Aktivitäten von türkischen Moscheen und Türkisch-Schulen in der Schweiz – Konsequenzen eines Paradigmenwechsels

Nur vier Monate nach der Gründung der Türkischen Republik hat das Türkische Parlament am 3. März 1924 auf Anordnung von Mustafa Kemal, der erst später den Nachnamen Atatürk erhalten sollte, drei Gesetze verabschiedet, die man durchaus als Grundlage des neu entstehenden säkularen Staates und als Voraussetzung für die noch kommenden Reformen bezeichnen kann.

Mit dem Gesetz Nr. 429 wurde das türkische Präsidium für religiöse Angelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı) oder kurz Diyanet gegründet. Damit wurden sämtliche Imame, die in der Türkei predigen durften, zu weisungsgebundenen Staatsbeamten. Diese hatten von nun an die Aufgabe, einen Islam zu predigen, der dem säkularen Staat nicht in die Quere kam und die moderne Gesellschaftsordnung mit den Reformen Atatürks, die nun folgen sollten, nicht in Frage stellte. Ohne Kontrolle der Imame respektive ohne ihre Weisungsgebundenheit wäre dies unmöglich gewesen. Mit dem Gesetz Nr. 430, das gleich anschliessend verabschiedet wurde, hat das Parlament das gesamte Bildungssystem dem bereits im Jahre 1920 gegründeten Ministerium für Nationale Erziehung (MEB) übertragen und damit die religiösen Schulen, die sog. Madrasas, schliessen lassen. Mit dem Gesetz Nr. 431 schliesslich wurde das Kalifat abgeschafft.

Selbstverständlich hat das Diyanet sich im Laufe der Jahre stark verändert, ist konservativer geworden und man kann die Gründungsjahre kaum mit der Zeit nach 1950 vergleichen. Es blieb aber bis zur Machtergreifung der islamistischen AKP genauso wie das MEB ein Instrument des säkularen Staates. Kurz nachdem die AKP jedoch die Mehrheit im Parlament erobert hatte, fand ein Bruch statt. Das Diyanet bekam schon im März 2003 einen von der AKP designierten Präsidenten. Ab diesem Zeitpunkt wuchsen das Diyanet und vor allem auch dessen Haushalt massiv. Die Behörde hatte im Jahre 2015 mehr als 100’000 Mitarbeiter und einen Jahresetat von mehr als 1 Mia. Euro. So wie das Diyanet einst dem Erhalt des säkularen Staates gedient hatte, fördert es seit der Machtergreifung der AKP die Islamisierung der Türkei und die schleichende Wiedereinführung der gesellschaftspolitischen und rechtlichen Regeln der Scharia, die durch Atatürks Reformen beseitigt worden waren, wobei die Islamisten just die Eigenschaft der Weisungsgebundenheit der Imame, was ursprünglich für die Wahrung des säkularen Charakters der Türkischen Republik gedacht war, für ihre Zwecke ausnutzen. Das Diyanet ist mittlerweile zu einem Ideologie-, Propaganda- und auch Spionageministerium geworden, wo heute sogar Kriegshetze betrieben und zum Dschihad aufgerufen wird. Selbstverständlich begrenzen sich diese Aktivitäten nicht bloss auf die Türkei.

Nach dem Putsch vom Juli 2016 und den darauf folgenden willkürlichen Entlassungen und Verhaftungen ist auch das vorerwähnte Ministerium für Nationale Erziehung MEB vollständig unter islamistischer Kontrolle, was nach der Machtübernahme der AKP noch nicht möglich war, weil der Partei, deren Basis zu Beginn nicht nur aber vornehmlich aus bildungsfernen Gesellschaftsschichten bestand, noch das entsprechende Personal fehlte. Dennoch war die AKP von Anfang an bestrebt, die Bildung zu islamisieren, weshalb sie jahrelang Anhänger der Gülen Sekte, die wesentlich gebildeter waren als die Parteibasis der AKP, in dieses Ministerium einschleuste.

Ich denke nicht, dass der durchschnittliche europäische Leser die volle Tragweite des bisher Beschriebenen erfassen kann. Deshalb möchte ich auf die nachfolgende Tatsache hinweisen:

Hätte es die wertvolle Arbeit des MEB und des Diyanet nicht gegeben, wäre ich eine ganz andere Person, wobei man sich sogar fragen kann, ob es mich überhaupt gegeben hätte. Meine Eltern hätten sich wohl nie kennengelernt, sie hätten nie studiert (schon gar nicht meine Mutter), sie hätten keine säkulare Erziehung genossen und sie wären in der Zeit, in der sie noch in der Türkei lebten, der Scharia ausgesetzt gewesen. Mit anderen Worten hätten sie mir nie nahegelegt, mich zu bilden und mich mit interessanten Dingen zu beschäftigen. Das heisst natürlich auch, dass der Leser den vorliegenden Text nicht lesen würde, hätte es die wichtige Arbeit des MEB und des Diyanet nicht gegeben. Was ich soeben über mich selbst gesagt habe, gilt selbstverständlich auch für eine sehr grosse Zahl meiner Landsleute. Die säkular orientierten Menschen aus der Türkei verdanken wesentliche Aspekte ihrer Persönlichkeit und ihrer menschlichen Entwicklung der hochgeschätzten Arbeit dieser beiden Staatsbehörden, auch wenn sie nicht perfekt war.

Schule

(Eine Schulklasse in der Türkei)

Nutzniesser dieser Arbeit waren damit insbesondere auch europäische Staaten, in welche viele türkische Staatsangehörige ab den Fünfzigerjahren einwanderten. Zu Beginn waren nahezu alle Einwanderer geprägt vom Säkularismus, der durch diese beiden Behörden gewährleistet wurde, was sich in Europa aber mit der Zeit ändern sollte, weil da der Scharia im Gegensatz zur Türkei keinerlei Schranken auferlegt wurden. Diese Schrankenlosigkeit – insbesondere in Deutschland – führte dazu, dass sich in Europa eine islamistische Gegenbewegung formieren konnte. Das Ergebnis davon ist die AKP und Erdoğan. Bevor die AKP aber an die Macht kam, hatten das MEB und das Diyanet die säkulare Erziehung und damit auch den säkularen Charakter des Staates gewährleistet. Das sollte sich aber bald ändern.

Bis zur Machtergreifung der AKP ist die Arbeit der im Jahre 1984 gegründeter DİTİB (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği), der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, im soeben beschriebenen Sinne zu verstehen, die unter dem gleichen Namen auch in der Schweiz aktiv ist. Sicherlich war das Diyanet und damit auch die DİTİB im Jahre 1984 längst nicht mehr so säkular orientiert, wie das Amt zu Lebzeiten von Atatürk noch war. Dennoch waren das Diyanet und damit auch die DİTİB gewissermassen Garanten für einen moderaten türkischen Islam, von dem auch europäische Länder profitierten. Es ist von entscheidender Bedeutung für die Menschen in Europa zu erkennen, was der Paradigmenwechsel, der in der Türkei stattfindet, für sie bedeutet. Die Tatsache, dass die Türkei gegenwärtig kurz davor steht, die bereits existierende totalitäre Diktatur eines Islamisten zu vollenden, der ideologisch der Muslimbruderschaft nahesteht, sollte einem zu denken geben. Damit werden sowohl das MEB, das in Europa ebenfalls aktiv ist, als auch die DİTİB zu Instrumenten einer totalitären islamistischen Diktatur, deren Aufgabe daraus besteht, diese abgeänderte Staatsideologie auch den türkischen Staatsangehörigen im Ausland zu vermitteln, insbesondere natürlich auch Kindern. Wie wenn das nicht reichen würde, werden solche im Ausland aktive Behörden zudem als Vollstreckungsgehilfen des totalitären islamistischen Staates fungieren, wenn sie es nicht schon längst tun.

Wie sich die Tätigkeit des Bildungsministeriums MEB massiv geändert hat, konnte am vergangenen Wochenende auch hier in der Schweiz einmal mehr festgestellt werden. Es wurde bekannt, dass Grundschüler im Rahmen des Unterrichts «Heimatliche Sprache und Kultur» (HSK), martialische Szenen aus der Schlacht von Galipoli (1915) nachgespielt hätten. Dieser Unterricht wird von der Türkischen Botschaft organisiert im Auftrag der Türkischen Regierung, wobei das Bildungsministerium (MEB) hinter diesen „Theateraufführungen“ steht.

So etwas hat es in all den vergangenen Jahren nicht gegeben. Auch ich hatte in den Siebzigerjahren während ca. 2 Jahren die Türkisch-Schule besucht, wo uns Kindern die türkische Sprache, Geschichte, Kultur und dergleichen beigebracht wurde. Es handelte sich um Unterricht von der Dauer von ca. 2-3 Lektionen wöchentlich und so weit ich orientiert bin, ist dies heute nicht anders. Zu meiner Zeit war das Ziel das Erlangen eines türkischen Grundschuldiploms. Wie das heute ist, kann ich nicht beurteilen. Dass Kinder ihre Muttersprache und ihre Herkunftskultur erlernen, ist jedoch auch aus meiner heutigen Sicht überhaupt nichts Schlechtes. Ganz im Gegenteil.

Vorliegend geht es aber einmal mehr um einen massiven Missbrauch der Strukturen des türkischen Staates für die Verbreitung der nationalislamistischen Propaganda der AKP. Das hat mit der Bedeutung der Schlacht von Galipoli in der türkischen Kultur etwas zu tun. Mustafa Kemal war es hier gelungen, die Invasoren aufzuhalten, was ihm die Führungsrolle im türkischen Widerstand garantiert hatte. Dieser Sieg war damit gewissermassen ein Auferstehen der Türkei aus der Asche. Erdoğan will  sich selbst mit seiner propagandistischen Verherrlichung dieser Schlacht zu einem zweiten Atatürk hochstilisieren. Er verknüpfte die Schlacht geschickt mit seinem völkerrechtswidrigen Angriff auf Afrin, der genau am Jahrestag der Schlacht an den Dardanellen eingenommen wurde. In diesem Zusammenhang ist auch die Kriegspropaganda Erdoğans mit den Grundschülern in der Schweiz zu verstehen.

Nur ganz nebenbei: Vor Erdoğan erinnerte sich die Türkei vor allem mit Demut, Trauer und Dankbarkeit an die Schlacht an den Dardanellen. Auch für Atatürk, der selbst dabei war und furchtbar unter der Verlust seiner Männer litt, gab es hier nichts zu verherrlichen. Diese Inschrift, ein Zitat Atatürks aus dem Jahre 1934, sagt eigentlich alles darüber aus, wie die Türkei und die Türken diese Schlacht einst wahrnahmen, bevor Erdoğan und seine Bande die Seelen der Menschen vergiftete.

Atatürk Zitat

(„Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen… ihr liegt nun in der Erde eines befreundeten Landes. Daher ruhet in Frieden. Denn es gibt für uns keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen… Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Länder schickten, wischt weg eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“  –  Atatürk 1934)

Die Türkei unter Erdoğan ist bereits heute ein totalitärer Staat auf der Grundlage der Ideologie der islamofaschistischen Muslimbruderschaft kombiniert mit neo-osmanischem Nationalismus, der unverblümt Eroberungsphantasien äussert. Bei den kommenden Wahlen, die keine echten Wahlen sind, weil Erdoğan sämtliche Spielregeln der Demokratie gegenwärtig verletzt und noch verletzen wird, wird es wohl keine Überraschungen geben. Damit ist der totalitäre Staat fast vollkomen. Das Endziel ist freilich die Wiedererrichtung des Kalifats, das, wie eingangs erwähnt, 1924 abgeschafft worden war, worüber ich in einem anderen Artikel ausführlich berichtet hatte.

Diese Entwicklungen sind für die Türkei und natürlich auch für viele Menschen aus der Türkei sehr bedauerlich. Sie liegen aber völlig ausserhalb des Einflussbereichs der Eidgenossenschaft. Die Schweiz muss aber darauf achten, was auf ihrem Territorium geschieht. Unter keinen Umständen dürfen es die Kantone in der Schweiz zulassen, dass dieser totalitäre Staat – demnächst wohl mit Kalifat – hier in der Schweiz nationalislamistische Propaganda mit Kindern betreibt und damit den öffentlichen Frieden gefährdet.

Aktivitäten von türkischen Moscheen und Türkisch-Schulen in der Schweiz – Konsequenzen eines Paradigmenwechsels

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