“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute

Wie kein anderes Buch hat  Reşat Nuri Güntekins “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) aus dem Jahr 1922 die Gesellschaft der jungen Türkischen Republik aber auch Generationen danach massgeblich beeinflusst. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause namens Feride während den letzten Jahren des untergehenden Ottomanischen Reiches. Gerüchten zufolge soll es sich um die Lebensgeschichte einer gewissen Feride Polat handeln, die literarisch überarbeitet worden sei.

Feride wird bereits in jungem Alter zu einer Vollwaise und wächst bei ihren reichen Verwandten in Istanbul auf. Als junges Mädchen besucht sie das Internat Notre Dame de Sion in Istanbul, wo sie aufgrund ihres unartigen Wesens von ihren Klassenkameradinnen den Spitznamen “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) erhält. Später verliebt sich “Çalıkuşu” in ihren Cousin Kamran, mit dem sie sich verlobt. Bevor sie heiraten, soll Kamran jedoch aus Karrieregründen die Möglichkeit haben, drei Jahre in Europa im diplomatischen Dienst zu verbringen, was von Feride ausdrücklich unterstützt und gutgeheissen wird. Bei seiner Rückkehr und kurz vor der geplanten Hochzeit findet sie in seinen Sachen allerdings Briefe von einer anderen jungen Frau, die Kamran in der Schweiz kennengelernt haben soll. Feride veranstaltet daraufhin eine dramatische Eifersuchtsszene und verlässt das Elternhaus mit der Absicht, auf eigenen Füssen zu stehen und als Lehrerin zu arbeiten. Sie vertraut dabei auf ihre gute Ausbildung, die sie im französischen Internat geniessen konnte. “Çalıkuşu” tritt dabei als eine selbstbewusste Idealistin auf, die ihren Willen durchsetzt und gegen behördlichen Widerstand und Bürokratie es ablehnt, in Istanbul als Lehrerin tätig zu werden. Stattdessen will sie im ländlichen Anatolien arbeiten, von Dorf zu Dorf ziehen und sozial benachteiligte Kinder alphabetisieren. Gewissermassen ist dies natürlich auch eine Flucht von Kamran. Dennoch heben genau diese vorgenannten Aspekte den Roman “Çalıkuşu” von gewöhnlichen Liebesromanen ganz erheblich ab. Einerseits wird durch die Hauptperson das inszeniert, was Emanzipation wirklich bedeutet: Eine junge Frau setzt ihren Willen durch und bestimmt selbst über ihr Leben, unter Umständen auch gegen den Willen ihrer Familie. Sie ist auch von keinem Mann abhängig und lässt sich von ihrer einflussreichen Familie überhaupt nichts sagen, von der sie sich ihren eigenen Fähigkeiten vertrauend trennt. Ferides Ideal ist die Bildung von Kindern, die sozial benachteiligt sind und im rückständigen Anatolien leben, wo die Alphabetisierungsrate zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3-4% beträgt. Hier wird der Liebesroman zu einer Gesellschaftsstudie der letzten Tage des Ottomanischen Reiches mit all seinen Unzulänglichkeiten. Bemerkenswert ist insbesondere auch der Umstand, dass Feride trotz des hohen sozialen Status ihrer Familie keine Berührungsängste mit der ländlichen Bevölkerung hat. Damit wird das Ideal einer Elite vorgezeichnet, die sich nicht abschottet, sondern vielmehr das Ziel verfolgt, die Landbevölkerung zu alphabetisieren, zu bilden und zu zivilisieren.

Wie eingangs erwähnt hatte das Buch von Reşat Nuri Güntekin auf die türkische Gesellschaft, insbesondere auf die Frauen, einen enormen Einfluss. Viele junge türkische Mädchen, die das Buch gelesen hatten, wollten genauso wie “Çalıkuşu” ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen und vor allem wollten sehr viele dem im Buch idealisierten Lehrerberuf nachgehen und dabei Ferides Beispiel folgend mit missionarischem Eifer die sozial benachteiligten Kinder Anatoliens alphabetisieren. Eine dieser Frauen war meine Grossmutter väterlicherseits, die den Weg Ferides einschlug, ihr Leben lang ihrem Beispiel nacheiferte und sozial benachteiligte Kinder förderte und zwar auch dann, wenn sie selbst so gut wie nichts hatte. Sie, eine der ersten Lehrerinnen der jungen Türkischen Republik, war es übrigens, die mir im zarten Alter von fünfeinhalb Jahren das Lesen und das Schreiben beibrachte. Das Buch “Çalıkuşu” kenne ich übrigens ebenfalls durch meine Grossmutter und ich habe es gelesen, bevor ich die Grundschule besuchte. Ich kann heute zwar nicht mit Sicherheit sagen, ob “Çalıkuşu” das erste Buch überhaupt war, das ich gelesen habe. Ich kann mich jedoch an den Protest meiner Eltern gegenüber meiner Grossmutter erinnern, die völlig zu Recht dachten, ich sei noch etwas zu jung für dieses Buch. Da der Roman in der türkischen Kultur einen derart hohen Stellenwert hatte, konnten sie sich jedoch argumentativ nicht durchsetzen, weshalb ich das Buch zu Ende lesen durfte.

Babaanne

(Meine Grossmutter)

Die Geschichte der jungen und hübschen Feride, die sich von ihrer Familie und von ihrem untreuen Bräutigam emanzipiert und loszieht, um benachteiligte anatolische Kinder zu unterrichten, gefiel natürlich auch dem jungen türkischen Staat. Doch konnte dieses Idealbild einer Städterin, welche die ungebildete Landbevölkerung alphabetisiert, niemals genügen. Die junge Türkische Republik brauchte dringend Lehrerinnen und Lehrer, die das rückständige Anatolien alphabetisieren sollten. Da die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer aus der Stadt für diese Herkulesaufgabe nicht einmal annähernd ausreichen konnte, wurden die sogenannten Dorfinstitute (“Köy enstitüleri”) ins Leben gerufen. Die Idee war, talentierte Kinder und Jugendliche aus Anatolien – also von der Landbevölkerung selbst – von klein auf für den Lehrerberuf zu qualifizieren, um Anatolien zu alphabetisieren und zu zivilisieren. Unterrichtet wurden ganz gewöhnliche Schulfächer wie Mathematik, Physik, Sprache und Geschichte. Darüber hinaus wurden den Kindern und Jugendlichen die schönen Künste aber auch praktische Fächer wie Landwirtschaft und Handwerk beigebracht. Ganz beliebt war das Musizieren, wobei die Mandoline das beliebteste Instrument war, was aus den nachfolgenden Bildern zu erkennen ist.

Die Dorfinstitute existierten ab 1940 und haben einen enorm wichtigen Beitrag bei der Alphabetisierung und Bildung des türkischen Volkes geleistet. Der Grund, weshalb sie verschwunden sind, hat politische Gründe, was mindestens aus heutiger Sicht äusserst bedauerlich ist. Am Ende des Zweiten Weltkrieges und zu Beginn des Kalten Krieges hatte Stalin den Wunsch, in Kars, Artvin, Ardahan und beim Bosporus militärische Stützpunkte zu errichten, weshalb der Nachfolger Atatürks, Ismet Inönü, die USA um militärische Unterstützung gebeten hatte. Diese war dazu bereit, setzte aber ein Mehrparteiensystem voraus und es sollten auch angeblich stalinistisch anmutende Aktionen des türkischen Staates – namentlich die Dorfinstitute – abgeschafft werden. Die Türkische Republik befolgte diese Wünsche. Im Jahr 1954 wurden die Dorfinstitute von der konservativen Regierung von Adnan Menderes, die dank des neu eingeführten Mehrparteiensystems an die Macht gekommen war, abgeschafft und in Lehrerseminare umgewandelt.

Ja. Es gab sie einmal: Eine Türkei, die Bildung und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Geblieben davon sind nur diese erstaunlichen Bilder aus einer längst vergangenen Zeit.

Köy 1

 

Köy 2

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(Junger türkischer Bauer rezitiert Shakespeare vor seinen Klassenkameraden)

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“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute

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