Jesus und sein berühmter Onkel

Wie die meisten Leser es vermutlich bereits wissen, betrachten gläubige Muslime die Suren des Koran als das unmittelbar vom Gott ausgesprochene Wort, das dieser über den Engel Gabriel an den Propheten Mohammed offenbart habe. Das ist übrigens der Grund, weshalb der Koran beinahe vollständig in direkter Rede verfasst ist, wobei der Sprechende respektive der Erzähler, der über die Vergangenheit berichtet, nach muslimischer Vorstellung Gott höchstpersönlich ist. Der Gott im Koran gibt also nicht bloss Befehle und Anweisungen gegenüber den Menschen. Er berichtet auch über die Vergangenheit, insbesondere über biblische Persönlichkeiten wie Abraham, Moses, Jesus, Maria, Noah und sogar über ausserbiblische Berühmtheiten wie Dhu l-Qarnain. Noch nie von ihm gehört? Dabei soll es sich nach gegenwärtig herrschender Ansicht um keinen Geringeren handeln als um Alexander den Grossen!

Einige Stellen im Koran, die ich nachfolgend wiedergeben werde, sind ganz besonders interessant wenn nicht gar bis zu einem gewissen Grad sogar höchst amüsant, wenn von ganz bestimmten Personen die Rede ist und wenn man dabei ihre familiären Beziehungen untereinander in Betracht zieht.

Sure Imran 3:35, 36

“Als ʿImrāns Frau sagte: „Mein Herr, ich gelobe Dir, was in meinem Mutterleib ist, für Deinen Dienst freigestellt. So nimm (es) von mir an! Du bist ja der Allhörende und Allwissende.“

Als sie sie dann zur Welt gebracht hatte, sagte sie: „Mein Herr, ich habe ein Mädchen zur Welt gebracht.“ Und Allah wußte sehr wohl, was sie zur Welt gebracht hatte, und der Knabe ist nicht wie das Mädchen. „Ich habe sie Maryam genannt, und ich stelle sie und ihre Nachkommenschaft unter Deinen Schutz vor dem gesteinigten Satan.“”

Sure Maryam 19:27-30

“Dann kam sie mit ihm zu ihrem Volk, ihn (mit sich) tragend. Sie sagten: „O Maryam, du hast da ja etwas Unerhörtes begangen.

O Schwester Hārūns, dein Vater war doch kein sündiger Mann, noch war deine Mutter eine Hure.“

Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: „Wie können wir mit jemandem sprechen, der noch ein Kind in der Wiege ist?“

Er sagte: „Ich bin wahrlich Allahs Diener; Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.”

Sure Maryam 19:34

“Das ist ʿĪsā, der Sohn Maryams: (Es ist) das Wort der Wahrheit, woran sie zweifeln.”

Sure 66:12

“Und (auch von) Maryam, ʿImrāns Tochter, die ihre Scham unter Schutz stellte, worauf Wir in sie von Unserem Geist einhauchten. Und sie hielt die Worte ihres Herrn und Seine Bücher für wahr und gehörte zu den (Allah) demütig Ergebenen.”

In diesen Koranzitaten geht es zunächst um Maryam (Maria) und um Jesus (Isa) und die jungfräuliche Geburt, dies im Besonderen in der Sure 66:12, in der es heisst, dass Maria ihren “Scham unter Schutz” gestellt habe, was nichts anderes bedeutet als, dass sie ihre Jungfräulichkeit behalten habe. Zuvor wird sie allerdings beschuldigt, etwas Unerhörtes getan zu haben. Ihre Mutter sei doch keine Hure gewesen, wirft man ihr vor. Mit anderen Worten wurde Maria vor der Geburt Jesu ausserehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen (weil sie schwanger war), womit einmal mehr über die Jungfräulichkeit Marias die Rede ist. Maria im Koran wird quasi vom Jesuskind selbst “gerettet”, indem dieser bereits von der Wiege aus seine Propheteneigenschaft verkündet, was freilich ein Wunder ist. Dass hier tatsächlich von Maria und Jesus, die wir auch vom Neuen Testament kennen, die Rede ist, wird ganz eindeutig aus Sure 19:34 klar: “Das ist ʿĪsā, der Sohn Maryams”. Die ganze Sure ist im Übrigen dieser Maryam gewidmet. Sie heisst so!

Wenn wir die weiteren Familienverhältnisse derselben Maryam etwas genauer anschauen, wird es besonders interessant. Sie sei Schwester Haruns (Sure 19:28) und Tochter Imrans (Sure 3:35,36 und 66:12) gewesen. Die biblischen Namen dieser Personen lauten Aaron (Harun) und Amram (Imran), zwei Personen aus dem Alten Testament.

Wie soll das gehen?

Hier kommt des Rätsels Lösung!

Amrams Frau heisst Jochebed. Sie hat drei Kinder auf die Welt gebracht: Moses, Aaron und Miriam (auf Arabisch Maryam). Das geht aus dem 4. Buch Mose 26:44 hervor.

Miriam ist in der Tat die Schwester von Aaron. So heisst es in Exodus 15:20: “Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm die Pauke in die Hand und alle Frauen zogen mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her.”

Und schliesslich heisst es in Mica 6:4: “Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus dem Diensthause erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.”

Mit anderen Worten verwechselt der Verfasser dieser Stellen des Korans Maria (auf Arabisch Maryam), die Mutter von Jesus, mit Miriam (auf Arabisch ebenfalls Maryam), die Schwester von Aaron und Tochter von Amram!

Das bedeutet nichts anderes als, dass nach koranischer Darstellung Moses nebst Aaron ein Onkel von Jesus ist!

Jesus und sein Onkel Moses!

Bleiben wir sachlich. Kann das wirklich sein, dass Moses der Onkel von Jesus war?

Jesus ist aus der Sicht der historisch-kritischen Forschung eine historische Figur, die ungefähr zwischen 4 v. Chr. bis ca. 30 n. Chr. gelebt haben dürfte. Ich werde nun nicht näher darauf eingehen, weshalb auch ich von der Historizität von Jesus ausgehe. Jedenfalls ist das älteste erhaltene Stück aus dem Neuen Testament ungefähr aus dem Jahr 125 n. Chr. Es handelt sich um das Papyrus-Fragment 52, das ein Stück aus dem Johannesevangelium enthält. Mit anderen Worten kann auch ein Leser, der die Existenz Jesu bestreitet, davon ausgehen, dass der Jesusglaube im frühen 2. Jahrhundert sicher vorhanden war.

Die Geschichte um Moses und die Juden ist nachweislich älter, selbst wenn man den Text des Alten Testaments nicht als Quelle benützen möchte. So gibt es beispielsweise das Tel Dan Tablett aus ca. 840 v. Chr., auf dem von “Haus Davids” die Rede ist.

house-of-david_israel-museum_lmauldin.jpg

(Das im Jahr 1993 entdeckte Tel Dan Tablett, die Stelle mit “Haus Davids” ist hervorgehoben)

Dann existiert die noch ältere Merenptah-Stele aus dem Jahr 1208 v. Chr., auf dem das Wort “Israel” vorkommt: “Die Häuptlinge werfen sich nieder und rufen: Libyen ist erobert. Hatti ist befriedet. Kannan ist mit allem Übel erbeutet. Askalon ist herbeigeführt. Gezer ist gepackt. Jenoam ist zunichtegemacht. Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr.”

Merneptah_Israel_Stele_Cairo

Merenptah-Stele im Ägyptischen Museum in Kairo

Darüber hinaus gibt es bekanntlich die berühmten Qumran-Rollen vom Toten Meer, die bis ins 3. Jahrhundert vor Chr. zurückgehen.

Selbst wenn man also das Neue Testament und das Alte Testament in der heute existierenden Form als historische Quelle vollumfänglich ablehnen sollte, wie dies einige tun, dürfte es unbestritten sein, dass das Judentum wesentlich älter ist als das Christentum und damit auch die Figur Moses. Wie wir aus der ausserbiblischen Merenptah-Stele entnehmen können, hatten die Juden einst – so wie dies in der Bibel auch erzählt wird – grosse Probleme mit den Ägyptern (nachweislich im Jahr 1208 v. Chr.), wohingegen Jesus ganz klar in der Zeit der Römer anzusiedeln ist. Im Koran ist in Sure 4:157 von seiner (koranisch und islamisch bestrittener) Kreuzigung die Rede, eine Strafe, die klar auf die Römer zurückgeht.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Verfasser des Korans sich hinsichtlich der Identität dieser Personen massiv irrt und zwar um einige Jahrhunderte, wenn nicht gar um Jahrtausende. Moses ist eine historisch nicht nachweisbare Person aber seine Figur existierte deutlich vor der Person aber auch vor der Figur Jesus. Ich habe vorhin bewusst archäologische Artefakte als Gegenbeweis verwendet, um dem Koran nicht bloss die Bibel entgegenzuhalten. Da sich der Verfasser des Korans irrt und hier ganz offensichtlich eine Namensverwechslung vorliegt, zumal sowohl Maria und Miriam auf Arabisch Maryam bedeuten, ist es klar, dass der Koran nicht von Gott offenbart wurde, zumal sich Gott nicht irrt.

Für Nichtmuslime dürfte diese Tatsache ohnehin schon längst klar sein, weil sie eben keine Muslime sind. Ich denke, dass ich das nicht näher begründen muss. Für Muslime hingegen bedeutet dies, sofern sie diese Dinge zum ersten Mal vernehmen, dass sie vielleicht einmal die angebliche Perfektion dieses Buches und dessen angeblich göttliche Offenbarung in Frage stellen könnten, welches das angeblich unmittelbar von Gott ausgesprochene Wort enthalte.

Onkel Moses…

Bitte einfach einmal darüber nachdenken.

Jesus und sein berühmter Onkel

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