kam, nachdem ich mich gedanklich intensiv damit beschäftigt habe.

Um dies zu erklären, möchte ich eine der entscheidenden Stellen aus meinem vorgenannten Blog-Artikel zitieren:

„ (…) Jäkel zeigte sich nach der ersten Frage von Gunnar Kaiser überrascht, dass gemäss einer Umfrage von Pew Research Center rund 1,1 Mia. Muslime weltweit den Wunsch hätten, die Scharia zum Gesetz ihres Landes zu machen. Wörtlich meinte Jäkel dazu: “Da wundere ich mich, dass es nur so wenige sind. Wenn man davon ausgeht, dass rund 1,4 oder 1,5 Mia. Muslime weltweit leben, müsste man eigentlich erwarten, dass alle Muslime dafür sind.” (…)“

Auf den ersten Blick sieht diese Aussage harmlos aus; sie ist es aber nicht. Hinter ihr steckt eine Erwartungshaltung gegenüber 1,4 oder 1,5 Mia. Menschen, d.h. die Gesamtheit der “Muslime”, die ganz bestimmte Eigenschaften zu haben hatten, namentlich die Scharia als staatliches Recht zu befürworten, obwohl die Pew-Umfrage ergeben hatte, dass offensichtlich nicht alle Muslime sich in dieser Rolle sahen. Damit hatte dieser Herr aus Deutschland die Arroganz, mein beinahe gesamtes bisheriges Umfeld aus der Türkei, über den Islam respektive über die Scharia zu definieren. Alle müssten eigentlich für die Scharia sein und die Scharia sogar als staatliches Recht befürworten. Das waren seine Aussagen. Diese Zuordnung hat mich zutiefst verletzt, vor allem auch in Anbetracht der aktuellen Ereignisse in der Türkei, die den Lesern bekannt sein dürften. Es ging dabei nicht bloss um meine eigene Zuordnung und meine eigene Identität. Vielmehr empfand ich derartige Worte als eine Art Abstempeln meiner beinahe gesamten türkischen Umgebung, welche nach Ansicht dieses Herrn die Scharia befürworten musste, was ich sehr persönlich nahm. Es ging um die Lehrerinnen in meiner Grundschule, meine Klassenkameradinnen und –kameraden, meine Freunde vom Quartier, mit denen ich spielte, meine Ferienbekanntschaften, die Freunde meiner Eltern, kurzum um die überwiegende Mehrheit der Menschen aus der Türkei, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt hatte und ich kann versichern, dass das nicht so wenige sind. Ihre individuellen Bedürfnisse, ihr säkulares Leben und ihre ausdrückliche Opposition gegenüber der Scharia wurden von diesem Herrn einfach unter den Teppich gekehrt und sie waren inexistent, weil Jäkel vermutlich aufgrund einer romantischen Idealisierung des “Orientalen” heraus die Scharia so toll findet. Muslime waren bei einer solchen Betrachtungsweise keine selbstständige Individuen mehr und existierten nur noch im Kollektiv, wobei sie gleiche Bedürfnisse hatten, namentlich Scharia-Bedürfnisse, welche sie ohne Ausnahme zu befürworten hatten, obwohl viele Muslime ein weitestgehend religionsfreies Leben führen, was für Jäkel nicht sein durfte.

Die Aussagen Jäkels betrafen auch mein aktuelles Umfeld, namentlich mein Land die Schweiz, wo ich zuhause bin. Schweizer Muslime sind im Schnitt ebenso religionsfern wie die Protestanten. Gemäss Erhebungen des Bundesamtes für Statistik gehen 45% nie in eine Moschee, weitere 30% tun dies höchstens fünfmal im Jahr. Nur eine kleine Minderheit von rund zehn Prozent besucht mindestens einmal die Woche eine Moschee. Auch im Privaten hält sich die gelebte Religiosität in Grenzen: 40% der befragten Muslime gaben an, nie zu beten, weitere 14% tun dies weniger als einmal im Monat. Nur eine Minderheit von 30% betet täglich oder fast täglich – ein ähnlicher Anteil wie bei Katholiken und Reformierten –, zwei Drittel davon tun dies jedoch zu Hause (so Andreas Kyriacou, in der NZZ vom 9. Februar 2018).

Ja, liebe Leserinnen und Leser

Wenn ich mich persönlich über Rassismus aufrege, sind es genau solche Erlebnisse mit „Kultursensiblen“, wie Jäkel wohl einer ist, die von allen Menschen, die meine Herkunft haben oder beispielsweise aus dem Iran, Syrien, Afghanistan oder Tunesien stammen, ausnahmslos eine Identifikation über den Islam und sogar die Befürwortung der Scharia als staatliches Recht erwarten, obwohl viele von uns mit Religion wenig bis gar nichts zu tun haben. Wir sind Individuen und interessieren uns für ganz unterschiedliche Dinge. Ich interesssiere mich für die Jazzmusik der Zwanzigerjahre, ein anderer interessiert sich für Pferdesport, für Autos, für Fussball und eine andere interessiert sich für die Naturwissenschaften, eine andere wiederum macht gerne Handarbeit oder tanzt türkische Folklore. Wir unterscheiden uns und vor allem definieren sich viele von uns – wenn überhaupt – nur am Rande über den Islam und genau das wird mit der Facebook-Gruppe zum Ausdruck gebracht.

Das war also mein #MeTwo-Erlebnis; als Opfer sehe ich mich dennoch nicht, weil ich mit dieser Facebook-Gruppe ein gutes Ventil gefunden habe, um meiner Wut Ausdruck zu geben, Menschen aufzuklären, Leuten wie Jäkel zu widersprechen und die Scharia abzulehnen. Dafür bin ich ihm sogar irgendwie dankbar.

Before Sharia Spoiled Everything – Eine etwas andere #MeTwo-Erfahrung