Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten

Am 2. Juli 2017 wurde auf dem YouTube-Channel von Gunnar Kaiser ein von ihm geführtes Interview mit dem Journalisten Lutz Jäkel mit dem Titel Was ist die Scharia? – Lutz Jäkel im Gespräch” veröffentlicht. Wenig später machte mich ein guter Freund von mir über Facebook darauf aufmerksam. Ich sah mir anschliessend die ersten 10 Minuten des Films an, den ich aufgrund der darin zum Ausdruck kommenden positiven Haltung Jäkels gegenüber der Scharia unerträglich fand. Da ich schon viele solcher Interviews gesehen respektive gelesen hatte, verspürte ich keine Lust, mich länger als die genannten 10 Minuten mit den altklugen Ergüssen dieses Herrn und seinen Halbwahrheiten über die Scharia auseinandersetzen und mich unnötig darüber aufzuregen. Ich gab auf Facebook gegenüber meinem guten Freund deshalb nur kurz an, dass ich eine fundamental andere Auffassung über die Scharia hätte und verwies auf meinen Blog-Artikel „Eine islamkritische Einführung in die Welt der Scharia“, in welchem ich das Funktionieren und einige wesentliche Probleme dieser totalitären Ideologie kompakt zusammengefasst hatte.

Aufgrund meines Kommentars meldete sich wenig später Lutz Jäkel höchstpersönlich auf Facebook und es entwickelte sich ein regelrechter verbaler Schlagabtausch zwischen uns. Jäkels Hauptvorwurf, den er in diesem Disput gegen mich vorbringen konnte, war der Umstand, dass ich nicht das ganze Interview gesehen hatte, was ich allerdings von Anfang an offen deklariert und begründet hatte. Aus meiner Sicht war dieses Argument nicht relevant, weil die Ausführungen, die ich gehört hatte, mir ausreichten, um festzustellen, dass er ein Scharia-Appeaser war und um zu erkennen, welche Ziele er mit seinen beschönigenden Ausführungen verfolgte. Jäkel wiederum verneinte dies und meinte dazu, dass er “wertneutral” sei, was bei objektiver Betrachtung nicht zutraf. Jedenfalls gab er im besagten Interview etwa an, wonach es “grundsätzlich nicht schlecht” sei, wenn ein Muslim, der nach Europa komme, die Scharia fordere, was man ganz sicher nicht als “wertneutral” bezeichnen kann.

Nachdem ich mir nun das gesamte Interview angesehen habe, um den vorliegenden Blog-Artikel zu verfassen, kann ich nicht behaupten, dass mein erster Eindruck mich getäuscht hätte, wie ich es übrigens auch nicht anders erwartet hatte. Lutz Jäkel ist ganz sicher nicht “wertneutral” und gehört auch aus meiner heutigen Sicht zu jenen Menschen, die mit ihrem Halbwissen über den Islam Europäer “aufklären” wollen, damit diese ihre vermeintlichen Vorurteile gegenüber der Scharia ablegen. Das Ziel einer solchen als Aufklärung deklarierter Scharia-Verharmlosung, die Lutz Jäkel mit missionarischem Eifer  betreibt, besteht darin, dass Europäer die Scharia-Observanz der in Europa lebenden Scharia-Muslime akzeptieren und diese mit Wohlwollen hinnehmen, wie wenn die Befolgung dieser totalitären und zivilisationsfeindlichen Ideologie in Europa des 21. Jahrhunderts die natürlichste Sache der Welt wäre. “Du willst die Scharia?”, meinte Jäkel in diesem Zusammenhang später im Interview als mögliche Aussage gegenüber einem Muslim, der nach Europa kommt und die Scharia fordert. Man könne sich bei einer Konfrontation mit einer solchen Forderung entspannt zurücklehnen und “Lass uns darüber reden!” gegenüber diesem Muslim sagen, so  Jäkel.

Im Mittelpunkt der kampagnenhaft betriebenen “Aufklärungsarbeit” Lutz Jäkels steht das von ihm angenommene und zu korrigierende Missverständnis bei der Bevölkerung, wonach die Scharia einzig und allein aus den sogenannten Hadd-Strafen (islamische Körperstrafen) bestehen würde, wie diese in Saudi Arabien und dem Iran praktiziert werden. “Vor allem nur dort!” meinte dazu Jäkel appeasend im Interview, indem er es wohl wider besseres Wissen gegenüber den Zuschauern des Interviews unterschlug, dass die Ausbreitung der Hadd-Strafen in anderen Staaten und die Zahl der Menschen, die anderswo davon betroffen sind, die Bevölkerungszahlen dieser beiden Länder bei weitem übertreffen. So haben der Iran und Saudi Arabien zusammengerechnet etwas mehr als 100 Mio. Einwohner. Mauretanien, Somalia, Sudan, Afghanistan, Brunei, Irak, Malediven, Pakistan, Katar, Yemen, Provinz Aceh in Indonesien sowie die 12 Scharia-Gliedstaaten von 36 in Nigeria wenden diese barbarischen Hadd-Strafen ebenfalls an und die Gesamtzahl der  Menschen, die in diesen Ländern unter dem Joch dieses unmenschlichen Strafrechtssystems leben müssen, ist mehr als dreimal so hoch als die Bevölkerung von Saudi Arabien und des Iran zusammen. Meine Aufzählung ist übrigens bei weitem nicht vollständig. Ich erinnere lediglich an die Anwendung der Hadd-Strafen durch den IS in Syrien oder an die Boko Haram, die auch in Tschad, Niger und Kamerun aktiv ist.

Scharia sei viel mehr als diese Hadd-Strafen, gab Jäkel im Interview an, was natürlich unbestritten ist. Obwohl es jedoch in der Scharia wesentlich mehr Inhalte gibt, die zivilisationsfeindlich und damit durchaus kritikwürdig wären und die gleichzeitig rein gar nichts mit den Hadd-Strafen zu tun haben, nannte Jäkel im gesamten Interview kein einziges anderes negatives Beispiel, damit bei einem unkundigen Zuschauer durch diese Fokussierung auf die von jedermann als negativ empfundenen Hadd-Strafen der Eindruck entstand, dass diese, die angeblich “vor allem nur” in Saudi Arabien und dem Iran vorkommen würden, das einzige Problem der Scharia darstellten, was in mehrfacher Hinsicht nicht zutrifft. Einerseits traf seine Angabe, wonach diese Strafen “vor allem nur dort” – sprich in Saudi Arabien und im Iran – angewandt werden, nachweislich nicht zu, wie ich bereits ausgeführt habe.  Und andererseits sei lediglich an die in der Scharia verankerte Geschlechterapartheid, an die Frauendiskriminierung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, an die Zwangsverheiratung von Minderjährigen, an die FGM, an die Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung und an den islamischen Antisemitismus hingewiesen, um nur einige wenige der vielen Unzulänglichkeiten der Scharia zu nennen, die mir gerade spontan in den Sinn kommen. Schon gar nicht sind solche Problembereiche der Scharia bloss auf die Länder Saudi Arabien und den Iran beschränkt. Was Jäkel im Interview ebenfalls nicht erwähnte, war das Hauptproblem der Scharia, namentlich dass sie in jeden menschlichen Lebensbereich eingreifen und die gesamte Lebensführung des Menschen regeln will, was die Scharia  zu einem freiheitsfeindlichen und totalitären System macht.

Bevor ich auf einige seiner aus meiner Sicht doch sehr bedenklichen Kernaussagen in diesem Interview eingehe, möchte ich noch ein weiteres Beispiel geben, welches das von Unterlassungen und Beschönigungen nur so strotzende Scharia-Appeasement Lutz Jäkels hervorragend illustriert. Er sprach an einer Stelle im Interview über die “vier Rechtsschulen des Islams”, um dem Zuschauer aufzuzeigen, dass es unterschiedliche Auffassungen bei der Auslegung der Scharia gibt, was grundsätzlich nicht falsch ist. Unterschiedliche Auffassungen gibt es sogar innerhalb der Rechtsschulen. So weit, so gut. Jäkel brachte es allerdings fertig, die Existenz dieser Rechtsschulen als Ausdruck eines “Meinungspluralismus” zu bezeichnen. Wie unglaublich falsch wenn nicht gar absurd diese Aussage ist, möchte ich nun im Nachfolgenden erklären.

Zunächst einmal steht der Begriff “Pluralismus” für eine Vielfalt von Weltanschauungen innerhalb einer Gesellschaft, die koexistieren und die miteinander auch in einem Austausch stehen. Die Rechtsschulen hingegen, von denen Jäkel sprach, basieren weder auf Koexistenz noch sind sie in der einen und der selben Gesellschaft mehrfach anzutreffen. Jede Rechtsschule hat ihr eigenes Einflussgebiet und ein Meinungsaustausch oder irgendwelche innerislamische Debatten zwischen den Rechtsschulen, den man als einen Ausdruck eines “Meinungspluralismus” bezeichnen könnte, finden nicht statt. Es ist auch nicht so, dass die Menschen, die in einem Einflussgebiet einer Rechtsschule leben, die freie Wahl zwischen einer der vier Schulen hätten. Auch trifft es nicht zu, dass sich eine Person eklektizistisch für die eine Frage aus den Antworten von dieser und bei einer anderen Frage nach den Auffassungen jener Schule orientieren würde. Mit “Meinungspluralismus” haben die Rechtsschulen des Islams ganz offensichtlich rein gar nichts zu tun.

Darüber hinaus existieren ohnehin nicht bloss “vier Rechtsschulen des Islams”. Da Jäkel nur vier der insgesamt acht Rechtsschulen nennt, schliesst er die nicht genannten vier aus der Welt des Islams wohl aus und spricht mit dieser Bezeichnung einzig die sunnitischen Rechtsschulen des Islams an. Der Vollständigkeit halber möchte ich hier alle acht nennen:

  • 4 sunnitische Rechtsschulen, namentlich Hanafiya, Malikiya, Schafi’iya und Hanbaliya
  • 2 schiitische Rechtsschulen, namentlich Dscha’fariya und Zaidiya
  • Ibadiya
  • Zahiriya (die allerdings nicht mehr existiert)

Es trifft gewiss zu, dass innerhalb der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams unterschiedliche Auffassungen existieren. Mit der Verwendung des Begriffs “Meinungspluralismus” im Zusammenhang mit diesen Rechtsschulen suggeriert Jäkel jedoch, dass dadurch “liberale” Auffassungen über die Auslegung der Scharia geben würde, was nicht zutrifft. Alle vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams sind nämlich stockkonservativ, totalitär und keineswegs liberal. Dass die in Saudi Arabien vorherrschende Hanbaliya noch totalitärer ist als die Hanafiya, die beispielsweise in der Türkei geläufig ist, ändert nichts an dem Umstand, dass auch die Scharia der Hanafiya eine totalitäre Ideologie darstellt. Mit anderen Worten spielt es in zivilisatorischer Hinsicht nicht wirklich eine Rolle, ob verschiedene Auffassungen über ein bestimmtes Problem existieren, wenn sämtliche Ansichten haarsträubend sind. So befürworten alle vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams die Beschneidung von Frauen. Die Auffassungen dabei sind in der Tat unterschiedlich, wobei es wohl ein Hohn wäre, diesen Umstand als “Meinungspluralismus” zu bezeichnen. Bei den Schafiliten ist die Frauenbeschneidung eine Pflicht, für Malikiten ist sie Prophetentradition (sunna), für die Hanafiten und für manche Hanbaliten ist sie ehrenhaft (makruma) und für andere Hanbaliten ist sie wiederum Pflicht. So viel zur vermeintlich subtilen Unterscheidung Jäkels zwischen den Rechtsschulen und zum angeblichen “Meinungspluralismus”.

Ich komme nun auf einige der aus meiner Sicht äusserst bedenklichen Kernaussagen Jäkels im besagten Interview. Das ging schon sehr früh los. Jedenfalls standen mir bereits nach den ersten Worten, die der Scharia-Appeaser aussprach, die Haare zu Berge und ich bin überzeugt, dass mindestens ein Teil meiner Leserschaft es nun verstehen wird, weshalb ich zunächst nicht länger als 10 Minuten dieses Interviews sehen wollte. Jäkel zeigte sich nach der ersten Frage von Gunnar Kaiser überrascht, dass gemäss einer Umfrage von Pew Research Center rund 1,1 Mia. Muslime weltweit den Wunsch hätten, die Scharia zum Gesetz ihres Landes zu machen. Wörtlich meinte Jäkel dazu: “Da wundere ich mich, dass es nur so wenige sind. Wenn man davon ausgeht, dass rund 1,4 oder 1,5 Mia. Muslime weltweit leben, müsste man eigentlich erwarten, dass alle Muslime dafür sind.” 

Mit diesen einleitenden Worten machte Jäkel gleich zu Beginn des Interviews deutlich, dass er unter einem Muslim nur eine Person versteht, welche nach der Scharia lebt und die Scharia befürwortet, womit die Aleviten aus dieser Perspektive betrachtet bereits schon keine Muslime wären, auch die säkularen Muslime nicht, die nicht nach der Scharia leben, diese weitestgehend ablehnen und sich nur auf ganz bestimmte Glaubensinhalte beschränken, die sie in erster Linie im privaten Rahmen ausleben. Schon gar nicht wollen säkulare Muslime die Scharia zum staatlichen Gesetz ihres Landes machen, was Gegenstand der vorgenannten Pew-Umfrage war, deren Ergebnis Jäkel überraschte. Später im Interview hat er seine haarsträubende Haltung über diese Frage sogar noch verschlimmbessert. Er meinte, man könne von einem Muslim nicht verlangen, dass er sich von der Scharia distanzieren soll. Wenn man dies tun würde, könne man gleich von ihm fordern, ein Apostat zu werden.

Wenn man der Logik Jäkels folgen würde, was man wirklich nicht tun sollte, wären im Umkehrschluss sämtliche Muslime, die nicht nach der Scharia leben wollen und sich ausdrücklich davon distanzieren, Apostaten. Es ist mir klar, dass Jäkel dies nicht ausdrücklich so gesagt hat, aber eine andere Bedeutung hat eine solche Angabe nicht. Wenn die Forderung gegenüber einem Muslim danach, sich von der Scharia zu distanzieren, gleichbedeutend wäre wie die Forderung, ein Apostat zu werden, bedeutet dies nichts anderes als, dass diejenigen Muslime, die sich von der Scharia distanzieren, Apostaten sind. Im Übrigen erachte ich es als zwingend, dass von Muslimen, die in Europa leben wollen, gefordert wird, dass sie sich von der Scharia distanzieren sollten, soweit es sich dabei nicht um die Vornahme von reinen Kultushandlungen (Gebet) handelt. Insbesondere die gesellschaftspolitischen Regeln der Scharia haben keinen Platz in Europa. Wer nach der Scharia leben möchte, ist aufgefordert, dies in einem Land zu tun, wo die Scharia zur sozialen Norm gehört. In Europa des 21. Jahrhunderts hat diese totalitäre Ideologie jedenfalls nichts verloren.

Der Hauptgrund, weshalb Jäkel die Scharia-Befolgung als derart zwingend erachtet, hat er später damit begründet, dass die fünf Säulen des Islams in der Scharia festgelegt seien. Wenn ein Muslim die Scharia nicht akzeptiere, würde er diese fünf Säulen des Islams ablehnen. Damit sprach Jäkel nicht nur jenen Muslimen, die ihr Leben nicht nach der Scharia richten den muslimischen Glauben ab, sondern auch jenen, die sich nicht nach den fünf Säulen des Islams orientieren. Mit solchen Ansichten steht Lutz Jäkel im Einklang mit den Vertretern des politischen Islams, die ebenfalls die strikte Einhaltung der Scharia und der fünf Säulen des Islams fordern. Wenn man Jäkels Auffassung folgen würde, würde rund die Hälfte der Bevölkerung der Türkei, die ein säkulares Leben führt, nicht aus Muslimen bestehen und diese Menschen wären nach Jäkels Ansicht wohl Apostaten, weil sie sich ausdrücklich von der Scharia distanzieren und die fünf Säulen des Islams wenn überhaupt nur rudimentär einhalten.

Schauen wir uns diese fünf Säulen des Islams doch etwas aus der Nähe an und betrachten, welche Rolle sie im Leben von säkularen Muslimen spielen.

Die erste und wichtigste Säule des Islams, das islamische Glaubensbekenntnis (shahada), dürfte wohl von jedem gläubigen Muslim befolgt werden, natürlich auch von den säkularen Muslimen. Es ist klar, dass man sich nicht als Muslim bezeichnen kann, wenn man sich nicht zum islamischen Glauben bekennt. Alles andere würde den Gesetzen der Logik widersprechen. Diese Säule war auch bei meiner verbalen Auseinandersetzung mit Jäkel völlig unstrittig. Ich gab dazu jedoch an, dass das islamische Glaubensbekenntnis die einzige Voraussetzung sei, um sich als muslimisch zu bezeichnen, was er wiederum bestritt. Jäkel wollte das volle Programm.

Die meisten säkularen Muslime (beispielsweise in der Türkei) verrichten das tägliche fünfmalige Gebet (salat) – die hier an zweiter Stelle genannte Säule des Islams – nicht; sie besuchen nicht einmal die Freitagspredigt. Wenn es überhaupt dazu kommt, dass sie in einer Moschee das rituelle Gebet verrichten, steht dies in den allermeisten Fällen in einem Zusammenhang mit einem Begräbnis. Im Übrigen ist es auch in der Schweiz eine ausgesprochene Minderheit von Muslimen, die das tägliche fünfmalige Gebet verrichten. Gemäss einer Statistik gehen 64,4% der in der Schweiz lebenden Muslime – damit immerhin etwa ⅔ – selten bis nie in die Moschee. Nur 9,1% besucht die Moschee jeden Freitag. Eine Zahl derer, die fünfmal am Tag beten, habe ich nicht. Sie dürfte aber tiefer liegen als diese 9,1% und sicher nicht höher. Der Grund für die Nichteinhaltung dieser Säule des Islams ist einfach zu erklären. Das fünfmalige rituelle Gebet am Tag ist mit einem modernen Leben nicht zu vereinbaren, weder in Europa noch im Leben von säkularen Muslimen in muslimisch geprägten Ländern.

Nicht alle Muslime geben schariakonform Almosen (zakat), die nächste Säule des Islams, die ich kurz behandeln möchte, schon gar nicht säkulare Muslime. Spenden für einen guten Zweck oder für Nichtmuslime ist übrigens noch lange kein zakat. Wenn man von schariakonformem zakat spenden will, gibt es dazu rechnerische Regeln, die eine grosse Ähnlichkeit mit einer Steuer haben und zakat darf ausschliesslich Muslimen zugutekommen. Ich kenne in meinem bisherigen muslimischen Bekanntenkreis niemanden, der sich mit solchen Dingen beschäftigen würde. Was in die Nähe einer solchen Abgabe kommt, ist etwa das Verteilen von Fleisch beim Opferfest unter den Bedürftigen im Sinne einer Spende, was in der Türkei schon immer üblich war, auch unter säkularen Muslimen.

Betrachten wir die nächste Säule des Islams: Das Fasten während des Ramadans. Viele Muslime fasten nicht, insbesondere solche, die berufstätig sind. Das Zuckerfest, das als hoher Feiertag auf den Ramadan folgt, nehmen viele Türkinnen und Türken beispielsweise zum Anlass, Ferien zu nehmen. Sie unternehmen Städtereisen – manchmal sogar ins Ausland – oder verbringen einige entspannte Tage am Strand. Während des Ramadans nicht zu fasten, ist übrigens weit verbreitet und betrifft nicht nur eine westlich geprägte Elite der Türkei. Mein türkischer Coiffeur beispielsweise, den ich neulich danach gefragt habe, ob er faste, meinte, dass dies für ihn überhaupt nicht in Frage komme. Er stehe den ganzen Tag und könne nicht den ganzen Tag nichts essen und nichts trinken. Jedenfalls kenne ich unzählige bekennende Muslime, die während des Ramadans nicht fasten. Im Jahr 2011 betrug die Zahl der Menschen in der islamisierten Türkei Erdoğans, die während des Ramadans fasteten, 34 Mio. (von insgesamt 81 Mio.). In der Türkei der Siebzigerjahre, in der ich meine Kindheit verbrachte, war diese Zahl deutlich tiefer.

Kommen wir zur letzten Säule des Islams: Die Pilgerfahrt (haj). Die allerwenigsten säkularen Türken, die ich in meinem Leben kennenlernen durfte, würden überhaupt auf den Gedanken kommen, die Pilgerfahrt durchzuführen, nicht zuletzt auch deswegen, weil dies eine Reise nach Saudi Arabien bedeuten würde, ein Land, auf das die wenigsten vernünftigen Menschen ihr Fuss darauf setzen würden. Damit der Leser eine Vorstellung über die Bedeutung der Pilgerfahrt bekommt, hier einige Zahlen: Die Türkei hat rund 81 Mio. Einwohner. Dieses Jahr wurde das türkische Kontingent von 60’000 im Vorjahr auf 80’000 Pilger erhöht. Gemäss einer Zahl aus dem Jahre 2014 warten 1,5 Mio. Hadschwillige auf einer Liste, um in das jährliche Kontingent zu kommen. Zwar mag es mehr Menschen in der Türkei geben, die durchaus die Pilgerfahrt durchführen würden, wenn sie die entsprechenden finanziellen Mittel dazu hätten. Nichtsdestotrotz fährt eine erheblichere Zahl von Türken lieber in den Strandurlaub statt nach Saudi Arabien. Das wird aus dem Umstand deutlich, dass selbst in der mittlerweile islamisierten Türkei nur etwa 0,1% der Bevölkerung pro Jahr die Pilgerfahrt durchführt.

Nach dieser kurzen Darstellung der fünf Säulen des Islams und ihrer Bedeutung im Leben von säkularen Muslimen möchte ich Folgendes betont haben: Bei diesen Menschen, die ich beschrieben habe, handelt es sich keineswegs um Atheisten sondern um gläubige Muslime. Wenn man sie danach fragen würde, ob sie an Gott glaubten, würden die meisten dies ohne zu zögern bejahen und wären dabei auch nicht unehrlich. Es gibt zwar Atheisten und Agnostiker auch in der muslimischen Welt, aber diese sind hier nicht angesprochen. Diese Menschen würden sich selbst auch als muslimisch identifizieren, ohne dabei zu zögern, wenn man sie nach ihrer Konfession fragen würde. Wenn man sie hingegen danach fragen würde, was sie von der Scharia halten, würden sie allerdings eine ablehnende Haltung einnehmen, es sei denn, es würde sich um eine reine Kultushandlung handeln. Im Übrigen will das Ganze nicht heissen, dass diese Menschen eine ablehnende Haltung gegenüber den fünf Säulen des Islams hätten, weil diese durchaus zu ihrem muslimischen Glauben gehören. Erfüllen dürften jedoch die allermeisten unter ihnen lediglich das islamische Glaubensbekenntnis und vielleicht noch das Fasten während des Ramadans. Die drei verbleibenden Säulen spielen in ihrem Leben jedoch praktisch keine Rolle, auch nicht die gesellschaftlichen Regeln, die von der Scharia aufgestellt werden und schon gar nicht das islamische Zivil- und Strafrecht.

Wenn man den Auffassungen Lutz Jäkels folgen würde, wären die vielen zivilisierten Gesellschaften in der islamischen Welt, die insbesondere im vergangenen 20. Jahrhundert existierten, die heute aber auch nicht vollständig verschwunden sind, nicht möglich gewesen. Nach Jäkels Ansicht dürfte es bei den Menschen in diesen Gesellschaften wohl um Apostaten gehandelt haben, weil sie die Scharia ablehnten und nicht konsequent nach den fünf Säulen des Islams lebten. Die überwiegende Mehrheit dieser Menschen betrachtete sich allerdings durchaus als muslimisch und keineswegs als atheistisch oder als unislamisch. Abschliessen möchte ich daher mit Bildern von diesen vermeintlichen Apostaten, denen ich ein Gesicht geben möchte, die in ihrem Leben nicht der Scharia folgten, den fünf Säulen des Islams eine untergeordnete Rolle beigemessen haben und die es nach Ansicht Jäkels wohl nicht geben sollte, nachdem ihre Existenz ihn schon zu Beginn des Interviews überrascht hatte.

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(Kairoer Innenstadt, Sommer 1964)

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(Junge türkische Frauen, die sich ungezwungen mit einem jungen Mann unterhalten, 1935)

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(Türkische Familie (1928), die sich ein Fass Bier genehmigt)

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(Universität Kairo (1978) –  Wer findet den Hijab?)

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(Schallplattengeschäft in Kabul der Fünfzigerjahre)

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(Iran der Sechzigerjahre)

Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten

3 thoughts on “Lutz Jäkel und die vermeintlichen Apostaten

  1. Danke für diesen und alle anderen Beiträge auf dieser Seite! Zum Glück gibt es noch Menschen, welche die schleichende Islamisierung Europas erkannt haben und die daraus entstehenden Probleme beim Namen nennen. Die Geschichte vieler Länder im Nahen Osten, Afrikas und Asiens zeigt uns deutlich:
    Islamisierung und die damit verbundene Einführung der Scharia bedeuten IMMER den Untergang von Freiheit und Demokratie! Scharia bedeutet Abschaffung der Menschenrechte, Abschaffung der Freiheit und Demokratie und (zum Teil langsamer) Genozid an den Gläubigen jeder nicht-muslimischer Religion! Sobald muslimischen Bürger in Europa keine Minderheit mehr sind (was laut demographischen Studien schon in knapp ein bis zwei Jahrzehnten der Fall sein wird) werden sie die Scharia in Europa einfordern und durchzwingen.
    Durch das Öffnen von Tür und Tor für muslimische Immigranten und Flüchtlinge schafft sich Europa nicht einfach “nur ein paar wirtschaftliche Probleme”, nein, es gräbt sich (und damit dem christlich geprägten Abendland, samt all seinen Errungenschaften wie Freiheit, Menschenrechte, Demokratie etc.) das eigene kulturelle Grab.

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