Das neo-ottomanische Kalifat nimmt Gestalt an

Ich hatte bereits vor rund anderthalb Monaten über das Vorhaben des türkischen Diktators Erdoğan berichtet, das am 3. März 1924 abgeschaffte Kalifat demnächst wieder zu errichten. Ich bezog mich damals auf eine AKP-Veranstaltung in Kanada aus dem Jahr 2015. Bei dieser Veranstaltung hatte ein Kolumnenjournalist der islamistischen Zeitung Yeni Akit, Abdurrahman Dilipak, erklärt, wozu die 1005 Zimmer des riesigen Palastes von Erdoğan gut seien. Erdoğan werde beim Wechsel zum Präsidialsystem sich zum Kalifen ausrufen und überall auf der Welt Vertreter seines Kalifats haben. Diese Zimmer würden dann als Vertretungen dieser in die Welt hinausgeschickten Kalifatsdelegationen benutzt werden. Abdurrahman Dilipalak präzisierte dabei, welche muslimischen Bevölkerungen er meinte, die ihre Vertretungen haben würden. Wo immer sich auf der Welt eine muslimische Bevölkerung befinde, d.h. im Rahmen eines „ottomanischen Völkerbundes“, dort würde es solche Kalifatsdelegationen geben.

In der Zwischenzeit haben sich diese Pläne etwas konkretisiert. Ich beziehe mich dabei auf eine Nachricht der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı über den heutigen Besuch des Präsidenten von Diyanet Mehmet Görmez in Bursa zwecks Eröffnung des Verwaltungs- und Dienstleistungsgebäudes des Provinz-Muftis. Die Agenturmeldung gibt weitestgehend die Eröffnungsrede wieder. In dieser geht Mehmet Görmez zunächst auf die Stadt Bursa ein, die er religiös erhöht und mit religiösem Lob überschüttet, weil Bursa einst die Hauptstadt des Ottomanischen Reiches war. Ich lasse diesen Teil aus und werde nachfolgend die für den deutschsprachigen Leser relevanten Stellen des Anadolu-Ajansı-Artikels übersetzen und anschliessend kommentieren.

„In der letzten Zeit wird im Zusammenhang mit der Türkei ein sehr schöner Ausdruck verwendet; auch mir gefällt er: Die Türkei ist sehr viel grösser als die Türkei. Wohin Sie auch immer auf der Welt hingehen, welche Herzen der Unterdrückten auf der Welt Sie auch immer berühren, werden Sie sehen und beobachten können, dass die Türkei viel grösser ist als die Türkei. Deswegen möchte ich es hier ganz offen erklären, dass auch die Organisation Diyanet von nun an nicht mehr bloss die Diyanet der Türkei ist. Sie ist auch die Diyanet Organisation von all unseren Religionsgenossen, Volksgenossen und Brüder in Zentralasien, die nach einem 100 Jahre dauernden Fetret den Wunsch haben, die muslimische Identität wieder zu errichten (mit dem Begriff Fetret ist eine Art islamische Sedisvakanz gemeint; er ist die herrscherlose Zeit zwischen zwei Sultanen, zwei Propheten, hier zwischen zwei Kalifen, womit Görmez ganz offiziell das Kalifat ankündigt). Sie ist auch zur Diyanet all unserer muslimischen Brüder im Kaukasus geworden und im Balkan sämtlicher Balkantürken geworden. Von nun an bewegen wir uns gemeinsam auf der Ebene von Religionsdienstleistung und Religionserziehung und bei sämtlichen religiösen und moralwissenschaftlichen Dienstleistungen. Dem Allmächtigen unendlich viel Segen!“

Danach erinnerte Görmez daran, dass die Zahl der Türken in Europa mittlerweile bei 5 Millionen sei und erzählte, dass die Diyanet Organisation eine Institution sei, welche sicherstelle, dass diese Bevölkerung ihre muslimische Identität bewahre und – ohne von Assimilation heimgesucht zu werden – in der Bevölkerung, in der sie sich aufhält, friedlich lebt. Dann sagte er: „Auf der anderen Seite des Meeres, in Haiti, hat die Diyanet mittlerweile 11 Moscheen. Sie ist zu einer Institution geworden, die nicht nur unsere nähere geographische Umgebung sondern unsere gesamte geographische Umgebung der Herzen anspricht und die gesamte Welt anspricht“.

Görmez, der die Notwendigkeit der Bewahrung der Diyanet Organisation hervorhob, sagte folgendes: „Wir sollten behilflich sein, damit Diyanet stark wird. Die politische und ökonomische Stabilität von Nationen ist natürlich wichtig, aber unsere geographische Umgebung zeigt uns auch etwas anderes. Sobald muslimische Nationen ihre religiöse und moralische Stabilität, ihre religiöse Einheit, ihre religiöse Sicherheit verlieren, verschwindet sowohl die politische Stabilität als auch die ökonomische Stabilität und auch die Sicherheit und der Frieden. Sofern wir nicht wollen, dass wir zu einem Land werden, in der jede Moschee zu einer religiösen Partei, jede Schule zu einer Partei oder zu einer Gruppe und jede religiöse Institution zu einer religiösen Partei umgewandelt wird, müssen wir alle gemeinsam die Diyanet Organisation wie unseren Augapfel schützen und bewahren.“

Nach diesen Ausführungen von Görmez sollten meines Erachtens keine Zweifel mehr darüber bestehen, dass Erdoğan ein neo-ottomanisches Kalifat errichten wird, mit ihm selbst als Kalifen. Unklar ist dabei lediglich der Zeitpunkt der Ausrufung. Es stellt sich dabei die Frage, ob er die symbolischen 100 Jahre abwarten wird, um das Kalifat wieder zu errichten oder nicht. Ich denke eher nicht, wenn ich die Prozesse beobachte, die gegenwärtig in diesem Zusammenhang stattfinden.

Bemerkenswert sind aber auch die weiteren Aussagen von Görmez. Er versteht die Diyanet damit nicht mehr als eine rein türkische staatliche Institution sondern als eine globale Kalifatsorganisation mit Zentralverwaltung. Das Kalifat richtet sich dabei in erster Linie an die muslimischen Turkvölker (darunter natürlich insbesondere an die Türken weltweit) und dies über die Institutionen von Diyanet, die sich überall auf der Welt befinden. Darüber hinaus richtet es sich im Sinne eines “Kalifats der Herzen” an alle Völker der Welt.

Mit anderen Worten soll damit auch die DITIB wie die übrigen Diyanet-Organisationen weltweit nun die Funktion von Kalifatsdelegationen des Kalifen Recep I. wahrnehmen. Wie Görmez erklärt, geht es bei ihren Aufgaben unter Anderem auch um islamische Indoktrination in sämtlichen Bereichen, insbesondere auch bei der Erziehung und der Moral, wobei Organisationen wie die DITIB die Anordnungen des Kalifen und seiner Zentralverwaltung vollziehen und umsetzen werden. Was aus den Worten von Görmez ebenfalls hervorgeht ist, dass dieses Kalifat damit eine Ordnung wiederherstellen soll. Ganz offensichtlich ist dieses Religionsverständnis weit entfernt von der Religionsfreiheit, weil Görmez dabei von Vereinheitlichung der Religion spricht und klar gegen Vielfalt ist. Wie dies im Konkreten aussehen soll, wurde übrigens gestern verkündet, worüber die Zeitung Milliyet ausführlich berichtete. Görmez hat gestern den Eurasischen Fatwa Rat  ins Leben gerufen, der dem angeblichen “Fatwa-Chaos” ein Ende setzen soll.

Dazu eine kurze Erklärung: Die Fatwa wird normalerweise mit Rechtsgutachten übersetzt, wobei das Wort “Recht” hier weitreichend ist und jeden einzelnen Lebensbereich umfasst, so wie die Scharia eben. Diyanet hat beispielsweise eine Fatwa über das Augenbrauenzupfen von Frauen erlassen. Grundsätzlich darf jeder Muslim ein Rechtsgutachten abgeben. Je nach Einfluss der entsprechenden Person haben diese natürlich ein unterschiedliches Gewicht. Nun will Görmez das Unwesen der persönlichen Fatwas mit dem neugegründeten Eurasischen Fatwa Rat also beenden.

Wie es bereits aus dem Begriff bereits hervorgeht, wird auch Europa davon betroffen sein. Das bedeutet nichts anderes als, dass die DITIB die Fatwas dieser demnächst dem neo-ottomanischen Kalifat unterstehenden Institution umsetzen wird, nebst ihren vielen anderen Aufgaben, die von der Zentralverwaltung des Kalifats diktiert werden.

Ich hoffe, dass damit jedem klar sein sollte, dass die DITIB nichts anderes ist als der Name von Diyanet in Deutschland in der Form eines im Ausland agierenden Organs, so wie all die anderen ausländischen Organisationen von Diyanet diese Funktion wahrnehmen. Die Forderung, die von deutschen Politikern immer wieder ausgesprochen wird, dass sich DITIB von der Diyanet distanzieren soll, ist aus meiner Sicht realitätsfremd und äusserst blauäugig. Auch bei seiner heutigen Rede hat Görmez klargestellt, dass die DITIB von Diyanet nicht nur kontrolliert wird. Wir haben es vielmehr mit der einen und derselben Person zu tun! Nachdem Görmez in seiner Rede zudem alle dazu aufgefordert hat, in dieser Sache zusammen zu stehen, sollten meines Erachtens keine Zweifel mehr darüber bestehen, dass die DITIB sich niemals von Diyanet distanzieren oder von ihr unabhängig sein wird.

Mehmet_Görmez_2016

Mehmet Görmez
Quelle: Wikipedia

Das neo-ottomanische Kalifat nimmt Gestalt an

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