Die Inschrift im Felsendom – Eine kritische Analyse

Oben auf dem Tempelberg steht eines der Wahrzeichen von Jerusalem, ein Bauwerk von wahrlich bemerkenswerter Ausstrahlung: Der Felsendom. Als ich 2015 die Stadt besuchte, konnte ich meine Augen von ihm nicht abwenden, sobald er in Sichtweite war und ich hatte mir sogar ein Hotelzimmer geleistet mit direktem Blick auf den Felsendom, damit ich ihn die ganze Zeit sehen konnte, solange ich in Jerusalem verweilte. Die unbeschreibliche Schönheit dieses Bauwerks insbesondere zu unterschiedlichen Tageszeiten und damit bei verschiedenen Lichtverhältnissen kann man schwer in Worte fassen. Besichtigt habe ich den Felsendom leider nicht und habe die Inschriften, die sich darin befinden, mit denen ich mich im Nachfolgenden eingehend befassen werde, zu meinem grossen Unglück nicht gesehen.

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(Meine Zimmeraussicht in Jerusalem auf den Felsendom, 2015)

Die Stadt Jerusalem gilt als – wie man auch immer wieder aus den Medien vernehmen kann – als die drittheiligste Stätte im Islam, nebst Mekka und Medina. Eine zentrale Rolle spielen dabei zwei Bauwerke, die sich beide auf dem Tempelberg befinden. Das eine ist der vorerwähnte Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und das andere die Al-Aqsa Moschee, die teilweise von unkundigen Laien mit dem Felsendom gleichgesetzt wird. Damit allfällige Verwechslungen von Anfang an vermieden werden, hier ein Bild der Al-Aqsa Moschee.

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(Al-Aqsa Moschee, 2015)

Der Felsendom wurde gemäss heutigem Forschungsstand und je nach Berechnung ungefähr zwischen den Jahren 687 und 694 unserer Zeitrechnung errichtet und gilt damit als eines der ältesten Bauwerke des Islam. Ein gewisser Abd al-Malik, der von der Tradition als ein einflussreicher Ummayadenkalif angesehen wird, hat ihn bauen lassen. Ob Abd al-Malik, der eine der ersten wenigen fassbaren Personen in der Geschichte des Frühislam ist, tatsächlich ein Kalif im heute verstandenen Sinne war, kann meines Erachtens angezweifelt werden, genauso wie die Angabe, dass seine Religion tatsächlich Islam im heutigen Sinne war. Unbestritten ist aber auf jeden Fall und dies im Einklang mit der Tradition, dass er und kein anderer dieses  Bauwerk errichten liess, genauso wie die Al-Aqsa-Moschee. Papyri aus Aphrodito in Oberägypten verweisen darauf, dass die Arbeiten bei diesem letzteren Bauwerk zwischen 706 und 717 stattgefunden hätten. Mit anderen Worten hat Abd al-Malik zuerst den Felsendom und erst dann die Al-Aqsa Moschee bauen lassen, was aus meiner Sicht eine Priorisierung darstellt. Die Tradition mag dies bestreiten mit der Angabe, wonach an der Stelle der Al-Aqsa Moschee eine frühere Baute stand. Dafür gibt es allerdings keine wissenschaftlich verwertbaren Beweise.

Der Felsendom wurde seit seiner Errichtung immer wieder renoviert und insbesondere das Äussere hat dabei viele Veränderungen erfahren, zuletzt im Jahr 1990. Weitestgehend unverändert ist jedoch das Innere des Sakralbaus geblieben, der übrigens keine Moschee ist. Zu erkennen ist im Inneren insbesondere eine seit dem Bau des Felsendoms unverändert gebliebene Inschrift, die sich als zweifaches Schriftband in der Höhe um das oktagonförmige Innere des Bauwerks zieht. Das Besondere an dieser Inschrift ist, dass sie aufgrund des Alters des Felsendoms zu den ältesten erhaltenen Schriftzeugnissen des Frühislam gehört.

Älter ist nur das neuentdeckte Koranfragment “Birmingham Koran“, das gemäss Radiokarbondatierung zwischen 568 und 645 geschrieben wurde, was von der Tradition in Frage gestellt wird, weil der Prophet Mohammed bekanntlich zwischen den Jahren 570 und 632 gelebt haben soll und diese Datierung damit die Annahmen der Tradition fraglich erscheinen lässt. Ferner gibt es die 1972 entdeckten Koranfragmente aus Sana’a, die zwischen den Jahren 632 und 671 verfasst wurden, die im Übrigen viele Abweichungen vom heute “geltenden Koran” enthalten. Dann existiert noch das Tübingen-Fragment, das zwischen 649 und 675 geschrieben wurde und nur wenige Verse aus dem Koran enthält. Die ebenfalls sehr alten Manuskripte wie der kufische Koran aus Samarkand, der Topkapı Codex und der Codex Parisino-petropolitanus wurden allesamt später verfasst als die Inschrift im Felsendom aus dem Jahr ca. 694. Ganz nebenbei bemerkt, enthält der Topkapı Codex gemäss Untersuchung von Tayyar Altıkulaç, dem Chef der allseits bekannten Diyanet in den Jahren 1978 bis 1986, insgesamt 2270 Stellen, die von der heute geltenden Kairoer Version des Koran abweichen. Erstaunlich viel, wenn man bedenkt, dass dieses Buch seit der angeblichen Offenbarung angeblich nie eine Änderung erfahren habe! Auf die Begründung von Tayyar Altıkulaç, der in diesen Abweichungen keine Probleme für die Tradition sieht, möchte ich hier nicht einmal eingehen.

Die Inschrift im Felsendom besteht aus Versen aus unterschiedlichsten Stellen des Koran, die aneinandergereiht sind, allerdings mit Einschüben von einzelnen Sätzen, die man keiner konkreten Koranpassage zuordnen kann. Ich möchte, bevor ich den Text, so wie die Tradition ihn übersetzt, wiedergebe, vorwegnehmen, dass wir es mit dem Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik zu tun haben werden. Ich tue dies aus dem einfachen Grund, weil ich möchte, dass der Leser diese Tatsache vom ersten Satz der Inschrift an bis zum Schluss im Gedächtnis behält. Ich bitte den Leser, sich bei der Lektüre der Inschrift immer wieder die Frage zu stellen, woraus dieses Glaubensbekenntnis besteht, von wem genau darin die Rede ist und wer damit angesprochen wird. Dieses Glaubensbekenntnis spielt bei der Entstehung des Islam eine enorm wichtige Rolle, worauf ich anschliessend eingehen werde. Die Übersetzung habe ich mehrheitlich aus Wikipedia übernommen, die sich auf anerkannte Koranübersetzungen abstützt. Allfällige Abweichungen von anderen traditionellen Übersetzungen werden, so wie gleich anschliessend zu sehen sein wird, nicht wirklich eine Rolle spielen.

Inschrift

(Ein kleiner Ausschnitt der Inschrift im Felsendom ist beim oberen Bildrand dieses Fotos zu sehen)

Inschrift der inneren oktagonalen Arkade:

“Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Er hat die Herrschaft (über die ganze Welt). Ihm sei Lob! Er macht lebendig und lässt sterben und hat zu allem die Macht.

Muḥammad ist der Diener Gottes und sein Gesandter. Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn), wie es sich gehört! Möge Gott über ihn den Segen sprechen. Heil sei über ihm und die Barmherzigkeit Gottes.

 Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Gott nichts aus, als die Wahrheit! Der Messias Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm.

Darum glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht (von Gott, dass er in einem) drei (sei)! Hört auf (so etwas zu sagen)! Das ist besser für euch. Gott ist nur ein einziger Gott. Gepriesen sei er! (Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben. Ihm gehört (vielmehr alles), was im Himmel und auf der Erde ist. Und Gott genügt als Sachwalter. Der Messias wird es nicht verschmähen, ein (bloßer) Diener Gottes zu sein, auch nicht die (Gott) nahestehenden Engel. Und wenn einer es verschmäht, Gott (w. ihm) zu dienen und (zu) hochmütig (dazu) ist (hat das nichts zu bedeuten). Er wird sie (d. h. die Menschen) (dereinst) alle zu sich versammeln.

 Herr, sprich den Segen über Deinen Gesandten und Diener Jesus dem Sohn der Maria. Heil sei über ihm am Tag, da er geboren wurde, am Tag, da er stirbt, und am Tag, da er (wieder) zum Leben auferweckt wird!

Dies ist Jesus, der Sohn der Maria – um die Wahrheit zu sagen, über die sie (immer noch) im Zweifel sind. Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen. Gepriesen sei er! Wenn er eine Sache beschlossen hat, sagt er zu ihr nur: sei!, dann ist sie. Gott ist mein und euer Herr. Dienet ihm!

Das ist ein gerader Weg.Gott bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer ihn. Desgleichen die Engel und diejenigen, die das (Offenbarungs)wissen besitzen. Er sorgt für Gerechtigkeit. Es gibt keinen Gott außer ihm. Er ist der Mächtige und Weise. Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam. Und diejenigen, die die Schrift erhalten haben, wurden – in gegenseitiger Auflehnung – erst uneins, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war. Wenn aber einer nicht an die Zeichen Gottes glaubt, ist Gott schnell im Abrechnen.”

Inschrift der äusseren oktagonalen Arkade:

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Sprich: Gott ist Einer, ein ewig reiner, hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, und nicht ihm gleich ist einer. Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn), wie es sich gehört!

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Lob sei Gott, der sich kein Kind (oder: keine Kinder) zugelegt hat, und der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat, und keinen Freund (der ihn) vor Erniedrigung (schützen müsste)! Und preise ihn allenthalben!

Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Möge Gott und seine Engel und seine Gesandten über ihm den Segen sprechen. Und Heil sei über ihm und Gottes Barmherzigkeit. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Er hat die Herrschaft (über die ganze Welt). Ihm sei Lob! Er macht lebendig und lässt sterben und hat zu allem die Macht.

Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen und er (wird) seine Fürbitte für sein Volk am Tage der Auferstehung annehmen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen. Erbaut hat diese Kuppel der Diener Gottes ʿAbd [Allāh der Imām al-Maʾmūn, der Befehlshaber] der Gläubigen, im Jahre zwei und siebzig. Möge Gott (es) von ihm annehmen und an ihm Wohlgefallen haben. Amen, Herr der Menschen in aller Welt. Gott gebührt Lob.”

Christoph Luxenberg, ein deutscher Linguist arabischer Herkunft, der seine Arbeiten  aus nachvollziehbaren Gründen unter einem Pseudonym veröffentlicht, hat im Jahr 2000 ein mittleres Erdbeben bei den traditionellen Islamwissenschaften verursacht, die insbesondere seit der Mitte des letzten Jahrhunderts mehr oder weniger (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) sklavisch der Geschichtsdarstellung der islamischen Tradition, d.h. der islamischen Theologie, folgte. Auf der Grundlage der Erkenntnisse seines damals erschienenen Werkes “Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschüsselung der Koransprache” sind viele weitere Werke auch von zahlreichen anderen Autoren entstanden. In einem Aufsatz in einer Publikation der Inarah-Gruppe mit dem Titel “Die dunklen Anfänge” hat Luxenberg eine neue Übersetzung der oben aufgeführten Inschriften im Felsendom geliefert, von denen ich einige wenige nachfolgend zitieren werde. Bevor ich das tue, möchte ich jedoch kurz auf die Übersetzungsmethode von Luxenberg eingehen.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Methode des Linguisten Luxenberg, wie sie in seinem Buch “Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschüsselung der Koransprache” beschrieben wird, eine sprachwissenschaftliche Methode ist. Wer darin nach Islamkritik oder etwas Ähnlichem sucht, dürfte enttäuscht werden. Sein Vorgehen umfasst mehrere Schritte, wobei zu erwähnen ist, dass er in der Zwischenzeit seine Methode weiterentwickelt hat. Wenn ich hier schreiben würde, dass Luxenberg einfach nur den Koran auf Syro-Aramäisch lese, würde ich dem Autor und seiner Methode nicht gerecht werden. Seine Methode ist komplex, für Laien wie die meisten Leser dieses Buches, zu denen ich mich dazuzähle, aufgrund mangelnder Fachkenntnisse nicht immer zu 100% verständlich; aber seine Ergebnisse und seine Herleitungen sind wissenschaftlich und im Ergebnis nachvollziehbar für jeden, der eine höhere Bildungseinrichtung besucht hat und in der Lage ist, wissenschaftliche Arbeiten zu lesen. Da dieses Buch durch und durch wissenschaftlich ist, konnte jedenfalls bisher niemand seine Methode und seine Übersetzungen ernsthaft in Frage stellen, wenn man von der “Kritik” der traditionellen Islamwissenschaftler, deren Felle durch diese Publikation wegschwimmen und von den entsetzten Theologen, welche die Darstellung der Tradition verteidigen, absieht.

Luxenberg, dessen Arbeit sich meines Wissens bisher nur oder mindestens hauptsächlich auf die früheren sog. “mekkanischen” Suren beschränkt, geht davon aus, dass der Urtext des Korans zum Zeitpunkt seiner Niederschrift (ca. 6. Jh.) in der damaligen Lingua Franca, namentlich im Syro-Aramäischen, verfasst wurde und nicht etwa auf Arabisch. Folgerichtig gehen die meisten, die Luxenbergs Ansichten folgen, davon aus, dass der Koran nicht etwa im heutigen Saudi Arabien sondern im heutigen Zweistromland verfasst wurde. Die Schriftzeichen dieser Sprache haben eine grosse Ähnlichkeit mit den alten Schriftzeichen wie diejenigen im Felsendom, welche die sog. diaktrischen Punkte nicht enthalten, welche später als eine Art Lesehilfe in den Korantext eingebaut wurden. Darüber hinaus haben beide Sprachen sehr grosse Ähnlichkeiten, weil sie die gleichen sprachlichen Wurzeln haben. Luxenberg liest daher den Koran, den er von diesen späteren Ergänzungen befreit, auf Syro-Aramäisch und sucht dabei auch nach sehr ähnlich aussehenden Buchstaben im Text, die bei der handschriftlichen Übertragung allenfalls verwechselt wurden. Die Lektüre des Korantextes durch Luxenberg mit dieser Methode erfolgt nicht willkürlich, wie meine laienhafte Beschreibung den Eindruck erwecken könnte. Die Methode Luxenbergs ist wesentlich komplexer und exakter, als ich es als Nichtlinguist hier in kurzen Worten zu beschreiben vermag. Auf diese Art und Weise bekommen jedenfalls gewisse Ausdrücke im Koran einen völlig anderen Sinn, als dies von der Tradition angenommen wird. Die Tradition hingegen stützt sich bei ihrer Koraninterpretation, wenn es um die Bedeutung eines einzelnen Wortes geht, auf namhafte Theologen wie at-Tabari, die lange nach der Entstehung des Koran gelebt haben und deren Interpretationen aus nachvollziehbaren Gründen theologisch motiviert sind oder auf die Hadithe.

Das Verblüffende bei der Arbeit von Luxenberg sind seine Ergebnisse. Vieles ergibt plötzlich einen Sinn, was zuvor ohne Beizug der rund 200 Jahre nach der Niederschrift des Koran entstandenen Hadithe keinen Sinn ergab. Mit anderen Worten wird der Koran auch ohne den Offenbarungszusammenhang, den die Hadithe herstellen, verständlich. Das Erstaunlichste dabei ist, dass Luxenberg mit dieser Methode sogar in der Lage ist, Stellen des Korans zu übersetzen, die zuvor niemand verstand (sog. “dunkle Suren”).

Gehen wir zurück zur Inschrift des Felsendoms, in der es – wie der Leser es selbst lesen konnte – in erster Linie um Jesus geht, wenn man von den Einschüben absieht, in der es immer wieder heisst “Mohammed ist der Gesandte Gottes“. Wenn man diese Einschübe vom Text entfernt und zusätzlich noch den Satz “Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam“, gibt es auch in der traditionellen Übersetzung dieses Glaubensbekenntnisses nichts, was originär islamisch istDa der Tempelberg, der nach islamischer Vorstellung eine zentrale Rolle im Islam spielt (insbesondere auch die al-Aqsa Moschee; Stichwort Himmelfahrt Mohammeds auf dem pferdeähnlichen Reittier Buraq), sollte bereits die traditionelle Übersetzung der Inschrift erstaunen. Im Text – auch im Sinne der traditionellen Übersetzung – geht es in erster Linie um Jesus und um die korrekte Jesusverehrung aus der Sicht Abd al-Maliks, die immer wieder unterstrichen wird, aber von der Gottesverehrung streng unterschieden wird. Mohammed ist der grosse Abwesende, wenn man das ständig wiederholte “Mohammed ist der Gesandte Gottes” ausklammert. Über weitere Eigenschaften vom Propheten Mohammed wird nicht gesprochen.

Luxenberg hingegen übersetzt “mohammad” nicht im Sinne eines Eigennamen einer Person sondern als Gerundiv. Aus “Muḥammad ist der Diener Gottes und sein Gesandter” wird bei ihm “Gelobt sei der Knecht Gottes und sein Gesandter” (statt gelobt kann auch “Zu preisen” verwendet werden). Den Satz “Als Religion gilt bei Gott der Islam” übersetzt er mit “Als das Rechte gilt bei Gott die Übereinstimmung mit der Schrift”. Unter dem Ausdruck “Islam” ist bei dieser Übersetzung also nicht etwa “Unterwerfung” zu verstehen, wie viele diesen Begriff übersetzen sondern “Übereinstimmung (mit der Schrift)”. Durch diesen Begriff wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Art der Jesusverehrung mit der Schrift übereinstimmt, die von Gott offenbart wurde und nicht etwa die Art und Weise, wie die Christen Jesus ansehen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass Luxenberg in seiner Arbeit insbesondere die Tatsache, dass er die von der Interpretation der Tradition abweichenden Stellen sorgfältig begründet. Er macht dies in seinem Aufsatz mit dem ganzen Text, den ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht vollständig wiedergeben möchte. Ich kann die Lektüre des ganzen Buches allen meinen Lesern wärmstens empfehlen. Es gibt weitere Abweichungen in der Übersetzung, aber die wirklich Entscheidenden sind die Vorgenannten.

Unter dem “zu lobenden” (mohammad) Knecht Gottes ist nach diesem Verständnis kein geringerer zu verstehen als Jesus, von dem im Text ohnehin die ganze Zeit die Rede ist. Jesus ist der Knecht Gottes und sein Gesandter. Das ist übrigens selbst nach dem Verständnis der Tradition keine unbekannte Aussage. So sagt das Jesuskind in Sure 19:30 des Korans sogar selbst: “Ich bin der Knecht Allahs, er hat mir die Schrift gegeben und mich zum Propheten gemacht.”

Wie ich weiter oben ausgeführt hatte, handelt es sich hier um das Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik und es sprechen sehr gute Gründe dafür, dass er damit wohl eher das meinte, was Luxenberg darunter versteht, als das, was die Tradition aus dieser Inschrift ableitet. Einzelne Autoren, welche die Position der Tradition ablehnen, gehen so weit, dass sie Abd al-Malik, in dessen Glaubensbekenntnis Jesus die Hauptperson ist, als einen Christen bezeichnen. Ich persönlich lehne diese Bezeichnung ab, weil das Christsein doch allzu sehr mit dem Kreuztod und der anschliessenden Auferstehung Jesu verbunden ist, was in diesem Glaubensbekenntnis überhaupt keine Rolle spielt. Vielmehr geht es hier um eine besondere und von der christlichen Methode abweichenden Form von Jesusverehrung. Jesus wird im Text immer wieder lobpreist (insbesondere durch den Begriff mohammad) und er wird als Messias bezeichnet oder als Knecht Gottes, was ein Ehrentitel für Jesus war. Gleichzeitig empört sich die Inschrift aber über die christliche Trinitätslehre und wie trinitarische Christen Jesus sehen. Ausdrücke wie “Er hat keine Teilhaber”, “Es gibt keinen Gott ausser Gott allein” (Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses), “Lob sei Gott, der sich kein Kind zugelegt hat, und der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat”, “(Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben”, “Dies ist Jesus, der Sohn der Maria (…)” (also nicht Sohn Gottes!), “Sprich: Gott ist Einer, ein ewig reiner, hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, und nicht ihm gleich ist einer” und “Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen” sind einige der antitrinitarischen Botschaften im Text. Mit anderen Worten haben wir es hier mit einem Glaubensbekenntnis zu tun, in dem Jesus als Gesandter Gottes im Mittelpunkt steht, dem durchaus eine Messiaseigenschaft zugerechnet wird. Gleichwohl wird die Trinitätslehre der Byzantinischen Kirche, die sich nach dem Konzil von Nicäa (325) allmählich zu durchsetzen begann, ausdrücklich und sehr heftig abgelehnt. Im Zentrum steht dabei die strenge Ablehnung der Gottessohneigenschaft Jesu. Die Inschrift liest sich damit wie die Gründungsurkunde einer Oppositionspartei, einer Opposition gegen die Byzantinische Kirche respektive gegen die von ihr vertretene Trinitätslehre.

Es sprechen sehr gute Gründe dafür, dass das Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik, so wie wir es auf dem Felsendom finden, die eigentliche Grundlage für die noch zu entstehende Religion Islam war. Dies geschah dann, als aus der Lobpreisung mohammad plötzlich ein Personenname Mohammad wurde. Das ist wie wenn man anfangen würde, “Beatus ille homo est” statt mit “Jener Mann ist glücklich”  zu übersetzen, mit “Jener Mann ist Beat” übersetzen würde. Die Verselbständigung respektive die Loslösung einer eigenständigen Mohammed-Figur von der Jesus-Figur erfolgte in erster Linie durch die Hadith-Literatur und durch die Sira (fromme Prophetenbiographie), die sich erst nach Abd al-Malik allmählich durchsetzte. Als dieser Prozess abgeschlossen war, war der Islam, so wie wir ihn heute kennen, so ca. um die Jahrtausendwende geboren. Das soll freilich nicht heissen, dass sich der Islam seither nicht in einem Prozess befinden würde. Ganz im Gegenteil. Erhebliche Änderungen finden sogar noch heute vor unserer Nase statt.

Man kann nun meine Ausführungen über Luxenbergs Interpretation dieser Inschrift und seine Übersetzungsvorschläge, seine Arbeit und überhaupt praktisch alles ablehnen, was ich bisher geschrieben habe. Man kann von mir aus an die Existenz eines arabischen Propheten Mohammed glauben und sogar, dass ihm der Koran von Gott über den Engel Gabriel offenbart worden sei und damit muslimischen Glaubens sein. Nichtsdestotrotz kann niemand ernsthaft bestreiten, dass die Kernbotschaft dieses Glaubensbekenntnisses im Felsendom eine Ablehnung des trinitarischen Jesus-Glaubens darstellt, die sowohl gegenüber den Gläubigen als auch gegenüber den Ungläubigen (Christen) verkündet wird. Die Ablehnung der christlichen Trinitätslehre ist damit – unabhängig davon, ob man den Interpretationen Luxenberg folgt oder nicht – fest im Islam verankert. Sie spielt dabei eine geradezu zentrale Rolle, wobei diese Tatsache von Nichtmuslimen, die den Islam nicht kennen, meines Erachtens unterschätzt wird. Wie wichtig und zentral diese Ablehnung ist, kann aus den nachgenannten drei Gründen (es gibt noch weitere Beispiele) ohne weiteres geschlossen werden:

  1. Der Felsendom, von dem in der vorliegenden Abhandlung die Rede war, ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Die Inschrift im Felsendom handelt – selbst wenn man nicht Luxenberg sondern der Übersetzung der Tradition folgt – in erster Linie von der korrekten und der falschen (d.h. trinitarischen) Jesusverehrung.
  2. Das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, ist die erste der fünf Säulen des Islam. Sie lautet traditionell übersetzt wie folgt: “Es gibt keinen Gott ausser Gott, Mohammad ist sein Gesandter”. Luxenberg würde die Stelle freilich mit “Es gibt keinen Gott ausser Gott, gelobt sei sein Gesandter” (Jesus) übersetzen. Selbst wenn man dieser Übersetzung nicht folgt, ist “Es gibt keinen Gott ausser Gott” eine klare antitrinitarische Aussage. Sie bedeutet nichts anderes als, dass es keinen Vater, Sohn und Heiligen Geist gebe, sondern nur einen Gott. Neben ihm gibt es zwar noch den Gottesknecht Jesus, der als Prophet zu verehren ist, als Gottes Gesandter, als Messias und als Marias Sohn aber eben nicht als Gottes Sohn. Er ist auch kein Teilhaber (an dieser Göttlichkeit), wie dies auch in der Inschrift des Felsendoms betont wird.
  3. Das islamische Hauptgebet in der Sure al-Fatiha, die aufgrund der zentralen Bedeutung dieser Sure im Islam, die erste Sure des Korans bildet, enthält den nachfolgenden Satz, das von gläubigen Muslimen, die das fünfmalige tägliche Gebet verrichten, mehrmals wiederholt wird: “Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!” Unter denjenigen, die den Zorn Gottes erregt haben sollen, sind nach unstrittiger theologischer Auffassung, die sich auch auf Koranstellen abstützt, die Juden und unter denjenigen, die irregehen, die trinitarischen Christen gemeint. Die Letzteren irren sich nach dieser Vorstellung deshalb, weil sie die Bedeutung von Jesus angeblich völlig falsch interpretieren.

Nach dieser umfangreichen Darstellung, in der ich mich auf die Inschrift im Felsendom konzentriert habe, möchte ich zum Schluss meinen Lesern mitteilen, welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Insbesondere geht es um die Frage, was Islam ist und auf welche theologische Grundlage er zurückgeht.

Islam ist aus meiner Sicht eine alternative theologische Betrachtungsweise von Jesus und von den abrahamitischen Propheten und ihrer Botschaften, welche die theologischen Interpretationen der Vorgängerreligionen, namentlich die des Judentum und des Christentum, ablehnt. Den Juden wird dabei Schriftfälschung vorgeworfen und den Christen ein Missverständnis über die Natur Jesu. Diese angeblich korrekte Betrachtungsweise erfolgt “in Übereinstimmung mit der Schrift” (Islam), die von Gott in der Form von Tawrat (Tora) und Indschil (Evangelium) offenbart wurde. Diese Betrachtungsweise der abrahamitischen Religionen aber auch die Niederschrift des Koran erfolgte zunächst nicht etwa im heutigen Saudi Arabien sondern durchaus in einem urbanen Umfeld, was man aus dem Korantext entnehmen kann, und zwar in der syrischen Heimat von Abd al-Malik.  Diesbezüglich möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass das Wort Mekka im Koran kein einzigen Mal vorkommt. Stattdessen wird die Ortschaft Baka im Koran als Mekka interpretiert. Ganz ursprünglich stammt diese Sekte vermutlich aus Marw, einem Ort, der sich im heutigen Turkmenistan befindet. Die Niederschrift des Korans im heutigen Syrien dürfte spätestens im 6. Jahrhundert erfolgt sein. Erst später, ca. zu Beginn des 9. Jahrhunderts, hat sich aus dem Ehrentitel für Jesus “mohammad” eine selbstständige und von diesem unabhängige Person namens Mohammed entwickelt. Dieser neu entstandenen Person wurden durch die Hadithe und die Sira eine Reihe von Eigenschaften und Taten angedichtet, welche die ursprüngliche Figur, namentlich Jesus, unkenntlich machten. Als dieser Prozess abgeschlossen war, war eine neue Religion entstanden, die wir als Islam bezeichnen können.

Ob man nun die Historizität von Mohammed verneint, so wie ich es tue, oder bejaht, so wie die meisten es tun (darunter auch die meisten Islamkritiker) und dabei – ohne es zu merken – Hadith- und Siraquellen folgen, die ca. 200 Jahre nach den angeblichen Ereignissen um einen angeblichen arabischen Propheten namens Mohammed verfasst wurden, spielt aber im Ergebnis keine Rolle. Islam ist – selbst wenn man ihn historisch-kritisch interpretiert und sogar soweit geht, dass die Person des Propheten Mohammed verschwindet aber auch im umgekehrten Fall – eine Lehre, in der die Ablehnung der vorhandenen Buchreligionen, wie diese von den Angehörigen dieser Religionen selbst interpretiert werden, eine zentrale Rolle spielt. Auch in dieser Urform ist im Islam damit, der frei von einem Krieg führenden, mordenden, plündernden und versklavenden Propheten Mohammed ist, ein Problem verankert, was den Islam aus meiner Sicht unreformierbar macht. Er mag zwar auch ohne einen Propheten Mohammed existieren können. Wenn man aber zusätzlich noch die strikte Ablehnung der Interpretationen der Angehörigen anderer Buchreligionen vom Islam ausklammert, bleibt vom Islam aus meiner Sicht nicht viel übrig. Islam bedeutet aus der Sicht der Muslime aber auch aus dem Blickwinkel der historisch-kritischen Forschung immer Rechtgläubigkeit, was damit implizit anderen Religionsangehörigen einen falschen Glauben, Schriftfälschung, Unverständnis und ja sogar Verrat vorwirft.

 

 

 

 

Die Inschrift im Felsendom – Eine kritische Analyse

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