Der “Zungenöffner”

Vor ungefähr einer Woche ereigneten sich unfassbare Szenen in der türkischen Hauptstadt Ankara. Die Mutter der Co-Vizepräsidentin der HDPAysel Tuğluk, die seit dem 26. Dezember 2016 in Haft sitzt, sollte zu Grabe getragen werden. Die Verstorbene, Hatun Tuğluk, eine alevitische Kurdin, war 78 Jahre alt geworden.

Eine Horde von islamofaschistischen Barbaren griff den Trauerzug an, ohne dass die Sicherheitskräfte, die zugegen waren, eingriffen und verhinderte die Beerdigung der verstorbenen Frau im für sie vorgesehenen Grab. Die Trauernden wurden dabei mit Steinen und mit Schlagstöcken angegriffen. Die Islamofaschisten skandierten überaus hässliche und rassistische Parolen und drohten sogar damit, die Leiche aus dem Grab zu entfernen und diese in Stücke zu reissen, weshalb die Verstorbene anderswo begraben werden musste. Sie schrieen auf Türkisch:

“Burası Kürt mezarlığı değil, Alevi mezarlığı değil!

Buraya Kürdü, Aleviyi, Ermeniyi gömdürtmeyiz!

Burada şehit cenazesi var, buraya terörist cenazesi gömdürmeyiz!

Gömerseniz de çıkartır parçalarız!”

Übersetzung:

“Das hier ist kein kurdischer Friedhof, kein alevitischer Friedhof!

Wir lassen es nicht zu, dass hier ein Kurde, ein Alevite, ein Armenier begraben wird!

Hier liegen Märtyrer begraben, wir lassen es nicht zu, dass hier Terroristen begraben werden!

Und wenn ihr (die Leiche) dennoch begraben solltet, werden wir (sie) herausnehmen und in Stücke reissen!”

In meinem heutigen Blog-Artikel möchte ich nicht auf den unerträglichen Rassismus der Islamofaschisten und ihren fehlenden Respekt gegenüber einer Toten und ihren Angehörigen eingehen. Auch soll er nicht von den Armeniern handeln, deren Zahl in der heutigen Türkei nur noch 60’000 beträgt, die hier verunglimpft wurden, indem ihre ethnische Bezeichnung als Fluchwort verwendet wurde, obwohl bei diesem Begräbnis weit und breit keine Armenier zu sehen waren. Vielmehr soll er von jenem Mann handeln, der diesen Barbaren die türkische Sprache gegeben hat, mit der sie die Armenier rassistisch herabsetzten. Die Rede ist von einem gewissen Herrn Dilaçar, dem Vater des modernen Türkisch.

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(Dilaçar im Jahr 1936)

Den Namen Dilaçar hatte der Vater des modernen Türkisch vom Staatsgründer der Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, erhalten. Der Name setzt sich zusammen aus den türkischen Begriffen “dil”, was so viel bedeutet wie “Zunge” oder “Sprache” und “açar”, was übersetzt so viel heisst wie “derjenige, der öffnet” respektive “Öffner”. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name folglich, “derjenige, der die Sprache öffnet” oder “derjenige, der die Sprache befreit” oder eben “Der Zungenöffner”. Der ursprüngliche Name dieses Herrn lautet allerdings Agop Martayan und wie es sich vermuten lässt, handelte es sich dabei um einen Armenier.

Agop Martayan, der später den Namen Dilaçar erhalten sollte, wurde im Jahr 1895 in Istanbul geboren. Im Jahr 1915 schloss er sein Studium an der Istanbuler Eliteschule Robert College ab und diente anschliessend während des Ersten Weltkrieges in der ottomanischen Armee als Reserveoffizier. Während seines Militärdienstes in Damaskus im Jahr 1917 wurde ein gewisser Mustafa Kemal Pascha, der später die Türkische Republik gründen sollte, auf den intelligenten jungen Mann aufmerksam und nahm ihn in seinen Stab auf. Nach dem Ersten Weltkrieg verloren sich die beiden vorerst aus den Augen. Agop Martayan unterrichtete zunächst an seiner Alma Mater Robert College Englisch (1919), bevor er in Beirut eine Direktorenstelle an einer armenischen Schule übernahm. Der Linguist, der nebst Armenisch und Türkisch auch Englisch, Griechisch, Spanisch, Latein, Deutsch, Russisch und Bulgarisch sprach, hatte dort gleichzeitig auch den Posten des Chefredaktors einer armenischen Zeitung inne. Darüber hinaus publizierte er immer wieder vielbeachtete wissenschaftliche Arbeiten.

Im Jahr 1932, neun Jahre nach der Gründung der Republik, wurde Mustafa Kemal erneut auf den brillanten Linguisten aufmerksam, der in einer Zeitschrift eine wissenschaftliche Arbeit publiziert hatte, die er gelesen hatte. Gemeinsam mit zwei weiteren armenischen Linguisten, İstepan Gurdikyan und Kevork Şimşyikyan, wurde er als Experte zum Dolmabahçe Serail in Istanbul, wo am 22. September 1932 die erste Türkische Sprachkonferenz stattfand, eingeladen.

Das Ziel dieser Konferenz war die Schöpfung einer neuen türkischen Sprache, weil das ottomanische Türkisch in linguistischer Hinsicht eine ungenügende Sprache war, die auch nicht von allen Bürgern gesprochen wurde. Ottomanisch war auch die Sprache des Ancien Regimes, von dem man sich distanzieren wollte. Es mag den einen oder anderen Leser überraschen, dass Atatürk die Aufgabe für die Schöpfung der neutürkischen Sprache, die heute noch in der Türkei gesprochen wird, Armeniern übertragen hatte. Der Grund dafür ist, dass die wenigsten Menschen des untergegangenen Ottomanischen Reiches des Lesens und des Schreibens mächtig waren. Ausser Offizieren, Staatsbeamten, Kindern der ottomanischen Elite sowie den christlichen und jüdischen Minderheiten konnten die wenigsten Menschen lesen und schreiben. Und noch weniger Menschen waren derart hochgebildet wie Agop Martayan.

Ab diesem Zeitpunkt wurde er jedenfalls zum ständigen Begleiter Mustafa Kemals bis zu dessen Tod und vor allem wurde er zum Präsidenten des staatlichen Instituts für die Türkische Sprache (Türk Dil Kurumu) ernannt. Die Aufgabe dieser wichtigen Institution entspricht derjenigen des Dudens im deutschen Sprachraum. Ab 1934 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 war Agop Martayan Dilaçar dessen Präsident und Hauptexperte und hat in dieser Funktion unzählige Arbeiten verfasst und publiziert, die heute noch massgeblich sind.

Wie oben erwähnt, bekam Agop Martayan seinen neuen Nachnamen “Dilaçar” von Mustafa Kemal Pascha höchstpersönlich. Das ist jedoch noch nicht alles. Agop Martayan Dilaçar selbst dürfte der Schöpfer des Namens “Atatürk” sein! “Atatürk” wird häufig mit “Vater der Türken” übersetzt, was die Bedeutung dieses Namens nur ungenau wiedergibt. “Ata” bedeutet “Urvater” respektive “Ahne”. “Vater der Türken” würde mit “Türklerin babası” übersetzt werden. Atatürk bedeutet damit “Urvatertürk”, wobei der Genitiv auch im Türkischen fehlt. Mit anderen Worten haben wir es vorliegend mit einem Kunstwort zu tun. Die Wortschöpfung “Atatürk” ist dabei sprachlich so brillant, dass ich es mir nicht vorstellen kann, dass kein Linguist dahintersteckt und wer könnte dieser Linguist wohl gewesen sein wenn nicht Agop Martayan? Die Information, wonach Agop Martayan Dilaçar der Schöpfer des Namens “Atatürk” gewesen sei, ist zwar nicht zu 100% gesichert. Ich persönlich habe diesbezüglich aus vorgenannten Gründen keine Zweifel.

Wenn heute auf den Strassen der türkischen Hauptstadt Ankara Islamofaschisten rassistische Parolen brüllen und dabei Armenier verfluchen, sollten sie wissen, dass der Mann, der ihnen ihre Sprache gab – sprich ihnen die Zungen öffnete – ein Armenier war. Sie sollten sich in Grund und Boden schämen, wenn sie so etwas wie Schamgefühle überhaupt haben, was ich stark bezweifle!

Ich jedenfalls bin Agop Martayan Dilaçar zum unendlichen Dank verpflichtet, weil er mir eine meiner Muttersprachen, namentlich die türkische Sprache, schenkte und meine Zunge öffnete. Ich verneige mich vor Ihnen, Agop Efendi!

In diesem Sinne möchte ich meine heutigen Ausführungen in der Sprache abschliessen, die Agop Martayan Dilaçar mir geschenkt hat.

Hepimiz Ermeniyiz!

(Wir sind alle Armenier!)

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(Demonstration für den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink; auf den Tafeln steht auf Türkisch und auf Armenisch “Wir sind alle Hrant, Wir sind alle Armenier”)

Der “Zungenöffner”

Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr und wie sie die Welt (nicht) versteht

Am 26. August 2017 erschien auf der Webseite der Schweizer Tageszeitung “Bund” ein Interview mit dem mit mir befreundeten marokkanischen Intellektuellen, Freidenker, Aktivisten, Blogger und Schriftsteller Kacem El Ghazzali, der den Schweizer Linken und Linksliberalen Blindheit im Umgang mit dem Islam vorwarf. Er berichtete dabei auch von einem Vorfall bei der Autonomen Schule Zürich, einer linksgerichteten Organisation, die in Zürich Flüchtlingen ehrenamtlich Deutschkurse erteilt. El Ghazzali gab an, dass er in dieser Schule von zwei Algeriern bedroht worden sei, nachdem er im Unterricht angegeben hatte, dass er ein Atheist sei. Als er der Schulleitung die Bedrohung gemeldet habe, hätte diese es nicht für nötig befunden, in der Angelegenheit etwas zu unternehmen.

Kacem hatte auch mir von diesem Vorfall berichtet, allerdings wesentlich detaillierter als dies in der Zeitung nachzulesen war. Speziell dabei war, wie er es tat und in welchem Zusammenhang dies geschah. Es war an jenem Abend im vergangenen Frühsommer, als ich ihn zum ersten Mal persönlich getroffen hatte. Zuvor kannten wir uns nur über Facebook. Zu später Stunde, nachdem wir auch etwas getrunken hatten, schnitt er dieses Thema beinahe aus heiterem Himmel an, so ganz nach dem Motto “Das solltest du übrigens auch noch über mich wissen!”. Mit anderen Worten existierte kein unmittelbarer Zusammenhang mit unserem gerade stattfindenden Gespräch, als er davon zu erzählen anfing, was bemerkenswert war. Vielmehr handelte es sich um eine Art von Katharsis bei einem Menschen, der durch das Vorgefallene derart schockiert und bis zu einem gewissen Grad sogar psychisch belastet war, dass er ein echtes Bedürfnis danach hatte, zu erzählen, um sich zu erleichtern. Ein solches Mitteilungsbedürfnis und Verhalten kannte ich von Opfern von Straftaten, denen ich in meiner Karriere als Strafverteidiger und Opfervertreter begegnet war. Was er erzählte, stellte auch eine mutmassliche Straftat dar, weshalb sein Verhalten nicht ungewöhnlich war.

In solchen Momenten schlüpfe ich beinahe reflexartig in meine Rolle des Anwalts, beobachte die Körpersprache, die Sprachmelodie, stelle Rückfragen und beobachte die darauf folgende Reaktionen, forsche nach Lügenmomenten und wende Techniken an, die bei Zeugen-, Geschädigten- und Beschuldigtenbefragungen angewendet werden. Ich tat dies auch mit Kacem, ohne dies ausdrücklich zu deklarieren, was ihm gegenüber vermutlich nicht ganz fair war. Die Geschichte hatte jedoch eine derartige Brisanz und sie war so krass, dass ich sie nicht einfach nickend entgegennehmen wollte. Ich konnte bei seinen Schilderungen keinerlei Lügenmomente oder Widersprüche feststellen. Ganz im Gegenteil konnte ich eine genuine Empörung aufgrund des Vorgefallenen wahrnehmen, die durch seine Körpersprache und durch die Sprachmelodie und Tonalität zum Ausdruck kam. Kacem erzählte zu Beginn mit einer normalen Stimme und dann änderte sich seine Stimmlage, wenn er sich furchtbar aufregte und er schrie beinahe an jenen Stellen, wo seine Geschichte besonders krass wurde. Ich möchte nicht auf die Details dieser Geschichte eingehen, weil es allein die Sache Kacems ist, diese der Welt mitzuteilen. Ich kann jedenfalls festhalten, dass ich als eine Person, die im Berufsalltag immer wieder mit Lügen konfrontiert wurde und die Techniken kennt, um Lügen von Wahrheiten zu unterscheiden, nicht feststellen konnte, dass Kacem mir Lügen auftischte. Das Gegenteil davon trifft zu. Ich habe deshalb keine Zweifel darüber, dass Kacem wirklich bedroht worden war und dass die Autonome Schule Zürich diesbezüglich tatsächlich nichts unternehmen wollte. Darüber hinaus habe ich mit Kacem einen Menschen kennengelernt, der nach Objektivität und Wahrheit strebt. Kacem El Ghazzali ist ein westlich-zivilisierter Intellektueller, der aufgrund seiner Herkunft und seiner Interessen sehr viel über Menschen aus dem arabischen Raum weiss, die sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie er. Auch aufgrund meiner späteren Erfahrungen mit ihm kann ich es ausschliessen, dass er diese Geschichte einfach nur erfunden hätte. Ich wüsste nicht warum.

Einen Tag nach dem Erscheinen dieses Interviews meldete sich Regierungsrätin und Justiz- und Polizeidirektorin des Kantons Zürich, Jacqueline Fehr (SP), zu Wort und zwar auf Facebook. Sie schrieb im Zusammenhang mit diesem Interview folgendes:

“Reicht es heute einfach, als Muslim gegen den Islam zu wettern, um als Experte zu gelten? Wieso überprüfen Journalistinnen und Journalisten die aufgestellten Behauptungen (zum Beispiel über das Verhalten der Autonomen Schule) nicht?”

Diese Aussagen der SP-Magistratin sind in so mancher Hinsicht überaus bedenklich, auf die ich deshalb einzeln eingehen möchte.

Zunächst bezeichnete Jacqueline Fehr Kacem El Ghazzali als einen Muslim, obwohl dieser bereits zu Beginn des Interviews deklariert hatte, dass er ein Atheist sei. Auch der Vorfall in der Autonomen Schule Zürich stand im Zusammenhang mit der atheistischen Haltung Kacems und für jeden, der das Interview tatsächlich auch gelesen hatte, stand fest, dass es sich hier nicht um einen Muslim sondern um einen Atheisten handelte. Dennoch bezeichnete die Justizdirektorin diesen jungen Mann, der sich im besagten Interview mehrmals als Atheist offenbart hatte, als einen Muslim. Der Grund für diese Bezeichnung ist in der stereotypen Denkweise der Justizdirektorin zu suchen, für die jeder, der aus Marokko stammt und einen muslimischen Namen trägt, automatisch ein Muslim sein muss, selbst wenn diese Person dies ausdrücklich verneint. Aus meiner Sicht kann dieses “Abstempeln” Kacems als Muslim durchaus als rassistisch bezeichnet werden. Dieser Art von Rassismus begegne auch ich immer wieder, insbesondere bei linken Scharia-Appeasern, die von jedem Menschen mit der entsprechenden Herkunft eine strenge Scharia-Befolgung, Kopftuch, fünfmaliges Gebet, Fasten und alles andere erwarten, was in ihrer Vorstellung den Islam ausmacht. Wenn sie Menschen begegnen, die diesen Erwartungen nicht entsprechen, die sogar eine ablehnende Haltung gegenüber dem Scharia-Islam offenbaren, sind sie verwirrt, so wie die sozialdemokratische Regierungsrätin des Kantons Zürich und können in ihrem Argumentationsnotstand nicht in den üblichen virtuellen Setzkasten greifen, wo Begriffe wie “rassistisch” oder “islamophob” vorzufinden sind.

Aus meiner Sicht ist es übrigens völlig klar, weshalb sich Jacqueline Fehr über dieses Interview so furchtbar aufregte. Regierungsrätin Fehr bemüht sich seit einiger Zeit darum, dass der Islam im Kanton Zürich öffentlich-rechtlich anerkannt wird und hat ganz generell eine islamophile Haltung. Es passt ihr nicht ins Konzept, dass jemand, der Kacem heisst, eine islamkritische Haltung hat und diese offenbart, weil sie gegenüber einer solchen Person keine materiellen Argumente entgegenbringen kann. Zum einen hat das damit zu tun, weil sie selbst ganz offensichtlich wenig bis gar keine Ahnung vom Islam hat und sich von Personen beraten lässt, die eine positive Haltung gegenüber dem Islam haben. Zum anderen kann sie bei jenen Leuten, die beispielsweise Alois, Fritz oder Kaspar heissen, die Rassistenkeule erheblich einfacher schwingen und ihnen eine “islamfeindliche” respektive “rassistische” Haltung vorwerfen. Wenn die betreffende Person aber Mohammed, Hamad oder eben Kacem heisst, schlägt eine solche Rassistenkeule ins Leere. Hier war sie zudem mit jemandem konfrontiert, der wesentlich mehr über den Islam und Islamismus wusste als sie, weshalb sie den Begriff “Experte” in ihrem Rant verwendete, obwohl im Interview nirgends die Rede davon war, dass Kacem El Ghazzali ein Islamexperte sei. Die Verwendung dieses Begriffs offenbart ihre Hilflosigkeit und ihren Argumentationsnotstand. Sie arbeitet für mehr Scharia-Toleranz und für die öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams und hier spricht ein Ex-Muslim, der ein Stein auf ihrem Weg ist, den sie wegräumen möchte. Wie kann man diesen Stein wegräumen? Durch Diffamierung natürlich!

Ich möchte das Vorbesprochene kurz zusammenfassen: Jacquline Fehr bestritt mit ihrem Facebook-Rant eine nicht geltend gemachte Experteneigenschaft Kacems mit dem Hinweis darauf, dass es nicht reiche, ein Muslim zu sein, um den Islam zu kritisieren, obwohl dieser angegeben hatte, dass er ein Atheist sei. Dabei verwendete sie allerdings das wesentlich stärkere Verb “wettern” und nicht etwa “kritisieren”, obwohl im besagten Interview keine einzige Stelle zu finden ist, wo Kacem gegen den Islam “gewettert” hätte. Wenn man dieses Wort im Zusammenhang mit diesem Interview überhaupt verwenden will, könnte allenfalls behauptet werden, dass Kacem im Grunde genommen nur gegen Leute “wetterte” wie Jacqueline Fehr und man muss aufgrund der völlig unangemessenen Reaktion der Justizdirektorin auch sagen, dass seine Kritik offensichtlich völlig zu Recht erfolgte. Ich persönlich würde allerdings das Verb “kritisieren” “wettern” vorziehen, weil die Ausführungen Kacems Substanz hatten, zumal ein blosses “Wettern” eher substanzlos ist. Wenn hier jemand wetterte, war es die Regierungsrätin selbst mit ihrem substanzlosen Rant auf Facebook.

Zusammengefasst bedeutet das Ganze, dass bereits der erste Satz Jacqueline Fehrs über dieses Interview auf Facebook drei Unwahrheiten enthielt, wobei die eine Unwahrheit sogar einen rassistischen Unterton hatte. Niemand, der den Islam verlassen hat und sich ausdrücklich als einen Atheisten bezeichnet, muss sich gefallen lassen, als Muslim abgestempelt zu werden. Das Recht seine Religion zu wechseln und das Recht keinen Glauben zu haben, sind in der Schweiz verfassungsrechtlich absolut geschützt und stellen Kerngehaltsgarantien dar. Insbesondere eine Justizdirektorin eines Kantons, die in ihren Handlungen an die Bundesverfassung gebunden ist, hat diese Rechte zu respektieren und zu achten. Daran ändert auch die eigene islamophile und schariaaffine Haltung nichts.

In ihrem zweiten Satz warf die Justizdirektorin Kacem El Ghazzali implizit vor, dass er lügen würde und ergriff aufgrund ihrer eigenen linken politischen Gesinnung Partei für die linksgerichtete Autonome Schule Zürich. Dies tat sie, nachdem sie – wie oben dargelegt – Kacem mit drei Unwahrheiten, die sie in einem einzigen Satz aussprach, herabgesetzt hatte, um ihn als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Was sie im zweiten Satz sagte, stand nämlich überhaupt nicht in einem Zusammenhang mit einer angeblich nicht vorhandenen Experteneigenschaft, zumal Kacem im Interview von einem persönlichen Erlebnis berichtet hatte, dessen Wahrheitsgehalt die Justizdirektorin bestritt. Mit anderen Worten konnte die Geschichte nicht wahrer oder falscher werden, selbst wenn Kacem nicht Kacem sondern Ibn Warraq gewesen wäre, sprich ein ausgesprochener Islamexperte und der grösste Islamkritiker unserer Zeit. Eine Kausalität zwischen vorhandener oder nicht vorhandener Experteneigenschaft im Bereich des Islams und der Wahrheit oder der Unwahrheit über einen Vorfall an der Autonomen Schule Zürich besteht schlicht und einfach nicht.

Obwohl es sich vorliegend um ein Interview handelte, erwartete die Regierungsrätin von den Journalisten, die das Interview geführt hatten, dass diese gewissermassen das “rechtliche Gehör” der Autonomen Schule Zürich wahren müssten, obwohl es sich hier eben um ein Interview und nicht um ein Verwaltungs- respektive Gerichtsverfahren handelte, bei dem gegen die Autonome Schule Zürich ermittelt wurde. Überhaupt konnte man sich fragen, was die Justizdirektorin von einer solchen journalistischen Ermittlung erwartete. Glaubte sie tatsächlich, dass die Verantwortlichen von der Autonomen Schule Zürich das Vorgefallene bestätigen würden? Dachte Jacqueline Fehr wirklich, dass diese Leute ihre Untätigkeit einräumen würden? Jene Autonome Schule Zürich, die vor nicht allzu langer Zeit um ihre Existenz kämpfte? Mehr als ein Dementi war sicher nicht zu erwarten und es kann auch daran gezweifelt werden, dass irgendjemand von dieser Organisation auch nur eine Aktennotiz über diesen Vorfall verfasst hätte. Jedenfalls war die Medienschelte Jacqueline Fehrs völlig unberechtigt, weil hier keine Reportage oder Bericht und schon gar kein Verwaltungsverfahren sondern ein Interview vorlag, in welchem persönliche Ansichten und Erlebnisse eines Menschen wiedergegeben wurden und zwar aus dessen eigenem Mund, wie dies bei Interviews völlig üblich ist. Auch Jacqueline Fehr dürfte in ihrer langen Karriere als Berufspolitikerin zahlreiche Interviews gegeben und dabei auch kompletten Unsinn erzählt haben, der völlig unwidersprochen blieb, weil es sich dabei wie hier um Interviews handelte, deren einziger Zweck darin bestand, ihre persönlichen Ansichten wiederzugeben, auch wenn gewissen Leuten bei der späteren Lektüre die Haare zu Berge standen. Die Journalisten waren mit anderen Worten keinesfalls verpflichtet gewesen, der Autonomen Schule Zürich Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben, die – wie dargelegt – ohnehin nichts gebracht hätte.

Das peinliche Verhalten Jacqueline Fehrs auf Facebook hatte ein journalistisches Nachspiel. Insbesondere die linksliberale Journalistin Michèle Binswanger schrieb dazu im Tages-Anzeiger einen überaus klugen und lesenswerten Kommentar. Später wollte die Wochenzeitung (WOZ), die sich in politischer Hinsicht im äusseren linken Rand des politischen Spektrums befindet, ein Streitgespräch zwischen Kacem und der Regierungsrätin durchführen. Nachdem Kacem, der zuerst angefragt worden war, sofort zugesagt hatte, erschien in der WOZ ohne sein Wissen ein Interview-Bericht, in welchem sich die Regierungsrätin allein zu ihrem peinlichen Streit mit Kacem El Ghazzali äussern konnte, ohne dass Kacem ein Gegenrecht bekam. Die WOZ verwendete dabei ein Zitat von ihm, welches die Zeitung verkürzte und damit journalistische Regeln verletzte, wobei die Regelverstösse gegen die journalistische Sorgfaltspflichten der WOZ die Regierungsrätin kaum gestört haben dürften, zumal sie in gewisser Hinsicht deren Ursache war. Die WOZ schrieb Kacem El Ghazzali, der über diese Veröffentlichung überrascht und irritiert war, folgendes:

“Sehr geehrter Herr El Ghazzali, es ist richtig, dass die WOZ Sie für ein Streitgespräch angefragt hat wie auch das Departement von Jacqueline Fehr. Sie sagten zu, das Departement lehnte ab. Das war schade, aber für uns kein Grund, die Geschichte nicht zu machen, da uns vor allem interessierte, was Jacqueline Fehr zu Ihren Vorwürfen gegen die Linke sagt, die Sie ja via «Bund» bzw. «Tages-Anzeiger-Online» viel beachtet ausgeführt hatten. Wir hätten Sie über den Entscheid informieren sollen. Für das verkürzt wiedergegebene Zitat möchten wir Sie um Entschuldigung bitten. Mit freundlichen Grüssen, Die Wochenzeitung-WOZ”

Mit anderen Worten hatte Jacqueline Fehr höchstpersönlich eine Debatte mit Kacem El Ghazzali verhindert, obwohl dies die ursprüngliche Absicht der Zeitung war und zog es vor, mit dem Linksaussenblatt WOZ ein Wohlfühlinterview zu führen, das ganz auf ihrer Linie war. In diesem Interview konnte die Bedeutung von Kacem El Ghazzali – so wie Regula Stämpfli später völlig zu Recht schrieb – heruntergespielt werden:

“(…) Es wird nirgendwo erwähnt, dass El Ghazzali u. a. als Vertreter der «International Humanist and Ethical Union» an der UN Genf und als wissenschaftlicher Leiter der Raif Badawi Stiftung für Freiheit tätig ist und regelmässig für deutsche Leitmedien, wie beispielsweise die «Frankfurter Allgemeine», Berichte zur Lage des Islamismus in Europa verfasst. Dem Publikum der WOZ insinuieren Interviewer als auch Regierungsrätin, dass es sich bei der Kritik an «der Linken» von El Ghazzali um völlig unbedeutende Einschätzungen handelt. Kacem El Ghazzali kriegt keine Möglichkeit der Intervention über die Herabsetzung seiner Person. (…)”

Die WOZ schreibt ungefähr in der Seitenmitte, nach der Darstellung der Vorgeschichte, dass man Jacqueline Fehr in ihrem Büro im Regierungsgebäude am Neumühlequai mit Blick auf den Zürcher Hauptbahnhof getroffen habe. Auf dem Bild, das offenbar bei diesem Treffen mit der Zeitung entstand, ist die gemäss WOZ-Artikel dem “linken Flügel der SP” zuzurechnende Regierungsrätin auf einem Polsterstuhl (von insgesamt zweien, die sichtbar sind) des Modells “Barcelona” von Mies van der Rohe zu erkennen, die in der Schweiz je nach Ausfertigung gegenwärtig ca. 5’500 Euro (oder mehr) kosten. Dies lediglich als eine Klammerbemerkung, auf die ich nicht länger eingehen möchte.

Aus den haarsträubenden Ausführungen der Justiz- und Polizeidirektorin in diesem Interview wird deutlich, dass sie im Bereich des Islams ausschliesslich im “gewaltbereiten Islamismus” ein Problem erkennt. Anderswo bringt sie diesen mit dem Salafismus in Verbindung und bekräftigt diese Haltung. Damit schliesst die Regierungsrätin die Muslimbruderschaft, die national-religiöse und neoottomanische AKP und ihre Anhängerschaft sowie andere islamistische Gruppierungen, die auf dem Boden der Eidgenossenschaft aktiv sind und die klar nicht als salafistisch bezeichnet werden können, von diesem problematischen Umfeld aus. Beim Scharia-Islam existieren ferner Bereiche, die mit dem von der Regierungsrätin angesprochenen Dschihadismus nicht im unmittelbaren Zusammenhang stehen, die aber dennoch erhebliche Probleme beinhalten, die unsere westlichen Gesellschaften tangieren, auch die Schweiz. Diese materiellen Inhalte des Scharia-Islams stehen im diametralen Widerspruch zu unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung. Dazu gehören beispielsweise die Stellung der Frau in der Familie, in der Gesellschaft und vor dem Recht sowie die damit verbundene geschlechtsspezifische Diskriminierung, die auch in der Schweiz stattfindet; die in der Scharia vorgegebene und insbesondere auch durch die islamische Kleidung gewährleistete Geschlechterapartheid und der damit verbundene Ausschluss der Frau von der Öffentlichkeit, indem man sie unsichtbar macht; der fehlende Respekt vor der individuellen Religionsfreiheit insbesondere vor einem Wechsel der Religion (Kerngehalt der Religionsfreiheit!), es sei denn man würde den Islam annehmen; die in der Scharia vorgegebene und in den Moscheen immer wieder zum Ausdruck gebrachte Verachtung gegenüber christlichen Überzeugungen und gegenüber den Christen; der tiefe Judenhass und der islamische Antisemitismus, der ein originärer (d.h. vom westlichen Antisemitismus unabhängiger) Antisemitismus ist; der noch tiefere Hass gegenüber Polytheisten und Atheisten sowie die Überordnung des Islams gegenüber allen anderen Religionen und Überzeugungen; der fehlende Respekt gegenüber der sexuellen Selbstbestimmung (Stichworte: ausserehelicher Geschlechtsverkehr oder Homosexualität);  die Wissenschaftsfeindlichkeit des Scharia-Islams und der darin enthaltene Aberglaube (beispielsweise die Ablehnung der Evolutionslehre durch die überwiegende Mehrheit der Scharia-Muslime); Zwangsverheiratungen und arrangierte Vermählungen, die im Widerspruch zur verfassungsrechtlich garantierten Ehefreiheit stehen (Stichwort Partnerwahlfreiheit); Genitalverstümmelungen von jungen Mädchen (Stichworte körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung); Vorbehalte gegen die Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit, insbesondere wenn es um Kritik des Islams und dessen angeblichen Propheten Mohammed geht; die Demokratiefeindlichkeit der Scharia und der fehlende Respekt der Scharia-Muslime gegenüber dem Rechtsstaat, dessen Regeln gegenüber jenen der Scharia bei vielen höchstens zweitrangig sind. Diese Aufzählung liesse sich noch fortsetzen und ich könnte diese Probleme auch näher begründen, worauf ich hier aus Platzgründen verzichten möchte. Zusammengefasst bedeutet dies jedoch, dass sich die Justiz- und Polizeidirektorin des Kantons Zürich bei der Erfassung der Problembereiche im Zusammenhang mit dem Islam durchaus naiv verhält, auch wenn sie dies aus nachvollziehbaren Gründen – Selbstkritik ist ganz offensichtlich nicht ihre Stärke – verneint. Entgegen der Ansicht der Regierungsrätin ist der Dschihadismus bei weitem nicht das einzige Problem des Scharia-Islams, mit dem die europäische Öffentlichkeit gegenwärtig konfrontiert ist.

Aus den Ausführungen der Justiz- und Polizeidirektorin wird allerdings deutlich, dass sie überhaupt nicht gewillt ist, diese Problembereiche als solche zu erfassen. Radikalisierung bedeute nicht automatisch Gewaltbereitschaft, meint sie im Interview. Sie sagt weiter: “Viele Radikalisierte überschreiten nie die Schwelle zur Gewalt. Wenn wir zu wenig präzise hinschauen, erkennen wir die wahren Gefahren nicht. Und laufen gleichzeitig Gefahr, rechtsstaatliche Prinzipien zu verletzen. Unser Rechtsstaat kennt kein Gesinnungsrecht, sondern bloss das Strafrecht. Man wird für seine Taten verurteilt. Dieses Beharren auf rechtsstaatlichen Prinzipien gilt heute bereits als Schonhaltung. Aber diese Prinzipien dürfen wir nicht aufgeben, sonst werden wir zu Erfüllungsgehilfen jener Leute, denen der Rechtsstaat sowieso egal ist. Die Leute, die heute vielleicht nicht betroffen sind, sollten bedenken, dass sich jeder Abbau des Rechtsstaats irgendwann gegen eine neue Gruppe richtet. Wir verhätscheln niemanden. Unsere Leitkultur ist der Rechtsstaat.”

Jacqueline Fehr irrt sich, wenn sie sagt, dass unser Rechtsstaat kein Gesinnungsrecht kenne. Unser Rechtsstaat kennt kein Gesinnungsstrafrecht, was nicht das Gleiche ist. Jacqueline Fehr drückt sich hier übrigens nicht etwa unpräzise aus. Sie vertritt durchaus diese falsche Ansicht. Sie ist deshalb falsch, weil wir in unserem Rechtsstaat durchaus solchem Gesinnungsrecht begegnen. So dürfen Menschen, die Sympathien zum Islamismus haben oder rechtsextrem sind keinen Militärdienst leisten, wenn diese Gesinnung dem Staat bekannt ist. Diese Leute werden wegen ihrer extremistischen Gesinnung zwar nicht bestraft (kein Gesinnungsstrafrecht!). Ihnen wird jedoch der Zugang zur militärischer Ausbildung verwehrt (Gesinnungsrecht). Weiteres Beispiel: In der Schweiz haben wir die sog. Eidgenössische Kommission gegen Rassismus. Es handelt sich dabei um eine Institution des Bundes, die mit öffentlichen Geldern arbeitet. Die EKR schreibt über sich selbst: “Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) setzt sich für die Bekämpfung und Prävention jeder Form von Diskriminierung aufgrund der Rasse, Ethnie, Religion und Kultur ein. Sie unterstützt den Zusammenhalt zwischen Menschen jeder Herkunft. Die EKR ist politisch neutral und führt eine unabhängige Öffentlichkeitsarbeit.” Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Kampf gegen Rassismus und gegen rassistische Gesinnungen eine Bundesaufgabe ist, die unter anderem auch von dieser Fachstelle wahrgenommen wird. Ein weiteres Beispiel: In der Schweiz werden Bezirksrichter vom Volk gewählt. Regelmässig gehören diese politischen Parteien an, die diese insbesondere bei deren Wahl unterstützen. Die Bevölkerung und die politischen Parteien sind bei Richterwahlen bemüht, ein demokratisches Gleichgewicht in den richterlichen Behörden herzustellen, welches die politische Zusammensetzung der jeweiligen Bezirksbevölkerung widerspiegeln soll. Die richterliche Unabhängigkeit bleibt von diesen Vorgängen zwar unberührt. Dennoch zeigt dieses Beispiel auf, dass die politische Gesinnung eines Kandidaten bei dessen Wahl zu einem Richteramt in der Regel eine erhebliche Rolle spielt. Ein letztes Beispiel: Personen, die eine offen islamistische Haltung haben, indem sie beispielsweise den Niqab tragen, dürften es in der Schweiz nicht einfach haben, eingebürgert zu werden. Das Gleiche gilt für Menschen, die extreme politische Positionen haben. Ein Neo-Nazi aus Deutschland oder ein Linksextremer aus Italien hätten vor jeder Einbürgerungskommission erhebliche Probleme und ihre politischen Positionen würden nicht einfach so geschluckt werden, wenn es um ihre Einbürgerung geht. Sie werden zwar nicht bestraft. Allerdings werden sie auch nicht eingebürgert.

Im Übrigen zeigt auch die Geschichte der Schweiz, dass unser Land in der Vergangenheit gegen bestimmte Gesinnungen eine ablehnende Abwehrhaltung einnahm. So wurde die Frontenbewegung im Jahr 1940 verboten, die eine Nähe zu den Nationalsozialisten hatte.   Die faschistische und die nationalsozialistische Bedrohung der Schweiz in den Dreissiger- und Vierzigerjahren hat sogar die Sozialdemokraten veranlasst, ihre klassische Oppositionsrolle aufzugeben und die Landesverteidigung und die Demokratie anzuerkennen, um anschliessend bei der Geistigen Landesverteidigung gegen die faschistische und nationalsozialistische Bedrohung mitzumachen. Man muss sich heute fragen, was aus der für die damaligen Verhältnisse freien und demokratischen Schweiz geworden wäre, wenn in den Dreissiger- und frühen Vierzigerjahren keine wackeren Sozialdemokraten sich mit bürgerlichen Politikern zusammengeschlossen hätten, um die Pest des Nationalsozialismus – sprich eine der übelsten Gesinnungen überhaupt – in der Schweiz zu verbieten und zu bekämpfen. Später bekämpfte die Geistige Landesverteidigung zwar den Kommunismus, was vielen Sozialdemokraten nicht so in den Kram passte. In der Stunde ihrer grossen Bedrohung hatten die Schweizer jedoch gegen die Gesinnung des Nationalsozialismus zusammengehalten, inklusive Sozialdemokraten. Eine Jacqueline Fehr würde vermutlich ihren mittlerweile verstorbenen Genossen “Gesinnungsrecht” vorwerfen. Sei’s drum. Die Schweiz hat sich trotzdem gegen den Nationalsozialismus gewehrt und damit einer gefährlichen und freiheitsfeindlichen Gesinnung eine Absage erteilt.

Auch irrt sich Jacqueline Fehr, wenn sie im Interview angibt, dass unsere Leitkultur der Rechtsstaat sei. Der Schweizer Rechtsstaat ist ein Produkt der schweizerischen Leitkultur und nicht dessen Ursprung. Schon gar nicht sind diese Dinge identisch. Die schweizerische Leitkultur hat ihre Wurzeln in der europäischen Aufklärung, im Rationalismus und im objektivem Denken nach Fakten, im modernen Humanismus, im römischen Recht, in der griechischen Philosophie sowie in einem von diesen Dingen beeinflussten, nachmittelalterlichen Christentum. Eine hervorragende Rolle in unserer schweizerischen Leitkultur spielt ferner die Demokratie schweizerischer Prägung, die direktdemokratische Elemente enthält und die sich damit von demokratischen Systemen anderer Staaten erheblich unterscheidet. Der Rechtsstaat in der Schweiz wird zu einem grossen Stück vom Volk selbst definiert, wobei sich dieses Volk immer wieder das Recht herausnimmt, die Verfassung zu ändern und zwar in der Form von Volksinitiativen, die auf Bundesebene immer auf Verfassungsrevisionen ausgerichtet sind, oder Gesetze in Referendumsabstimmungen abzulehnen, die zuvor vom Parlament beschlossen wurden. So wird das Schweizer Volk demnächst einmal über ein Vollverschleierungsverbot entscheiden und sofern das Volk dem Volksbegehren zustimmen sollte, was ich hoffe, wird dieses Verbot Teil unseres Rechtsstaates werden. Ein solches Verbot würde im Übrigen auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Bestand haben, nachdem dieser entsprechende Verbote mehrmals gutgeheissen hat und ein solches Verbot neuerdings sogar als “für eine demokratische Gesellschaft notwendig” erachtete. Die islamverliebte Justizdirektorin Jacqueline Fehr hat dazu freilich eine ganz andere Meinung. “Als emanzipierte Frau halte ich es für fragwürdig, Frauen vorschreiben zu wollen, was sie tragen sollen, ob Bikini oder Burka.”  meint sie im Wohlfühlinterview mit der WOZ.

Jacqueline Fehr meint in diesem Interview ferner, dass sie sich zu einer “feministischen Muslima aus Istanbul wertemässig viel näher als einem rassistischen, frauenfeindlichen Mann aus dem Toggenburg” fühle. Sie verkennt dabei, dass es so etwas wie eine “feministische Muslima aus Istanbul” gar nicht gibt, weil sich türkische Feministinnen niemals unter Beizug ihrer Religion definieren würden. Da ich meine Wurzeln in der Türkei habe und solche Frauen auch persönlich kenne, weiss ich das besser als die Regierungsrätin. Diese Frauen würden sich selbst als “Feministinnen” bezeichnen oder als “türkische Feministinnen” jedoch nie als “feministische Muslima aus Istanbul”. Türkische Feministinnen sind säkulare Menschen und wehren sich gegenwärtig gegen die kontinuierlich stattfindende Entrechtung der Frauen durch die islamofaschistische AKP-Regierung und gegen die schleichende Wiedereinführung der Scharia, also gegen jene frauenfeindlichen Werte, die von Jacqueline Fehr emsig verteidigt werden, dies unter Hinweis auf die Emanzipation, auf den Rechtsstaat und auf das angeblich fehlende “Gesinnungsrecht”. Jacqueline Fehr ist damit ganz offensichtlich Lichtjahre von den türkischen Feministinnen entfernt und befindet sich wesentlich näher zum missliebigen Toggenburger Rassisten und Frauenfeind, nachdem sie einem Atheisten wegen seiner marokkanischen Herkunft den Muslimstempel aufgesetzt hat, obwohl dieser mehrmals angegeben hatte, dass er ein Atheist sei, was rassistisch ist und weil sie das Tragen der frauenfeindlichen Burka billigt, indem sie darauf hinweist, dass sie angeblich emanzipiert sei. Ein Kleidungsstück wie die Burka, die Frauen die Teilnahme in der Gesellschaft verwehren und welche die in der Scharia verankerte Geschlechterapartheid in ihrer äussersten Form gewährleisten soll, hat wahrlich nichts mit der Emanzipation zu tun, genauso wenig wie andere Inhalte der Scharia. Dass eine Jacqueline Fehr dies nicht nachvollziehen kann, ist allerdings eine andere Frage.

Zum Schluss dieses Blog-Artikels möchte ich mich bei Kacem El Ghazzali bedanken. Mit seinen Ausführungen im Bund-Interview hat er einen wunden Punkt getroffen, was dazu geführt hat, dass die Justiz- und Polzeidirektorin des Kantons Zürich ihre bedenkliche Weltsicht in mehreren Stellungnahmen offenbaren konnte. Damit habe ich einen sehr guten Grund, Jacqueline Fehr bei der nächsten Erneuerungswahl des Regierungsrates nicht zu berücksichtigen. Und genau das macht unsere Demokratie aus.

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(“Barcelona” von Mies van der Rohe im Barcelona-Pavillon)

 

Die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr und wie sie die Welt (nicht) versteht

“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute

Wie kein anderes Buch hat  Reşat Nuri Güntekins “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) aus dem Jahr 1922 die Gesellschaft der jungen Türkischen Republik aber auch Generationen danach massgeblich beeinflusst. Der Roman erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause namens Feride während den letzten Jahren des untergehenden Ottomanischen Reiches. Gerüchten zufolge soll es sich um die Lebensgeschichte einer gewissen Feride Polat handeln, die literarisch überarbeitet worden sei.

Feride wird bereits in jungem Alter zu einer Vollwaise und wächst bei ihren reichen Verwandten in Istanbul auf. Als junges Mädchen besucht sie das Internat Notre Dame de Sion in Istanbul, wo sie aufgrund ihres unartigen Wesens von ihren Klassenkameradinnen den Spitznamen “Çalıkuşu” (“Das Goldhähnchen”) erhält. Später verliebt sich “Çalıkuşu” in ihren Cousin Kamran, mit dem sie sich verlobt. Bevor sie heiraten, soll Kamran jedoch aus Karrieregründen die Möglichkeit haben, drei Jahre in Europa im diplomatischen Dienst zu verbringen, was von Feride ausdrücklich unterstützt und gutgeheissen wird. Bei seiner Rückkehr und kurz vor der geplanten Hochzeit findet sie in seinen Sachen allerdings Briefe von einer anderen jungen Frau, die Kamran in der Schweiz kennengelernt haben soll. Feride veranstaltet daraufhin eine dramatische Eifersuchtsszene und verlässt das Elternhaus mit der Absicht, auf eigenen Füssen zu stehen und als Lehrerin zu arbeiten. Sie vertraut dabei auf ihre gute Ausbildung, die sie im französischen Internat geniessen konnte. “Çalıkuşu” tritt dabei als eine selbstbewusste Idealistin auf, die ihren Willen durchsetzt und gegen behördlichen Widerstand und Bürokratie es ablehnt, in Istanbul als Lehrerin tätig zu werden. Stattdessen will sie im ländlichen Anatolien arbeiten, von Dorf zu Dorf ziehen und sozial benachteiligte Kinder alphabetisieren. Gewissermassen ist dies natürlich auch eine Flucht von Kamran. Dennoch heben genau diese vorgenannten Aspekte den Roman “Çalıkuşu” von gewöhnlichen Liebesromanen ganz erheblich ab. Einerseits wird durch die Hauptperson das inszeniert, was Emanzipation wirklich bedeutet: Eine junge Frau setzt ihren Willen durch und bestimmt selbst über ihr Leben, unter Umständen auch gegen den Willen ihrer Familie. Sie ist auch von keinem Mann abhängig und lässt sich von ihrer einflussreichen Familie überhaupt nichts sagen, von der sie sich ihren eigenen Fähigkeiten vertrauend trennt. Ferides Ideal ist die Bildung von Kindern, die sozial benachteiligt sind und im rückständigen Anatolien leben, wo die Alphabetisierungsrate zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3-4% beträgt. Hier wird der Liebesroman zu einer Gesellschaftsstudie der letzten Tage des Ottomanischen Reiches mit all seinen Unzulänglichkeiten. Bemerkenswert ist insbesondere auch der Umstand, dass Feride trotz des hohen sozialen Status ihrer Familie keine Berührungsängste mit der ländlichen Bevölkerung hat. Damit wird das Ideal einer Elite vorgezeichnet, die sich nicht abschottet, sondern vielmehr das Ziel verfolgt, die Landbevölkerung zu alphabetisieren, zu bilden und zu zivilisieren.

Wie eingangs erwähnt hatte das Buch von Reşat Nuri Güntekin auf die türkische Gesellschaft, insbesondere auf die Frauen, einen enormen Einfluss. Viele junge türkische Mädchen, die das Buch gelesen hatten, wollten genauso wie “Çalıkuşu” ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben führen und vor allem wollten sehr viele dem im Buch idealisierten Lehrerberuf nachgehen und dabei Ferides Beispiel folgend mit missionarischem Eifer die sozial benachteiligten Kinder Anatoliens alphabetisieren. Eine dieser Frauen war meine Grossmutter väterlicherseits, die den Weg Ferides einschlug, ihr Leben lang ihrem Beispiel nacheiferte und sozial benachteiligte Kinder förderte und zwar auch dann, wenn sie selbst so gut wie nichts hatte. Sie, eine der ersten Lehrerinnen der jungen Türkischen Republik, war es übrigens, die mir im zarten Alter von fünfeinhalb Jahren das Lesen und das Schreiben beibrachte. Das Buch “Çalıkuşu” kenne ich übrigens ebenfalls durch meine Grossmutter und ich habe es gelesen, bevor ich die Grundschule besuchte. Ich kann heute zwar nicht mit Sicherheit sagen, ob “Çalıkuşu” das erste Buch überhaupt war, das ich gelesen habe. Ich kann mich jedoch an den Protest meiner Eltern gegenüber meiner Grossmutter erinnern, die völlig zu Recht dachten, ich sei noch etwas zu jung für dieses Buch. Da der Roman in der türkischen Kultur einen derart hohen Stellenwert hatte, konnten sie sich jedoch argumentativ nicht durchsetzen, weshalb ich das Buch zu Ende lesen durfte.

Babaanne

(Meine Grossmutter)

Die Geschichte der jungen und hübschen Feride, die sich von ihrer Familie und von ihrem untreuen Bräutigam emanzipiert und loszieht, um benachteiligte anatolische Kinder zu unterrichten, gefiel natürlich auch dem jungen türkischen Staat. Doch konnte dieses Idealbild einer Städterin, welche die ungebildete Landbevölkerung alphabetisiert, niemals genügen. Die junge Türkische Republik brauchte dringend Lehrerinnen und Lehrer, die das rückständige Anatolien alphabetisieren sollten. Da die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer aus der Stadt für diese Herkulesaufgabe nicht einmal annähernd ausreichen konnte, wurden die sogenannten Dorfinstitute (“Köy enstitüleri”) ins Leben gerufen. Die Idee war, talentierte Kinder und Jugendliche aus Anatolien – also von der Landbevölkerung selbst – von klein auf für den Lehrerberuf zu qualifizieren, um Anatolien zu alphabetisieren und zu zivilisieren. Unterrichtet wurden ganz gewöhnliche Schulfächer wie Mathematik, Physik, Sprache und Geschichte. Darüber hinaus wurden den Kindern und Jugendlichen die schönen Künste aber auch praktische Fächer wie Landwirtschaft und Handwerk beigebracht. Ganz beliebt war das Musizieren, wobei die Mandoline das beliebteste Instrument war, was aus den nachfolgenden Bildern zu erkennen ist.

Die Dorfinstitute existierten ab 1940 und haben einen enorm wichtigen Beitrag bei der Alphabetisierung und Bildung des türkischen Volkes geleistet. Der Grund, weshalb sie verschwunden sind, hat politische Gründe, was mindestens aus heutiger Sicht äusserst bedauerlich ist. Am Ende des Zweiten Weltkrieges und zu Beginn des Kalten Krieges hatte Stalin den Wunsch, in Kars, Artvin, Ardahan und beim Bosporus militärische Stützpunkte zu errichten, weshalb der Nachfolger Atatürks, Ismet Inönü, die USA um militärische Unterstützung gebeten hatte. Diese war dazu bereit, setzte aber ein Mehrparteiensystem voraus und es sollten auch angeblich stalinistisch anmutende Aktionen des türkischen Staates – namentlich die Dorfinstitute – abgeschafft werden. Die Türkische Republik befolgte diese Wünsche. Im Jahr 1954 wurden die Dorfinstitute von der konservativen Regierung von Adnan Menderes, die dank des neu eingeführten Mehrparteiensystems an die Macht gekommen war, abgeschafft und in Lehrerseminare umgewandelt.

Ja. Es gab sie einmal: Eine Türkei, die Bildung und Fortschritt auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Geblieben davon sind nur diese erstaunlichen Bilder aus einer längst vergangenen Zeit.

Köy 1

 

Köy 2

Köy 3

Köy 4

Köy 5

Köy 6

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Köy 11

Köy 14

(Junger türkischer Bauer rezitiert Shakespeare vor seinen Klassenkameraden)

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“Das Goldhähnchen” und die Dorfinstitute