Glaubensfreiheit und Scharia

Moderne Verfassungen enthalten meistens Angaben über die Institutionen in einem Staat und über staatliche Kompetenzen, wobei in Grundgesetzen von föderalistisch organisierten Staaten wie in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der Schweiz auch eine Kompetenzaufteilung zwischen Bund und Ländern respektive Bund und Kantonen zu finden ist. Abgesehen von diesen uns hier nicht näher zu interessierenden Inhalten widerspiegeln moderne Verfassungen insbesondere auch die wesentlichen Grundwerte, die in einem Staatswesen gelten. Eine hervorragende Rolle spielen dabei nebst dem Demokratieprinzip vor allem die in den Grundrechtskatalogen aufgeführten Grundrechte, die im klassischen Verfassungsrecht primär als Abwehrrechte gegen Eingriffe des Staates verstanden werden. In meinem Land, der Schweiz, sollen sie aber darüber hinaus in der ganzen Rechtsordnung ihre Wirkung entfalten können und wo dies möglich ist, sogar unter Privaten wirksam werden (Art. 35 BV). Das bedeutet im Ergebnis, dass hinter jeder staatlichen Handlung in der Schweiz die Wahrung und im Idealfall sogar die Förderung der Verwirklichung der Grundrechte stehen sollte. Diese durchaus moderne Forderung der Bundesverfassung verdeutlicht auf eine besonders schöne Art und Weise, wie weitreichend und prägend der Einfluss der Grundrechte auf unseren Staat und auf unsere Gesellschaft ist und weshalb insbesondere die Bundesverfassung vor allem mit ihrem Grundrechtskatalog die wesentlichen ideellen Grundwerte unserer schweizerischen Gesellschaftsordnung widerspiegelt, wie ich vorhin angegeben habe.

In der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft wird das Grundrecht, das von den meisten Deutschen als Religionsfreiheit bezeichnet wird, unter dem etwas umständlicheren aber viel ausdrucksvolleren Begriff Glaubens- und Gewissensfreiheit (Art. 15 BV) aufgeführt, dies obwohl auch das Deutsche Grundgesetz in Art. 4 GG auch von der “Freiheit des Glaubens” spricht. Weder die Bundesverfassung noch das Grundgesetz schützen die Inhalte einer Religion und schon gar nicht ihre religiöse Verbindlichkeit oder ihre Übereinstimmung mit einer bestimmten religiösen Doktrin. Das Grundgesetz schützt vielmehr – so ausdrücklich – das “religiöse Bekenntnis”, was selbstverständlich auch in der Schweiz gilt, wobei dieses “religiöse Bekenntnis” nach modernem Verfassungsverständnis keinerlei inhaltliche Vorgaben erfährt. Dieser Umstand bedeutet, dass jedes religiöse Bekenntnis ausnahmslos gleichwertig und schützenswert ist. Mit anderen Worten wird beispielsweise der Glaube eines Christen, der in seine persönliche Religion Elemente des tibetanischen Buddhismus und der jüdischen Kabbala eingebaut hat und in Jesus einen sozialistischen Hippie sieht, nicht schlechter geschützt als der Glaube eines streng den Lehren der Römisch-Katholischen Kirche folgenden Katholiken. Bei dieser überaus liberalen Betrachtungsweise, gemäss welcher unterschiedlichste und überaus individuelle Glaubensbekenntnisse existieren können, ist sogar das religiöse Bekenntnis eines Menschen zu einer zu 100% selbstkonstruierten Religion gleichwertig mit dem Bekenntnis eines Menschen zu einer Religion in ihrer klassischen und als “rein” verstandenen Form.

Die Bundesverfassung sieht in Art. 36 BV vor, dass Grundrechte eingeschränkt werden können, was auch für die Glaubens- und Gewissensfreiheit gilt. Dazu braucht es eine gesetzliche Grundlage (bei schweren Eingriffen sogar eine ausdrückliche); die Einschränkung muss sodann durch ein öffentliches Interesse oder aufgrund Grundrechte anderer gerechtfertigt sein und ferner muss der Eingriff den Grundsatz der Verhältnismässigkeit wahren. Zu guter Letzt darf eine Einschränkung den sogenannten Kerngehalt des Grundrechts nicht verletzen, weil dieser als unantastbar gilt. Mit anderen Worten erübrigt sich die Überprüfung, ob die anderen Voraussetzungen erfüllt sind, sofern schon der Kerngehalt durch einen staatlichen Eingriff verletzt würde.

Bei diesem letzterwähnten Kerngehalt geht es um nichts anderes als einen absoluten Schutz von fundamentalsten Rechtsgütern, die durch ein Grundrecht geschützt werden, welche derart zentral sind, dass sie überhaupt keine Einschränkung ertragen. Mit anderen Worten können diese Bereiche vom Staat selbst dann nicht angetastet werden, wenn man dafür eine gesetzliche Grundlage schaffen würde, ein öffentliches Interesse bestünde und der Eingriff verhältnismässig wäre. Aufgrund ihrer fundamentalen Bedeutung gelten diese Schutzbereiche gemäss Verfassung als absolut unantastbar. Der Kerngehalt bei der Glaubens- und Gewissensfreiheit besteht aus drei einzelnen Teilgehalten. Nach Rechtsprechung des Bundesgerichts sind dies die innere Freiheit, zu glauben (1) oder eben nicht zu glauben (2) und die Befugnis, den Glauben zu ändern (3).

Der Grund, weshalb ich – wie vorhin erwähnt – den Ausdruck Glaubens- und Gewissensfreiheit dem der Religionsfreiheit vorziehe, hat insbesondere damit zu tun, weil beim ersten Begriff der Kerngehalt dieses Grundrechts viel besser zum Ausdruck kommt, der so zentral ist und das zur Erscheinung bringt, was dieses Grundrecht in allerersten Linie schützen will. Bei diesem Grundrecht geht es also primär um den inneren Glauben, den man hat und haben darf und zwar welchen Glauben auch immer und erst sekundär um die äussere Religionsausübung. Andererseits ist jeder berechtigt, überhaupt keinen Glauben zu haben, wobei dies keinerlei Konsequenzen hat. Darüber hinaus kann man voraussetzungslos seinen Glauben ändern, respektive damit aufhören, zu glauben. Diese Schutzbereiche mögen den meisten Lesern zwar als selbstverständlich gelten, was sie zum Glück auch sind, doch sind sie derart fundamental, weshalb ich sie hier hervorheben möchte. Wie der Ausdruck Kerngehalt aus dem schweizerischen Verfassungsrecht es verdeutlicht, geht es hier um die wesentlichsten Inhalte des Grundrechts, die geschützt werden sollen.

Die Glaubens- und Gewissensfreiheit hat darüber hinaus noch viele andere Teilgehalte wie etwa die Befugnis, eine Glaubensgemeinschaft zu begründen, oder dass es erlaubt ist, die Kultushandlungen dieser Glaubensgemeinschaft autonom bestimmen zu dürfen. Gerade die letztgenannten Kultushandlungen einer Glaubensgemeinschaft erfahren in der Schweiz sogar einen strafrechtlichen Schutz. So existiert mit Art. 261 StGB ein Straftatbestand, der “Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit” heisst. Daraus wird ersichtlich, dass nebst den drei vorgenannten Teilgehalten, die den fundamentalen Kerngehalt der Glaubens- und Gewissensfreiheit bilden, insbesondere mit dem weiteren Teilgehalt der Kultusfreiheit ein ganz besonderer Schutz vorhanden ist. Jedenfalls spielen diese vier Aspekte der Glaubens- und Gewissensfreiheit eine wichtigere Rolle beim Verständnis dieses Grundrechts als die Frage, ob man seiner Lehrerin den Händedruck aus religiösen Gründen verweigern darf, oder ob die Tochter im gemischtgeschlechtlichen Schwimmunterricht teilnehmen muss oder nicht.

Wie ich eingangs erwähnt habe, widerspiegeln Verfassungen die wesentlichen Werte in einem Staatswesen. Wenn man meine bisherigen Ausführungen unter diesem Lichte betrachtet, wird man beim Beispiel der Schweiz eine liberale Werteordnung im Bereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit vorfinden. Unser Staat aber auch die allermeisten Bürger, zu denen ich mich dazuzähle, respektieren den inneren Glauben einer Person,  welcher Glaube das auch sein mag ohne jede Vorgabe, aber auch den Umstand, dass jemand überhaupt keinen Glauben haben darf, wobei dies in jeder Hinsicht und im gleichen Ausmass zulässig ist. Was man in der Schweiz überhaupt nicht duldet, weshalb man sogar einen speziellen Straftatbestand dafür geschaffen hat, sind Störungen von Kultushandlungen. Solche Taten werden als ein Angriff auf den öffentlichen Frieden empfunden und bestraft. Der Staat schützt aber nicht nur die Kultushandlungen der Gläubigen. Darüber hinaus schützt er auch die Menschen, die an einer Kultushandlung nicht teilnehmen wollen. Die Verfassung verbietet in diesem Bereich einen Zwang ausdrücklich. Kurz zusammengefasst bedeutet dies, dass es in der Schweiz so etwas wie einen Common Sense gibt, wonach jeder glauben darf, woran er will, wobei insbesondere Kultushandlungen der Gläubigen einen besonderen Schutz und damit Toleranz geniessen. Darüber hinaus ist es jedem freigestellt, überhaupt zu glauben und diejenigen, die nicht glauben, müssen an Kultushandlungen nicht teilnehmen, was ebenfalls toleriert werden muss. Sehr wichtig ist auch der Umstand, dass das Recht, aus einer Religionsgemeinschaft auszutreten und in eine andere oder in überhaupt keine beizutreten, einen absoluten Schutz geniesst.

Nach diesem Ausflug ins schweizerische Verfassungsrecht, dessen zentralen Werte im Bereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit sich von anderen modernen europäischen Verfassungsordnungen nicht sehr wesentlich unterscheiden dürften, möchte ich gewisse Aspekte des Scharia-Islam, wie dieser insbesondere auch in den vergangenen Tagen in Erscheinung trat, nach Massgabe der Werteordnungen unserer modernen Verfassungsstaaten betrachten, die ein Ausfluss unserer Grundrechte sind. Die Frage, die sich dabei stellt ist, inwieweit die Vorgaben der Scharia und die gelebte islamische Realität sich mit diesen Werten verträgt.

In Gesellschaften, in denen der Scharia-Islam massgeblich ist, wird zunächst einmal und vor allen Dingen den Scharia-Islam selbst geschützt und die Befugnis aber oft auch die Pflicht der Gläubigen, der Scharia zu folgen, dies natürlich je nach Land, Gebiet und Gruppierung in unterschiedlichster Ausprägung und Form. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Scharia dem Glauben der Angehörigen anderer Glaubensrichtungen grosse Verachtung und oft keinerlei oder wenig Respekt entgegenbringt. So gelten die Juden im Islam als Schriftfälscher, die ihre eigene heilige Schrift verfälscht hätten, indem sie die zuvor in der Tora angeblich erwähnte Ankündigung Mohammeds entfernt hätten. Den Christen wird vorgeworfen, dass sie die Lehre Jesu falsch verstanden hätten, weshalb sie als Irregehende bezeichnet werden. Den Polytheisten wird im Islam sogar das Recht auf Leben aberkannt. Nebst diesen unerhörten Einmischungen in fremde Glaubensbelange werfen sich Scharia-Muslime auch gegenseitig unislamisches Verhalten oder sogar Häresie vor. Damit meine ich nicht bloss die Sunniten und Schiiten mit ihrem nie endenden Glaubenskonflikt und ihre gegenseitige Verfolgung, insbesondere wenn sie in einem Land zusammenleben müssen. Vielmehr geht es mir um die Tatsache, dass der Islam von der überwiegenden Mehrheit der Muslime immer nur innerhalb der eigenen Paradigmen akzeptiert und verstanden wird. Was sich ausserhalb dieser Paradigmen befindet, wird als unislamisch betrachtet, womit es in der Scharia immer auch um die Frage der Rechtgläubigkeit geht, deren Existenz bei anderen bestritten wird. Für die einen ist beispielsweise die Frauenbeschneidung – oder besser die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) – unislamisch und solche, die es praktizieren, haben aus ihrer Sicht sogar den Islam falsch verstanden. Andere wiederum sehen darin eine Befugnis, womit sie aus dieser Sicht weder verboten noch befohlen ist. Zu guter Letzt gibt es solche, welche darin eine Pflicht sehen und den Gegnern der FGM ausdrücklich widersprechen. Ein weiteres schönes Beispiel ist Lamya Kaddor, die Dschihadisten, die im Westen Anschläge verüben, unislamisches Verhalten vorwirft und sogar so weit geht, dass sie diesen Muslimen den muslimischen Glauben abspricht. Dieselben Dschihadisten wiederum würden, sofern man sie mit Lamya Kaddor konfrontieren würde, angeben, dass vielmehr sie sich unislamisch verhalte, weil sie sich mit Europäern abgebe. Sie könnten Lamya Kaddor Sure 5:51 entgegenhalten: “Ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen. Siehe, Gott leitet die Frevler nicht recht.”

Der gläubige Muslim ist je nach Gesellschaft mehr oder weniger frei, inwieweit er seinen muslimischen Glauben ausüben will, wobei auch islamische Gesellschaftsstrukturen existieren, in denen es überhaupt keine Freiheit gibt. Diese Freiheit, sofern sie vorhanden ist, was nicht immer der Fall ist, kann allerdings nie mit der inneren Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben gleichgesetzt werden, wie wir dies aus der schweizerischen Bundesverfassung kennen. Einem Muslim ist es aus der Sicht der Scharia weder gestattet, seinen Glauben abzulegen noch eine andere Konfession anzunehmen. Es ist ihm auch nicht erlaubt, seinen muslimischen Glauben mit fremden Glaubensinhalten zu “bereichern”. In vielen muslimisch geprägten Ländern ist es Muslimen sogar unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich vom Islam abzuwenden. Wenn es nicht verboten ist, ist der Abfall vom Islam mindestens gesellschaftlich geächtet und teilweise werden Menschen, die sich als Atheisten outen oder sich zu einer anderen Religion bekennen, ermordet ja sogar gelyncht. Nur schon deshalb bekennen sich nicht alle Atheisten muslimischer Herkunft öffentlich zu ihrem Unglauben, weil dieser nicht toleriert wird. Es gibt nicht wenige muslimische Staatschefs, welche Atheisten sogar mit Terroristen gleichsetzen.

Ebenfalls verboten wenn nicht mindestens ganz gefährlich sind Handlungen durch Dritte, die einen Muslim zum Abkehr vom Islam animieren oder auffordern. Diese Forderung der Scharia ist so zentral, dass sie sogar in der Kairoer Erklärung für Menschenrechte im Islam Eingang gefunden hat. So sagt Art. 10: (…) “Der Islam ist die Religion der reinen Wesensart. Es ist verboten, irgendeine Art von Druck auf einen Menschen auszuüben oder seine Armut oder Unwissenheit auszunutzen, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus zu bekehren.” Solche Forderungen in einer vorgeblichen “Menschenrechtserklärung”, selbst wenn sie sich ausschliesslich auf Muslime beziehen, sind den oben aufgeführten Werten der Bundesverfassung diametral entgegengesetzt. Nicht zu glauben, aus einer Glaubensgemeinschaft austreten zu dürfen, in eine andere beizutreten, oder den Glauben ganz sein zu lassen, sind zentrale Forderungen unserer Glaubensfreiheitsordnung.

Abgesehen vom Islam selbst – und dies auch nur, sofern es sich dabei um aus eigener Perspektive eine anerkannte Form des Islam handelt – anerkennt der Scharia-Islam teilweise und nur bis zu einem gewissen Grad und je nach Region ganz unterschiedlich das Christentum sowie das Judentum als Religion an und je nach Region werden die Angehörigen dieser Religionen sogar schariakonform als Schutzbefohlene betrachtet. Praktisch in jedem muslimisch geprägten Staat werden diese religiösen Minderheiten dennoch immer wieder grundlos angegriffen und oft sogar systematisch verfolgt. Wenn ein muslimisch geprägter Staat sich überhaupt für solche religiöse Minderheiten einsetzt und diese vor Übergriffen beschützt, handelt es sich dabei im Übrigen fast ausschliesslich um alteingesessene Glaubensgemeinschaften, die in den entsprechenden Gebieten teilweise sogar vor dem Islam existierten und nicht etwa um Freikirchen oder ähnliche kirchliche Institutionen, die in Missionierungsabsicht in ein Land kommen. So hat ein Staat wie Ägypten einen ganz anderen Blick auf einen koptischen Christen als auf einen Missionar von einer amerikanischen Freikirche, der auf die wahnsinnige Idee kommen würde, in Ägypten freikirchliche Glaubensinhalte zu verbreiten.

In diesem Sinne existiert in keinem muslimisch geprägten Land ein liberales Glaubensfreiheitsverständnis, wie dies in der Schweiz oder in anderen europäischen Staaten existiert. Im Scharia-Islam werden vor allem Glaubensgemeinschaften geschützt, allen voran aber der Mehrheitsislam, wobei abweichende Formen des Islam sehr oft religiöse Verfolgung erfahren wie beispielsweise die Aleviten in der Türkei, die der Scharia nicht folgen und bei denen Frau und Mann gleichberechtigt sind. Sekundär werden – wenn überhaupt – alteingesessene Glaubensgemeinschaften geschützt und dies auch nur, weil der Koran diesbezügliche Vorgaben enthält. Mit anderen Worten ist der Fokus auf den Schutz des Scharia-Islam und dessen korrekte und ungestörte Ausübung gerichtet. Nicht zu glauben und den Islam abzulehnen, sind dabei nie Optionen, auch nicht der Wechsel zu einer anderen Konfession. Das Freiheitsverständnis der Scharia-Muslime besteht sodann hauptsächlich in der Forderung nach den Vorgaben der Scharia leben zu dürfen dass dieser gelebte Islam einen Schutz erfährt. Die Änderung des Glaubens ist nur gestattet, wenn ein “Ungläubiger”, dem angeblich die Augen geöffnet wurde, den Islam annehmen soll und niemals umgekehrt.

Diese Betrachtungsweise der Religion steht meines Erachtens im fundamentalen Widerspruch zu den wichtigsten Werten, die bei uns verfassungsrechtlich als Kerngehalte der Glaubensfreiheit geschützt werden. Der Scharia-Islam hat keinen oder sehr wenig Respekt vor dem inneren Glauben einer Person, es sei denn es würde sich um eine aus der eigenen Perspektive rechtgläubige Form des Islam handeln. Diese Respektlosigkeit betrifft nicht nur Andersgläubige wie Juden und Christen sondern auch Muslime, selbst solche, welche die gleiche islamische Glaubensrichtung haben. So kommt es vor, dass sich beispielsweise Sunniten gegenseitig unislamisches Verhalten oder sogar Häresie vorwerfen können. Die allseits bekannte Floskel “Das hat mit dem Islam nichts zu tun” ist im Übrigen nichts anderes als ein solcher muslimischer Häresie-Vorwurf gegenüber anderen Muslimen.

Dass der Scharia-Islam geradezu das Gegenteil von den mit der Glaubensfreiheit geschützten Werten bedeutet, wurde aufgrund der Reaktionen auf die Eröffnung der liberalen Ibn Ruschd-Goethe-Moschee in Berlin deutlich. Einerseits wurde den Gläubigen dieser Moschee-Gemeinde das Recht aberkannt, ihren Glauben als Islam zu bezeichnen, wie wenn es darauf so etwas wie Copyright geben würde. Dann hat man sich auch in die Kultushandlungen dieser Gemeinde eingemischt. Nachdem ich darlegen konnte, dass der Scharia-Islam im Widerspruch zu den durch den Kerngehalt geschützten Werten steht, wurde durch die massive Intoleranz gegenüber den eigenwilligen Kultushandlungen dieser neuen liberalen Moschee-Gemeinde, die wir in den letzten Tagen beobachten konnten, auch die Missachtung der für uns so wichtigen Kultusfreiheit durch den Scharia-Islam deutlich. Mit anderen Worten mischt sich der Scharia-Islam nicht nur in die Frage ein, woran ein Mensch glauben soll und welchen Islam dieser Mensch als massgeblich betrachten darf. Vielmehr mischen sich der Scharia-Islam und viele Muslime, die sie befolgen, auch in die ihnen fremde Kultushandlung ein, an der sie nicht teilnehmen müssen und bedrohen jene, die dabei teilgenommen haben, sogar mit dem Tode. Nicht nur das: Die blosse Existenz dieser Gemeinde wird in Frage gestellt und damit auch das Grundrecht der Beteiligten, eine Glaubensgemeinschaft zu begründen und zwar eine islamische Glaubensgemeinschaft nach ihren eigenen Vorstellungen, was verfassungsrechtlich geschützt wird.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Scharia-Islam und die meisten Muslime, die der Scharia folgen, die zentralsten Werte des Grundrechts der Glaubensfreiheit nicht respektieren. Damit beruht die Toleranz, die man ihnen gegenüber entgegenbringt und die Tatsache, dass man sie an unseren Freiheiten teilnehmen lässt, nicht auf Gegenseitigkeit. Während wir nicht nur die fundamentalsten Aspekte ihres Glaubens ganz im Sinne der Glaubensfreiheit anerkennen, indem wir den Muslimen wie allen anderen Menschen gestatten, ihren Gottglauben auf ihre Art und Weise zu haben und ihnen volle Kultusfreiheit gewähren, sondern uns sogar auch mit äusseren Dingen wie Kopftuch oder Burka beschäftigen, anerkennt dieses Glaubenssystem und eine grosse Zahl der Gläubigen, die ihm folgen, die fundamentalsten Werte unserer Glaubensfreiheitsordnung nicht, widerspricht diesen sogar ausdrücklich und bringt diesen Werten sogar grosse Respektlosigkeit entgegen. Für mich ist das ein fundamentaler Widerspruch und ganz anders als die meisten Verfassungsrechtler bin ich nicht bereit, diesen Umstand einfach so hinzunehmen.

Der Grundgedanke, der unseren Glaubensfreiheitsordnungen zugrunde liegt, ist die Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Diese Toleranz besteht in der bewussten Billigung von fremden Werten, die einem nicht eigen sind. So wird der Glaube an den Islam von unseren Verfassungen nicht etwa deswegen geschützt, weil wir als Nichtmuslime hinter dem Islam dennoch eine mögliche oder gar vorhandene Wahrheit vermuten. Vielmehr geht es bei dieser Toleranz um die gleichzeitig vorhandene Erwartungshaltung, dass auch diejenigen, die toleriert werden, die gleiche Toleranz gegenüber Andersgläubigen aufbringen. Da dieser Toleranzgedanke im Scharia-Islam nicht vorhanden ist, bin ich auch nicht bereit, irgendwelche Forderungen dieser Ideologie zu erfüllen, die über den absolut geschützten Kerngehalt des Grundrechts der Glaubensfreiheit und auf die Freiheit der Kultushandlung hinausgeht. Erst recht bin ich dagegen, dass diese verfassungsfeindliche Ideologie mit Staatsverträgen in den Staat eingebunden wird. Zum Glück steht dies in der Schweiz gegenwärtig nicht wirklich zur Debatte.

koran

 

 

 

Glaubensfreiheit und Scharia

Jesus und sein berühmter Onkel

Wie die meisten Leser es vermutlich bereits wissen, betrachten gläubige Muslime die Suren des Koran als das unmittelbar vom Gott ausgesprochene Wort, das dieser über den Engel Gabriel an den Propheten Mohammed offenbart habe. Das ist übrigens der Grund, weshalb der Koran beinahe vollständig in direkter Rede verfasst ist, wobei der Sprechende respektive der Erzähler, der über die Vergangenheit berichtet, nach muslimischer Vorstellung Gott höchstpersönlich ist. Der Gott im Koran gibt also nicht bloss Befehle und Anweisungen gegenüber den Menschen. Er berichtet auch über die Vergangenheit, insbesondere über biblische Persönlichkeiten wie Abraham, Moses, Jesus, Maria, Noah und sogar über ausserbiblische Berühmtheiten wie Dhu l-Qarnain. Noch nie von ihm gehört? Dabei soll es sich nach gegenwärtig herrschender Ansicht um keinen Geringeren handeln als um Alexander den Grossen!

Einige Stellen im Koran, die ich nachfolgend wiedergeben werde, sind ganz besonders interessant wenn nicht gar bis zu einem gewissen Grad sogar höchst amüsant, wenn von ganz bestimmten Personen die Rede ist und wenn man dabei ihre familiären Beziehungen untereinander in Betracht zieht.

Sure Imran 3:35, 36

“Als ʿImrāns Frau sagte: „Mein Herr, ich gelobe Dir, was in meinem Mutterleib ist, für Deinen Dienst freigestellt. So nimm (es) von mir an! Du bist ja der Allhörende und Allwissende.“

Als sie sie dann zur Welt gebracht hatte, sagte sie: „Mein Herr, ich habe ein Mädchen zur Welt gebracht.“ Und Allah wußte sehr wohl, was sie zur Welt gebracht hatte, und der Knabe ist nicht wie das Mädchen. „Ich habe sie Maryam genannt, und ich stelle sie und ihre Nachkommenschaft unter Deinen Schutz vor dem gesteinigten Satan.“”

Sure Maryam 19:27-30

“Dann kam sie mit ihm zu ihrem Volk, ihn (mit sich) tragend. Sie sagten: „O Maryam, du hast da ja etwas Unerhörtes begangen.

O Schwester Hārūns, dein Vater war doch kein sündiger Mann, noch war deine Mutter eine Hure.“

Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: „Wie können wir mit jemandem sprechen, der noch ein Kind in der Wiege ist?“

Er sagte: „Ich bin wahrlich Allahs Diener; Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht.”

Sure Maryam 19:34

“Das ist ʿĪsā, der Sohn Maryams: (Es ist) das Wort der Wahrheit, woran sie zweifeln.”

Sure 66:12

“Und (auch von) Maryam, ʿImrāns Tochter, die ihre Scham unter Schutz stellte, worauf Wir in sie von Unserem Geist einhauchten. Und sie hielt die Worte ihres Herrn und Seine Bücher für wahr und gehörte zu den (Allah) demütig Ergebenen.”

In diesen Koranzitaten geht es zunächst um Maryam (Maria) und um Jesus (Isa) und die jungfräuliche Geburt, dies im Besonderen in der Sure 66:12, in der es heisst, dass Maria ihren “Scham unter Schutz” gestellt habe, was nichts anderes bedeutet als, dass sie ihre Jungfräulichkeit behalten habe. Zuvor wird sie allerdings beschuldigt, etwas Unerhörtes getan zu haben. Ihre Mutter sei doch keine Hure gewesen, wirft man ihr vor. Mit anderen Worten wurde Maria vor der Geburt Jesu ausserehelicher Geschlechtsverkehr vorgeworfen (weil sie schwanger war), womit einmal mehr über die Jungfräulichkeit Marias die Rede ist. Maria im Koran wird quasi vom Jesuskind selbst “gerettet”, indem dieser bereits von der Wiege aus seine Propheteneigenschaft verkündet, was freilich ein Wunder ist. Dass hier tatsächlich von Maria und Jesus, die wir auch vom Neuen Testament kennen, die Rede ist, wird ganz eindeutig aus Sure 19:34 klar: “Das ist ʿĪsā, der Sohn Maryams”. Die ganze Sure ist im Übrigen dieser Maryam gewidmet. Sie heisst so!

Wenn wir die weiteren Familienverhältnisse derselben Maryam etwas genauer anschauen, wird es besonders interessant. Sie sei Schwester Haruns (Sure 19:28) und Tochter Imrans (Sure 3:35,36 und 66:12) gewesen. Die biblischen Namen dieser Personen lauten Aaron (Harun) und Amram (Imran), zwei Personen aus dem Alten Testament.

Wie soll das gehen?

Hier kommt des Rätsels Lösung!

Amrams Frau heisst Jochebed. Sie hat drei Kinder auf die Welt gebracht: Moses, Aaron und Miriam (auf Arabisch Maryam). Das geht aus dem 4. Buch Mose 26:44 hervor.

Miriam ist in der Tat die Schwester von Aaron. So heisst es in Exodus 15:20: “Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, nahm die Pauke in die Hand und alle Frauen zogen mit Paukenschlag und Tanz hinter ihr her.”

Und schliesslich heisst es in Mica 6:4: “Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus dem Diensthause erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam.”

Mit anderen Worten verwechselt der Verfasser dieser Stellen des Korans Maria (auf Arabisch Maryam), die Mutter von Jesus, mit Miriam (auf Arabisch ebenfalls Maryam), die Schwester von Aaron und Tochter von Amram!

Das bedeutet nichts anderes als, dass nach koranischer Darstellung Moses nebst Aaron ein Onkel von Jesus ist!

Jesus und sein Onkel Moses!

Bleiben wir sachlich. Kann das wirklich sein, dass Moses der Onkel von Jesus war?

Jesus ist aus der Sicht der historisch-kritischen Forschung eine historische Figur, die ungefähr zwischen 4 v. Chr. bis ca. 30 n. Chr. gelebt haben dürfte. Ich werde nun nicht näher darauf eingehen, weshalb auch ich von der Historizität von Jesus ausgehe. Jedenfalls ist das älteste erhaltene Stück aus dem Neuen Testament ungefähr aus dem Jahr 125 n. Chr. Es handelt sich um das Papyrus-Fragment 52, das ein Stück aus dem Johannesevangelium enthält. Mit anderen Worten kann auch ein Leser, der die Existenz Jesu bestreitet, davon ausgehen, dass der Jesusglaube im frühen 2. Jahrhundert sicher vorhanden war.

Die Geschichte um Moses und die Juden ist nachweislich älter, selbst wenn man den Text des Alten Testaments nicht als Quelle benützen möchte. So gibt es beispielsweise das Tel Dan Tablett aus ca. 840 v. Chr., auf dem von “Haus Davids” die Rede ist.

house-of-david_israel-museum_lmauldin.jpg

(Das im Jahr 1993 entdeckte Tel Dan Tablett, die Stelle mit “Haus Davids” ist hervorgehoben)

Dann existiert die noch ältere Merenptah-Stele aus dem Jahr 1208 v. Chr., auf dem das Wort “Israel” vorkommt: “Die Häuptlinge werfen sich nieder und rufen: Libyen ist erobert. Hatti ist befriedet. Kannan ist mit allem Übel erbeutet. Askalon ist herbeigeführt. Gezer ist gepackt. Jenoam ist zunichtegemacht. Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr.”

Merneptah_Israel_Stele_Cairo

Merenptah-Stele im Ägyptischen Museum in Kairo

Darüber hinaus gibt es bekanntlich die berühmten Qumran-Rollen vom Toten Meer, die bis ins 3. Jahrhundert vor Chr. zurückgehen.

Selbst wenn man also das Neue Testament und das Alte Testament in der heute existierenden Form als historische Quelle vollumfänglich ablehnen sollte, wie dies einige tun, dürfte es unbestritten sein, dass das Judentum wesentlich älter ist als das Christentum und damit auch die Figur Moses. Wie wir aus der ausserbiblischen Merenptah-Stele entnehmen können, hatten die Juden einst – so wie dies in der Bibel auch erzählt wird – grosse Probleme mit den Ägyptern (nachweislich im Jahr 1208 v. Chr.), wohingegen Jesus ganz klar in der Zeit der Römer anzusiedeln ist. Im Koran ist in Sure 4:157 von seiner (koranisch und islamisch bestrittener) Kreuzigung die Rede, eine Strafe, die klar auf die Römer zurückgeht.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass der Verfasser des Korans sich hinsichtlich der Identität dieser Personen massiv irrt und zwar um einige Jahrhunderte, wenn nicht gar um Jahrtausende. Moses ist eine historisch nicht nachweisbare Person aber seine Figur existierte deutlich vor der Person aber auch vor der Figur Jesus. Ich habe vorhin bewusst archäologische Artefakte als Gegenbeweis verwendet, um dem Koran nicht bloss die Bibel entgegenzuhalten. Da sich der Verfasser des Korans irrt und hier ganz offensichtlich eine Namensverwechslung vorliegt, zumal sowohl Maria und Miriam auf Arabisch Maryam bedeuten, ist es klar, dass der Koran nicht von Gott offenbart wurde, zumal sich Gott nicht irrt.

Für Nichtmuslime dürfte diese Tatsache ohnehin schon längst klar sein, weil sie eben keine Muslime sind. Ich denke, dass ich das nicht näher begründen muss. Für Muslime hingegen bedeutet dies, sofern sie diese Dinge zum ersten Mal vernehmen, dass sie vielleicht einmal die angebliche Perfektion dieses Buches und dessen angeblich göttliche Offenbarung in Frage stellen könnten, welches das angeblich unmittelbar von Gott ausgesprochene Wort enthalte.

Onkel Moses…

Bitte einfach einmal darüber nachdenken.

Jesus und sein berühmter Onkel

Die Inschrift im Felsendom – Eine kritische Analyse

Oben auf dem Tempelberg steht eines der Wahrzeichen von Jerusalem, ein Bauwerk von wahrlich bemerkenswerter Ausstrahlung: Der Felsendom. Als ich 2015 die Stadt besuchte, konnte ich meine Augen von ihm nicht abwenden, sobald er in Sichtweite war und ich hatte mir sogar ein Hotelzimmer geleistet mit direktem Blick auf den Felsendom, damit ich ihn die ganze Zeit sehen konnte, solange ich in Jerusalem verweilte. Die unbeschreibliche Schönheit dieses Bauwerks insbesondere zu unterschiedlichen Tageszeiten und damit bei verschiedenen Lichtverhältnissen kann man schwer in Worte fassen. Besichtigt habe ich den Felsendom leider nicht und habe die Inschriften, die sich darin befinden, mit denen ich mich im Nachfolgenden eingehend befassen werde, zu meinem grossen Unglück nicht gesehen.

IMG_0062

(Meine Zimmeraussicht in Jerusalem auf den Felsendom, 2015)

Die Stadt Jerusalem gilt als – wie man auch immer wieder aus den Medien vernehmen kann – als die drittheiligste Stätte im Islam, nebst Mekka und Medina. Eine zentrale Rolle spielen dabei zwei Bauwerke, die sich beide auf dem Tempelberg befinden. Das eine ist der vorerwähnte Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und das andere die Al-Aqsa Moschee, die teilweise von unkundigen Laien mit dem Felsendom gleichgesetzt wird. Damit allfällige Verwechslungen von Anfang an vermieden werden, hier ein Bild der Al-Aqsa Moschee.

IMG_0090

(Al-Aqsa Moschee, 2015)

Der Felsendom wurde gemäss heutigem Forschungsstand und je nach Berechnung ungefähr zwischen den Jahren 687 und 694 unserer Zeitrechnung errichtet und gilt damit als eines der ältesten Bauwerke des Islam. Ein gewisser Abd al-Malik, der von der Tradition als ein einflussreicher Ummayadenkalif angesehen wird, hat ihn bauen lassen. Ob Abd al-Malik, der eine der ersten wenigen fassbaren Personen in der Geschichte des Frühislam ist, tatsächlich ein Kalif im heute verstandenen Sinne war, kann meines Erachtens angezweifelt werden, genauso wie die Angabe, dass seine Religion tatsächlich Islam im heutigen Sinne war. Unbestritten ist aber auf jeden Fall und dies im Einklang mit der Tradition, dass er und kein anderer dieses  Bauwerk errichten liess, genauso wie die Al-Aqsa-Moschee. Papyri aus Aphrodito in Oberägypten verweisen darauf, dass die Arbeiten bei diesem letzteren Bauwerk zwischen 706 und 717 stattgefunden hätten. Mit anderen Worten hat Abd al-Malik zuerst den Felsendom und erst dann die Al-Aqsa Moschee bauen lassen, was aus meiner Sicht eine Priorisierung darstellt. Die Tradition mag dies bestreiten mit der Angabe, wonach an der Stelle der Al-Aqsa Moschee eine frühere Baute stand. Dafür gibt es allerdings keine wissenschaftlich verwertbaren Beweise.

Der Felsendom wurde seit seiner Errichtung immer wieder renoviert und insbesondere das Äussere hat dabei viele Veränderungen erfahren, zuletzt im Jahr 1990. Weitestgehend unverändert ist jedoch das Innere des Sakralbaus geblieben, der übrigens keine Moschee ist. Zu erkennen ist im Inneren insbesondere eine seit dem Bau des Felsendoms unverändert gebliebene Inschrift, die sich als zweifaches Schriftband in der Höhe um das oktagonförmige Innere des Bauwerks zieht. Das Besondere an dieser Inschrift ist, dass sie aufgrund des Alters des Felsendoms zu den ältesten erhaltenen Schriftzeugnissen des Frühislam gehört.

Älter ist nur das neuentdeckte Koranfragment “Birmingham Koran“, das gemäss Radiokarbondatierung zwischen 568 und 645 geschrieben wurde, was von der Tradition in Frage gestellt wird, weil der Prophet Mohammed bekanntlich zwischen den Jahren 570 und 632 gelebt haben soll und diese Datierung damit die Annahmen der Tradition fraglich erscheinen lässt. Ferner gibt es die 1972 entdeckten Koranfragmente aus Sana’a, die zwischen den Jahren 632 und 671 verfasst wurden, die im Übrigen viele Abweichungen vom heute “geltenden Koran” enthalten. Dann existiert noch das Tübingen-Fragment, das zwischen 649 und 675 geschrieben wurde und nur wenige Verse aus dem Koran enthält. Die ebenfalls sehr alten Manuskripte wie der kufische Koran aus Samarkand, der Topkapı Codex und der Codex Parisino-petropolitanus wurden allesamt später verfasst als die Inschrift im Felsendom aus dem Jahr ca. 694. Ganz nebenbei bemerkt, enthält der Topkapı Codex gemäss Untersuchung von Tayyar Altıkulaç, dem Chef der allseits bekannten Diyanet in den Jahren 1978 bis 1986, insgesamt 2270 Stellen, die von der heute geltenden Kairoer Version des Koran abweichen. Erstaunlich viel, wenn man bedenkt, dass dieses Buch seit der angeblichen Offenbarung angeblich nie eine Änderung erfahren habe! Auf die Begründung von Tayyar Altıkulaç, der in diesen Abweichungen keine Probleme für die Tradition sieht, möchte ich hier nicht einmal eingehen.

Die Inschrift im Felsendom besteht aus Versen aus unterschiedlichsten Stellen des Koran, die aneinandergereiht sind, allerdings mit Einschüben von einzelnen Sätzen, die man keiner konkreten Koranpassage zuordnen kann. Ich möchte, bevor ich den Text, so wie die Tradition ihn übersetzt, wiedergebe, vorwegnehmen, dass wir es mit dem Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik zu tun haben werden. Ich tue dies aus dem einfachen Grund, weil ich möchte, dass der Leser diese Tatsache vom ersten Satz der Inschrift an bis zum Schluss im Gedächtnis behält. Ich bitte den Leser, sich bei der Lektüre der Inschrift immer wieder die Frage zu stellen, woraus dieses Glaubensbekenntnis besteht, von wem genau darin die Rede ist und wer damit angesprochen wird. Dieses Glaubensbekenntnis spielt bei der Entstehung des Islam eine enorm wichtige Rolle, worauf ich anschliessend eingehen werde. Die Übersetzung habe ich mehrheitlich aus Wikipedia übernommen, die sich auf anerkannte Koranübersetzungen abstützt. Allfällige Abweichungen von anderen traditionellen Übersetzungen werden, so wie gleich anschliessend zu sehen sein wird, nicht wirklich eine Rolle spielen.

Inschrift

(Ein kleiner Ausschnitt der Inschrift im Felsendom ist beim oberen Bildrand dieses Fotos zu sehen)

Inschrift der inneren oktagonalen Arkade:

“Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Er hat die Herrschaft (über die ganze Welt). Ihm sei Lob! Er macht lebendig und lässt sterben und hat zu allem die Macht.

Muḥammad ist der Diener Gottes und sein Gesandter. Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn), wie es sich gehört! Möge Gott über ihn den Segen sprechen. Heil sei über ihm und die Barmherzigkeit Gottes.

 Ihr Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Gott nichts aus, als die Wahrheit! Der Messias Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm.

Darum glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht (von Gott, dass er in einem) drei (sei)! Hört auf (so etwas zu sagen)! Das ist besser für euch. Gott ist nur ein einziger Gott. Gepriesen sei er! (Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben. Ihm gehört (vielmehr alles), was im Himmel und auf der Erde ist. Und Gott genügt als Sachwalter. Der Messias wird es nicht verschmähen, ein (bloßer) Diener Gottes zu sein, auch nicht die (Gott) nahestehenden Engel. Und wenn einer es verschmäht, Gott (w. ihm) zu dienen und (zu) hochmütig (dazu) ist (hat das nichts zu bedeuten). Er wird sie (d. h. die Menschen) (dereinst) alle zu sich versammeln.

 Herr, sprich den Segen über Deinen Gesandten und Diener Jesus dem Sohn der Maria. Heil sei über ihm am Tag, da er geboren wurde, am Tag, da er stirbt, und am Tag, da er (wieder) zum Leben auferweckt wird!

Dies ist Jesus, der Sohn der Maria – um die Wahrheit zu sagen, über die sie (immer noch) im Zweifel sind. Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen. Gepriesen sei er! Wenn er eine Sache beschlossen hat, sagt er zu ihr nur: sei!, dann ist sie. Gott ist mein und euer Herr. Dienet ihm!

Das ist ein gerader Weg.Gott bezeugt, dass es keinen Gott gibt außer ihn. Desgleichen die Engel und diejenigen, die das (Offenbarungs)wissen besitzen. Er sorgt für Gerechtigkeit. Es gibt keinen Gott außer ihm. Er ist der Mächtige und Weise. Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam. Und diejenigen, die die Schrift erhalten haben, wurden – in gegenseitiger Auflehnung – erst uneins, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war. Wenn aber einer nicht an die Zeichen Gottes glaubt, ist Gott schnell im Abrechnen.”

Inschrift der äusseren oktagonalen Arkade:

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Sprich: Gott ist Einer, ein ewig reiner, hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, und nicht ihm gleich ist einer. Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Gott und seine Engel sprechen den Segen über den Propheten. Ihr Gläubigen! Sprecht (auch ihr) den Segen über ihn und grüßt (ihn), wie es sich gehört!

Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Lob sei Gott, der sich kein Kind (oder: keine Kinder) zugelegt hat, und der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat, und keinen Freund (der ihn) vor Erniedrigung (schützen müsste)! Und preise ihn allenthalben!

Muḥammad ist der Gesandte Gottes. Möge Gott und seine Engel und seine Gesandten über ihm den Segen sprechen. Und Heil sei über ihm und Gottes Barmherzigkeit. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Er hat keinen Teilhaber (an der Herrschaft). Er hat die Herrschaft (über die ganze Welt). Ihm sei Lob! Er macht lebendig und lässt sterben und hat zu allem die Macht.

Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen und er (wird) seine Fürbitte für sein Volk am Tage der Auferstehung annehmen. Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Es gibt keinen Gott außer Gott allein. Muḥammad ist der Gesandte Gottes, möge Gott über ihn den Segen sprechen. Erbaut hat diese Kuppel der Diener Gottes ʿAbd [Allāh der Imām al-Maʾmūn, der Befehlshaber] der Gläubigen, im Jahre zwei und siebzig. Möge Gott (es) von ihm annehmen und an ihm Wohlgefallen haben. Amen, Herr der Menschen in aller Welt. Gott gebührt Lob.”

Christoph Luxenberg, ein deutscher Linguist arabischer Herkunft, der seine Arbeiten  aus nachvollziehbaren Gründen unter einem Pseudonym veröffentlicht, hat im Jahr 2000 ein mittleres Erdbeben bei den traditionellen Islamwissenschaften verursacht, die insbesondere seit der Mitte des letzten Jahrhunderts mehr oder weniger (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen) sklavisch der Geschichtsdarstellung der islamischen Tradition, d.h. der islamischen Theologie, folgte. Auf der Grundlage der Erkenntnisse seines damals erschienenen Werkes “Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschüsselung der Koransprache” sind viele weitere Werke auch von zahlreichen anderen Autoren entstanden. In einem Aufsatz in einer Publikation der Inarah-Gruppe mit dem Titel “Die dunklen Anfänge” hat Luxenberg eine neue Übersetzung der oben aufgeführten Inschriften im Felsendom geliefert, von denen ich einige wenige nachfolgend zitieren werde. Bevor ich das tue, möchte ich jedoch kurz auf die Übersetzungsmethode von Luxenberg eingehen.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Methode des Linguisten Luxenberg, wie sie in seinem Buch “Die syro-aramäische Lesart des Koran – Ein Beitrag zur Entschüsselung der Koransprache” beschrieben wird, eine sprachwissenschaftliche Methode ist. Wer darin nach Islamkritik oder etwas Ähnlichem sucht, dürfte enttäuscht werden. Sein Vorgehen umfasst mehrere Schritte, wobei zu erwähnen ist, dass er in der Zwischenzeit seine Methode weiterentwickelt hat. Wenn ich hier schreiben würde, dass Luxenberg einfach nur den Koran auf Syro-Aramäisch lese, würde ich dem Autor und seiner Methode nicht gerecht werden. Seine Methode ist komplex, für Laien wie die meisten Leser dieses Buches, zu denen ich mich dazuzähle, aufgrund mangelnder Fachkenntnisse nicht immer zu 100% verständlich; aber seine Ergebnisse und seine Herleitungen sind wissenschaftlich und im Ergebnis nachvollziehbar für jeden, der eine höhere Bildungseinrichtung besucht hat und in der Lage ist, wissenschaftliche Arbeiten zu lesen. Da dieses Buch durch und durch wissenschaftlich ist, konnte jedenfalls bisher niemand seine Methode und seine Übersetzungen ernsthaft in Frage stellen, wenn man von der “Kritik” der traditionellen Islamwissenschaftler, deren Felle durch diese Publikation wegschwimmen und von den entsetzten Theologen, welche die Darstellung der Tradition verteidigen, absieht.

Luxenberg, dessen Arbeit sich meines Wissens bisher nur oder mindestens hauptsächlich auf die früheren sog. “mekkanischen” Suren beschränkt, geht davon aus, dass der Urtext des Korans zum Zeitpunkt seiner Niederschrift (ca. 6. Jh.) in der damaligen Lingua Franca, namentlich im Syro-Aramäischen, verfasst wurde und nicht etwa auf Arabisch. Folgerichtig gehen die meisten, die Luxenbergs Ansichten folgen, davon aus, dass der Koran nicht etwa im heutigen Saudi Arabien sondern im heutigen Zweistromland verfasst wurde. Die Schriftzeichen dieser Sprache haben eine grosse Ähnlichkeit mit den alten Schriftzeichen wie diejenigen im Felsendom, welche die sog. diaktrischen Punkte nicht enthalten, welche später als eine Art Lesehilfe in den Korantext eingebaut wurden. Darüber hinaus haben beide Sprachen sehr grosse Ähnlichkeiten, weil sie die gleichen sprachlichen Wurzeln haben. Luxenberg liest daher den Koran, den er von diesen späteren Ergänzungen befreit, auf Syro-Aramäisch und sucht dabei auch nach sehr ähnlich aussehenden Buchstaben im Text, die bei der handschriftlichen Übertragung allenfalls verwechselt wurden. Die Lektüre des Korantextes durch Luxenberg mit dieser Methode erfolgt nicht willkürlich, wie meine laienhafte Beschreibung den Eindruck erwecken könnte. Die Methode Luxenbergs ist wesentlich komplexer und exakter, als ich es als Nichtlinguist hier in kurzen Worten zu beschreiben vermag. Auf diese Art und Weise bekommen jedenfalls gewisse Ausdrücke im Koran einen völlig anderen Sinn, als dies von der Tradition angenommen wird. Die Tradition hingegen stützt sich bei ihrer Koraninterpretation, wenn es um die Bedeutung eines einzelnen Wortes geht, auf namhafte Theologen wie at-Tabari, die lange nach der Entstehung des Koran gelebt haben und deren Interpretationen aus nachvollziehbaren Gründen theologisch motiviert sind oder auf die Hadithe.

Das Verblüffende bei der Arbeit von Luxenberg sind seine Ergebnisse. Vieles ergibt plötzlich einen Sinn, was zuvor ohne Beizug der rund 200 Jahre nach der Niederschrift des Koran entstandenen Hadithe keinen Sinn ergab. Mit anderen Worten wird der Koran auch ohne den Offenbarungszusammenhang, den die Hadithe herstellen, verständlich. Das Erstaunlichste dabei ist, dass Luxenberg mit dieser Methode sogar in der Lage ist, Stellen des Korans zu übersetzen, die zuvor niemand verstand (sog. “dunkle Suren”).

Gehen wir zurück zur Inschrift des Felsendoms, in der es – wie der Leser es selbst lesen konnte – in erster Linie um Jesus geht, wenn man von den Einschüben absieht, in der es immer wieder heisst “Mohammed ist der Gesandte Gottes“. Wenn man diese Einschübe vom Text entfernt und zusätzlich noch den Satz “Als (einzig wahre) Religion gilt bei Gott der Islam“, gibt es auch in der traditionellen Übersetzung dieses Glaubensbekenntnisses nichts, was originär islamisch istDa der Tempelberg, der nach islamischer Vorstellung eine zentrale Rolle im Islam spielt (insbesondere auch die al-Aqsa Moschee; Stichwort Himmelfahrt Mohammeds auf dem pferdeähnlichen Reittier Buraq), sollte bereits die traditionelle Übersetzung der Inschrift erstaunen. Im Text – auch im Sinne der traditionellen Übersetzung – geht es in erster Linie um Jesus und um die korrekte Jesusverehrung aus der Sicht Abd al-Maliks, die immer wieder unterstrichen wird, aber von der Gottesverehrung streng unterschieden wird. Mohammed ist der grosse Abwesende, wenn man das ständig wiederholte “Mohammed ist der Gesandte Gottes” ausklammert. Über weitere Eigenschaften vom Propheten Mohammed wird nicht gesprochen.

Luxenberg hingegen übersetzt “mohammad” nicht im Sinne eines Eigennamen einer Person sondern als Gerundiv. Aus “Muḥammad ist der Diener Gottes und sein Gesandter” wird bei ihm “Gelobt sei der Knecht Gottes und sein Gesandter” (statt gelobt kann auch “Zu preisen” verwendet werden). Den Satz “Als Religion gilt bei Gott der Islam” übersetzt er mit “Als das Rechte gilt bei Gott die Übereinstimmung mit der Schrift”. Unter dem Ausdruck “Islam” ist bei dieser Übersetzung also nicht etwa “Unterwerfung” zu verstehen, wie viele diesen Begriff übersetzen sondern “Übereinstimmung (mit der Schrift)”. Durch diesen Begriff wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Art der Jesusverehrung mit der Schrift übereinstimmt, die von Gott offenbart wurde und nicht etwa die Art und Weise, wie die Christen Jesus ansehen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass Luxenberg in seiner Arbeit insbesondere die Tatsache, dass er die von der Interpretation der Tradition abweichenden Stellen sorgfältig begründet. Er macht dies in seinem Aufsatz mit dem ganzen Text, den ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht vollständig wiedergeben möchte. Ich kann die Lektüre des ganzen Buches allen meinen Lesern wärmstens empfehlen. Es gibt weitere Abweichungen in der Übersetzung, aber die wirklich Entscheidenden sind die Vorgenannten.

Unter dem “zu lobenden” (mohammad) Knecht Gottes ist nach diesem Verständnis kein geringerer zu verstehen als Jesus, von dem im Text ohnehin die ganze Zeit die Rede ist. Jesus ist der Knecht Gottes und sein Gesandter. Das ist übrigens selbst nach dem Verständnis der Tradition keine unbekannte Aussage. So sagt das Jesuskind in Sure 19:30 des Korans sogar selbst: “Ich bin der Knecht Allahs, er hat mir die Schrift gegeben und mich zum Propheten gemacht.”

Wie ich weiter oben ausgeführt hatte, handelt es sich hier um das Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik und es sprechen sehr gute Gründe dafür, dass er damit wohl eher das meinte, was Luxenberg darunter versteht, als das, was die Tradition aus dieser Inschrift ableitet. Einzelne Autoren, welche die Position der Tradition ablehnen, gehen so weit, dass sie Abd al-Malik, in dessen Glaubensbekenntnis Jesus die Hauptperson ist, als einen Christen bezeichnen. Ich persönlich lehne diese Bezeichnung ab, weil das Christsein doch allzu sehr mit dem Kreuztod und der anschliessenden Auferstehung Jesu verbunden ist, was in diesem Glaubensbekenntnis überhaupt keine Rolle spielt. Vielmehr geht es hier um eine besondere und von der christlichen Methode abweichenden Form von Jesusverehrung. Jesus wird im Text immer wieder lobpreist (insbesondere durch den Begriff mohammad) und er wird als Messias bezeichnet oder als Knecht Gottes, was ein Ehrentitel für Jesus war. Gleichzeitig empört sich die Inschrift aber über die christliche Trinitätslehre und wie trinitarische Christen Jesus sehen. Ausdrücke wie “Er hat keine Teilhaber”, “Es gibt keinen Gott ausser Gott allein” (Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses), “Lob sei Gott, der sich kein Kind zugelegt hat, und der keinen Teilhaber an der Herrschaft hat”, “(Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben”, “Dies ist Jesus, der Sohn der Maria (…)” (also nicht Sohn Gottes!), “Sprich: Gott ist Einer, ein ewig reiner, hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, und nicht ihm gleich ist einer” und “Es steht Gott nicht an, sich irgendein Kind zuzulegen” sind einige der antitrinitarischen Botschaften im Text. Mit anderen Worten haben wir es hier mit einem Glaubensbekenntnis zu tun, in dem Jesus als Gesandter Gottes im Mittelpunkt steht, dem durchaus eine Messiaseigenschaft zugerechnet wird. Gleichwohl wird die Trinitätslehre der Byzantinischen Kirche, die sich nach dem Konzil von Nicäa (325) allmählich zu durchsetzen begann, ausdrücklich und sehr heftig abgelehnt. Im Zentrum steht dabei die strenge Ablehnung der Gottessohneigenschaft Jesu. Die Inschrift liest sich damit wie die Gründungsurkunde einer Oppositionspartei, einer Opposition gegen die Byzantinische Kirche respektive gegen die von ihr vertretene Trinitätslehre.

Es sprechen sehr gute Gründe dafür, dass das Glaubensbekenntnis von Abd al-Malik, so wie wir es auf dem Felsendom finden, die eigentliche Grundlage für die noch zu entstehende Religion Islam war. Dies geschah dann, als aus der Lobpreisung mohammad plötzlich ein Personenname Mohammad wurde. Das ist wie wenn man anfangen würde, “Beatus ille homo est” statt mit “Jener Mann ist glücklich”  zu übersetzen, mit “Jener Mann ist Beat” übersetzen würde. Die Verselbständigung respektive die Loslösung einer eigenständigen Mohammed-Figur von der Jesus-Figur erfolgte in erster Linie durch die Hadith-Literatur und durch die Sira (fromme Prophetenbiographie), die sich erst nach Abd al-Malik allmählich durchsetzte. Als dieser Prozess abgeschlossen war, war der Islam, so wie wir ihn heute kennen, so ca. um die Jahrtausendwende geboren. Das soll freilich nicht heissen, dass sich der Islam seither nicht in einem Prozess befinden würde. Ganz im Gegenteil. Erhebliche Änderungen finden sogar noch heute vor unserer Nase statt.

Man kann nun meine Ausführungen über Luxenbergs Interpretation dieser Inschrift und seine Übersetzungsvorschläge, seine Arbeit und überhaupt praktisch alles ablehnen, was ich bisher geschrieben habe. Man kann von mir aus an die Existenz eines arabischen Propheten Mohammed glauben und sogar, dass ihm der Koran von Gott über den Engel Gabriel offenbart worden sei und damit muslimischen Glaubens sein. Nichtsdestotrotz kann niemand ernsthaft bestreiten, dass die Kernbotschaft dieses Glaubensbekenntnisses im Felsendom eine Ablehnung des trinitarischen Jesus-Glaubens darstellt, die sowohl gegenüber den Gläubigen als auch gegenüber den Ungläubigen (Christen) verkündet wird. Die Ablehnung der christlichen Trinitätslehre ist damit – unabhängig davon, ob man den Interpretationen Luxenberg folgt oder nicht – fest im Islam verankert. Sie spielt dabei eine geradezu zentrale Rolle, wobei diese Tatsache von Nichtmuslimen, die den Islam nicht kennen, meines Erachtens unterschätzt wird. Wie wichtig und zentral diese Ablehnung ist, kann aus den nachgenannten drei Gründen (es gibt noch weitere Beispiele) ohne weiteres geschlossen werden:

  1. Der Felsendom, von dem in der vorliegenden Abhandlung die Rede war, ist eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam. Die Inschrift im Felsendom handelt – selbst wenn man nicht Luxenberg sondern der Übersetzung der Tradition folgt – in erster Linie von der korrekten und der falschen (d.h. trinitarischen) Jesusverehrung.
  2. Das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, ist die erste der fünf Säulen des Islam. Sie lautet traditionell übersetzt wie folgt: “Es gibt keinen Gott ausser Gott, Mohammad ist sein Gesandter”. Luxenberg würde die Stelle freilich mit “Es gibt keinen Gott ausser Gott, gelobt sei sein Gesandter” (Jesus) übersetzen. Selbst wenn man dieser Übersetzung nicht folgt, ist “Es gibt keinen Gott ausser Gott” eine klare antitrinitarische Aussage. Sie bedeutet nichts anderes als, dass es keinen Vater, Sohn und Heiligen Geist gebe, sondern nur einen Gott. Neben ihm gibt es zwar noch den Gottesknecht Jesus, der als Prophet zu verehren ist, als Gottes Gesandter, als Messias und als Marias Sohn aber eben nicht als Gottes Sohn. Er ist auch kein Teilhaber (an dieser Göttlichkeit), wie dies auch in der Inschrift des Felsendoms betont wird.
  3. Das islamische Hauptgebet in der Sure al-Fatiha, die aufgrund der zentralen Bedeutung dieser Sure im Islam, die erste Sure des Korans bildet, enthält den nachfolgenden Satz, das von gläubigen Muslimen, die das fünfmalige tägliche Gebet verrichten, mehrmals wiederholt wird: “Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!” Unter denjenigen, die den Zorn Gottes erregt haben sollen, sind nach unstrittiger theologischer Auffassung, die sich auch auf Koranstellen abstützt, die Juden und unter denjenigen, die irregehen, die trinitarischen Christen gemeint. Die Letzteren irren sich nach dieser Vorstellung deshalb, weil sie die Bedeutung von Jesus angeblich völlig falsch interpretieren.

Nach dieser umfangreichen Darstellung, in der ich mich auf die Inschrift im Felsendom konzentriert habe, möchte ich zum Schluss meinen Lesern mitteilen, welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Insbesondere geht es um die Frage, was Islam ist und auf welche theologische Grundlage er zurückgeht.

Islam ist aus meiner Sicht eine alternative theologische Betrachtungsweise von Jesus und von den abrahamitischen Propheten und ihrer Botschaften, welche die theologischen Interpretationen der Vorgängerreligionen, namentlich die des Judentum und des Christentum, ablehnt. Den Juden wird dabei Schriftfälschung vorgeworfen und den Christen ein Missverständnis über die Natur Jesu. Diese angeblich korrekte Betrachtungsweise erfolgt “in Übereinstimmung mit der Schrift” (Islam), die von Gott in der Form von Tawrat (Tora) und Indschil (Evangelium) offenbart wurde. Diese Betrachtungsweise der abrahamitischen Religionen aber auch die Niederschrift des Koran erfolgte zunächst nicht etwa im heutigen Saudi Arabien sondern durchaus in einem urbanen Umfeld, was man aus dem Korantext entnehmen kann, und zwar in der syrischen Heimat von Abd al-Malik.  Diesbezüglich möchte ich lediglich darauf hinweisen, dass das Wort Mekka im Koran kein einzigen Mal vorkommt. Stattdessen wird die Ortschaft Baka im Koran als Mekka interpretiert. Ganz ursprünglich stammt diese Sekte vermutlich aus Marw, einem Ort, der sich im heutigen Turkmenistan befindet. Die Niederschrift des Korans im heutigen Syrien dürfte spätestens im 6. Jahrhundert erfolgt sein. Erst später, ca. zu Beginn des 9. Jahrhunderts, hat sich aus dem Ehrentitel für Jesus “mohammad” eine selbstständige und von diesem unabhängige Person namens Mohammed entwickelt. Dieser neu entstandenen Person wurden durch die Hadithe und die Sira eine Reihe von Eigenschaften und Taten angedichtet, welche die ursprüngliche Figur, namentlich Jesus, unkenntlich machten. Als dieser Prozess abgeschlossen war, war eine neue Religion entstanden, die wir als Islam bezeichnen können.

Ob man nun die Historizität von Mohammed verneint, so wie ich es tue, oder bejaht, so wie die meisten es tun (darunter auch die meisten Islamkritiker) und dabei – ohne es zu merken – Hadith- und Siraquellen folgen, die ca. 200 Jahre nach den angeblichen Ereignissen um einen angeblichen arabischen Propheten namens Mohammed verfasst wurden, spielt aber im Ergebnis keine Rolle. Islam ist – selbst wenn man ihn historisch-kritisch interpretiert und sogar soweit geht, dass die Person des Propheten Mohammed verschwindet aber auch im umgekehrten Fall – eine Lehre, in der die Ablehnung der vorhandenen Buchreligionen, wie diese von den Angehörigen dieser Religionen selbst interpretiert werden, eine zentrale Rolle spielt. Auch in dieser Urform ist im Islam damit, der frei von einem Krieg führenden, mordenden, plündernden und versklavenden Propheten Mohammed ist, ein Problem verankert, was den Islam aus meiner Sicht unreformierbar macht. Er mag zwar auch ohne einen Propheten Mohammed existieren können. Wenn man aber zusätzlich noch die strikte Ablehnung der Interpretationen der Angehörigen anderer Buchreligionen vom Islam ausklammert, bleibt vom Islam aus meiner Sicht nicht viel übrig. Islam bedeutet aus der Sicht der Muslime aber auch aus dem Blickwinkel der historisch-kritischen Forschung immer Rechtgläubigkeit, was damit implizit anderen Religionsangehörigen einen falschen Glauben, Schriftfälschung, Unverständnis und ja sogar Verrat vorwirft.

 

 

 

 

Die Inschrift im Felsendom – Eine kritische Analyse

„Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet!“- Islamkritische Bemerkungen zu einem Koranzitat

Am 14. Juni 2017 haben rund 300 Imame der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich (IGGÖ) in Wien-Floridsdorf medienwirksam eine “Deklaration gegen Extremismus und Terror” unterzeichnet, die zuvor vor laufender Kamera verlesen wurde. Die Erklärung, die hier abgerufen werden kann, fing mit einem Koranzitat an. Hier die ersten Sätze aus der viel beachteten Deklaration der österreichischen Imame:

“‘Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet! Und wer einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet!‘ (Koran 5:32)”

Ich habe diese von Islamapologeten immer wieder gerne zitierte Koranstelle aus der Sure 5:32, die insbesondere bei den Nichtmuslimen den Eindruck erwecken soll, dass der Islam eine Religion des Friedens sei, gemäss welcher angeblich jedes einzelne menschliche Lebewesen als so wertvoll wie die gesamte Menschheit betrachtet werde, in einem früheren Blog-Artikel schon einmal thematisiert. Da dieses Zitat bei dieser Deklaration eine besondere Rolle spielt, zumal sie immerhin damit beginnt, werde ich mich damit – auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – nochmals aber dieses Mal etwas vertiefter auseinandersetzen.

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Zitat von Islamapologeten immer – das meine ich durchaus wörtlich – völlig aus dem Zusammenhang gerissen und unvollständig wiedergegeben wird, wie auch in der Deklaration der österreichischen Imame. Normalerweise müssen sich Islamkritiker wie ich uns immer wieder den Vorwurf anhören, wonach wir beispielsweise eine Gewaltpassage oder eine andere haarsträubende Unzulänglichkeit aus dem Koran “völlig aus dem Zusammenhang” zitiert hätten. Was hier diesen gegenüber uns vorgebrachten Vorwurf übertreffen dürfte, ist die Tatsache, dass diese Koranstelle von den Islamapologeten ihrerseits nicht nur immer völlig aus dem Zusammenhang zitiert sondern stets – das meine ich auch wörtlich – auch unvollständig wiedergegeben wird, übrigens auch von den österreichischen Imamen in ihrer Deklaration.

Bei der islamapologetischen Wiedergabe der Koranstelle wird regelmässig nicht nur der Anfang und der Schluss von Sure 5:32 nie zitiert. Vielmehr fehlt immer auch ein wichtiger Satz respektive Teilsatz dazwischen, der ganz offensichtlich bewusst weggelassen wird, damit Nichtmuslime, die mit diesem Slogan beschwichtigt und von der angeblichen Friedfertigkeit des Islam überzeugt werden sollen, bloss nicht auf falsche Gedanken kommen. Hier ist Sure 5:32 vollständig wiedergegeben, wobei die Stellen, die in der Deklaration der österreichischen Imame fehlen, in fetter Schrift festgehalten wurden:

Sure 5:32

Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Isrāʾīls vorgeschrieben: Wer ein menschliches Wesen tötet, ohne (daß es) einen Mord (begangen) oder auf der Erde Unheil gestiftet (hat), so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer es am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält. Unsere Gesandten sind bereits mit klaren Beweisen zu ihnen gekommen. Danach aber sind viele von ihnen wahrlich maßlos auf der Erde geblieben.”

Mit anderen Worten unterlassen die österreichischen Imame geflissentlich, dass Gott  hier mit dieser Vorschrift nicht etwa die Muslime anspricht, wobei für den unkundigen Leser noch zu erwähnen ist, dass der Sprechende im Koran aus islamischer Sicht Gott höchstpersönlich ist. Vielmehr habe dieser Gott den Juden (Gott spricht hier in der Vergangenheitsform!) diese Dinge vorgeschrieben. Nachdem er dies den Juden befohlen habe, hätten sich diese gemäss Angaben dieses Gottes allerdings masslos verhalten, obwohl mehrere seiner Gesandten mit klaren Beweisen zu ihnen gekommen seien. Diese antisemitischen Inhalte der Sure 5:32 bleiben von den österreichischen Imamen völlig unerwähnt.

Was die österreichischen Imame ebenfalls nicht ansprechen ist, dass in der Sure 5:32 offenkundig die Todesstrafe gerechtfertigt wird, wobei diese Stelle wohl deshalb nicht zitiert wird, um den Eindruck, den man erwecken will, nicht zu trüben. Die Todesstrafe ist einerseits für Mörder vorgeschrieben, was in einem so alten Buch nicht erstaunlich ist und deshalb nicht wirklich schockieren sollte. Andererseits sei sie aber auch für Menschen vorgeschrieben, die auf der Erde Unheil angestiftet hätten. Unter “auf der Erde Unheil angestiftet haben” kann man sich natürlich vieles vorstellen. Wer aber im Koran damit gemeint ist, geht aus derselben Sure 5 klar hervor, indem sie dort namentlich genannt werden.

Sure 5:64

“Und die Juden sagen: „Allahs Hand ist gefesselt.“ Ihre (eigenen) Hände seien gefesselt und sie seien verflucht für das, was sie sagen. Nein! Vielmehr sind Seine Hände (weit) ausgestreckt; Er gibt aus, wie Er will. Was zu dir (als Offenbarung) von deinem Herrn herabgesandt worden ist, wird sicherlich bei vielen von ihnen die Auflehnung und den Unglauben noch mehren. Und Wir haben unter ihnen Feindschaft und Haß erregt bis zum Tag der Auferstehung. Jedesmal, wenn sie ein Feuer zum Krieg anzünden, löscht Allah es aus. Und sie bemühen sich, auf der Erde Unheil zu stiften. Aber Allah liebt nicht die Unheilstifter.”

Ich werde später noch weitere antisemitische aber auch christenfeindliche Inhalte aus der Sure 5 (al-Maida) wiedergeben. Bleiben wir aber noch bei der Koranstelle, die von den österreichischen Imamen offensichtlich aus ganz bestimmten Gründen unvollständig wiedergegeben wird. Einerseits unterschlagen sie damit die Tötungsbefehle von Sure 5:32 und andererseits die Tatsache, dass die Gebote, keine Menschen zu töten und Menschen zu retten gemäss Koran gegenüber den Juden und nicht etwa gegenüber den Muslimen ausgesprochen worden seien, wobei die Juden diese Vorschriften allerdings missachtet hätten.

Jetzt fehlt nur noch der weitere Zusammenhang im Text. Nach dem letzten Satz von Sure 5:32 (“Unsere Gesandten sind bereits mit klaren Beweisen zu ihnen gekommen. Danach aber sind viele von ihnen wahrlich maßlos auf der Erde geblieben “), wo klar die Juden gemeint sind, geht es in Sure 5:33-34 nämlich wie folgt weiter:

“Der Lohn derjenigen, die Krieg führen gegen Allah und Seinen Gesandten und sich bemühen, auf der Erde Unheil zu stiften, ist indessen (der), daß sie allesamt getötet oder gekreuzigt werden, oder daß ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden, oder daß sie aus dem Land verbannt werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe,– außer denjenigen, die bereuen, bevor ihr Macht über sie habt. So wisset, daß Allah Allvergebend und Barmherzig ist.”

Nachdem in Sure 5:32 von Juden die Rede ist, welche Gebote Gottes angeblich missachtet hätten, werden Muslime in Sure 5:33 zu deren Tötung, Kreuzigung, Verstümmelung und Verbannung aufgerufen. Das sei ihre “Schande im Diesseits, und “im Jenseits” gebe es “für sie gewaltige Strafe”, ausser sie würden bereuen (5:34), was so viel heisst wie, sie würden den Islam annehmen. Die Tatsache, dass damit durchaus die Juden gemeint sind, ist einmal mehr aus der Sure 5 selbst zu entnehmen, zumal das vorgenannte Motiv dort wiederholt wird und zwar ganz am Schluss, was ich in fetter Schrift hervorgehoben habe.

Sure 5:41

O du Gesandter, lasse dich nicht durch jene traurig machen, die im Unglauben dahineilen, unter denen, die mit ihren Mündern sagen: „Wir glauben“, während ihre Herzen nicht glauben. Und unter denjenigen, die dem Judentum angehören, unter ihnen gibt es manche, die auf Lügen horchen, die auf andere Leute horchen, die nicht zu dir gekommen sind. Sie verdrehen den Sinn der Worte, nach(dem sie an) ihrer (richtigen) Stelle (waren), und sagen: „Wenn euch dies gegeben wird, dann nehmt es an. Wenn euch dies aber nicht gegeben wird, dann seht euch vor.“ Wen Allah der Versuchung aussetzen will, für den wirst du gegen Allah nichts (auszurichten) vermögen. Das sind diejenigen, deren Herzen Allah nicht rein machen wollte. Schande gibt es für sie im Diesseits, und im Jenseits gibt es für sie gewaltige Strafe;

Zu erwähnen bleibt, dass die Angabe in Sure 5:32, wonach Gott gegenüber Juden diesen Befehl erteilt habe, inhaltlich falsch ist, womit einmal mehr die angeblich göttliche Herkunft des Korans widerlegt wird, sofern man überhaupt an solche Dinge glaubt. Wenn der Sprechende, der aus islamischer Sicht Gott selbst ist, angibt, er habe den Kindern Israels etwas verordnet, würde dies bedeuten, dass er dies im Rahmen der Offenbarung der Tora gegenüber Moses getan habe. Nach islamischem Verständnis habe Gott nämlich den Juden die Tora (Tawrat) über Moses und den Christen die Bibel (Indschil) über Jesus offenbart, so ähnlich in der Form, wie der Koran über Mohammed den Muslimen offenbart worden sei. Jedenfalls steht der von den österreichischen Imamen zitierte Satz nicht etwa in der Tora sondern im Jerusalemer Talmud, im älteren der beiden Talmud. Es handelt sich um eine rabbinische Weisheit und nicht um ein Gottesbefehl aus der Tora, wie dies der Autor dieser Koranstelle fälschlicherweise annimmt. Hier ist die Stelle vollständig:

Jerusalem Talmud, Sanhedrin 4:1 (22a):

schindl2

“Whoever destroys a soul, it is considered as if he destroyed an entire world. And whoever saves a life, it is considered as if he saved an entire world.”

Sure 5 beinhaltet noch weitere antisemitischen Inhalte, aber auch Christenfeindlichkeit. Ich möchte beispielhaft einige wiedergeben:

Sure 5:12-14

“Allah hatte ja mit den Kinder Isrāʾīls ein Abkommen getroffen. (…) Dafür, daß sie ihr Abkommen brachen, haben Wir sie verflucht und ihre Herzen hart gemacht. Sie verdrehen den Sinn der Worte, und sie haben einen Teil von dem vergessen, womit sie ermahnt worden waren. Und du wirst immer wieder Verrat von ihnen erfahren – bis auf wenige von ihnen. (…) Und (auch) mit denen, die sagen: „Wir sind Christen“, haben Wir ihr Abkommen getroffen. Aber dann vergaßen sie einen Teil von dem, womit sie ermahnt worden waren. So erregten Wir unter ihnen Feindschaft und Haß bis zum Tag der Auferstehung. (…)”

Das lasse ich umkommentiert.

Sure 5:17

Ungläubig sind ja diejenigen, die sagen: „Allah ist ja al-Masīḥ, der Sohn Maryams“ (…)”

Damit sind  die Christen gemeint. Al-Masih ist der Messias, d.h. Jesus; Sohn Maryams bedeutet Sohn Marias.

Jesus wird im Koran übrigens immer wieder als Sohn Marias bezeichnet, um damit die Gottessohneigenschaft Jesu, woran die Christen glauben, zu bestreiten. Gleichzeitig wird die Gleichsetzung des Messias mit Gott bestritten. Das ist der Grund, weshalb Christen hier als Ungläubige bezeichnet werden. Anders ausgedrückt ist Jesus aus islamischer Sicht nicht Gottes Sohn und auch nicht Gott sondern Marias Sohn und durchaus ein Messias, was durch ständige Wiederholung im Koran betont wird. Diese gewollte Bestreitung des christlichen Jesusglaubens ist im Übrigen einer der zentralen Glaubenssätzen des Islam. Sie ist sogar im islamischen Glaubensbekenntnis, der Schahada, enthalten, was die erste der fünf Säulen des Islam darstellt:

“Es gibt keinen Gott ausser Gott, Mohammed ist sein Gesandter”

Die meisten Christen, die sich trotz der Trinitätslehre durchaus als Monotheisten betrachten, missverstehen die genaue Bedeutung des islamischen Glaubensbekenntnisses, wenn sie es vernehmen. Es stellt nichts anderes als eine islamische Empörung gegenüber der angeblichen Vielgötterei der Christen dar, welche der Trinitätslehre folgen. Der Teil “Es gibt keinen Gott ausser Gott” ist als eine Art von islamischer Protestslogan gegen die Trinitätslehre (Vater, Sohn und heiliger Geist) zu verstehen. Anders ausgedrückt bedeutet “Es gibt keinen Gott ausser Gott”, dass es nicht drei Götter, wie die Christen dies angeblich annehmen, sondern nur einen Gott gibt. Das ist die antitrinitarische Kernbotschaft des Islam und wohl auch die Ursache, weshalb es den Islam überhaupt gibt.

Ich werde nun eine letzte Stelle aus der Sure 5 zitieren, die in der Zwischenzeit berühmt geworden ist und den Muslimen klare Vorgaben macht, wie sie mit den Juden und mit den Christen, die in derselben Sure so negativ umschrieben werden, umzugehen hätten:

Sure 5:51

„Ihr Gläubigen! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden! Sie sind untereinander Freunde (aber nicht mit euch). Wenn einer von euch sich ihnen anschließt, gehört er zu ihnen (und nicht mehr zu der Gemeinschaft der Gläubigen). Gott leitet das Volk der Frevler nicht recht.“

Wenn ich meine bisherigen Ausführungen zusammenfasse, bedeutet dies zunächst, dass die Koranstelle, aus der die österreichischen Imame zu Beginn ihrer Deklaration zitieren, einen zutiefst antisemitischen Zusammenhang hat. Was die Imame ferner als Gottesgebot gegenüber Muslimen darstellen wollen, um die angebliche Friedfertigkeit des Islam zu beweisen, ist aus islamischer Sicht in Tat und Wahrheit ein vermeintliches Gottesgebot gegenüber den Juden aus der Tora, welche dieses gemäss dieser Koranstelle trotz Gotteszeichen missachtet hätten. Muslime müssten gemäss dieser angeblich friedfertigen Koranstelle Krieg gegen die Juden führen, sie kreuzigen, verstümmeln, verbannen, weil sie Unheil auf der Welt stiften würden, ausser sie würden sich zum Islam bekennen. Schande gebe es für die Juden im Diesseits und im Jenseits erwarte sie eine gewaltige Strafe.

Was beim Zitat in der Deklaration der österreichischen Imame auffällt ist, dass sie im Grunde genommen wortwörtlich aus dem jüdischen Talmud zitieren und nicht etwa aus dem Koran, welche die Angaben über die Juden, die durch und durch antisemitisch sind, aber auch die koranischen Vorgaben zur Todesstrafe sowie die übrigen islamischen Gewaltexzesse insbesondere gegenüber den Juden freilich nicht enthält. Vielmehr fehlen die originär islamischen Inhalte vollständig.

Ich bitte den Leser, sich dies noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen: Die österreichischen Imame zitieren wortwörtlich den Talmud und nicht den Koran und behaupten, es handle sich hier um ein Koranzitat!  Ausgerechnet damit wollen sie die angebliche Friedfertigkeit des Islam gleich zu Beginn ihrer Deklaration betonen. Gleichzeitig enthält die Koranstelle, aus der sie nur den talmudischen und damit jüdischen Teil entnehmen und dabei die islamischen Teile vollständig weglassen, eine tiefe Feindschaft gegenüber den Juden. In der Sure 5, aus der sie zitiert haben wollen, ist zudem an weiteren Stellen Antisemitismus aber auch Christenverachtung vorzufinden sowie den ausdrücklichen Gottesbefehl, sich mit diesen nicht anzufreunden. Ansonsten werde man so wie sie, sprich Frevler.

Es gibt sicherlich Muslime, welche die genauen Zusammenhänge, die ich oben dargelegt habe, nicht kennen und den Spruch in der unvollständigen Form irgendwo aufgeschnappt und diesen in derselben unvollständigen Form wiedergeben, wenn sie das Gefühl haben, sie müssten nachweisen, dass Islam Frieden bedeute und diese Koranstelle der Beweis dafür sei. Diesen unwissenden Muslimen, die wenig bis gar keine Ahnung vom Islam haben, mache ich keine Vorwürfe. Diese Deklaration stammt allerdings von Imamen, die den Koran kennen sollten, womit dieses bewusste falsche Zitieren aus meiner Sicht reinste Taqiya ist. Hier wird bewusst gelogen und unvollständig zitiert, wobei das Zitat in dieser Form sogar aus dem Talmud stammt und nicht aus dem Koran, wie die Imame dies wahrheitswidrig angeben. Der Zweck dieser Lüge ist die Ehrenrettung des Islam, wobei beim Zitat just die originär islamischen Inhalte unterschlagen werden.

Jetzt könnten vielleicht einige Leser einwenden, dass die Deklaration selbst sich vom Antisemitismus distanziere. Wenn man sich den Teilnehmerkreis dieser Deklaration jedoch etwas aus der Nähe betrachtet, wird man feststellen können, dass dies nicht wirklich ernst gemeint ist. Florian Markl von Mena-Watch hat etwas näher hingesehen. Er schreibt:

“In der Mitte des Fotos ist IGGiÖ-Chef Ibrahim Olgun zu sehen. Etwas daneben, am rechten Bildrand, steht Erich Waldmann, Imam der schiitischen Imam-Ali-Moschee in Wien – und Mitorganisator der hiesigen Al-Quds-Tage, also jener vom islamistischen Regime in Teheran ins Leben gerufenen Aufmärsche, auf denen alljährlich die Vernichtung Israels propagiert wird. Der Kampf gegen Antisemitismus, zu dem sich die Imame der IGGiÖ bekennen, steht offenbar nicht im Widerspruch zur Agitation für die Beseitigung des jüdischen Staates – obwohl das nach der unlängst von der Bundesregierung angenommenen Definition nichts anderes als Antisemitismus ist.”

Ganz zum Schluss möchte ich noch folgendes klarstellen. Es ist natürlich klar, dass mein Vorwurf der Taqiya gegenüber den österreichischen Imamen, die zwecks Ehrenrettung des Islam den Talmud zitieren und dabei behaupten, es handle sich um eine Koranstelle, welche die Wichtigkeit eines jeden menschlichen Lebens im Islam betone, etwas böswillig ist, weil viele Inhalte der Deklaration selbst von jedem Europäer unterschrieben werden könnte. Das Problem dabei ist, dass eine Deklaration, die mit einem solchen angeblichen Koranzitat beginnt, das im Grunde genommen ein Talmudzitat ist, einzig den Zweck verfolgt, um das islamische Leben in Österreich und den Islam im Allgemeinen vor Vorwürfen zu schützen.

Ich hatte in meinem letzten Blog-Artikel sinngemäss ausgeführt, dass Muslime sich von dschihadistischen Anschlägen nicht distanzieren müssten, weil sie zu den Dschihadisten von Vornherein keine Nähe hätten und die entsprechende Forderung aus meiner Sicht implizit eine Sippenhaft darstelle. Distanzieren bedeutet Abstand nehmen und man kann nur von einer Sache oder von einer Person Abstand nehmen, zu der man eine Nähe hat. Genau eine solche Nähe zu solchen antisemitischen und antichristlichen Inhalten des Islam besteht allerdings bei den Muslimen, sofern sie sich nicht ausdrücklich von diesen distanzieren. Ich denke, dass ich hier den Begriff “distanzieren” korrekt verwende. Es gibt sowohl im Koran als auch in den Hadithen haarsträubende Inhalte, von denen Muslime, die in Europa leben, klar Abstand nehmen müssen. Diese Distanzierung muss von den Muslimen ausgesprochen werden. Mit Unterschlagungen von Koraninhalten, wie dies die österreichischen Imame in ihrer Deklaration tun, ist dies natürlich nicht getan.

Wenn die Muslime Abstand von koranischen Inhalten nehmen wollen, könnten sie insbesondere bei den zeitlich später entstandenen medinischen Suren beginnen, zu denen auch die Sure 5 gehört, die ich in der vorliegenden Abhandlung thematisiert habe. Sie ist sogar gemäss islamischer Doktrin in zeitlicher Hinsicht die 114. und somit die letzte Sure des Koran. Ohne ein kritisches Hinterfragen insbesondere der medinischen Suren des Koran und der Hadithe und ohne eine ausdrückliche Distanzierung von zivilisationsfeindlichen Inhalten, die darin zu finden sind, wird auch das künftige Zusammenleben mit Muslimen, die dies nicht tun, schwierig werden.

quran-sareef

 

 

 

 

 

 

„Wenn jemand einen Menschen tötet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit getötet!“- Islamkritische Bemerkungen zu einem Koranzitat

Über Sippenhaft

Meine erste und zugleich wohl einprägsamste eigene Erfahrung mit der Sippenhaft ereignete sich ziemlich genau am 13. Mai 1981. Ich war damals 11 Jahre alt und lebte bereits etwas länger als einem Jahr in der Schweiz. Ich befand mich mit meiner Klasse im Schullager in den Bergen und es war kurz vor dem Nachtessen, als mein Klassenlehrer, mit dem ich mich nie wirklich gut verstand, ganz aufgeregt in das Klassenzimmer des Schullagergebäudes stürmte und der Klasse Folgendes mitteilte: „Me het uf de Pabscht gschosse!“ Dann hielt er kurz inne und sprach weiter, wobei er seine hass- und wuterfüllten Augen auf mich richtete: „Es isch en Türgg gsi!“. Da er in meine Richtung schaute, drehten sich meine Mitschülerinnen und Mitschüler um und plötzlich waren alle Augen für einen Moment auf mich fixiert. Genau in diesem Augenblick lösten sich meine Knie, es wurde mir schlecht und vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken. Stattdessen rannte ich, so schnell ich konnte, nach Draussen, um mich auszuheulen, was ich natürlich nicht vor der Klasse tun wollte. Wenig später kamen einige Klassenkameraden nach draussen, trösteten mich und einige sagten sogar: „Du chasch doch nüt defür!“.

Ich erfuhr erst einige Tage später von meinen Eltern, als ich wieder zuhause war, wer der Täter war, der auf den Papst geschossen hatte. Es war Mehmet Ali Ağca. Der Mann war mir damals schon keineswegs ein Unbekannter. Am 1. Februar 1979, in einem Zeitpunkt also, als ich mit meiner Familie noch in der Türkei lebte, hatte er den bekannten Journalisten der Zeitung Milliyet, Abdi İpekçi, ermordet, eine Tat, welche die damalige türkische Gesellschaft erschüttert hatte und die auch heute im Sinne einer gesellschaftlichen Zäsur unvergessen ist. Selbst als Kind hatte ich wie viele andere Kinder dieses Ereignis mitbekommen, natürlich auch die Verurteilung Mehmet Ali Ağcas zu lebenslanger Haft und seine kurz darauf erfolgte spektakuläre Flucht, dies weil nicht nur die Medien ausführlich darüber berichteten, sondern auch die Erwachsenen ständig darüber sprachen. Die damalige türkische Gesellschaft empfand nur Ekel und Abscheu vor Mehmet Ali Ağca wie vor keinem anderen Menschen. Der Mann galt damals gewissermassen als eine Art Public Enemy Number One, was sogar wir, die damaligen Kinder, spüren und nachempfinden konnten.

Wie verletzend solche unfaire Assoziationen wie die soeben beschriebenen sein können, sollten die einen oder die anderen deutschen Leser ebenfalls kennen. Ich habe diesbezüglich eigentlich keinerlei Zweifel, weil ich entsprechende Szenen schon einige Male selbst beobachten konnte, als Deutsche aus purem Hass und mit voller Verletzungsabsicht mit den Nazis assoziiert wurden. Einmal, ebenfalls zu Beginn der Achtzigerjahre, als ich mich mit meiner Familie in Italien den Urlaub verbrachte, sah ich beispielsweise, wie ein kleiner deutscher Junge von einem französischen Jungen grundlos als Nazi beschimpft wurde, der ihm noch „Sieg Heil!“ nachrief, als dieser heulend wegrannte. Das Bild des kleinen weinenden deutschen Jungen und dessen Vater, der kurz daraufhin auftauchte und mit knallrotem Kopf die Aufsichtsperson massregelte, ist mir heute noch vor den Augen.

Diese aus meiner Sicht völlig inakzeptablen Vorgänge, die ich nicht zuletzt auch aufgrund meiner eigenen prägenden Erfahrung zutiefst verabscheue, möchte ich hier unter dem Begriff Sippenhaft zusammenfassen, obwohl diese Bezeichnung im vorliegenden Blog-Artikel natürlich nicht wörtlich gemeint ist, zumal bei der richtigen Sippenhaft tatsächlich Leute in Haft versetzt werden respektive wurden, wie etwa in den Zeiten des Nationalsozialismus. Es geht mit hier vielmehr um eine Form der geistigen Sippenhaft. Im Gesamtkonzept dieser Sippenhaft befindet sich einerseits eine gehörige Portion an Rassismus aber auch eine unfaire Assoziation der angegriffenen Person mit Leuten, die mindestens aus der Perspektive des Angreifers als Abschaum gelten. Die Sippenhaft klammert sowohl die angegriffene Person als auch deren Ethnie, Religion oder Staatsangehörigkeit vom Kreis der zivilisierten oder rechtschaffenen Menschen aus, was im Ergebnis die Würde des angegriffenen Menschen verletzt. Dabei heisst es doch, dass die Würde des Menschen unantastbar sei.

Besonders verwerflich und verletzend ist die Sippenhaft dann, wie meine oben aufgeführten Beispiele verdeutlicht haben sollten, wenn der Angegriffene oder die Angegriffenen selbst die schlechtesten Assoziationen zu jenen Menschen haben, mit denen sie auf die gleiche Stufe gestellt werden. Jedenfalls war es für mich unerträglich, als ich anno dazumal von meinem Klassenlehrer mit dem Public Enemy Number One der Türkei assoziiert wurde, den ich verabscheute und ich bin mir sicher, dass es die allermeisten Deutschen auch nicht gerne haben, wenn sie mit den Nazis oder mit Hitler verglichen werden und das nicht bloss deshalb, weil der letztere eigentlich kein Deutscher sondern ein Österreicher war.

Oft versetzt man Menschen indirekt und teilweise wohl auch unbewusst in Sippenhaft, indem man sie, ohne es ausdrücklich zu sagen, mit Leuten in Verbindung bringt, die mit den Angesprochenen nicht das Geringste zu tun haben. So geschehen am 2. Juni 2017, als der Veranstalter von „Rock am Ring“, Marek Lieberberg, bei einer Pressekonferenz vor laufender Kamera ein wenig die Nerven verlor, nachdem das Festivalgelände wegen einer Drohung kurzfristig geräumt werden musste. Der Konzertveranstalter, dessen Frust ich aus menschlichen Gründen durchaus nachvollziehen kann, sprach dabei die folgenden Worte:

Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit „This is not my Islam and this is not my Shit and this is not my whatever“. Jetzt ist der Moment, wo jeder sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Strasse gegangen sind und gefragt haben: „Was macht ihr da eigentlich?““.

Auch wenn ich vermutlich eine wesentlich kritischere Haltung gegenüber dem Islam haben dürfte als Marek Lieberberg, kann und will ich solche Aussagen niemals gutheissen. Das, was aus diesen Worten zu entnehmen ist, ist aus meiner Sicht pure Sippenhaft im oben beschriebenen Sinne! Die Forderung Lieberbergs, die eine Art Mitverantwortung von Muslimen durch Unterlassung (unterlassene Antiterrordemonstrationen?) impliziert, kann keine andere Bezeichnung verdienen als Sippenhaft! Deshalb möchte ich an dieser Stelle Herrn Lieberberg direkt ansprechen: Geht’s eigentlich noch, Herr Lieberberg! Was machen SIE da eigentlich!

Dann stellt sich die Frage, was an der Aussage „Das ist nicht mein Islam!“ falsch sein soll, die Lieberberg so heftig und auf eine unnötig vulgäre Art und Weise kritisiert. Nur so ganz nebenbei: Man muss nicht gleich vulgär und primitiv werden, wenn man den Islam respektive die Scharia kritisieren will. Es geht auch anders. Jedenfalls ist This is not my Islam!“ aus meiner Sicht die beste Antwort, die ein gläubiger Muslim auf eine entsprechende Frage geben kann. Etwas präziser ausgedrückt bedeutet das doch nur folgendes: „Das was die dschihadistischen Attentäter unter ihrer Religion verstehen, hat mit meinem eigenen Religionsverständnis nichts zu tun!“. Was ist an einer solchen Aussage falsch, Herr Lieberberg? Hier sagt niemand „Das Ganze hat nichts mit dem Islam zu tun“, was nicht zutreffen würde und damit nicht das Gleiche ist. Die Aussage ist doch, dass dies seinem persönlichen Religionsverständnis nicht entspreche. Ich kann jedenfalls überhaupt nicht nachvollziehen, weshalb Marek Lieberberg eine solche Aussage verwerflich findet.

Eigentlich ist vielmehr die Aussage von Lieberberg daneben und verwerflich, weil er eine blosse Distanzierung eines Muslims vor solchen Taten, der sich im Übrigen vor niemandem für irgendeine Tat rechtfertigen muss, die er nicht begangen hat, für ungenügend und damit unzulässig hält. Und was soll dann noch dieser Demonstrationsaufruf? Welchem Zweck soll eine solche Demonstration dienen, Herr Lieberberg? Was sollen denn die Demonstranten rufen, wenn sie nicht „Das ist nicht mein Islam!“ sagen dürfen? Was meint Lieberberg mit seinem Demo-Slogan-Vorschlag „Was macht ihr da eigentlich?“ eigentlich? Glaubt er denn allen Ernstes, dass Dschihadisten in Europa lebenden Muslime, die sich mit den Europäern solidarisieren und gegen islamistische Gewalt demonstrieren, ernst nehmen? Vor allem stellt sich aber die Frage, welche Muslime Marek Lieberberg auf der Strasse „zu Zehntausenden“ sehen will. Weshalb sollten beispielsweise säkulare Muslime, die kein religiöses Leben führen und die Scharia nicht befolgen, mobilisiert werden, damit sie im Namen ihrer kaum praktizierten Religion Dschihadisten zurufen können „Was macht ihr da eigentlich?“? Weshalb sollte ein Muslim, der durch und durch ein europäisches Leben führt und – womöglich vom Schweinefleischkonsum abgesehen – in seinem Leben alles tut, was andere Europäer auch tun, im Namen des Islam mobilisiert werden, vor allem wenn ihm nicht danach ist und weil er sich mit den Attentätern überhaupt nicht identifizieren kann? Mit solchen Aufrufen – das sollte jemand Marek Lieberberg bitte weitersagen, der ihn kennt – lassen sich im besten Fall Islamapologeten mobilisieren.

Genau dies ist nun auch geschehen. Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund hat nicht zuletzt wegen dieses Appells Marek Lieberbergs zu einer Friedensdemonstration unter dem Motto „Nicht mit uns“ aufgerufen, die am 17. Juni 2017 stattfinden wird, an der auch diverse Islamverbände vertreten sein werden. Selbst Kanzlerkandidat Schulz soll daran teilnehmen. Gemäss Veranstalter würden sich Anschläge von Menschen, die sich zur Rechtfertigung ungefragt auf den Islam beriefen, häufen. Deshalb wolle man Muslime in ganz Deutschland und ihre Freunde dazu aufrufen, gegen diese Taten zu demonstrieren.

Ich habe bei aller Kritik gegenüber Lamya Kaddor, dem Liberal-Islamischen Bund (wie beispielsweise in meinem letzten Blog-Artikel) und den an der Demonstration teilnehmenden Islamverbänden Verständnis dafür, dass Muslime, die von Marek Lieberberg in Sippenhaft genommen wurden, ihre Stimme erheben wollen. Auch finde ich es gut, dass es sich dabei um eine Friedensdemonstration handeln soll, was ich den Veranstaltern durchaus abkaufe. Ich zweifle nicht im Geringsten daran, dass diese Menschen Frieden wünschen. Es ist für mich aber gleichzeitig auch sehr wichtig, dass Europäer – insbesondere natürlich Deutsche – verstehen und erfassen, was unter solchen Äusserungen zu verstehen ist. Was sagt Lamya Kaddor hier eigentlich?

Wenn Lamya Kaddor von „Menschen“ und ganz bewusst nicht von Muslimen spricht, die sich zur Rechtfertigung ihrer Taten angeblich „ungefragt“ auf den Islam berufen oder, wenn sie auf ihrer Facebook-Seite diesen „Menschen“, die in Tat und Wahrheit durchaus Muslime sind, das Muslimsein abspricht, handelt es sich um nichts anderes als um einen Vorwurf der Häresie. Meines Erachtens ist diese Erkenntnis von entscheidender Bedeutung. Das Ganze hat nämlich durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit der Aussage „Die heilige Römisch-Katholische Kirche ist die Alleinseligmachende und alle Protestanten werden in der Hölle schmoren!“. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“ oder „Das sind keine Muslime!“ sind Aussagen, die beispielsweise auch Sunniten über Schiiten (und natürlich umgekehrt) sagen würden, ohne dass irgendein terroristischer oder dschihadistischer Zusammenhang bestehen würde. Im Übrigen dürfte es einige Millionen von Muslimen geben, wenn man die grosse Zahl an Wahhabiten und Salafisten in Saudi Arabien und Pakistan in Betracht zieht, welche über Lamya Kaddor und die Friedensdemonstranten sagen würden, dass vielmehr sie keine Muslime seien sondern blosse kuffar. Sie könnten dabei beispielsweise auf Sure 5 Ayat 51 des Korans verweisen, wo es heisst: „Ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen. Siehe, Gott leitet die Frevler nicht recht.“ Was ich damit sagen will: Es finden sich in der Scharia, die durchaus variantenreich ist, immer irgendwelche Argumente, um anderen Menschen die Rechtgläubigkeit strittig zu machen, sogar gegenüber Muslimen, welche die Scharia befolgen, aber halt anders und mit anderen islamischen Argumenten.

Man könnte nun die Ansicht vertreten, dass durch diese Aussage von Lamya Kaddor eine begrüssenswerte Deutungshoheit geltend gemacht werde, damit den Dschihadisten klargemacht wird, dass nicht sie diese hätten. Das Problem liegt jedoch gerade in der Frage der Deutungshoheit, weil es sich hier letztendlich um eine innerislamische Auseinandersetzung bei der Auslegung der Scharia handelt. Die Realität, namentlich dass es sich bei den Attentätern durchaus um Muslime handelt, wird dabei ausgeblendet, indem man Fatwas gegen Fatwas ausspielt. So etwas existiert übrigens auch in zahlreichen anderen Bereichen des Islam. So ist für viele Muslime die Frauenbeschneidung, oder besser Frauen-Genitalverstümmelung (FGM), unislamisch, für andere Muslime wiederum, ist sie eine islamische Pflicht. Auf beiden Seiten argumentieren und streiten einflussreiche Geistliche und werfen dem Gegenüber unislamisches Verhalten vor.

Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass insbesondere Nichtmuslime, die diese ihnen wohl fremde Denkweise aus persönlicher Lebenserfahrung nicht kennen, in der nicht wie für sie gewohnt die objektive Wahrheit sondern die Scharia im Vordergrund steht, solche Gedankenvorgänge erkennen und richtig einordnen können. Lamya Kaddor und ihre Bewegung argumentieren auf der Ebene ihres persönlichen Schariaverständnisses, das aus ihrer persönlicher Sicht liberal ist. Dies geschieht offenbar bei unterschiedlichsten Themenbereichen. Wie ich in meinem letzten Blog-Artikel beschrieben hatte, betrifft dies unter Anderem auch die Menschenrechte, welche der Liberal-Islamische Bind nicht als etwas Externes sondern vielmehr als Bestandteil der Scharia betrachtet. Solche Argumentationsmuster sollten Nichtmuslime, die bei diesem innermuslimischen Diskurs nicht beteiligt sind, meines Erachtens einerseits erkennen und andererseits sollten solche Häresie-Vorwürfe sie nicht davor abhalten, die Wahrheit auszusprechen, namentlich dass die dschihadistischen Anschläge  sehr wohl einen Zusammenhang mit dem Islam haben und jede andere Behauptung realitätsfremd und ausschliesslich religiös motiviert ist.

Der Leser sollte sich nun bitte zum Schluss dieses Blog-Artikels und nach dem soeben Gesagten dennoch die Frage stellen, was die ständig wiederholte und durchaus zutreffende Erkenntnis, wonach der Dschihadismus durchaus etwas mit dem Islam zu tun hat, aus heutiger und aktueller Perspektive bringen kann. Menschen, die nicht von einer Ideologie geblendet sind, wissen dies doch schon seit längerer Zeit. Selbstverständlich hat der Dschihadismus etwas mit dem Islam zu tun. Man kann die Frage durchaus noch ergänzen: Was würde bei objektiver Betrachtung ein Eingeständnis der Islamverbände oder von Lamya Kaddor bringen, dass diese Taten durchaus etwas mit dem Islam zu tun hätten? Würden die Anschläge damit aufhören? Glaubt jemand allen Ernstes daran, dass irgendwelche Muslime in Deutschland respektive ein Islamverband, der sich liberal nennt und von Frauen präsidiert wird, einen Einfluss auf die islamische Welt haben könnte, so dass allenfalls eine globale Reformationsbewegung daraus entstehen könnte? Und das soll vor allem deshalb so gut funktionieren, weil die Islamverbände und Lamya Kaddor ein entsprechendes Geständnis ablegen würden? Ich kann jedenfalls einen Nutzen nicht wirklich erkennen.

Ich denke, dass man diesen Rechtfertigungsdruck gegenüber Muslimen unterlassen sollte. Dabei meine ich, dass unsere Gesellschaft damit aufhören sollte, von Leuten eine Distanzierung von Taten zu fordern, mit denen diese nicht das Geringste zu tun haben, weil eine solche Forderung selbstredend eine angebliche Nähe dieser Menschen zu den Dschihadisten suggeriert, die extrem kontraproduktiv ist. Einerseits baut man damit vermutlich ganz unbewusst Brücken zwischen den Dschihadisten und anderen Muslimen auf, die zuvor nicht da waren. Ich denke, dass niemand, der vernünftig ist, sich so etwas wünschen kann. Andererseits lösen solche Forderungen unhaltbare und unwahre Rechtfertigungsversuche von Islamapologeten wie Lamya Kaddor aus, die sich allein nach der Scharia orientieren, was Nichtmuslime nicht wirklich interessiert. Und zu guter Letzt ist das Ganze einfach nur widerliche Sippenhaft und nichts anderes, womit die entsprechenden Forderungen von Vornherein verwerflich sind, die ich niemals gutheissen kann, auch wenn ich eine überaus kritische Haltung gegenüber dem Scharia-Islam habe. Dies wiederum hat unter Anderem sehr viel damit zu tun, dass gerade auch in der Scharia vielen Sippenhaft-Motiven zu begegnen ist, wogegen ich spätestens seit dem Abend des 13. Mai 1981 allergisch bin.

ZZ-ktkpTURBXy9iYTcwMjRjOTMzODJkYTViYzNmY2IwOGYyNDA0ZjgyMC5qcGeSlQLNA8AAwsOVAgDNA8DCww

(Mehmet Ali Ağca, der auf den Papst schiesst; 13. Mai 1981)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über Sippenhaft

“Ich glaube an Gleichberechtigung.” – Ein kontroverses Plakat für die ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“

Gestern hat ein mit mir über Facebook befreundeter Profifotograf, Markus Hibbeler, ein Foto eines Plakats der ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“ auf seine Facebook-Wall gepostet, das er wie folgt kommentierte: “Ich glaube an Gleichberechtigung”, sagt eine Frau, die ein Symbol trägt, das für genau das Gegenteil steht. Die Mehrheit der Muslimas hierzulande trägt übrigens kein Kopftuch. In vielen Ländern kämpfen Frauen unter Lebensgefahr gegen die Verschleierung, während der öffentlich-rechtliche Staatsfunk den Hidschab als Gleichberechtigung verkauft. (Foto: Holger Bloehte)“

18951180_10211775644578308_3472290539327754779_n

(Plakat der ARD-Themenwoche “Woran glaubst Du?”; Foto von Holger Bloehte)

Selbstverständlich kann ich den Ausführungen von Markus Hibbeler, dessen Ansichten ich sehr schätze, zu 100% beipflichten. Es gibt aus meiner Sicht jedoch noch einiges mehr zu diesem Plakat respektive über dessen Inhalt, Bedeutung und die darin enthaltenen Botschaften zu sagen, was Gegenstand des vorliegenden Blog-Artikels sein soll.

Auf dem Bild ist eine nach den Regeln der Scharia lebende orthodoxe Muslimin zu sehen, die ihr islamisches Kopftuch (hijab) in Ordnung bringt. Durch diese Handlung steht folglich vor allem der Umstand, dass diese Frau ein islamisches Kopftuch trägt, im Zentrum der Botschaft, die das Bild vermitteln soll. Diese Botschaft wird verstärkt, da mitten auf dem Bild in fetten Grossbuchstaben die Worte “Ich glaube” stehen, womit das islamische Kopftuch mit dem Glauben in einen funktionalen und unmittelbaren Zusammenhang gebracht wird. Damit wird das Tragen des islamischen Kopftuchs als unbedingt erforderlicher Bestandteil des Glaubens gerechtfertigt. Bereits diese Bildbotschaft ist insbesondere gegenüber nichtmuslimischen Zuschauern, die wenig bis keine Ahnung vom Islam haben, irreführend, zumal das islamische Kopftuch mit dem Glauben selbst nichts zu tun hat. Wenn das islamische Kopftuch für den muslimischen Glauben derart zentral wäre und ein unmittelbarer Zusammenhang dieses Kleidungsstücks zum Glauben bestünde, wären sämtliche Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, Ungläubige (was von Schariamuslimen ja immer wieder behauptet wird). Das islamische Kopftuch hat mit dem Glauben an das Transzendente nichts zu tun und hat nicht die zentrale Bedeutung im Islam, wie dieses Bild es vermitteln möchte. Das islamische Kopftuch zielt allein darauf ab, die in einer islamischen Scharia-Gesellschaft zu geltende strenge Sexualmoral und die damit einhergehende Geschlechterapartheid durchzusetzen. Die Durchsetzung dieses gesellschaftspolitisch motivierten Verhaltens hat mit dem Glauben selbst, insbesondere mit dem Glauben an Gott, überhaupt nichts zu tun.

Besonders interessant beim beim graphischen Aufbau des Plakats ist auch die Fortsetzung des Satzes, der mit “Ich glaube” beginnt. Der zweite Satzteil “an die Gleichberechtigung”, ist nämlich in kleinerer und normaler Schrift (also nicht mehr mit fetter Schrift wie “Ich glaube”) wiedergegeben. Die Botschaft, die damit vermittelt wird, kann, soll und muss in zweifacher Hinsicht verstanden werden. Der Glaube steht einerseits über dem Gedanken der Gleichberechtigung und hat durch diese Schriftwahl einen wichtigeren Stellenwert als diese, insbesondere auch wegen des Bildes mit einer ihr Kopftuch zurecht richtenden Muslimin, die mit dieser Handlung der Strenge der Scharia folgt und dafür sorgt, dass man bloss kein Haar von ihr sieht. Der Islam respektive der Glaube steht mit dieser Schriftwahl über der verfassungsrechtlich garantierten Gleichberechtigung. Andererseits kann man bei genauerer Betrachtung dieses Plakats auch die Suggestion wahrnehmen, dass der Gedanke der Gleichberechtigung sogar Teil dieses Glaubens sei. Das Letztere wird durch den erklärenden Anschlusssatz verdeutlicht: “Glauben hat viele Gesichter”. Mit anderen Worten kann und soll  der Gedanke der Gleichberechtigung der Geschlechter auch über Alternativwege verwirklicht werden können, namentlich auch durch die Scharia. Dies bedeutet freilich, dass die Scharia angeblich nicht nur nicht im Widerspruch zu den Gedanken der Gleichberechtigung stünde. Gemäss dieser Ansicht, die nach Meinung des öffentlich-rechtlichen Senders mindestens vertretbar sein muss, zumal er keine Probleme damit hat, solche Botschaften zu verbreiten, kann die Gleichberechtigung sogar als Teil der Scharia betrachtet werden. Damit wird die Gleichberechtigung der Geschlechter zu einer Errungenschaft der Scharia und diese wird durch den Glauben verwirklicht, wobei der Glaube mit dem Tragen des islamischen Kopftuchs geradezu erfüllt wird, womit das Kopftuch angeblich ein zentraler Bestandteil dieses Glaubens sei. Gleichberechtigung ist damit angeblich allein eine Frage der Perspektive, wobei nach Ansicht der ARD-Redaktion offenbar auch die muslimische Perspektive gegenüber der Gleichberechtigung Achtung und Aufmerksamkeit verdient.

Solche bemerkenswerten Gedankengänge, die ich soeben beschrieben habe, könnten dem einen oder anderen aufmerksamen Leser meines Blogs bekannt vorkommen. In meinem letzten Blog-Artikel etwa hatte ich Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund (LIB) zitiert, die angegeben hatte, dass Menschenrechte nicht als etwas “Externes” anzusehen seien, sondern als Bestandteil der Scharia. Ähnliche absurde Meinungen werden unter Anderem auch vom türkischen Prediger Fethullah Gülen vertreten,  der aus nicht nachvollziehbaren Gründen auch immer wieder als liberal bezeichnet wird. Er sieht zwischen den Wissenschaften und der Scharia keinen Widerspruch. Vielmehr würden gemäss seiner Ansicht sowohl der Koran als auch die Wissenschaften den Blick auf die identischen Dinge richten, nur mit zwei unterschiedlichen Feldstechern. Auch er ist einer von vielen Scharia befolgenden Muslimen, welche die Wissenschaften als Teil des Islam betrachten.

Wenn wir diese Positionen zusammenfassen, bedeutet dies, dass die grössten Errungenschaften des Westens nicht nur in keinem Widerspruch zur Scharia stehen sollen. Vielmehr seien diese gemäss diesem Weltbild Bestandteil von etwas wesentlich Grösserem, namentlich der Scharia!

Leider gibt es in westlichen Ländern, insbesondere in Deutschland, viele Menschen, die solchen Ansichten Toleranz und Verständnis entgegenbringen und diese als vertretbare Meinungen akzeptieren. Sie erkennen zwar (ich hoffe dies zumindest), dass der Wahrheitsgehalt solcher Angaben bei objektiver Betrachtung gleich Null ist. Wenn die Scharia mit vorgeblich anderen Mitteln und durch Alternativmethoden, namentlich durch islamische, zu vermeintlich gleichen Ergebnissen gelange wie wir, was unsere Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Menschenrechte  und Naturwissenschaften anbelangt, soll dies nach Ansicht dieser schariatoleranten Europäer doch zulässig sein. Solange die Schariaanhänger unsere zentralen Errungenschaften hochhalten, was diese Muslime durch die  Inklusion dieser Dinge in die Scharia ja tun, wird dies als etwas Positives und damit Zulässiges betrachtet. Dies zumindest soll auch durch dieses Plakat von ARD vermittelt werden. Mindestens kommt die Botschaft bei mir so an. Das Problematische bei dieser schariatoleranten Haltung ist nicht bloss, dass man die offensichtliche Unwahrheit als eine vertretbare Meinung anerkennt. Die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Menschenrechte und die Wissenschaften sind erwiesenermassen keine Errungenschaften der Scharia, was meines Erachtens unstrittig sein sollte. Vielmehr blendet man durch die Billigung dieser Unwahrheit wichtige Tatsachen aus, die durchaus relevant wären, auf die ich nachfolgend einzeln eingehen möchte.

Es war die totalitäre Scharia, welche die arabisch-persische Hochkultur vernichtete, der wir die Überlieferung von vielen philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften der Antike aber auch eigene wissenschaftliche Erkenntnisse in den Bereichen der Mathematik, Astronomie, Optik, Medizin und in vielen anderen Disziplinen verdanken. Wenn jemand denkt, dass die angesprochenen arabischen respektive persischen Wissenschaftler streng nach der Scharia lebende orthodoxe Muslime waren, irrt sich. Bei einigen von ihnen muss selbst die Bezeichnung Muslim in Frage gestellt werden, weil diese Bezeichnung aus heutiger Perspektive irreführend wäre, zumal der Glaube dieser Menschen mit dem Glauben der heutigen Muslime wenig zu tun hat. Diese Hochkultur war keineswegs islamisch im heutigen Sinne, auch wenn dies immer wieder behauptet wird. Die Hadithe, welche die Verhaltensweisen und Befehle des Propheten beschreiben, welche die Muslime zu kopieren und befolgen haben, gab es zum Zeitpunkt der Hochblüte dieser Kultur noch nicht und insofern auch keinen Islam im heutigen Sinne.  Sie entstanden rund zweihundert Jahre nach den angeblichen Ereignissen um einen arabischen Propheten namens Mohammed. Mit dem Aufkommen und der Verbreitung der Hadithe und der damit einhergehenden Orthodoxie verschwand allmählich auch die Hochkultur. Für diesen Niedergang der arabisch-persischen Hochkultur im Osten steht insbesondere der Name Ghazali im Vordergrund, der einer der Hauptverantwortlichen für den Untergang dieser Zivilisation war. Somit hat die Scharia bereits in der Vergangenheit die Wissenschaften keineswegs gefördert, was deren Inklusion in den Islam eine Respektlosigkeit gegenüber den grossen arabischen und persischen Gelehrten bedeutet. Viele von ihren Werken wurden von Schariabrüdern sogar verbrannt.

Darüber hinaus ist es eine Binsenwahrheit, dass es um die Wissenschaften in der islamischen Welt auch heute nicht gut bestellt ist und damit die Scharia und die Wissenschaften in einem diametralen Widerspruch zueinander stehen. Ich möchte dazu nur auf das Beispiel der breiten Ablehnung der Evolutionstheorie in der islamischen Welt hinweisen. Das Problem dabei ist, dass es aus ganz objektiven Gründen nicht möglich ist, die Evolutionstheorie abzulehnen und gleichzeitig zu behaupten, dass die Scharia und die Wissenschaften nicht in einem Widerspruch zueinander stünden. Ohne Evolutionstheorie kann man als Biologe nämlich keine ernstzunehmende und moderne Genetikforschung betreiben und wenn man die Genetik vom Fachbereich Biologie ausklammern würde, könnten wir gleich damit aufhören, Biologie als eine Naturwissenschaft zu betrachten. Ich denke, dass ich nicht länger begründen muss, dass die modernen Wissenschaften keineswegs Teil von etwas angeblich wesentlich Grösserem, namentlich der Scharia, sind. Allein der katastrophale Zustand der Naturwissenschaften in muslimisch geprägten Ländern aber auch der Geisteswissenschaften, die nicht den Islam zum Gegenstand haben, sowie die allseits bekannte Wissenschaftsferne und Wissenschaftsfeindlichkeit der Schariagesellschaften sollten reichen, um aufzuzeigen, dass Wissenschaften und die Scharia keineswegs durch verschiedene Ferngläser auf das Gleiche blicken, so wie der angeblich “liberale” Fethullah Gülen dies behauptet.

Ich komme zu den Menschenrechten, die gemäss Nushin Atmaca vom Liberal-Islamischen Bund (LIB) nicht als etwas “Externes” anzusehen seien, sondern als Bestandteil der Scharia. Mit dieser Auffassung steht sie im Einklang – man beachte dazu das nachfolgend Festgedruckte – mit den Verfassern der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam aus dem Jahr 1990, die als eine islamische Gegenversion zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 niedergeschrieben wurde. Dort heisst es in der Präambel: “Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle und historische Rolle der islamischen Umma, die von Gott als die beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat, in der zwischen dem Leben hier auf Erden und dem im Jenseits Harmonie besteht und in der Wissen mit Glauben einhergeht; und sie betonen die Rolle, die diese Umma bei der Führung der durch Konkurrenzstreben und Ideologien verwirrten Menschheit und bei der Lösung der ständigen Probleme dieser materialistischen Zivilisation übernehmen sollte; sie möchten ihren Beitrag zu dem Bemühen der Menschheit leisten, die Menschenrechte zu sichern, den Menschen vor Ausbeutung und Verfolgung zu schützen und seine Freiheit und sein Recht auf ein würdiges Leben in Einklang mit der islamischen Scharia zu bestätigen; (…) sie glauben, daß die grundlegenden Rechte und Freiheiten im Islam ein integraler Bestandteil der islamischen Religion sind und daß grundsätzlich niemand das Recht hat, sie ganz oder teilweise aufzuheben, sie zu verletzen oder zu mißachten, denn sie sind verbindliche Gebote Gottes, die in Gottes offenbarter Schrift enthalten und durch Seinen letzten Propheten überbracht worden sind, um die vorherigen göttlichen Botschaften zu vollenden. Ihre Einhaltung ist deshalb ein Akt der Verehrung Gottes und ihre Mißachtung oder Verletzung eine schreckliche Sünde, und deshalb ist jeder Mensch individuell dafür verantwortlich, sie einzuhalten – und die Umma trägt die Verantwortung für die Gemeinschaft.

Wenn man so wie Nushin Atmaca oder die Verfasser der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam der Ansicht folgt, dass die Menschenrechte Bestandteil der Scharia seien, kommt dabei eine Menschenrechtsordnung heraus, die mit Schariavorbehalten versehen ist, zumal eine solche Menschenrechtsordnung der Scharia logischerweise nicht widersprechen kann. Ansonsten könnte ja nicht behauptet werden, dass die Menschenrechte Bestandteil der Scharia seien, wie dies Nushin Atmaca tut. Hier einige Auszüge aus der Kairoer Erklärung, die eine solche Menschenrechtsordnung darstellt, die sich als integraler Bestandteil der Scharia betrachtet, wie aus der vorzitierten Präambel zu erkennen ist:

Das Leben ist ein Geschenk Gottes, und das Recht auf Leben wird jedem Menschen garantiert. Es ist die Pflicht des einzelnen, der Gesellschaft und der Staaten, dieses Recht vor Verletzung zu schützen, und es ist verboten, einem anderen das Leben zu nehmen, außer wenn die Scharia es verlangt (Art. 2, lit b).

Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wird garantiert. Jeder Staat ist verpflichtet, dieses Recht zu schützen, und es ist verboten, dieses Recht zu verletzen, außer wenn ein von der Scharia vorgeschriebener Grund vorliegt (Art. 2 lit. d).

In Einklang mit den Bestimmungen der Scharia haben beide Elternteile bestimmte Rechtsansprüche gegenüber ihren Kindern; und Verwandte haben Rechtsansprüche gegenüber ihren Nachkommen (Art. 7 lit. c).

Der Islam ist die Religion der reinen Wesensart. Es ist verboten, irgendeine Art von Druck auf einen Menschen auszuüben oder seine Armut oder Unwissenheit auszunutzen, um ihn zu einer anderen Religion oder zum Atheismus zu bekehren (Art. 10).

Jeder Mensch hat innerhalb des Rahmens der Scharia das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnortes, entweder innerhalb oder außerhalb seines Landes. Wer verfolgt wird, kann in einem anderen Land um Asyl ersuchen. Das Zufluchtsland garantiert seinen Schutz, bis er sich in Sicherheit befindet, es sei denn, sein Asyl beruht auf einer Tat, die nach der Scharia ein Verbrechen darstellt (Art. 12).

Jeder hat das Recht, den Erfolg seiner wissenschaftlichen, literarischen, künstlerischen oder technischen Arbeit zu genießen und die sich daraus herleitenden moralischen und materiellen Interessen zu schützen, vorausgesetzt, daß die Werke nicht den Grundsätzen der Scharia widersprechen (Art. 16).

Über Verbrechen oder Strafen wird ausschließlich nach den Bestimmungen der Scharia entschieden (Art. 19 lit. d).

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung, soweit er damit nicht die Grundsätze der Scharia verletzt (Art. 22 lit. a).

Information ist lebensnotwendig für die Gesellschaft. Sie darf jedoch nicht dafür eingesetzt und mißbraucht werden, die Heiligkeit und Würde der Propheten zu verletzen, die moralischen und ethischen Werte auszuhöhlen und die Gesellschaft zu entzweien, sie zu korrumpieren, ihr zu schaden oder ihren Glauben zu schwächen (Art. 22 lit. c).

Jeder Mensch hat das Recht, sich direkt oder indirekt an der Verwaltung der Staatsangelegenheiten in seinem Land zu beteiligen. Er hat auch das Recht, in Einklang mit den Bestimmungen der Scharia ein öffentliches Amt zu bekleiden (Art. 23 lit. b).

Alle Rechte und Freiheiten, die in dieser Erklärung genannt wurden, unterstehen der islamischen Scharia (Art. 24).

Die islamische Scharia ist die einzig zuständige Quelle für die Auslegung oder Erklärung jedes einzelnen Artikels dieser Erklärung (Art. 25).

Nach diesen Auszügen aus der Kairoer Erklärung für Menschenrechte im Islam sollte es meines Erachtens auch für Nichtjuristen offensichtlich sein, dass damit die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aber auch unsere freiheitlichen europäischen Grundrechtsordnungen erheblich verwässert respektive relativiert würden, wenn man diese als Massstab nehmen würde. Wer wie Nushin Atmaca die Menschenrechte als Bestandteil der Scharia sieht, nimmt diese Verwässerung und Relativierung ganz bewusst in Kauf. Diese Folgegedanken werden von ihr zwar nicht ausgesprochen. Sie ergeben sich aber aus den Gesetzen der Logik. Wenn die Menschenrechte Bestandteil der Scharia wären, wären in dieser Menschenrechtsordnung Widersprüche zur Scharia nicht möglich. So sieht es auch die Kairoer Erklärung. Die Angabe von Nushin Atmaca, wonach die Menschenrechte ein Bestandteil der Scharia seien, ist folglich nicht nur unzutreffend und sogar glatt gelogen, weil diese vielmehr Ausfluss der Europäischen Aufklärung sind und mit der Scharia nicht das Geringste zu tun haben. Vielmehr stellt ihre Inklusion der Menschenrechte in ihr Schariasystem eine gefährliche Relativierung und Verwässerung unserer Grundrechte und unserer freiheitlichen Rechtsordnung dar.

Sehr ähnliche Gedanken und Botschaften werden mit dem Kopftuchträgerin-Plakat der ARD vermittelt. Die Gleichberechtigung stehe nicht im Widerspruch zur Scharia oder zum islamischen Kopftuch. Das sei bloss ein Vorurteil und nur vermeintlich so. Vielmehr sei die Gleichberechtigung der Geschlechter sogar ein Grundgedanke des Islam, was mit dem Tragen des islamischen Kopftuchs angeblich sogar zum Ausdruck komme. Das sind die Botschaften, die mindestens bei mir ankommen. Insbesondere junge Schariamusliminnen verbreiten oft solche Botschaften, beispielsweise auch, dass die Kleidungsvorschriften des Islam Frauen befreien würden, weil sie damit nicht mehr als Sexobjekte betrachtet würden. Solche Frauen behaupten zudem des öfteren, dass der Islam – allen voran Mohammed – die Frauen befreit habe. Er sei der erste Feminist. Ich habe das wirklich auch schon gehört! Dann geben sie in Fernsehsendungen an, zu denen sie eingeladen werden, dass das islamische Kopftuch sogar ein Zeichen der Emanzipation sei. Auch diese sei im Übrigen eine islamische Erfindung.

Wer hat’s erfunden? Die Muslime natürlich. Man kommt sich bei solchen Fernsehbildern vor wie in der Ricola-Werbung. Nur stimmt die Antwort nicht. Die Muslime haben diese Dinge nicht erfunden und sie waren nie Teil oder Bestandteil der Scharia.

Nein, der Islam hat die Gleichberechtigung der Geschlechter weder erfunden, noch beinhaltet sie ansatzweise irgendwelche Inhalte, die für die Emanzipation der Frau sprechen. Das Gegenteil trifft zu. Eine Muslimin kann sich beispielsweise nicht so ohne weiteres von ihrem muslimischen Mann scheiden lassen, was der muslimische Mann mit einer Einfachheit kann, die einen staunen lässt. Er muss einen Satz dreimal wiederholen und Sekunden später ist er von seiner Frau geschieden. Eine Frau hat nicht den gleichen Erbteil wie ein Mann. Ihrer Zeugenaussage wird nur der halbe Beweiswert gegenüber einer Zeugenaussage eines  Mannes zugebilligt. Einem Vater steht nach der Scharia das Recht zu, seine minderjährige Tochter zu verheiraten. Eine muslimische Frau steht nicht einmal im Glauben auf der gleichen Stufe wie ein muslimischer Mann, obwohl immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Vor Gott seien Mann und Frau gleich. Das stimmt nicht. So ist die Freitagspredigt nur für die Männer eine Pflicht. Wenn eine Frau ebenfalls den Wunsch hätte, der Predigt zu folgen, gibt es für sie in den meisten Moscheen keinen Platz. Wenn ein muslimischer Mann zu einem “Märtyrer” wird, werden ihm gemäss Scharia die berühmten 72 Jungfrauen  zugesprochen, die nach jedem Geschlechtsverkehr wieder zu Jungfrauen werden, um gleich nochmals entjungfert zu werden. Die Belohnung einer Frau hingegen ist, dass sie auch im Jenseits bei ihrem Ehemann verbleiben darf (während sich dieser vermutlich mit den 72 Jungfrauen vergnügt). Wenn man von der Benachteiligung der Frau im Islam spricht, sollte auch nicht vergessen werden, dass auch die strengen Kleidervorschriften des Islam, die auf diesem Plakat der ARD thematisiert werden, in erster Linie Frauen treffen und nicht Männer. Zwar treffen auch Männer gewisse Regeln der Sittlichkeit. Diese können aber mit denjenigen, welche Frauen zu befolgen haben, nicht verglichen werden. Mit anderen Worten trifft es überhaupt nicht zu, dass die Frau im Islam mit dem Mann gleichberechtigt sei. Das ist sie ganz klar nicht, nicht einmal in Bereichen, die ausschliesslich den Glauben betreffen. Allein die Tatsache, wie es um die Gleichberechtigung der Geschlechter in muslimisch geprägten Ländern steht, dürfte die absurde Behauptung, wonach Scharia-Islam Gleichberechtigung bedeute, auch ohne diese Angaben widerlegt haben.

Ich hoffe, dass ich mit diesem Blog-Artikel verdeutlichen konnte, dass die Toleranz gegenüber islamischen Unwahrheiten, wonach die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Menschenrechte, die Wissenschaften und viele andere westliche Errungenschaften Bestandteil oder Teil der Scharia respektive des Islam darstellen, fehl am Platz ist. Dabei geht es nicht ausschliesslich darum, dass die Akzeptanz dieser Unwahrheiten, die man als “Ausdruck der Religions- und Meinungsfreiheit” wahrnimmt, einen Verrat gegenüber unseren Errungenschaften darstellt. Das wäre vielleicht noch zu verkraften. Vielmehr relativiert und verwässert diese unkritische Zulassung einer Inklusion unserer Werte in die Scharia, die von Scharia-Muslimen als etwas Grösseres verstanden wird, genau diese Werte. Dass ein deutscher öffentlich-rechtlicher Sender sich instrumentalisieren lässt, solche Unwahrheiten zu verbreiten, die dazu noch unsere Errungenschaften wie die Gleichberechtigung der Geschlechter relativieren und damit gefährden, ist ein Skandal sondergleichen.

“Ich glaube an Gleichberechtigung.” – Ein kontroverses Plakat für die ARD-Themenwoche „Woran glaubst Du?“

Das Todesurteil für die „jüdischen“ Olivenbäume der Türkei und die angebliche Vereinbarkeit der Scharia mit den Menschenrechten

Nachdem die AKP-Islamofaschisten die Gewaltenteilung in der Türkei mit der Verfassungsänderung vom vergangenen April durch einseitige Berichterstattung in den von ihnen gesteuerten Medien sowie Medienzensur, massivste Einschüchterungen der Bevölkerung und systematischen Wahlbetrug beseitigen konnten, hat nun auch die letzte Stunde der türkischen Olivenbäume  geschlagen. Die AKP-Bande hatte zuvor während Jahren versucht, insbesondere die Olivenhaine der Ägäis abzuholzen, was bis anhin durch Gerichtsentscheide teilweise verhindert werden konnte. Da in der heutigen Türkei Gerichte keine eigenständige Rolle mehr spielen und in faktischer Hinsicht genauso wie das türkische Parlament nur noch Akklamationsinstanzen des Diktators darstellen, gibt es leider nichts mehr, was die Islamofaschisten von diesem Vorhaben noch abhalten könnte.

Die insbesondere an der türkischen Ägäis-Küste seit Jahrhunderten wachsenden Olivenbäume sind der geldgierigen AKP-Clique und dem noch geldgierigeren Diktator, der dazu noch an einer Bau-Megalonomie leidet, schon lange ein Dorn im Auge, weil diese Bäume wertvollem Bauland Platz wegnehmen würden, so wie diese Leute es ausdrücken. Vor einigen Tagen konnte nun das entsprechende Gesetzespaket die vorberatende Industriekommission des türkischen Parlaments passieren und wird demnächst vom Parlament durchgewunken. Die Landwirtschaftskommission, die bei einem derart wichtigen landwirtschaftspolitischen Entscheid klar zuständig wäre, wurde nicht einmal angehört, geschweige denn irgendwelche Einwände aus der Opposition, aus dem betroffenen Industriezweig oder von der Bevölkerung. Die Olivenhaine, welche die Landschaft der Ägäis aber auch das Leben und die Kultur dieser Region seit Jahrhunderten prägen, dürften demnächst der Vergangenheit angehören.

Dass es jetzt so einfach und so schnell ging, sollte nicht davor hinwegtäuschen, dass die AKP-Islamofaschisten für dieses Ziel sehr lange gekämpft haben und dabei keine Mittel scheuten, um die Olivenbäume schlecht zu machen. Sie führten sogar eine regelrechte Hasskampagne gegen die Olive. Das ist durchaus keine Übertreibung. Im November 2014 ging dies so weit, dass sie den Hashtag #ZeytinAlmıyoruz auf Twitter verbreiteten, was so viel heisst wie „Wir kaufen keine Oliven!“. Dabei wurde von der AKP-Propaganda unter anderem auch behauptet, dass der Olivenbaum ein „jüdischer Baum“ sei und deshalb sämtliche Olivenbäume der Türkei abgeholzt werden müssten. Die nachfolgende antisemitische Darstellung mit Text, die damals in den sozialen Medien verbreitet wurde, gibt eine bemerkenswerte Begründung dafür ab, die ich nachfolgend übersetzen und anschliessend kommentieren werde.

zeytin_aalarnn_kesilmesiyle_ilgili_zrva_kampanyann_afii

(Türkische antisemitsiche Karikatur mit Text aus dem Jahr 2014)

“Weshalb sollten Olivenbäume gefällt werden??

(In einer Zeit) in der Nähe des Jüngsten Tages wird es einen Krieg zwischen den Muslimen und den Juden geben. Die Muslime werden von diesem Krieg als Sieger hervorgehen. Es wird sich so verhalten, dass die Juden sich hinter den Bäumen und und den Steinen verstecken werden; die Bäume und die Steine werden jedoch Nachricht darüber geben und sagen “Hey Muslim, was sich hinter mir befindet, ist ein Jude. Komm geschwind und töte ihn!”.

Aber nur der Olivenbaum wird keine Nachricht darüber geben, weil dieser ein Judenbaum ist. Heute ermutigt Israel alle Länder, dass diese Olivenbäume pflanzen. Sie wissen nämlich, dass diese Bäume die Juden beschützen werden.

(es folgt die krass antisemitische Darstellung eines Juden; “zeytin ağacı” bedeutet Olivenbaum)

Gestern hat Israel versucht, um das Fällen der Olivenbäume zu verhindern, den Bau des Wärmekraftwerks in Soma zu stoppen und hat dies mit der Unterstützung des Danıştay (Türkischer Staatsrat, sprich das höchste türkische Verwaltungsgericht) geschafft. Aber unsere Regierung hat trotz dieses Entscheids des Danıştay das Fällen der Bäume fortgesetzt und hat damit sämtliche Pläne Israels vereitelt.

Es ist geplant, dass sämtliche Olivenbäume in der Türkei innerhalb von drei Jahren gefällt werden; auf diese Art und Weise wird man Israel einen grossen Schlag versetzen.

Aber es reicht nicht, nur die Bäume zu fällen. Unsere Nation sollte die ihr zukommende Pflicht erfüllen und von dieser Stunde an keine Oliven mehr gebrauchen und sollte sich damit nicht zu einem Werkzeug dieses Spiels machen lassen.

Werde nicht zum Spielball, o Ottomanensohn!

(der Begriff “Ottomanensohn” ist in ottomanischer Sprache wiedergegeben und nicht auf Türkisch, um dem Aufruf einen ottomanischen und damit patriotischen Touch zu geben)

#WirkaufenkeineOliven”

Die antisemitische Endzeitschilderung in diesem Text mit den Juden, die sich vergeblich hinter Bäumen und Steinen vor mordenden Muslimen verstecken würden, stammt aus der Hadith-Literatur. Sie  kommt sowohl in Sahih Bukhari als auch in Sahih Muslim vor, sprich in den beiden wichtigsten und heiligsten Hadith-Texten des sunnitischen Islam, aber auch in vielen anderen Texten, die ihrerseits von diesen beiden “Hauptquellen” abgeleitet wurden. Mit anderen Worten handelt es sich hierbei um Mainstream-Islam und nicht um Extremismus, Islamismus oder Salafismus, um jene Begriffe der Islam-Appeaser zu verwenden, die aus welchen Gründen auch immer eine strikte Unterscheidung zwischen dem Islam und dem Islamismus fordern. In beiden Texten des sunnitischen Islam wird die Ermordung sämtlicher Juden durch Muslime als Voraussetzung für die Heilserfüllung in der islamischen Eschatologie bezeichnet. Sahih Muslim spricht anders als Sahih Bukhari auch darüber, um welche Art von Bäumen es sich hier handeln soll. Schauen wir uns doch an, ob dort tatsächlich von Ölbäumen die Rede ist.

“Abu Huraira reported Allah’s Messenger as saying:

The last hour would not come unless the Muslims will fight against the Jews and the Muslims would kill them until the Jews would hide themselves behind a stone or a tree and a stone or a tree would say: Muslim, or the servant of Allah, there is a Jew behind me; come and kill him; but the tree Gharqad would not say, for it is the tree of the Jews.”

Welcher Baum mit dem Gharqad-Baum gemeint ist, ist in der islamischen Theologie umstritten. Unumstritten ist lediglich, dass die Pflanze dornenreich und nutzlos sei, was den Ölbaum aufgrund dieser Beschreibung ganz sicher ausschliessen dürfte. Darüber hinaus würde im Hadith-Text Ölbaum stehen, wenn Ölbaum gemeint wäre, zumal diese Pflanze bereits im Koran mehrfach erwähnt wird und damit in der Welt des Islam keine Unbekannte ist.  Ferner gibt ausser den AKP-Islamofaschisten ohnehin niemand an, dass es sich bei Gharqad-Bäumen um Ölbäume handle. Nachfolgend möchte ich die vorhin erwähnten Koranstellen wiedergegeben, damit der Leser erfährt, was die wichtigste Quelle des Islam über die Olive erzählt.

Surah al-An’am; 6:99, 141

“Und Er ist es, Der vom Himmel Wasser herabkommen läßt. Damit bringen Wir den Wuchs aller Arten hervor; aus ihnen bringen Wir dann Grün hervor, aus dem Wir übereinandergeschichtete Körner hervorbringen – und aus den Palmen, aus ihren Blütenscheiden (entstehen) herabhängende Dattelbüschel –, und (auch) Gärten mit Rebstöcken und die Öl- und die Granatapfelbäume, die einander ähnlich und unähnlich sind. Schaut ihre Früchte an, wenn sie Früchte tragen, und (schaut) auf deren Reife! Seht, darin sind wahrlich Zeichen für Leute, die glauben.”

“Und Er ist es, Der Gärten mit Spalieren und ohne Spaliere entstehen läßt, sowie Palmen und (sonstige) Pflanzen mit unterschiedlichen Erntesorten und Öl- und Granatapfelbäume, die einander ähnlich und unähnlich sind. Eßt von ihren Früchten, wenn sie Früchte tragen, und entrichtet am Tag ihrer Ernte ihre(n) Pflicht(anteil, der darauf steht), doch seid nicht maßlos! – Er liebt nicht die Maßlosen.”

Surah Nahl; 16:11

“Er läßt euch damit Getreide wachsen, und Ölbäume, Palmen, Rebstöcke und von allen Früchten. Darin ist wahrlich ein Zeichen für Leute, die nachdenken.”

Surah Nur; 24:35

“Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis seines Lichtes ist das einer Nische, in der eine Lampe ist. Die Lampe ist in einem Glas. Das Glas ist, als wäre es ein funkelnder Stern. Ihr Brennstoff kommt von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder östlich noch westlich, dessen Öl beinahe schon Helligkeit verbreitete, auch wenn das Feuer es nicht berührte. Licht über Licht. Allah führt zu Seinem Licht, wen Er will. Allah prägt den Menschen die Gleichnisse, und Allah weiß über alles Bescheid.”

Ferner wird die Olive in Surah at-Tin; 95:1 und in Surah Abasa; 80:29 erwähnt, wiederum in einem äusserst positiven Zusammenhang.

Wenn man bedenkt, dass nach islamischer Sicht der Koran die unmittelbare und damit direkte Rede Gottes enthält, sagt dieser Gott zusammengefasst nichts anderes als, dass die blosse Existenz der Olive als ein Zeichen seiner Existenz zu deuten sei. Mit anderen Worten ist die Olive ein Wunder und damit sogar ein Gottesbeweis. Gott befiehlt den Muslimen, Oliven zu essen, diese wunderbare Gabe zu schätzen und dabei nicht masslos zu sein. Der Gott im Islam lobt ferner das Licht, das das Öl der Olive erzeugt und bezeichnet den Ölbaum als einen gesegneten Baum.

Aus theologischer Betrachtung dürfte das Vorgehen der AKP-Islamofaschisten gegen die Ölbäume somit eine schwere “Sünde” darstellen, sofern man an solche Dinge glaubt. Mit ihrer Hasskampagne gegen die Olivenbäume machen sie aus dem gesegneten Ölbaum, der im Koran aufgrund der vielseitigen Nutzung als Gottesgabe dargestellt, ja von diesem Gott selbst als Gottesbeweis aufgeführt wird, den in Sahih Muslim erwähnten, nutzlosen Gharqad-Baum, um sämtliche Olivenbäume der Türkei abzuholzen zu können, weil es sich dabei angeblich um “Judenbäume” handle. Mit anderen Worten bringen sie den gemäss Gott gesegneten Ölbaum in einen Zusammenhang mit den verhassten Juden, die gemäss den Lehren des Islam keineswegs gesegnet sind, weil sie nach islamischer Vorstellung den Zorn Gottes erregt hätten und daher als Verdammte betrachtet werden. Dabei berufen sich die AKP-Islamofaschisten auf eine der heiligsten Hadith-Quellen des sunnitischen Islam, die sie wohl bewusst falsch wiedergeben, um ihre pekuniären Ziele zu erreichen. Diese pekuniären Interessen stehen wiederum im Widerspruch zu dem, was der Koran über den gottgewollten Umgang der Menschen mit der Olive aussagt: Sie sollen nicht masslos sein, weil Gott masslose Menschen nicht liebe.

Was man aus den übrigen Ausführungen in diesem antisemitischen Text herauslesen kann, ist die Todfeindschaft gegenüber Israel und ein tiefer Judenhass, der so weit geht, dass man sämtliche Olivenbäume der Türkei fällen will (und damit bewusst eine Selbstschädigung in Kauf nimmt), damit sich die Juden nicht verstecken können, die man ermorden will, wenn gegen Israel der Endkrieg geführt wird, nach welchem kein einziger Jude überleben darf. Mit anderen Worten ist der Krieg gegen Israel aber auch die Ermordung sämtlicher Juden für diese Leute eine ausgemachte ja sogar unmittelbar bevorstehende Sache, weil das Fällen sämtlicher Olivenbäume der Türkei aus dieser Sicht Vorbereitungshandlungen für die bevorstehende Eschatologie darstellen. Wenn dem nicht so wäre, könnte man nämlich mit dem Fällen der Bäume zuwarten. Der Text wird fortgesetzt mit einer wirren Verschwörungstheorie, bei der dem höchsten Gericht der Türkei im Bereich des Verwaltungsrechts Unterstützung Israels unterstellt wird.  Gestützt wird diese Verschwörungstheorie von einer noch wirreren. Demnach soll Israel weltweit die Pflanzung von Olivenbäumen forcieren, damit sich die Juden im Endkrieg gegen die Muslime dahinter verstecken könnten. Anschliessend wird das rechtswidrige Verhalten der Regierung, die sich um den Gerichtsentscheid des Danıştay foutierte und die Abholzung fortsetzte, ausdrücklich gelobt. Mit dem Fällen der türkischen Olivenbäume würde die AKP-Regierung nämlich Israel einen Schlag versetzen. Der Text schliesst mit der abstrusesten Verschwörungstheorie. Die ottomanische Nation soll auf den Konsum von Oliven verzichten, dies obwohl Oliven fester Bestandteil eines traditionellen türkischen Frühstück darstellen, weil dies Teil eines angeblichen (jüdischen) Spiels darstelle und wenn man Oliven konsumiere, mache sich die ottomanische Nation zum Spielball. Mit anderen Worten soll die angeblich durch Israel forcierte Nutzung und Konsum der Olive Teil einer breit angelegten Strategie darstellen, die der gläubige Ottomanensohn vereiteln muss, damit nach dem Endkrieg kein einziger Jude überlebt.

Das Beispiel der “jüdischen Olivenbäume” zeigt sehr schön, wie islamistische Politik funktioniert. Man begründet ein politisches Vorhaben mit dem Islam, den man instrumentalisiert, wobei es nicht einmal eine Rolle spielen muss, ob die politischen Forderungen den Lehren des Islam entsprechen. Das können Islamofaschisten so ohne weiteres tun, weil die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung insbesondere auch in der Türkei – unabhängig davon ob sie die Scharia befolgt oder nicht – vom Islam ohnehin wenig bis überhaupt keine Ahnung hat. Sie bildet eine Manipuliermasse, der man alles erzählen kann.

Islamapologeten und Scharia-Appeaser könnten daher nun einwenden, dass das Vorgehen der AKP-Islamofaschisten mit dem “wahren” Islam nichts zu tun hätte, so wie Lamya Kaddor solche Dinge immer wieder über muslimische Attentäter behauptet und angibt, das seien keine “wahren” Muslime respektive überhaupt keine Muslime. Wenn man Leute wie Lamya Kaddor ernst nehmen würde, was man nicht sollte, wäre damit auch das Thema mit den jüdischen Olivenbäumen erledigt, weil die Hadith-Stelle nicht von Olivenbäumen spricht und auch der Koran nur Positives über die Oliven zu berichten weiss. Das wäre jedoch allzu einfach. Tatsache ist und bleibt nämlich, dass es die Hadith-Sammlungen Sahih Bukhari und Sahih Muslim schon gab, bevor der Begriff des Islamismus, den die Islamapologeten wie Lamya Kaddor gerne vom “wahren” Islam unterscheiden würden, existierte. Mit anderen Worten sind diese antisemitischen Aussagen, die Mord- und Genozidaufforderung ein unstrittiger Teil des Islam und nicht etwa bloss des Islamismus. Ob der Hadith von Olivenbäumen spricht oder von einem anderen Baum, spielt also nicht wirklich eine Rolle. Auch ist es irrelevant, ob der Hadith etwas über das Abholzen solcher Bäume sagt, was er offensichtlich nicht tut. Wichtig ist allein der darin enthaltene islamische Antisemitismus und der Aufruf, sämtliche Juden zu ermorden.

Man könnte nun einwenden, dass man den Islam ja auch unabhängig von den Hadithen erleben könne. Das gibt es durchaus, etwa bei den Aleviten, die nicht nach der Scharia leben und deshalb solche Inhalte keine Rolle spielen. Abgesehen davon ist aber ein solcher Einwand insofern naiv und unbehelflich, weil ohne Hadithe ein wesentlicher Teil des Korans nicht verständlich wäre, weil Hadithe wie jene in den Hadith-Sammlungen Sahih Bukhari und Sahih Muslim den Zusammenhang der angeblichen “Offenbarung” von Suren wiedergeben, ohne den viele Koranstellen nicht verständlich wären. Hinzu kommt ein weitaus grösseres Problem. Es sind insbesondere die Hadithe und die von ihnen abgeleitete Sira (fromme, kanonische Prophetenbiographie), welche die Person des Propheten Mohammed zeichnen, den die Muslime zu kopieren und dessen Befehle sie zu befolgen haben. Mit anderen Worten würde es die Person Mohammed, die über die Hadith-Quellen überhaupt Gestalt annimmt, ohne Anwendung dieser Quellen nicht geben, weil der Koran nahezu keine Anhaltspunkte über seine Person enthält, die unabhängig von Hadith-Quellen verständlich wären. Das bedeutet also, dass es ohne solche Quellen wie Sahih Bukhari und Sahih Muslim den Propheten des Islam nicht geben würde.

Das Beispiel dieser beiden nahezu gleichlautenden Hadithstellen sollte – so hoffe ich – dem Leser aufgezeigt haben, dass der Scharia-Islam eine rassistische Ideologie ist, wobei sich dieser Rassismus nicht gegen Ethnien sondern gegen Nichtmuslime richtet, d.h. gegen die Juden wie in unserem Beispiel, aber auch gegen die Christen, gegen die Feueranbeter (wie die Anhänger der Zarathustra-Religion im Islam bezeichnet werden), gegen die Bahai, gegen Polytheisten, gegen Atheisten aber sogar auch gegen Muslime, die nicht den gleichen Islam befolgen. Die Scharia ist eine Ideologie, die Hass und Zwietracht zwischen die Menschen sät, über Wert und Unwert menschlichen Lebens entscheidet und zu Mord und Genozid gegenüber Andersgläubigen aufruft und sie tut dies in ihren heiligsten Quellen. Wie unser Beispiel aus der Türkei dies verdeutlicht, sind diese Aufforderungen keineswegs bloss in einem historischen Kontext zu verstehen, wie dies für viele gläubige Christen oder Juden beim Alten Testament der Fall ist. Sie betreffen das Hier und Jetzt respektive die unmittelbar bevorstehende Zukunft.

 

Nach meinen Ausführungen kann sich der Leser vermutlich gut vorstellen, was in mir vorgeht, wenn ich in den Medien Dinge lese wie, dass nach Angaben von angeblichen und selbsternannten “liberalen” Muslimen die Scharia und Menschenrechte kein Gegensatz seien, so wie dies neulich auf der Islam-Apologeten-Seite Qantara zu lesen war. Gemäss Bericht sehe der Liberal-Islamische Bund (LIB) die Menschenrechte und das islamische Recht, die Scharia, als durchaus vereinbar an. Es gebe keinen Widerspruch zwischen universalen Menschenrechten und der Scharia, “verstanden als individueller ethischer und gleichzeitig am Gemeinwohl orientierter Leitfaden”, so die LIB-Vorsitzende Nushin Atmaca. Zugleich sei die Scharia offen für “historische Gegebenheiten und Menschheitserfahrungen beziehungsweise Erkenntnisfortschritte”. Insofern seien die Menschenrechte nicht als etwas “Externes” anzusehen, sondern als ein Bestandteil der Scharia.

Ich denke, dass nach meinen Ausführungen im vorliegenden Blog-Artikel keine Zweifel bestehen sollten, dass die Scharia eine rassistische Ideologie ist, die alles Nichtmuslimische nicht toleriert und damit geradezu das Gegenteil davon bedeutet, was die universellen Menschenrechte ausdrücken wollen. Sie kann für eine moderne Gesellschaft niemals ein Leitfaden sein, so wie die Schariaanhänger vom LIB, die sich hinter der Bezeichnung “liberal” verstecken, die aber keineswegs liberal sind, fordern. Selbstredend ist damit auch die Behauptung dieser fragwürdigen Organisation, wonach die universellen Menschenrechte sogar einen Bestandteil dieser menschenverachtenden, rassistischen und totalitären Ideologie bilden sollen, an Absurdität kaum zu übertreffen.

Das Todesurteil für die „jüdischen“ Olivenbäume der Türkei und die angebliche Vereinbarkeit der Scharia mit den Menschenrechten