Der “Zungenöffner”

Vor ungefähr einer Woche ereigneten sich unfassbare Szenen in der türkischen Hauptstadt Ankara. Die Mutter der Co-Vizepräsidentin der HDPAysel Tuğluk, die seit dem 26. Dezember 2016 in Haft sitzt, sollte zu Grabe getragen werden. Die Verstorbene, Hatun Tuğluk, eine alevitische Kurdin, war 78 Jahre alt geworden.

Eine Horde von Barbaren griff den Trauerzug an, ohne dass die Sicherheitskräfte, die zugegen waren, eingriffen und verhinderte die Beerdigung der verstorbenen Frau im für sie vorgesehenen Grab. Die Trauernden wurden dabei mit Steinen und mit Schlagstöcken angegriffen. Die Barbaren skandierten überaus hässliche und rassistische Parolen und drohten sogar damit, die Leiche aus dem Grab zu entfernen und diese in Stücke zu reissen, weshalb die Verstorbene anderswo begraben werden musste. Sie schrieen auf Türkisch:

“Burası Kürt mezarlığı değil, Alevi mezarlığı değil!

Buraya Kürdü, Aleviyi, Ermeniyi gömdürtmeyiz!

Burada şehit cenazesi var, buraya terörist cenazesi gömdürmeyiz!

Gömerseniz de çıkartır parçalarız!”

Übersetzung:

“Das hier ist kein kurdischer Friedhof, kein alevitischer Friedhof!

Wir lassen es nicht zu, dass hier ein Kurde, ein Alevite, ein Armenier begraben wird!

Hier liegen Märtyrer begraben, wir lassen es nicht zu, dass hier Terroristen begraben werden!

Und wenn ihr (die Leiche) dennoch begraben solltet, werden wir (sie) herausnehmen und in Stücke reissen!”

In meinem heutigen Blog-Artikel möchte ich nicht auf den unerträglichen Rassismus der Barbaren und ihren fehlenden Respekt gegenüber einer Toten und ihren Angehörigen eingehen. Auch soll er nicht von den Armeniern handeln, deren Zahl in der heutigen Türkei nur noch 60’000 beträgt, die hier verunglimpft wurden, indem ihre ethnische Bezeichnung als Fluchwort verwendet wurde, obwohl bei diesem Begräbnis weit und breit keine Armenier zu sehen waren. Vielmehr soll er von jenem Mann handeln, der diesen Barbaren die türkische Sprache gegeben hat, mit der sie die Armenier rassistisch herabsetzten. Die Rede ist von einem gewissen Herrn Dilaçar, dem Vater des modernen Türkisch.

AGOPDiLACAR_1936

(Dilaçar im Jahr 1936)

Den Namen Dilaçar hatte der Vater des modernen Türkisch vom Staatsgründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, erhalten. Der Name setzt sich zusammen aus den türkischen Begriffen “dil”, was so viel bedeutet wie “Zunge” oder “Sprache” und “açar”, was übersetzt so viel heisst wie “derjenige, der öffnet” respektive “Öffner”. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name folglich, “derjenige, der die Sprache öffnet” oder “derjenige, der die Sprache befreit” oder eben “Der Zungenöffner”. Der ursprüngliche Name dieses Herrn lautet allerdings Agop Martayan und wie es sich vermuten lässt, handelte es sich dabei um einen Armenier.

Agop Martayan, der später den Namen Dilaçar erhalten sollte, wurde im Jahr 1895 in Istanbul geboren. Im Jahr 1915 schloss er sein Studium an der Istanbuler Eliteschule Robert College ab und diente anschliessend während des Ersten Weltkrieges in der ottomanischen Armee als Reserveoffizier. Während seines Militärdienstes in Damaskus im Jahr 1917 wurde ein gewisser Mustafa Kemal Pascha, der später die Türkische Republik gründen sollte, auf den intelligenten jungen Mann aufmerksam und nahm ihn in seinen Stab auf. Nach dem Ersten Weltkrieg verloren sich die beiden vorerst aus den Augen. Agop Martayan unterrichtete zunächst an seiner Alma Mater Robert College Englisch (1919), bevor er in Beirut eine Direktorenstelle an einer armenischen Schule übernahm. Der Linguist, der nebst Armenisch und Türkisch auch Englisch, Griechisch, Spanisch, Latein, Deutsch, Russisch und Bulgarisch sprach, hatte dort gleichzeitig auch den Posten des Chefredaktors einer armenischen Zeitung inne. Darüber hinaus publizierte er immer wieder vielbeachtete wissenschaftliche Arbeiten.

Im Jahr 1932, neun Jahre nach der Gründung der Republik, wurde Mustafa Kemal erneut auf den brillanten Linguisten aufmerksam, der in einer Zeitschrift eine wissenschaftliche Arbeit publiziert hatte, die er gelesen hatte. Gemeinsam mit zwei weiteren armenischen Linguisten, İstepan Gurdikyan und Kevork Şimşyikyan, wurde er als Experte zum Dolmabahçe Serail in Istanbul, wo am 22. September 1932 die erste Türkische Sprachkonferenz stattfand, eingeladen.

Das Ziel dieser Konferenz war die Schöpfung einer neuen türkischen Sprache, weil das ottomanische Türkisch in linguistischer Hinsicht eine ungenügende Sprache war, die auch nicht von allen Bürgern gesprochen wurde. Ottomanisch war auch die Sprache des Ancien Regimes, von dem man sich distanzieren wollte. Es mag den einen oder anderen Leser überraschen, dass Atatürk die Aufgabe für die Schöpfung der neutürkischen Sprache, die heute noch in der Türkei gesprochen wird, Armeniern übertragen hatte. Der Grund dafür ist, dass die wenigsten Menschen des untergegangenen Ottomanischen Reiches des Lesens und des Schreibens mächtig waren. Ausser Offizieren, Staatsbeamten, Kindern der ottomanischen Elite sowie den christlichen und jüdischen Minderheiten konnten die wenigsten Menschen lesen und schreiben. Und noch weniger Menschen waren derart hochgebildet wie Agop Martayan.

Ab diesem Zeitpunkt wurde er jedenfalls zum ständigen Begleiter Mustafa Kemals bis zu dessen Tod und vor allem wurde er zum Präsidenten des staatlichen Instituts für die Türkische Sprache (Türk Dil Kurumu) ernannt. Die Aufgabe dieser wichtigen Institution entspricht derjenigen des Dudens im deutschen Sprachraum. Ab 1934 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 war Agop Martayan Dilaçar dessen Präsident und Hauptexperte und hat in dieser Funktion unzählige Arbeiten verfasst und publiziert, die heute noch massgeblich sind.

Wie oben erwähnt, bekam Agop Martayan seinen neuen Nachnamen “Dilaçar” von Mustafa Kemal Pascha höchstpersönlich. Das ist jedoch noch nicht alles. Agop Martayan Dilaçar selbst dürfte der Schöpfer des Namens “Atatürk” sein! “Atatürk” wird häufig mit “Vater der Türken” übersetzt, was die Bedeutung dieses Namens nur ungenau wiedergibt. “Ata” bedeutet “Urvater” respektive “Ahne”. “Vater der Türken” würde mit “Türklerin babası” übersetzt werden. Atatürk bedeutet damit “Urvatertürk”, wobei der Genitiv auch im Türkischen fehlt. Mit anderen Worten haben wir es vorliegend mit einem Kunstwort zu tun. Die Wortschöpfung “Atatürk” ist dabei sprachlich so brillant, dass ich es mir nicht vorstellen kann, dass kein Linguist dahintersteckt und wer könnte dieser Linguist wohl gewesen sein wenn nicht Agop Martayan? Die Information, wonach Agop Martayan Dilaçar der Schöpfer des Namens “Atatürk” gewesen sei, ist zwar nicht zu 100% gesichert. Ich persönlich habe diesbezüglich aus vorgenannten Gründen keine Zweifel.

Wenn heute auf den Strassen der türkischen Hauptstadt Ankara Barbaren rassistische Parolen brüllen und dabei Armenier verfluchen, sollten sie wissen, dass der Mann, der ihnen ihre Sprache gab – sprich ihnen die Zungen öffnete – ein Armenier war. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, wenn sie so etwas wie Schamgefühle überhaupt haben, was ich stark bezweifle!

Ich jedenfalls bin Agop Martayan Dilaçar zum unendlichen Dank verpflichtet, weil er mir eine meiner Muttersprachen, namentlich die türkische Sprache, schenkte und meine Zunge öffnete. Ich verneige mich vor Ihnen, Agop Efendi!

In diesem Sinne möchte ich meine heutigen Ausführungen in der Sprache abschliessen, die Agop Martayan Dilaçar mir geschenkt hat.

Hepimiz Ermeniyiz!

(Wir sind alle Armenier!)

15675888_304

(Demonstration für den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink; auf den Tafeln steht auf Türkisch und auf Armenisch “Wir sind alle Hrant, Wir sind alle Armenier”)

Der “Zungenöffner”

“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute

Wie kein anderes Buch hat  Reşat Nuri Güntekins “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) aus dem Jahr 1922 die Gesellschaft der jungen Türkischen Republik aber auch Generationen danach massgeblich beeinflusst. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause namens Feride während den letzten Jahren des untergehenden Osmanischen Reiches. Gerüchten zufolge soll es sich um die Lebensgeschichte einer gewissen Feride Polat handeln, die literarisch überarbeitet worden sei.

Feride wird bereits in jungem Alter zu einer Vollwaise und wächst bei ihren reichen Verwandten in Istanbul auf. Als junges Mädchen besucht sie das Internat Notre Dame de Sion in Istanbul, wo sie aufgrund ihres unartigen Wesens von ihren Klassenkameradinnen den Spitznamen “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) erhält. Später verliebt sich “Çalıkuşu” in ihren Cousin Kamran, mit dem sie sich verlobt. Bevor sie heiraten, soll Kamran jedoch aus Karrieregründen die Möglichkeit haben, drei Jahre in Europa im diplomatischen Dienst zu verbringen, was von Feride ausdrücklich unterstützt und gutgeheissen wird. Bei seiner Rückkehr und kurz vor der geplanten Hochzeit findet sie in seinen Sachen allerdings Briefe von einer anderen jungen Frau, die Kamran in der Schweiz kennengelernt haben soll. Feride veranstaltet daraufhin eine dramatische Eifersuchtsszene und verlässt das Elternhaus mit der Absicht, auf eigenen Füssen zu stehen und als Lehrerin zu arbeiten. Sie vertraut dabei auf ihre gute Ausbildung, die sie im französischen Internat geniessen konnte. “Çalıkuşu” tritt dabei als eine selbstbewusste Idealistin auf, die ihren Willen durchsetzt und gegen behördlichen Widerstand und Bürokratie es ablehnt, in Istanbul als Lehrerin tätig zu werden. Stattdessen will sie im ländlichen Anatolien arbeiten, von Dorf zu Dorf ziehen und sozial benachteiligte Kinder alphabetisieren. Gewissermassen ist dies natürlich auch eine Flucht von Kamran. Dennoch heben genau diese vorgenannten Aspekte den Roman “Çalıkuşu” von gewöhnlichen Liebesromanen ganz erheblich ab. Einerseits wird durch die Hauptperson das inszeniert, was Emanzipation wirklich bedeutet: Eine junge Frau setzt ihren Willen durch und bestimmt selbst über ihr Leben, unter Umständen auch gegen den Willen ihrer Familie. Sie ist auch von keinem Mann abhängig und lässt sich von ihrer einflussreichen Familie überhaupt nichts sagen, von der sie sich ihren eigenen Fähigkeiten vertrauend trennt. Ferides Ideal ist die Bildung von Kindern, die sozial benachteiligt sind und im rückständigen Anatolien leben, wo die Alphabetisierungsrate zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3-4% beträgt. Hier wird der Liebesroman zu einer Gesellschaftsstudie der letzten Tage des Osmanischen Reiches mit all seinen Unzulänglichkeiten. Bemerkenswert ist insbesondere auch der Umstand, dass Feride trotz des hohen sozialen Status ihrer Familie keine Berührungsängste mit der ländlichen Bevölkerung hat. Damit wird das Ideal einer Elite vorgezeichnet, die sich nicht abschottet, sondern vielmehr das Ziel verfolgt, die Landbevölkerung zu alphabetisieren, zu bilden und zu zivilisieren.

Wie eingangs erwähnt hatte das Buch von Reşat Nuri Güntekin auf die türkische Gesellschaft, insbesondere auf die Frauen, einen enormen Einfluss. Viele junge türkische Mädchen, die das Buch gelesen hatten, wollten genauso wie “Çalıkuşu” ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen und vor allem wollten sehr viele dem im Buch idealisierten Lehrerberuf nachgehen und dabei Ferides Beispiel folgend mit missionarischem Eifer die sozial benachteiligten Kinder Anatoliens alphabetisieren. Eine dieser Frauen war meine Grossmutter väterlicherseits, die den Weg Ferides einschlug, ihr Leben lang ihrem Beispiel nacheiferte und sozial benachteiligte Kinder förderte und zwar auch dann, wenn sie selbst so gut wie nichts hatte. Sie, eine der ersten Lehrerinnen der jungen Türkischen Republik, war es übrigens, die mir im zarten Alter von fünfeinhalb Jahren das Lesen und das Schreiben beibrachte. Das Buch “Çalıkuşu” kenne ich übrigens ebenfalls durch meine Grossmutter und ich habe es gelesen, bevor ich die Grundschule besuchte. Ich kann heute zwar nicht mit Sicherheit sagen, ob “Çalıkuşu” das erste Buch überhaupt war, das ich gelesen habe. Ich kann mich jedoch an den Protest meiner Eltern gegenüber meiner Grossmutter erinnern, die völlig zu Recht dachten, ich sei noch etwas zu jung für dieses Buch. Da der Roman in der türkischen Kultur einen derart hohen Stellenwert hatte, konnten sie sich jedoch argumentativ nicht durchsetzen, weshalb ich das Buch zu Ende lesen durfte.

Babaanne

(Meine Grossmutter)

Die Geschichte der jungen und hübschen Feride, die sich von ihrer Familie und von ihrem untreuen Bräutigam emanzipiert und loszieht, um benachteiligte anatolische Kinder zu unterrichten, gefiel natürlich auch dem jungen türkischen Staat. Doch konnte dieses Idealbild einer Städterin, welche die ungebildete Landbevölkerung alphabetisiert, niemals genügen. Die junge Türkische Republik brauchte dringend Lehrerinnen und Lehrer, die das rückständige Anatolien alphabetisieren sollten. Da die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer aus der Stadt für diese Herkulesaufgabe nicht einmal annähernd ausreichen konnte, wurden die sogenannten Dorfinstitute (“Köy enstitüleri”) ins Leben gerufen. Die Idee war, talentierte Kinder und Jugendliche aus Anatolien – also von der Landbevölkerung selbst – von klein auf für den Lehrerberuf zu qualifizieren, um Anatolien zu alphabetisieren und zu zivilisieren. Unterrichtet wurden ganz gewöhnliche Schulfächer wie Mathematik, Physik, Sprache und Geschichte. Darüber hinaus wurden den Kindern und Jugendlichen die schönen Künste aber auch praktische Fächer wie Landwirtschaft und Handwerk beigebracht. Ganz beliebt war das Musizieren, wobei die Mandoline das beliebteste Instrument war, was aus den nachfolgenden Bildern zu erkennen ist.

Die Dorfinstitute existierten ab 1940 und haben einen enorm wichtigen Beitrag bei der Alphabetisierung und Bildung des türkischen Volkes geleistet. Der Grund, weshalb sie verschwunden sind, hat politische Gründe, was mindestens aus heutiger Sicht äusserst bedauerlich ist. Am Ende des Zweiten Weltkrieges und zu Beginn des Kalten Krieges hatte Stalin den Wunsch, in Kars, Artvin, Ardahan und beim Bosporus militärische Stützpunkte zu errichten, weshalb der Nachfolger Atatürks, Ismet Inönü, die USA um militärische Unterstützung gebeten hatte. Diese war dazu bereit, setzte aber ein Mehrparteiensystem voraus und es sollten auch angeblich stalinistisch anmutende Aktionen des türkischen Staates – namentlich die Dorfinstitute – abgeschafft werden. Die Türkische Republik befolgte diese Wünsche. Im Jahr 1954 wurden die Dorfinstitute von der konservativen Regierung von Adnan Menderes, die dank des neu eingeführten Mehrparteiensystems an die Macht gekommen war, abgeschafft und in Lehrerseminare umgewandelt.

Ja. Es gab sie einmal: Eine Türkei, die Bildung und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Geblieben davon sind nur diese erstaunlichen Bilder aus einer längst vergangenen Zeit.

Köy 1

 

Köy 2

Köy 3

Köy 4

Köy 5

Köy 6

Köy 7Köy 8Köy 9Köy 10

Köy 11

Köy 14

(Junger türkischer Bauer rezitiert Shakespeare vor seinen Klassenkameraden)

Köy 15Köy 16Köy 17Köy 18Köy 19Köy 20

“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute