Die Venedig Kriterien der Venedig Kommission des Europarates – Völkerrechtliche Grundlagen aus Europa für die Errichtung einer neo-ottomanischen Diktatur mit Kalifat unter Erdoğan

Im Jahr 1997 wurde die Regierung des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan und seiner islamistischen Wohlfahrtspartei (Refah Partisi) im Rahmen eines unblutigen „postmodernen Staatsstreichs“ abgesetzt. Der entsprechende Interventionsprozess war durch ein während eines Treffens des Nationalen Sicherheitsrats der Türkei am 28. Februar 1997 beschlossenes Memorandum des Generalstabs eingeleitet worden, das eine Reihe von gegen die islamistische Bewegung Erbakans gerichtete Massnahmen beinhaltete. Infolge dieses Konflikts mit dem Militär und des steigenden Drucks sahen sich Ministerpräsident Erbakan und seine Regierung vier Monate später zum Rücktritt gezwungen.

Währenddessen hatte auch der Generalstaatsanwalt ein Schliessungsverfahren gegen die Wohlfahrtspartei eröffnet, mit der Begründung, die Wohlfahrtspartei sei zum Brennpunkt anti-laizistischer Aktivitäten geworden. Das türkische Verfassungsgericht fällte am 16. Januar 1998 das Urteil zur Schliessung der Wohlfahrtspartei. Am 28. Februar 1998 wurde die Partei dann endgültig geschlossen. Das Urteil des türkischen Verfassungsgerichts führte zu einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der hinsichtlich des Schliessungsurteils allerdings keine Menschenrechtsverletzungen feststellte. Der EGMR führte in seinem am 13. Februar 2003 gefällten Urteil folgendes aus:

„Die Einführung verschiedener Rechtssysteme kann nicht als vereinbar mit der EMRK betrachtet werden. Ein System verschiedener Rechtsnormen für die Angehörigen verschiedener Religionen würde die Rolle des Staates als Garant individueller Rechte und Freiheiten und unparteiischer Organisator der Ausübung der unterschiedlichen Religionen in einer demokratischen Gesellschaft abschaffen, indem Individuen verpflichtet würden, nicht länger den vom Staat in seiner oben beschriebenen Rolle aufgestellten Regeln, sondern statischen Regeln der jeweiligen Religion zu folgen. Überdies würde es dem Diskriminierungsverbot des Art. 14 EMRK widersprechen. Die Scharia ist unvereinbar mit den grundlegenden Prinzipien der Demokratie, die in der Konvention festgeschrieben sind. Die Feststellung der Unvereinbarkeit der von der Wohlfahrtspartei angestrebten Einführung der Scharia mit der Demokratie durch den Verfassungsgerichtshof war daher gerechtfertigt. Dasselbe gilt für die angestrebte Anwendung einiger privatrechtlicher Vorschriften des islamischen Rechts auf die muslimische Bevölkerung der Türkei. Die Freiheit der Religionsausübung ist in erster Linie eine Angelegenheit des Gewissens jedes Einzelnen. Die Sphäre des individuellen Gewissens ist grundverschieden von der des Privatrechts, welche die Organisation und das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes betrifft.

In Anbetracht der Unvereinbarkeit der Ziele der Wohlfahrtspartei mit den Grundsätzen der Demokratie und der Tatsache, dass sie auch die Anwendung von Gewalt zum Erreichen dieser Ziele nicht ausgeschlossen hat, entsprach die Auflösung der Wohlfahrtspartei und der vorübergehende Entzug bestimmter politischer Rechte der übrigen Beschwerdeführer einem dringenden gesellschaftlichen Bedürfnis und war verhältnismäßig zum verfolgten Ziel. Der Eingriff war daher notwendig in einer demokratischen Gesellschaft iSv. Art. 11 (2) EMRK. Keine Verletzung von Art. 11 EMRK (einstimmig, im Ergebnis übereinstimmende Sondervoten von Richter Kovler sowie von Richter Ress, gefolgt von Richter Rozakis).“

Angesichts dieses klaren und einstimmigen Votums des EGMR war es also für das türkische Verfassungsgericht nicht nur rechtlich zulässig, eine islamistische Partei wie die Wohlfahrtspartei zu verbieten. Vielmehr war diese Handlung unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der von der EMRK garantierten Grundfreiheiten und des Schutzes der Demokratie sogar notwendig. Damit hatte das höchste für Grundrechte zuständige Gericht Europas klare Grenzen für politische Parteien und Bewegungen gesetzt. Einerseits wurde klargestellt, dass die Scharia mit der Demokratie unvereinbar war. Andererseits war auch ein Systemwechsel zu diesem Schariasystem unter Anwendung von Gewalt verboten.

Die hier gesetzten Grenzen galten hier konkret gegenüber einer politischen Partei, deren Basis in der Bundesrepublik Deutschland entstanden war, zumal sich hinter der Wohlfahrtspartei nichts anderes verbarg als die Milli Görüş, also die von Necmettin Erbakan anfangs der Siebzigerjahre in Deutschland gegründete Vereinigung, deren Ideologie erklärtermassen derjenigen der Muslimbruderschaft entspricht, wobei Milli Görüş zusätzlich auch einen nationalistischen Touch hat. Wenn man der Ansicht des EGMR folgt, was ich tue, hatte damit die Bundesrepublik eine Organisation auf ihrem Territorium geduldet (und tut dies weiterhin), deren Ziel es ist, die von der EMRK garantierten Grundfreiheiten und die Demokratie zu beseitigen, um einen Gottesstaat auf der Grundlage der Scharia zu schaffen, wozu natürlich auch die Wiederrichtung des Kalifats gehört, welches von Atatürk im Jahr 1924 abgeschafft worden war.

Wie die meisten wissen, steht diese Organisation seit Jahren unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, wobei sich die Intervention des deutschen Staates auf dieses blosse Beobachten beschränkt. Mit anderen Worten können die Schariabrüder weiterhin wirken und werken, wie sie es schon immer taten. Sie werden lediglich beobachtet! Ein Verbot einer solchen verfassungsfeindlichen islamofaschistischen Organisation würde nämlich nach deutscher Ansicht „Grundrechte“ verletzen.

Nachdem die Türkei 1997 vorerst vor den Islamisten gerettet worden war und dabei grundrechtlich alles korrekt ablief, was wie oben dargelegt, vom EGMR einstimmig gebilligt worden war, vollzogen die türkischen Islamisten einen Strategiewechsel, um doch an ihre Ziele zu gelangen. Im Jahr 1999 hat der damalige Verbündete von Erdoğan, Fethullah Gülen, diese neue Strategie wie folgt zum Ausdruck gebracht. Dabei ist anzumerken, dass diese Äusserungen, die vermutlich mit versteckter Kamera mitgeschnitten wurden, der Grund seines Exils in den Vereinigten Staaten ist:

“Man muss die Stellen im Justiz- und Innenministerium, die man in seine Hand bekommen hat, erweitern. Diese Einheiten sind unsere Garantie für die Zukunft. Die Gemeindemitglieder sollten sich jedoch nicht mit Ämtern wie zum Beispiel denen der Richter oder Landräte begnügen, sondern versuchen, die oberen Organe des Staates zu erreichen. Ohne Euch bemerkbar zu machen, müsst Ihr immer weiter vorangehen und die entscheidenden Stellen des Systems entdecken. Ihr dürft in einem gewissen Grad mit den politischen Machthabern und mit denjenigen Menschen, die hundertprozentig gegen uns sind, nicht in einen offenen Dialog eintreten, aber ihr dürft sie auch nicht bekämpfen. Wenn sich unsere Freunde zu früh zu erkennen geben, wird die Welt ihre Köpfe zerquetschen, und die Muslime werden dann Ähnliches wie in Algerien erleben. Die Welt hat große Angst vor der islamischen Entwicklung. Diejenigen von uns, die sich in diesem Dienst befinden, müssen sich so wie ein Diplomat verhalten, als ob sie die ganze Welt regieren würden, und zwar so lange, bis Ihr diese Macht erreicht habt, die Ihr dann auch in der Lage seid, mit eigenen Kräften auszufüllen, bis Ihr im Rahmen des türkischen Staatsaufbaus die Macht in sämtlichen Verfassungsorganen an Euch gerissen habt.”

Mit anderen Worten sollte die Islamisierung des türkischen Staates schleichend, möglichst unbemerkt und langsam erfolgen. Damit wurde auch die Befürchtung vor der Gewalt, die für die Erreichung der politischen Ziele gemäss EGMR wie oben dargelegt nicht angewendet werden durfte, mindestens vorübergehend ausgeschlossen. Die Aussage Gülens stand freilich immer noch im Widerspruch zu den in der EMRK verankerten Grundfreiheiten, weil das Ziel der Islamisten immer noch gleich war: Die Errichtung eines Gottesstaates auf der Grundlage der Scharia mit dem dazugehörenden Kalifat. Wenig später nach diesen Äusserungen Gülens, im Jahr 2001, wurde schliesslich die AKP gegründet, die bei den Wahlen vom 2002 34,26% der Stimmen holen und Erdoğan den Weg zur Macht ebnen sollte. Zuvor war er mit einem lebenslangem Verbot belegt worden, ins Parlament gewählt zu werden, nachdem er das folgende Gedicht rezitiert hatte, dessen Inhalt sich in jeder Hinsicht bewahrheitet hat.

“Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind.
Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.”

Nachdem die Verbotshürde, welche Erdoğan verhinderte, im Jahr 2003 durch Verfassungsänderung beseitigt worden war, konnte er ungehindert sein Amt als Ministerpräsident übernehmen und die Türkei islamisieren, wobei er genau so vorging, wie Gülen dies empfohlen hatte. Unterstützung bekam er dabei insbesondere aus Europa, namentlich von der rot-grünen Regierung unter Schröder (SPD) und seinem Aussenminister Fischer (Grüne). Bundeskanzler Schröder war so begeistert von seinem Freund Erdoğan, dass er ihn im Jahr 2004 mit dem Preis „Europäer des Jahres“ auszeichnete, um damit den Wunsch nach der Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei zu unterstreichen. Insbesondere die rot-grüne Regierung der Bundesrepublik sollte damals der Erdoğan-Regierung eine hohe Legitimation verschaffen. Jedenfalls hatte die von Rot-Grün regierte Bundesrepublik mindestens damals kein Interesse mehr an einer säkular orientierten Türkischen Republik und konnte sich sogar eine Türkei, die von einem Islamisten regiert wurde, in der EU vorstellen.

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(Erdoğan bei der Auszeichnung zum Europäer des Jahres durch Schröder)

Vom 17. März 2008 (Klageerhebung) bis zum 30. Juli 2008 (Urteil) lief vor dem Türkischen Verfassungsgericht ein Prozess, in welchem versucht wurde, die illegale Machtübernahme durch den Islamofaschisten Erdoğan wieder rückgängig zu machen und um die AKP aus gleichen Gründen wie jene bei der Wohlfahrtspartei zu schliessen. Dies war zugleich die letzte Chance, Erdogan auf eine zivilisierte Art und Weise zu entmachten, weil er eine Abwahl niemals hinnehmen würde. Die Mehrheit der Verfassungsrichter folgte der Klage und stimmte für das Verbot der AKP. Die notwendige 2/3-Mehrheit wurde aber wegen einer einzigen Stimme verfehlt, weswegen die AKP nicht verboten wurde. Ausschlaggebend war insbesondere auch die Stimme des damaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts, Haşim Kılıç, für dessen Urteil insbesondere die sogenannten Venedig Kriterien („Richtlinien über das Verbot und Auflösung von politischen Parteien und analoge Vorgehensweisen“ der Venedig Kommission des Europarates“) ausschlaggebend waren. Die entscheidende Stelle in den Venedig Richtlinien von 2000, welche die säkulare Natur des türkischen Staates begraben sollte, die aber vom späteren Entscheid des EGMR im Zusammenhang mit der Wohlfahrtspartei abweicht, lautet wie folgt (S. 4, Ziff. 3):

“Ein Verbot oder eine zwangsweise Auflösung von politischen Parteien kann nur dann gerechtfertigt werden, wenn Parteien die Anwendung von Gewalt befürworten, oder Gewalt als Mittel dazu gebrauchen, um die demokratisch verfassungsmässige Ordnung umzustürzen und dabei die Rechte und die Freiheiten, die von der Verfassung garantiert werden, zu unterminieren. Die Tatsache allein, dass eine Partei eine friedliche Verfassungsänderung anstrebt, darf für ein Parteiverbot oder –auflösung nicht genügen.”

Unter dem Gesichtspunkt dieses Kriteriums allein war damit ein Systemwechsel möglich, wobei hinsichtlich der Natur dieses Systems keinerlei Grenzen gesetzt wurden. Damit konnte nämlich, solange es friedlich verlief und niemand zu Gewalt aufrief, der laizistische Charakter eines Staates ausgehebelt und ein islamischer Staat errichtet werden.

Im Ergebnis kann unter Anwendung dieses Kriteriums natürlich auch ein „Präsidialsystem“ eingeführt werden, wie dasjenige von Erdoğan, das kein Präsidialsystem ist sondern eine Präsidialdiktatur. Ob dabei die Machtübernahme durch eine Partei erfolgt, die klar der Muslimbruderschaft zuzuordnen ist, spielt dabei überhaupt keine Rolle und ist dabei auch kein Kriterium. Einzig die Anwendung von Gewalt oder die Befürwortung der Gewalt ist entscheidend.

Beseelt von diesen Venedig-Kriterien und ohne jeden Vorbehalt gegenüber der Scharia reagierten damals die EU, europäische Staaten und die Medien sehr erleichtert über den Verfahrensausgang und freuten sich darüber, dass Erdoğan weiterhin im Amt bleiben konnte. Wenn man die damaligen Berichterstattungen schaut oder liest, erwarteten sog. „Beobachter“ eine „gemässigte Entwicklung“. Es waren übrigens die gleichen Leute, die Erdoğan während vielen Jahren als einen „gemässigten Islamisten“ bezeichnet hatten. Man sprach damals davon, dass in der Türkei eine Staatskrise abgewendet worden sei. Ich kann mich noch sehr genau an meine Fassungslosigkeit von damals erinnern, als sich die Mehrheit der europäischen Öffentlichkeit über den Machterhalt des Islamofaschisten Erdoğan freute.

Die Venedig Kommission des Europarates hat mit ihren Richtlinien, die keinerlei Einschränkungen gegenüber der Scharia beinhalten, der Türkischen Republik geschadet, so wie es aussieht, diese sogar vernichtet. Die Richtlinien dieser Einrichtung, die eigentlich der Demokratie dienen sollte, waren aus meiner Sicht die völkerrechtliche Grundlage für die Errichtung der neo-ottomanischen Ein-Mann-Diktatur mit dem dazugehörenden Kalifat. Sie waren nämlich ausschlaggebend im Parteischliessungsverfahren vom 2008. Die von Mustafa Kemal Atatürk im Jahr 1923 gegründete säkulare Republik steht heute aufgrund der Beachtung der Venedig Kriterien auf einem Trümmerhaufen. Der türkische Rechtsstaat, der nie perfekt war, ist vollständig beseitigt worden. Ebenso wurden die parlamentarische Demokratie und die Gewaltenteilung abgeschafft. Die Grundrechte und die Grundfreiheiten, die auch von der EMRK garantiert werden, werden in der Türkei gegenwärtig am Laufmeter verletzt. Die Scharia, der totalitäre Staat und die Ein-Mann-Diktatur sind bereits Realität. Beamte, Richter, Professoren und viele andere völlig unbescholtene Bürger werden fristlos vom Staatsdienst verlassen und/oder eingesperrt. Dieser ganze Regime-Wechsel findet im Übrigen nicht einmal mit einer demokratischen Legitimation statt. Vielmehr setzt der islamofaschistische Diktator Erdoğan, der für sein beabsichtigtes Präsidialsystem das III. Reich als Beispiel genannt hat, seinen Willen um, nachdem er und seine Bande bei der Abstimmung für die Verfassungsrevision betrogen aber dennoch klar verloren haben. Der Wahlbetrug ist offensichtlich, womit der Islamofaschist keinerlei Legitimation für sich beanspruchen kann.

Man könnte meinen, dass mindestens im jetzigen Zeitpunkt Europa, damit ist zumindest die EU und der Europarat gemeint, endlich erkennen müsste, wie nachhaltig sie der Türkei geschadet hat, indem sie diesen Mann unterstützte und förderte. Auch könnte man erwarten, dass das Beispiel der Türkei, bei der die Venedig Kriterien zur Anwendung gelangten, völlig untauglich waren, um einen Staat vor der Errichtung eines totalitären Systems zu bewahren. Leider ist dem überhaupt nicht so. Ganz im Gegenteil! Nach dem Willen der EU-Aussenbeauftragten Federica Mogherini, die gestern bekannt gab, dass die EU das Ergebnis des Verfassungsreferendums respektiere, soll der Beitrittsprozess der Türkei nämlich ungeachtet der bedenklichen Ereignisse, die sich in der Türkei abspielen, weitergehen. Beim geplanten Staatsumbau soll die Türkei – so Mogherini – lediglich die Vorgaben der Venedig Kommission beachten, jener Institution also, welche die Türkische Republik mit ihren “Venedig Kriterien” vernichtet hat. Diesem Wunsch wird Erdoğan kaum nachkommen, nachdem er sein Ziel bereits erreicht hat.

Die Tatsache, dass Federica Mogherini weiterhin am Beitritt eines Landes in die EU festhält, dessen neo-ottomanischer Alleinherrscher demnächst das Kalifat ausrufen möchte, lässt tief blicken. In ihrer EU hat offenbar selbst die Muslimbruderschaft, die sich nach der Scharia orientiert, einen Platz und diese Eigenschaft allein ist für sie kein EU-Beitrittshindernis.

Die Venedig Kriterien der Venedig Kommission des Europarates – Völkerrechtliche Grundlagen aus Europa für die Errichtung einer neo-ottomanischen Diktatur mit Kalifat unter Erdoğan

Ein Kommentar zu den Schweizer Abstimmungsergebnissen des türkischen Verfassungsreferendums

Ich hatte bereits in meinem Blog-Artikel „AKP non grata“ umfassend dargelegt, weshalb ich dem türkischen Verfassungsreferendum jede Legitimation abspreche. Da sich seither an meinen Positionen nichts verändert hat, kann ich an dieser Stelle an meine damaligen Ausführungen verweisen. Es gibt dort nichts, was ich aus heutiger Sicht berichtigen müsste. Auch auf die Tatsache, dass die Mehrheit der türkischen Bevölkerung gegen Erdogan sei, hatte ich schon damals hingewiesen und es kam tatsächlich auch so heraus, wie ich es erwartet hatte. Die Mehrheit des türkischen Volkes war gegen Erdogans Verfassungsrevision und er und seine AKP haben die Abstimmung kläglich verloren, obwohl sie alle erdenklichen illegalen Mittel dafür eingesetzt hatten, um sie zu gewinnen. Einzig durch gesetzwidrige Manipulationen und Betrügereien konnten die Islamofaschisten ihre Niederlage wie einen Sieg aussehen lassen.

Ja, lieber Leser, Erdogan hat diese Abstimmung verloren und zwar deutlich! Auch wenn die meisten Medien von einem angeblichen „Sieg Erdogans“ sprechen, werde ich mich diesem Tenor hier sicher nicht anschliessen. Erdogan hat nämlich selbst bei der Auszählung der Stimmen betrogen und deshalb kann von einem Sieg oder einem Abstimmungserfolg Erdogans nicht die Rede sein!

Ich werde nachfolgend auf das Ergebnis der Abstimmung in der Schweiz eingehen. Gemäss Medienberichten hätten 59,6% der türkischen Bevölkerung in der Schweiz den Verfassungsentwurf Erdogans abgelehnt. Diese Zahl ist in erheblichem Masse irreführend und falsch.

Nicht zuletzt wegen meines Studienaufenthalts in Genf kenne ich die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der Romandie bestens und habe auch eine Ahnung davon, wie die türkische Community in der Westschweiz beschaffen ist. Anders als in der deutschen Schweiz ist die Zahl der AKP-Abhänger in der Westschweiz sehr gering, wobei für meine deutschen und österreichischen Leser anzumerken ist, dass sich die Schweiz hinsichtlich der Zusammensetzung der Bevölkerung aus der Türkei ohnehin von ihren Nachbarn Deutschland, Frankreich und Österreich unterscheidet. Einerseits bilden die Menschen aus der Türkei nicht die grösste muslimische Gruppierung in unserem Land. Vielmehr sind es die Albaner. Andererseits leben in der Schweiz überdurchschnittlich viele Kurdinnen und Kurden, viele Aleviten und auch eine nicht geringe Zahl von säkular orientierten Türken. Die AKP bildet  eine klare Minderheit beim hiesigen Elektorat von ungefähr 25%. In der Westschweiz ist diese Zahl wesentlich geringer. Auch die MHP, deren Parteispitze das Referendum unterstützte, ist in der Westschweiz sehr schwach vertreten.

Am 7. Juni 2015 und am 1. November 2015 fanden in der Türkei Parlamentswahlen statt. Auf die Hintergründe dieser Wahlen bin ich bereits in meinem Blog-Artikel „AKP non grata“ eingegangen, weshalb ich an dieser Stelle wiederum auf jene Ausführungen verweisen möchte. Die entsprechenden Wahlergebnisse sind in zeitlicher Hinsicht nahe genug, dass man sie mit dem Referendumsergebnis vergleichen kann.

Die Ergebnisse der vier grössten Parteien sahen bei den Wahlen am 7. Juni 2015 wie folgt aus (Quelle):

Zürich

Anzahl Wahlberechtigte: 61’471

Abgegebene Stimmen: 24’888

Wahlbeteiligung: 40,49%

HDP: 44,95% – 11’043 Stimmen

AKP: 27,21% – 6’684 Stimmen

CHP: 17,45% – 4’288 Stimmen

MHP: 7,38% – 1’813 Stimmen

Bern

Anzahl Wahlberechtigte: 20’058

Abgegebene Stimmen: 7’073

Wahlbeteiligung: 35,26%

HDP: 50,31% – 3’523 Stimmen

AKP: 23,55% – 1’649 Stimmen

CHP: 16,17% – 1’132 Stimmen

MHP: 6,28% – 440 Stimmen

Genf

Anzahl Wahlberechtigte: 10’421

Abgegebene Stimmen: 4’281

Wahlbeteiligung: 41,08%

HDP: 57,76% – 2’446 Stimmen

CHP: 19,60% – 830 Stimmen

AKP: 15,54% – 658 Stimmen

MHP: 4,06% – 172 Stimmen

Am 1. November 2015 fanden bereits wieder Parlamentswahlen statt, nachdem Erdogan einen Krieg gegen die PKK und die kurdische Zivilbevölkerung angezettelt hatte, damit die HDP an Sympathien verlieren würde. Die HDP verlor tatsächlich etwas an Unterstützung, schaffte aber erneut die 10% Hürde. Das Wahlverhalten respektive die leichten Änderungen sind unter diesem Blickwinkel zu würdigen. Im Übrigen entsprechen die Verschiebungen ungefähr jenen in der Türkei.

Die Ergebnisse der vier grössten Parteien sahen am 1. November 2015 wie folgt aus, wobei ich mit den Zahlen in den Klammern die Ergebnisse vom 1. Juni 2015 zwecks Vergleich wiederholen möchte (Quelle):

Zürich

Anzahl Wahlberechtigte: 62’388

Abgegebene Stimmen: 28’566

Wahlbeteiligung: 45,77%

HDP: 42,9% (45%) – 12’119 Stimmen

AKP: 31,5% (27,2%) – 8’908 Stimmen

CHP: 17,8% (17,5%) – 5’025 Stimmen

MHP: 6,1% (7,4%) – 1’732 Stimmen

Bern

Anzahl Wahlberechtigte: 20’333

Abgegebene Stimmen: 8’380

Wahlbeteiligung: 41,21%

HDP: 48,90% (50,3%) – 4’074 Stimmen

AKP: 26,92% (23,6%) – 2’243 Stimmen

CHP: 16,90% (16,2%) – 1’408 Stimmen

MHP: 5,21% (6,3%) – 434 Stimmen

Genf

Anzahl Wahlberechtigte: 10’538

Abgegebene Stimmen: 4’797

Wahlbeteiligung: 45,52%

HDP: 56,28% (57,8%) – 2’674 Stimmen

CHP: 19,81% – (19,6%) – 941 Stimmen

AKP:18,50% (15,5%) – 879 Stimmen

MHP: 3,47% (4,1%) – 165 Stimmen

Die Wähler in der Schweiz hatten sich hinsichtlich ihres Wahlverhaltens nicht anders verhalten als jene in der Türkei. Die HDP und die MHP mussten zugunsten der AKP Sitze einbüssen, wobei es trotz dieser Verschiebungen nicht gleich zu einem Erdbeben kam. Mit 56,28% gegenüber 57,8% war die Unterstützung gegenüber der HDP nach wie vor sehr gross, was sehr viel über die Bevölkerungszusammensetzung der türkischen Staatsangehörigen in der Westschweiz aussagt, insbesondere über die Tatsache, dass dort proportional betrachtet mehr Kurden leben als anderswo in der Schweiz. Am wenigsten konnte die AKP namentlich hier zulegen.

Nun zu den Schweizer Ergebnissen des Verfassungsreferendums vom 16. April 2017 (Quelle zeigt Genf):

Zürich

Anzahl Stimmberechtigte: 63’359

Abgegebene Stimmen: 31’439

Stimmbeteiligung: 49,62%

Ja: 35,6%

Nein: 64,4%

Bern

Anzahl Stimmberechtigte: 20’744

Abgegebene Stimmen: 10’211

Stimmbeteiligung: 49,22%

Ja: 30,0%

Nein: 70,0%

Genf

Anzahl Stimmberechtigte: 11’161

Abgegebene Stimmen: 9’279

Stimmbeteiligung: 83,14%

Ja: 55,3%

Nein: 44,7%

Wenn man die Stimmbeteiligung der türkischen Bevölkerung in der Schweiz bei den Wahlen und bei dieser Abstimmung betrachtet, ist festzustellen, dass sie zunahm, was nicht verwunderlich ist. Die erste Wahl fand im Sommer statt und die zweite entscheidende Wahl im November. Da sie auch als entscheidend betrachtet wurde, hat sie überall etwas mehr mobilisiert. Im Schnitt lag sie bei ca. 45%. Noch wichtiger war die Abstimmung über die Verfassungsrevision und konnte etwas mehr mobilisieren. Sowohl in Zürich als auch in Bern war die Stimmbeteiligung bei knapp unter 50%, eine Zahl ähnlich wie in Deutschland. Der absolute Überflieger war hingegen Genf mit einer Stimmbeteiligung von 83,14%.

Diese Zahl ist falsch und irreführend. Die Stimmbeteiligung der in der Schweiz ansässigen türkischen Staatsangehörigen dürfte sich in Genf nicht von den anderen Standorten unterscheiden und dürfte rund 49% betragen. In der Westschweiz, wo die HDP eine 57%- und die CHP eine 18% Partei sind, hätte man eine Ablehnung von mindestens 75% oder mehr erwarten können, wenn man die Ergebnisse der Wahlen im November 2015 in Betracht ziehen würde. Das Ergebnis von 55,3% Ja in Genf ist daher auf die Stimmen von Stimmbürgern aus Frankreich zurückzuführen, welche die Ergebnisse in der HDP-Hochburg Westschweiz und damit in der gesamten Schweiz völlig verfälscht haben. Somit stimmt die Aussage auch nicht, wonach 59,6% der in der Schweiz lebenden türkischen Staatsangehörigen den Verfassungsentwurf abgelehnt hätten. In Tat und Wahrheit dürfte diese Zahl bei rund 67% liegen.

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(Diktator, Abstimmungsverlierer und Wahlbetrüger Erdogan am Abend des Verfassungsreferendums)

Ein Kommentar zu den Schweizer Abstimmungsergebnissen des türkischen Verfassungsreferendums

Islam-Apologeten-Deutsch – Ein Ausflug in die Sprachwelt der Islamverteidiger

Insbesondere nach islamistisch motivierten Terroranschlägen werden in Fernsehsendungen oder Zeitungsinterviews Musliminnen und Muslime immer wieder mit dem Gewaltpotenzial des Islam konfrontiert. Häufig werden dabei vom Moderator respektive vom Interviewer Gewaltpassagen aus dem Koran zitiert und der muslimische Studiogast respektive Interviewpartner haben dann zum Ganzen Stellung zu nehmen. Ich persönlich habe Mühe mit solchen Konfrontationen, weil sie für mich Ausdruck einer Art von Sippenhaft darstellen. Aus meiner Sicht besteht nämlich kein besonderer Grund dafür, weshalb ein Muslim aufgrund solcher Taten persönlich herausgefordert werden und sich erklären müsste. Wenn ein muslimischer Studiogast sich über eine solche Frage angegriffen fühlt, bin ich auch auf seiner Seite, insbesondere dann, wenn er sich dahingehend äussert, dass solche Taten mit dem individuellen Islam, den er, seine Familie, seine Bekannten und Freunde praktizieren, nichts zu tun hätten. Wenn ein Muslim Gewalt ablehnt und dies auch im Zusammenhang mit dem Islam, den er offenbar anders erlebt, ist dies meines Erachtens völlig zulässig. Es wäre absurd und vor allem extrem kontraproduktiv von ihm zu erwarten, dass er aufgrund der Gewaltpassagen im Koran ebenfalls gewalttätig sein sollte, insbesondere wenn er es offenbar nicht ist.

Leider ist es jedoch so, dass die allermeisten Muslime, die in Interviews oder Talkshows mit solchen Fragen konfrontiert werden, nicht sich selbst respektive ihre individuelle Sicht des Islam verteidigen, sondern vielmehr den Islam selbst , den sie dann als den „wahren Islam“ bezeichnen und dabei Positionen einnehmen, die nicht haltbar sind. Genau in solchen Augenblicken verwandeln sich diese Muslime von blossen Gläubigen zu Islamapologeten, d.h. zu Verteidigern des Islam, wobei sie immer wieder Dinge aussprechen, die sich in etwa wie folgt anhören:

„Sie verstehen das ganz falsch! Zum einen kann man den Koran nur auf Arabisch wirklich verstehen! Zum anderen reissen Sie den Koran völlig aus dem Zusammenhang! Im wahren Islam ist so etwas verboten! Im Koran heisst es nämlich „Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit“. Der Islam ist eine Religion des Friedens!“

Damit keine Missverständnisse aufkommen, möchte ich mich an dieser Stelle wiederholen: Ich habe soeben nicht etwa ein real existierendes Zitat einer bestimmten Person wiedergegeben, wobei ich natürlich nicht ausschliessen kann, dass genau diese Worte exakt in dieser Reihenfolge auch schon ausgesprochen wurden. Möglich ist dies durchaus. Das Zitat ist nämlich eine willkürliche Collage von Sätzen aus dem Vokabular der Islamapologeten, die ich schon unzählige Male gehört habe. Mich würde es jedenfalls erstaunen, wenn die Leser noch nie solche Sätze vernommen hätten. Im Nachfolgenden werde ich diese – so wie ich annehme – allseits bekannten apologetischen Floskeln Stück für Stück auseinandernehmen und kritisch interpretieren, wobei ich annehme, dass vieles, was der Leser dabei erfahren wird, ihm bisher in dieser Form unbekannt sein wird.

Sie verstehen das ganz falsch!

Oft stehen solche oder sehr ähnliche Sätze am Anfang eines jeden Arguments, wenn ein Islamapologet irgendwo auf der Welt seine Verteidigungsrede beginnt: „Sie verstehen das ganz falsch! Sie haben hier etwas missverstanden!“ Auf den ersten Blick sehen solche Sätze harmlos aus, aber meistens steht hier auch etwas zwischen den Zeilen, was in aller Regel nicht ausgesprochen wird. Der Angesprochene, der hier etwas angeblich ganz falsch versteht, ist nämlich in der Regel ein Nicht-Muslim, d.h. ein „Ungläubiger“ aus der Perspektive des gläubigen Muslims und zwar ein „Ungläubiger“, der es gewagt hat, den Islam in Frage zu stellen respektive einen koranischen Inhalt zu kritisieren. Diese Konstellation bedeutet für einen gläubigen Muslim von Vornherein, dass er seinen Glauben vor dem „Angriff“ eines „Ungläubigen“ verteidigen muss, womit der weitere Verlauf eines solchen Arguments vorbestimmt ist. Dass ein Muslim dabei angibt, der Gesprächspartner, der in kultureller Hinsicht meistens einen christlichen Hintergrund hat, habe etwas missverstanden oder den Islam gänzlich nicht verstanden, ergibt sich dabei aus den Lehren des Islam. Aus muslimischer Sicht sind die Christen nämlich die Irregehenden (Sure 1), weil sie an die Gottesssohneigenschaft Jesu und an die Dreifaltigkeit glauben. Damit erklärt ein Muslim gegenüber einem aus islamischer Sicht Irregehenden, dass dieser etwas falsch verstanden habe, was für den Muslim, der an diese Inhalte des Islam glaubt, nur logisch ist. Darüber hinaus verhält es sich aus muslimischer Perspektive so, dass ohnehin nur ein gläubiger Muslim, der sein Herz gegenüber dem Islam geöffnet habe, die Vollkommenheit und die Wahrheit hinter den Koranversen wirklich verstehen könne. Jemand, der kein Muslim ist und aus dieser Perspektive betrachtet die „Wahrheit des Islam respektive die Wahrheit im Islam“ nicht anerkennt, ist damit nicht in der Lage, den Koran zu verstehen.

Das sind also die Hintergründe, weshalb man immer wieder mit der Angabe konfrontiert wird, dass man diesen oder jenen Inhalt des Islam respektive des Korans falsch verstanden habe. Freilich wird mit dieser Angabe auch eine Position der Überlegenheit innerhalb des Gesprächs geschaffen, die sich ausgedeutscht wie folgt anhört: „ICH bin Muslim und verstehe den Islam und DU bis KEIN MUSLIM und daher verstehst du das Ganze völlig falsch!“

Nach dem Gesagten bedeutet dies, dass man jeweils seine Zweifel darüber haben kann, ob man tatsächlich etwas falsch verstanden hat oder nicht, weil sich hinter einer solchen Aussage meistens ganz bestimmte Motive verbergen.

Zum einen kann man den Koran nur auf Arabisch wirklich verstehen!

Die Behauptung, wonach der Koran nur auf Arabisch verstanden werden kann, ist natürlich Unsinn und dies aus mehreren Gründen. Weshalb diese falsche Angabe überhaupt existiert, ist auf den Koran selbst zurückzuführen, namentlich auf Sure 42:7:

„Und so haben Wir dir den Qur’an auf Arabisch offenbart, auf daß du die Mutter der Städte warnest und alle rings um sie, und (auf daß) du (sie) vor dem Tag der Versammlung warnest, über den kein Zweifel herrscht. Eine Gruppe wird im Paradies sein und eine Gruppe im flammenden Feuer.“

Aufgrund dieser Koranstelle wird im Islam die theologische Forderung begründet, wonach der Koran, der auf Arabisch „offenbart“ worden sei, auch auf Arabisch rezitiert werden sollte. Für Nicht-Muslime sollte insbesondere dieser Offenbarungsaspekt irrelevant sein, zumal sie, wenn sie keine Muslime sind, kaum von der Wahrheit von angeblichen Offenbarungen ausgehen dürften. Daher müssen sie zumindest diesem Text nicht den gleichen Respekt entgegenbringen wie die Muslime. Da aus nicht-muslimischer Perspektive der Koran nicht das unmittelbar vom Gott ausgesprochene Wort darstellt, kann und darf man sich die Frage stellen, ob es zutreffen kann, dass der Koran nur auf Arabisch wirklich verstanden werden kann. Als Nicht-Muslim ist man bei dieser Frage nämlich keinen Denkverboten ausgesetzt. Die Frage muss bei objektiver Betrachtung klar verneint werden. Mit den Mitteln der Sprache kann alles übersetzt oder erklärt werden. Wenn ein Begriff wörtlich nicht übersetzt werden kann, weil er kein sprachliches Gegenstück hat, wird der entsprechende Begriff beschrieben. Wenn man so will, kann man über den nicht übersetzbaren Begriff ganze Abhandlungen schreiben, damit er verständlich wird. Auch wenn es beispielsweise keine befriedigende deutsche Übersetzung für den portugiesischen Begriff „saudade“ gibt, kann man sich mit Hilfe der Sprache an diesen fremden Begriff annähern. Es gibt jedenfalls keinen Grund, weshalb dies beim Koran nicht möglich sein sollte.

Hinzu kommt, dass die Sprache des Korans auch von gläubigen Muslimen kaum oder nur schlecht beherrscht wird. Einerseits hat das damit zu tun, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime aus Menschen besteht, die das Arabische nicht als Muttersprache haben. Dazu kommt, dass das Arabisch im Koran weder der gesprochenen arabischen Umgangssprache noch der Hochsprache Arabiya entspricht, sondern eben Koranarabisch ist, das sich an vielen Stellen nur durch Interpretationen von Theologen erklären lässt. Ein Beispiel dafür ist etwa der Begriff chumur, der von Tabari mit Kopftuch übersetzt wird, womit die Pflicht zum Tragen des islamischen Kopftuchs begründet wird. Im Grunde genommen handelt es sich aber lediglich um eine Interpretation von Tabari! Der Begriff wird damit erst zum Kopftuch, wenn der Imam die sprachliche Meinung von Tabari, die ganz offensichtlich theologisch motiviert ist, übernimmt und dies den Gläubigen so erklärt.

Zusammengefasst kann mit dem Hinweis darauf, dass der Koran nur auf Arabisch verständlich sei, nicht wirklich argumentiert werden. Einerseits lässt sich alles übersetzen und erklären. Andererseits verstehen Muslime oft selbst nicht wirklich, was im Koran steht. Vielmehr verlassen sie sich auf Interpretationen von Begriffen, die theologisch motiviert sind und daher nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese ursprünglich in Tat und Wahrheit ganz etwas anderes aussagen wollten.

Zum anderen reissen Sie den Koran völlig aus dem Zusammenhang!

Diesen Vorwurf hört man von Islamapologeten sehr oft. Er ist zunächst einmal deshalb unsinnig, weil der Koran selbst keinem roten Faden folgt. Er lässt nicht so lesen wie ein gewöhnliches Buch, bei dem man sich hinsetzt, auf Seite 1 anfängt und bis zum Schluss durchliest. Der Aufbau des Korans ist nicht chronologisch. Ohne Berücksichtigung der Eröffnungssure al-Fatiha mit ihren 7 Versen , die eine zentrale Rolle im Islam hat, weil sie das islamische Hauptgebet beinhaltet und deshalb am Anfang des Korans steht, sind die Suren im Koran der Länge nach – also nicht chronologisch – aneinandergereiht, wobei die längste Sure die zweite Sure (al-Baqara; die Kuh) ist. Schon deshalb hat das Buch keinen roten Faden und damit auch keinen Zusammenhang, wie man dies von anderen Büchern kennt. Aber auch innerhalb der Suren findet man nicht immer einen Zusammenhang zwischen einem Vers und den vorangegangen respektive nachfolgenden Versen.

Zusammengefasst ist dieser Vorwurf in der Regel unbehelflich, insbesondere wenn der Islamapologet nicht erklärt (weil er es nicht kann), welcher innere Zusammenhang bei einem Zitat aus dem Koran zerstört werde, wenn man etwas angeblich unvollständig zitiert. Insbesondere die Gewaltpassagen im Koran, die immer wieder zitiert werden, sind direkte Tötungsbefehle Gottes gegenüber den Gläubigen, die keiner weiteren Interpretation bedürfen.

Im wahren Islam ist so etwas verboten!

Der Begriff „der wahre Islam“ gehört geradezu zum klassischen Wortschatz eines jeden Islamapologeten. Für einen Europäer, der mit diesem Ausdruck konfrontiert wird, bedeutet er argumentativ oft einen K.O.-Schlag. Was soll ein Europäer, der kein Muslim ist, dazu schon sagen, wenn er doch nur wenige oder gar keine Kenntnisse über den Islam hat? Da er, anders als ein Muslim, nicht wissen kann, was der „wahre Islam“ bedeuten kann und ein Muslim angibt, diesen „wahren Islam“ zu kennen, bleibt ihm oft nichts anderes übrig als dem Apologeten zu vertrauen. Das ist auch sehr beruhigend, wenn der „wahre Islam“ gewisse Dinge angeblich verbietet, wohingegen nur der „falsche Islam“ diese gutheisst. Wer glaubt, wird selig.

Was Europäer, die sich auf solche Diskussionen einlassen, in der Regel nicht bemerken, ist die Tatsache, dass hier über Häresie debattiert wird. Diese Feststellung ist sehr wichtig. Die Person, die vom „wahren Islam“ spricht, wirft jenen Muslimen, die diesem „wahren Islam“ nicht folgen, nichts anderes als Häresie vor. Das ist völlig etwas anderes als die Aussage, dass man selbst ganz individuell eine völlig andere Vorstellung von dieser oder jener Koranstelle oder über den Islam überhaupt hat. So befolgt aus der Sicht eines Sunniten ein Schiit nicht den Regeln des „wahren Islam“. Vielmehr ist er ein Häretiker, genauso wie die Aleviten, Alawiten und andere islamische Glaubensgemeinschaften. Aber auch innerhalb der sunnitischen Glaubensgemeinschaft folgen die jeweils anderen nicht dem „wahren Islam“.

Anders ausgedrückt gibt es so etwas wie den „wahren Islam“ nicht. Es handelt sich dabei vielmehr um einen Begriff aus dem innerislamischen Konflikt, wonach sich die jeweiligen Gruppen jeweils für die Rechtgläubigen halten und dabei den anderen Muslimen Häresie vorwerfen, indem sie behaupten, ihr Glaube sei nicht der „wahre Islam“ sondern nur der eigene.

Ich möchte meine Leser bitten, sich an diese Zeilen zu erinnern, wenn sie das nächste Mal einen Muslim sagen hören, dieses oder jenes habe mit dem „wahren Islam“ nichts zu tun. Am besten lassen sie sich auf solche Debatten erst gar nicht ein.

Im Koran heisst es nämlich „Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit“

Dieses Zitat wird von Islamapologeten immer wieder vorgebracht, insbesondere nach Terroranschlägen, um nachzuweisen, dass der Koran Frieden bedeute. Ungeheuerlich dabei ist jeweils, dass genau diejenigen, die sich immer wieder darüber beschweren, dass der Koran aus dem Zusammenhang gerissen zitiert werde, hier haargenau dies selbst tun. Daher möchte ich nachfolgend die ganze Stelle zitieren und zwar im Zusammenhang. Die Stelle befindet sich in der 5. Sure des Koran. Nachdem in dieser Sure zunächst überaus Nachteiliges über Christen und Juden ausgesagt wird, wird die Geschichte des Brudermords von Kain beschrieben und unmittelbar danach kommt die entsprechende Stelle. Ich empfehle die Lektüre der ganzen Sure. Nachfolgend ist nur die 5:32 und 5:33 wiedergegeben, damit der Zusammenhang dieses mittlerweile berühmt gewordenen Ausspruchs der Islamapologeten deutlich wird:

„Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einen Menschen das Leben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach beginnen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“

Was der Koran hier zunächst aussagt, ist bereits inhaltlich falsch, womit einmal mehr die angeblich göttliche Herkunft dieses Buches widerlegt wird, sofern man überhaupt an solche Dinge glaubt. Wenn der Sprechende, der aus islamischer Sicht Gott selbst ist, angibt, er habe den Kindern Israels etwas verordnet, bedeutet dies, dass er dies im Rahmen der Offenbarung der Tora gegenüber Moses getan habe. Nach islamischem Verständnis habe Gott nämlich den Juden die Tora (Tawrat) und den Christen über Jesus die Bibel (Indschil) offenbart, so ähnlich in der Form, wie der Koran über Mohammed den Muslimen offenbart worden sei. Wie wir wissen, trifft dies natürlich nicht zu, weil die Bibel, insbesondere das Neue Testament selbst Namen von Autoren enthält, die unterschiedlich sind und in der Bibel spricht nicht Gott sondern jeweils ein Erzähler, der nach christlicher Vorstellung von Gott inspiriert sei. Es ist aber keine direkte Rede Gottes, wie die Muslime sich die Schriften dieser beiden Religionen vorstellen.

Jedenfalls steht dieser Satz nicht etwa in der Tora sondern im Jerusalemer Talmud. Es ist eine rabbinische Weisheit und kein Gottesbefehl aus der Tora, wie dies der Koran annimmt. Hier ist die Stelle vollständig:

Jerusalem Talmud, Sanhedrin 4:1 (22a):

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“Whoever destroys a soul, it is considered as if he destroyed an entire world. And whoever saves a life, it is considered as if he saved an entire world.”

Nachdem klargestellt wurde, dass der Koran sich hier irrt und es nicht zutrifft, dass Gott den Juden so etwas befohlen hat, sondern der Satz vielmehr eine rabbinische Weisheit aus dem älteren von den beiden Talmud (der sog. babylonische Talmud ist etwas jüngeren Datums als der Jerusalemer) darstellt, ist die Feststellung wichtig, dass Islamapologeten es geflissentlich weglassen, dass der Adressat dieses Befehls gemäss Koran die Juden und nicht etwa die Muslime sind. So steht es nämlich ausdrücklich im Koran! Dort steht nicht, dass Gott diese Gewaltlosigkeit den Muslimen befohlen habe. Könnte diese Weglassung der Juden antisemitisch motiviert sein? Ein Schelm, wer hier Böses denkt!

Was nämlich gleich anschliessend an dieser Koranstelle erzählt wird, ist eines der Hauptmotive des islamischen Antisemitismus und die Angesprochenen sind die Muslime selbst. Muslime glauben nämlich, dass die Juden den Zorn Gottes erregt hätten (Sure 1), weil sie angeblich Gotteslästerung begingen (beispielsweise durch die Anbetung des goldenen Kalbes), Propheten, die Gott ihnen angeblich sandte, angeblich angriffen, verfolgten und töteten (was an dieser Stelle des Korans beschrieben wird) und weil sie angeblich ihre eigene Schrift verfälscht hätten (sie hätten Mohammed, der angeblich auch in der Tora angekündigt gewesen sei, entfernt).

Dann beschreibt die Koranstelle den Lohn dieser Menschen, womit die Juden gemeint sind, die Propheten verfolgt haben sollen, wobei Muslime indirekt dazu aufgefordert werden, gegenüber diesen Gewalt anzuwenden:

„Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“

 Der Islam ist eine Religion des Friedens!

Ich denke, dass ich nach diesem vorangegangenen Zitat nicht mehr erklären muss, dass der Islam ganz sicher keine Religion des Friedens ist. Gerade bei dieser vorgenannten Koranstelle wird deutlich, was man sich darunter vorstellen sollte, wenn davon die Rede ist, weil die Aussage durchaus ernst gemeint ist, wenn ein Muslim sie ausspricht. Der Islam ist in der Tat eine Religion des Friedens  und zwar eine Religion des Friedens unter gleichgläubigen Muslimen, die harmonisch dem aus ihrer Sicht „wahren Islam“ folgen.

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Islam-Apologet Aiman Mazyek (Symbolbild)

Islam-Apologeten-Deutsch – Ein Ausflug in die Sprachwelt der Islamverteidiger

Über die Rolle der Frau im Islam und ein grösseres Problem – unter Berücksichtigung eines Textes von al-Ghazali

Immer wieder behaupten Islamapologeten aber vor allem Islamapologetinnen in Fernsehsendungen, dass im Islam Frauen und Männer gleichberechtigt seien und Mohammed respektive der Islam die Frauen befreit habe. Auch moderne Musliminnen und Muslime versuchen den Islam ganz im Sinne der Gleichberechtigung der Geschlechter zu verstehen und zu interpretieren. Sie tun dies jedoch anders als die Islamapologeten auf eine ganz bewusste Art und Weise, indem sie bestimmte Inhalte des Islam nicht praktizieren. Solche Musliminnen und Muslime gibt es durchaus und ihre Zahl ist auch nicht gering. Für sie sind die europäische Aufklärung und der Humanismus die Grenze ihres Islam. Die Apologeten und Apologetinnen hingegen tun teilweise so, wie wenn selbst diese Dinge (ich meine damit die Aufklärung und den Humanismus) vom Islam erfunden worden wären und Frauen und Männer im Islam durchaus gleichberechtigt seien. Wenn dazu noch eine Kopftuchträgerin, die nach den Grundsätzen der Scharia lebt, solche Dinge vor laufender Kamera sagt, wird dies zu einer besonders absurden Szene, insbesondere wenn man etwas genauere Kenntnisse über den Islam hat.

Nachfolgend möchte ich zunächst die berühmte Stelle aus dem Koran, Sure 4:34, zitieren, die den Behauptungen der Islamapologeten und –apologetinnen klar widerspricht. Die Übersetzung stammt von Rudi Paret, womit gesagt werden kann, dass es gegenwärtig keine bessere Übersetzung ins Deutsche gibt als diese, dies natürlich im Sinne davon, wie der Koran von der Tradition verstanden wird und nicht nach Christoph Luxenberg.

„Die Männer stehen über (qauwāmūn ʿalā) den Frauen, weil Gott sie (von Natur aus vor diesen) ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen (als Morgengabe für die Frauen?) gemacht haben. Und die rechtschaffenen Frauen sind (Gott) demütig ergeben und geben acht auf das, was (den Außenstehenden) verborgen ist, weil Gott (darauf) acht gibt (d.h. weil Gott darum besorgt ist, dass es nicht an die Öffentlichkeit kommt). Und wenn ihr fürchtet, dass (irgendwelche) Frauen sich auflehnen, dann vermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie (wa-dribū-hunna)! Wenn Sie euch (daraufhin wieder) gehorchen, dann unternehmt (weiter) nichts gegen sie! Gott ist erhaben und groß.“

Im ersten Teil dieser Koranstelle wird klar die Überordnung des Mannes gegenüber der Frau festgelegt. Dies steht einerseits wortwörtlich dort und ferner entspricht diese Interpretation auch der Meinung der Tradition. Darüber hinaus ist dies die praktizierte Realität in der islamischen Welt.

Der Schluss dieser Koranstelle sieht – so wie man nachlesen kann – ein Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber seiner Frau vor. Dabei gibt es eine Kaskade von drei Stufen, was von gewissen Musliminnen und Muslimen als eine Art Errungenschaft empfunden wird respektive als etwas Modernes. Zuerst wird die Frau ermahnt und nicht gleich geschlagen. Dann gibt es Sexentzug (was für eine Strafe!). Erst, wenn selbst das nicht gewirkt hat, dann wird geschlagen! Dazu gibt es übrigens Regeln. Man(n) schlägt seine Frau nicht einfach so, wie es einem gerade passt. Die Scharia gibt dazu nützliche Tipps, wie diese beiden Damen aus Australien in diesem Film mit viel Detailwissen darlegen. Auch andere Filme auf YouTube sagen darüber ähnliche Dinge. Der Mann soll mit einem kleinen Stecken schlagen, mit einem Tuch oder mit der flachen Hand und nicht mit der Faust und vor allem niemals mit Verletzungsabsicht (weil man(n) ja sein Eigentum nicht zerstören sollte, ist schliesslich Gabe Gottes).

In Anbetracht dieser Koranstelle kann meines Erachtens nicht behauptet werden, dass im Islam Frau und Mann gleichberechtigt seien. Dies widerspricht dem klaren Wortlaut des Koran und entsprechende Behauptungen sind nichts anderes als Taqiya, um den Islam vor Kritik von Ungläubigen zu verteidigen, ausser die Person, die solchen Unsinn ausspricht, hätte tatsächlich keine Ahnung vom Islam. Jedenfalls sollten solche Äusserungen nicht ernst genommen werden. Der Überordnung des Mannes gegenüber der Frau folgt sein Züchtigungsrecht. Wer hier von Gleichberechtigung sprechen kann, hat sicherlich nicht das gleiche Verständnis davon, was normalerweise darunter verstanden wird.

Um es noch deutlicher zu machen, weshalb nach islamischer Vorstellung Frauen Männern untergeordnet sind, möchte ich aus dem Nasihat al Muluk (Ratgeber für Könige) des „grossen“ islamischen Denkers al-Ghazali zitieren. Damit die Bedeutung und der Stellenwert dieses al-Ghazali im Islam von den Lesern eingeordnet werden kann, möchte ich Wikipedia zitieren:

„Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī, kurz auch Alghazāli (arabisch أبو حامد محمد بن محمد الغزالي, DMG Abū Ḥāmid Muḥammad b. Muḥammad al-Ġazzālī; persisch ابو حامد محمد غزالی; lateinisch Algazel; geboren 1058 in Tūs bei Maschhad; gestorben am 19. Dezember 1111[1]), mit dem ehrenden Beinamen Huddschat al-Islām, war ein persischer islamischer TheologePhilosoph und Mystiker.

Ghazali zählt bis heute zu den bedeutendsten religiösen Denkern des Islams. Ihm ist die Einführung der aristotelischen Logik und Syllogistik in die islamische Jurisprudenz und Theologie zu verdanken. In seiner Philosophie vertrat er gleichwohl einen religiös motivierten Skeptizismus, der die Wahrheiten des Glaubens und der Offenbarung mit den Mitteln des philosophischen Zweifels gegen den Wahrheitsanspruch der Philosophie verteidigt. Während er einerseits für den Untergang der Philosophie im islamischen Osten (im Gegensatz zum islamischen Spanien, wo sie aufblühte) verantwortlich gemacht wird, bewirkte er auf der anderen Seite eine Wiederbelebung der Theologie.“

Mit anderen Worten stellt das Werk Nasihat al Muluk etwas Ähnliches dar wie Il Principe (Der Fürst) von Machiavelli im Westen, wobei al-Ghazali in der islamischen Welt eine ähnliche Rolle spielt wie der bedeutende Denker der Renaissance. Jedenfalls ist al-Ghazali so bedeutend, dass vier seiner Werke in die UNESCO-Sammlung repräsentativer Werke aufgenommen wurde, wobei ich fairerweise einräumen muss, dass Nasihat al Muluk nicht dazu gehört.

In diesem Buch, in dem die perfekte Beschaffenheit von Königen und ihren Ratgebern anhand von Aphorismen und Anekdoten dargelegt wird, gibt es auch ein Kapitel über die Frauen. Das Kapitel heisst „Frauen und ihre guten und schlechten Seiten“. Das Buch kann übrigens hier auf Englisch gelesen werden. Das Kapitel über die Frauen fängt auf Seite 158 an und die Stelle, die ich mit meiner eigenen Übersetzung nachfolgend zitieren werde, befindet sich auf den Seiten 164 und 165. Ich kann meinen Lesern die Lektüre mindestens dieses Kapitels nur nahelegen.

„Was die unterschiedlichen Charakteristika anbelangt, mit denen Gott im Himmel Frauen bestraft hat, verhält sich die Angelegenheit folgendermassen:

Als Eva dem allmächtigen Gott nicht gehorchte und die Frucht vom Baum im Paradiese ass, die er ihr verboten hatte, hat der Herr, sei er gepriesen, Frauen mit 18 Dingen bestraft: (i) Menstruation; (ii) (die Strapazen) der Geburt; (iii) die Trennung von Mutter und Vater und Verheiratung mit einem Fremden; (iv) die Schwangerschaft (durch diesen Mann); (v) die Unfähigkeit, über sich selbst zu bestimmen (d.h. Bevormundung durch den Mann); (vi) einen kleineren Erbteil zu haben (als Männer); (vii) die Einklagbarkeit wegen Scheidung, aber die Unfähigkeit, selbst eine Scheidungsklage einzureichen; (viii) die Tatsache, dass es rechtlich zulässig ist, dass ein Mann vier Frauen haben kann, wohingegen Frauen nur einen Mann haben können; (ix) die Tatsache, dass sie im Haus eingesperrt (d.h. abgekapselt) wird; (x) das Gebot, im Haus den Kopf zu bedecken (damit meint Ghazali, dass Frauen selbst im eigenen Haus den Kopf bedecken müssen, wenn Fremde im Haus sind); (xi) die Tatsache, dass vor Gericht die Zeugenaussagen von zwei Frauen gegen die Zeugenaussage eines Mannes entgegengebracht werden können; (xii) die Tatsache, dass die Frau das nicht verlassen darf, ohne dabei von einem nahen Verwandten begleitet zu werden; (xiii) die Tatsache, dass Männer an Freitags- und Feiertagsgebeten teilnehmen, wohingegen Frauen dies nicht tun; (xiv) der Ausschluss von Regierungsämtern und vom Richteramt; (xv) die Tatsache, dass von 1000 verdienstvollen Dingen, nur 1 Frauen zugerechnet werden kann, während Männern 999 verdienstvolle Dinge zugerechnet werden können; (xvi) die Tatsache, dass wenn Frauen verschwenderisch sind, ihnen am Tag der Auferstehung nur halb soviel Peinigung gegeben wird als dem Resten der muslimischen Gemeinschaft (mit anderen Worten werden Frauen pauschal bestraft); (xvii) die Tatsache, dass sie beim Versterben des Ehemannes eine Wartefrist von vier Monaten und zehn Tagen abwarten müssen, bevor sie sich wieder verheiraten; (xviii) die Tatsache, dass sie eine Wartefrist von drei Monaten und drei Menstruationsperioden abwarten müssen, bevor sie wieder heiraten dürfen.“

Nach diesem Zitat möchte ich den Leser nochmals an Sure 4:34 erinnern, die ich oben wiedergegeben habe, welche die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann festlegt. Hier zählt al-Ghazali eine Reihe von für Frauen unvorteilhaften Regeln des Islam auf, die den Muslimen bekannt sind und die aus dem Koran selbst stammen, soweit ich dies mindestens erkennen kann. Es gibt hunderte von anderen Regeln, die unvorteilhaft für Frauen sind, die in anderen Quellen des Islam zu finden sind, etwa in den Hadithen. Al-Ghazali konzentriert sich hier jedoch ausschliesslich auf koranische Inhalte. Er versteht diese Nachteile als eine Strafe für die schwere Sünde, welche nicht nur zur Vertreibung vom Paradies geführt habe. Vielmehr habe Gott mit diversen Dingen, die im Koran erwähnt sind, die Frauen bestrafen wollen. Daraus folgt ihre Schlechterstellung, was aus diesen Zeilen zu vernehmen ist.

Nach dem Gesagten möchte ich zunächst festhalten, dass es eine infame Lüge ist, wonach im Islam Frauen und Männer gleichberechtigt seien. Der Koran widerspricht dieser Behauptung und auch die Tradition, wie dies anhand des Beispiels von al-Ghazali, der höchste Autorität geniesst und sogar dem “Goldenen Zeitalter des Islam” zugerechnet wird, bestens ersichtlich ist. Die Behauptung, wonach im Islam Frauen und Männer gleichberechtigt seien, ist daher aus meiner Sicht nichts anderes als Taqiya, ausser die Person, die so etwas behauptet, hätte keine Ahnung vom Islam.

Obwohl die Stellung der Frau im Islam in Anbetracht dieser Zitate aus westlich-zivilisierter Perspektive als durchaus bedenklich eingestuft werden kann, verbirgt sich hinter dem al-Ghazali-Zitat noch etwas erheblich Bedenklicheres. Hier wird der islamische Syllogismus deutlich und zwar in seiner ganzen Pracht! Dieser existiert auf der ganzen Ebene des Islam und ist dessen Kernproblem, wobei dieses Problem sogar erheblicher ist als die islamische Frauendiskriminierung! Ich meine es!

Das funktioniert ungefähr so: Das, was im Koran steht, ist nach islamischer Vorstellung, das unmittelbare Wort Gottes und ist in jeder Hinsicht perfekt. Es ist so perfekt, dass selbst Mohammed in dessen Schatten steht. Das Wort Gottes ist aus dieser Perspektive betrachtet so perfekt wie ein mathematisches oder physikalisches Naturgesetz, das gegeben und unumstösslich ist wie unser 1 + 1 = 2. Mit anderen Worten fängt jedes Argumentieren im Islam unter der Prämisse der Wahrheit koranischer Inhalte an, die wie Naturgesetze gelten. Damit sind die Benachteiligungen der Frauen, die al-Ghazali aufgezählt hat, Naturgesetze, die auch zusammengefasst einen göttlichen und naturgesetzlichen tieferen Sinn haben. Selbstverständlich ist dieser tiefere Sinn auch in Sure 4:34 zu finden. Da jede Argumentation einer Person, die diesen Prämissen folgt, sich von unseren Prämissen unterscheidet, besteht wenig Hoffnung, dass man sich mit einem solchen Menschen in gesellschaftlicher Hinsicht einigen respektive auf gedanklicher Ebene finden könnte. Das möchte ich wie folgt verdeutlichen, sofern dies bestritten werden sollte.

In unseren westlich-zivilisierten europäischen Gesellschaften sind Frauen und Männer gleichberechtigt und die islamischen Vorstellungen stehen unseren Werten diametral entgegen. Unsere Prämissen in diesem Zusammenhang kommen nicht aus der absoluten Wahrheit eines göttlichen Buches heraus, dessen Inhalte wie Naturgesetze gelten. Vielmehr bestimmen Objektivität und Rationalismus unser Denken und Handeln und zwar in jedem Lebensbereich. Als westlich-zivilisierte Menschen, die mit diesen Eigenschaften ausgestattet sind, können wir  – um beim Beispiel zu bleiben – durchaus feststellen, dass zwischen Frauen und Männer gewisse Unterschiede bestehen, die eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen. So müssen Schwangere bei der Erfüllung ihrer Arbeitspflicht besonders geschützt werden. Aus ganz unterschiedlichen, objektiv nachvollziehbaren und gut überlegten Gründen gibt es so etwas wie den Mutterschaftsurlaub. Es gibt objektive Gründe dafür, weshalb die Militärdienstpflicht in den meisten Staaten nur für Männer obligatorisch ist. Beim sportlichen Wettkampf sind Frauen und Männer aufgrund unterschiedlicher körperlicher Stärke getrennt.

Überlegungen wie jene im Koran oder die Art und Weise, wie im Islam Schlussfolgerungen gezogen werden, wie dies der grosse islamische Gelehrte al-Ghazali tut, sind uns in jeder Hinsicht fremd. Einerseits, weil sie objektiv betrachtet frauenverachtend sind und krass dem Gleichberechtigungsgedanken widersprechen und andererseits ein Denkmuster beinhalten, das für ein Leben in Europa völlig untauglich ist. Bei diesem Absolutheitsgrad ist nämlich auch staatliches Recht der Wahrheit des Koran untergeordnet und jede andere gesellschaftliche Regel. Vor allem ist diese Prämisse der Wahrheit des Koran hinderlich für das objektive Denken, was in unserer Gesellschaft überlebensnotwendig ist.

Wie ich vorhin ausgeführt habe, stellt dieses Denkmuster, das dem Rationalismus und dem objektiven Denken feindlich gesinnt ist, weitaus das grössere Problem im Islam dar als die Geschlechterdiskriminierung. Es ist eines der Hauptgründe, weshalb sich die islamische Welt nicht entwickeln könnte und in ihrer Entwicklung auch im 21. Jahrhundert stagniert. Ohne eine Emanzipation aus diesem Absolutheitsgedanken des Koran werden sich jedenfalls Muslime niemals weiterentwickeln und sich in Europa auch niemals integrieren können.

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Über die Rolle der Frau im Islam und ein grösseres Problem – unter Berücksichtigung eines Textes von al-Ghazali

Über das islamische Kopftuch

Bevor ich mich mit den islamischen Kleidervorschriften und im besonderen mit dem islamischen Kopftuch (hijab) befasse, möchte ich zunächst eine aus meiner Sicht komplette Fehleinschätzung der Bedeutung und der Tragweite des islamischen Kopftuchs korrigieren, die leider sehr oft anzutreffen ist. Es ist völlig unzulässig und auch falsch, das islamische Kopftuch mit Kopftüchern, die im Westen insbesondere in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Mode waren, zu vergleichen. Das Kopftuch, das von der Stilikone Audrey Hepburn etwa im Film „Frühstück by Tiffany’s“ getragen wurde oder das allseits bekannte Kopftuch der Queen, sind im Gegensatz zum islamischen Kopftuch wertfreie Kleidungsstücke. Die Trägerinnen dieser „westlicher“ Kopftücher wollen oder wollten damit keine besondere moralische respektive gesellschaftspolitische Botschaft vermitteln, oder eine verinnerlichte Werteordnung im Zusammenhang mit der Sexualmoral zum Ausdruck bringen. Auch soll mit diesen Kopftüchern kein „göttliches Recht“ erfüllt respektive durchgesetzt werden. Es kann ausgeschlossen werden, dass die Person, die für das Styling von Audrey Hepburn im vorerwähnten Film verantwortlich war, auch nur ansatzweise an solche Dinge gedacht hat.

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Audrey Hepburn, “Breakfast at Tiffany’s” (1961)

Weshalb ein solcher Vergleich unzulässig ist, möchte ich anhand eines besonders krassen Beispiels verdeutlichen, das in überhaupt keinem Zusammenhang mit den islamischen Kleidungsvorschriften steht. Es dürfte bekannt sein, dass das Hakenkreuz in Indien lange vor den Nationalsozialisten ein Glückssymbol war und immer noch ist. Auch im Westen wurde das Hakenkreuz vor der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in der Architektur oder in der Mode als Ornament eingesetzt, ohne dass ihm eine rassistische und totalitäre Bedeutung zugerechnet worden wäre.

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Das erste It-Girl der Geschichte, Clara Bow in den Zwanzigerjahren

Dieses Beispiel zeigt auf, dass zwei gleich oder mindestens sehr ähnlich aussehende Gegenstände völlig unterschiedliche Bedeutungen haben können. Solchen Konstellationen begegnen wir immer wieder in unserem Leben. Die wichtige Erkenntnis daraus ist, dass es nur auf die Bedeutung und Inhalt von solchen Dingen ankommen kann und das Äussere mehr oder weniger irrelevant ist. Auf das Hakenkreuz übertragen bedeutet dies, dass das darin enthaltene Problem nichts mit der Ästhetik dieses Symbols zu tun hat. Vielmehr geht es ausschliesslich darum, was hinter diesem Symbol steht und wer damit welche Botschaften vermittelt. So haben meine Überlegungen über das islamische Kopftuch, die ich hier meinen Lesern vermitteln möchte, überhaupt nichts mit meinen persönlichen ästhetischen Wertungen etwas zu tun. Über Geschmack lässt sich nämlich nicht streiten. Es geht mir vielmehr um materielle Inhalte und Botschaften, die mit dem islamischen Kopftuch verbunden sind und was davon zu halten ist.

Aus meiner Sicht stellt genau diese äusserliche Ähnlichkeit, die ich vorhin angesprochen habe, oder sogar das gleiche Aussehen des islamischen Kopftuches mit „westlichen“ Kopftüchern den Hauptgrund für die oft anzutreffende verharmlosende Betrachtungsweise dieses Kleidungsstücks dar. Oft heisst es bei Diskussionen „Auch unsere Grossmütter hatten früher Kopftücher an!“ oder „Ich bin zwar gegen die Burka, aber Kopftücher sind doch etwas, was auch wir in unserer eigenen Kultur kennen!“. Solche Vergleiche sind deshalb falsch, weil die Kopftücher der Grossmütter nicht die gleiche Bedeutung haben wie das islamische Kopftuch. So wie man nicht alle Hakenkreuze in den gleichen Topf werfen kann, ist dies auch bei Kopftüchern unzulässig.

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Queen Elizabeth II

Die religiöse Pflicht zum Tragen eines Kopftuchs geht gemäss islamischer Tradition, d.h. nach geltender islamischer theologischer Doktrin, auf Sure 24:31 zurück. Wörtlich heisst die Stelle: „Sie [die Frauen] sollen ihre chumur (sing. chimar / ‭خمار‬ / imār) über ihre Taschen schlagen“, wobei die eigentliche Bedeutung der chumur unklar ist, aber traditionell, etwa im Korankommentar des islamischen Historikers und Gelehrten Tabari (um 900 n. Chr.), als Kopftuch verstanden wird. Auch die Webseite islam.de übersetzt die Stelle mit Kopftuch. Häufig wird auch der Begriff „Schleier“ verwendet. Diese Übersetzung ist nicht unumstritten und wird von einer nicht geringen Anzahl von Musliminnen und Muslimen auch nicht so verstanden und umgesetzt. Das Problem liegt jedoch nicht einfach in diesem Wort allein sondern im Gesamtkontext dieser Koranstelle. Daher zitiere ich im Nachfolgenden nicht nur Sure 24:31 sondern auch Sure 24:30. Die Übersetzung stammt von islam.de, wobei allfällige Ungenauigkeiten meines Erachtens nicht wirklich eine Rolle spielen:

24:30

Sag zu den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten. Das ist lauterer für sie. Gewiß, Allah ist Kundig dessen, was sie machen.

 24:31

Und sag zu den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Scham hüten, ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer dem, was (sonst) sichtbar ist. Und sie sollen ihre Kopftücher auf den Brustschlitz ihres Gewandes schlagen und ihren Schmuck nicht offen zeigen, außer ihren Ehegatten, ihren Vätern, den Vätern ihrer Ehegatten, ihren Söhnen, den Söhnen ihrer Ehegatten, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und den Söhnen ihrer Schwestern, ihren Frauen, denen, die ihre rechte Hand besitzt, den männlichen Gefolgsleuten, die keinen (Geschlechts)trieb (mehr) haben, den Kindern, die auf die Blöße der Frauen (noch) nicht aufmerksam geworden sind. Und sie sollen ihre Füße nicht aneinanderschlagen, damit (nicht) bekannt wird, was sie von ihrem Schmuck verborgen tragen. Wendet euch alle reumütig Allah zu, ihr Gläubigen, auf daß es euch wohl ergehen möge!

Wenn man sich diese Zeilen konsequent zu Ende denkt, sollte man die Sexualmoral einer Gesellschaftsordnung erkennen, in der Frauen und Männer sich voneinander verstecken müssen, sofern sie nicht der gleichen engeren Verwandtschaft angehören. Dies wird ganz besonders aus der zweiten Hälfte von 24:31 deutlich. Angesprochen sind aber nicht nur die Frauen sondern auch die Männer (24:30), die ihre Blicke senken sollen, d.h. sie sollen keine Frauen anstarren und die eigene Sexualität in der Öffentlichkeit verbergen. Die Folge dieser Sexualmoral ist eine Gesellschaft, in der eine Geschlechterapartheid herrscht, wie man dies aus den uns bekannten muslimischen Gesellschaften bestens erkennen kann, wobei diese Trennung je nach regionalen Traditionen und Ausmass der Orthodoxie freilich unterschiedlich ausgeprägt ist.

Was bei näherer Betrachtung dieser strengen Sexualmoral ganz besonders auffällt, ist die Tatsache, dass sich hinter diesen Zeilen des Korans eine Annahme über die menschliche Natur respektive über das menschliches Verhalten verbirgt, die mindestens aus heutiger Sicht schlicht und einfach inakzeptabel ist. Einerseits soll mit diesen Geboten einem geschlechtlichen Kontrollverlust von Männern vorgebeugt werden, womit erwachsenen Menschen die Fähigkeit abgesprochen wird, ihre Sexualität ohne solche Massnahmen unter Kontrolle zu halten. Andererseits sollen diese Gebote Frauen vor den gierigen Blicken der vermeintlich immergeilen Männer schützen, weil angenommen wird, dass sich diese beim ungehinderten Anblick einer Frau nicht beherrschen könnten. Selbstverständlich bedeutet das Ganze gleichzeitig, dass der Körper der Frau als eine Bedrohung für die gesellschaftliche Moral und für die Ehre der Familie wahrgenommen wird, der versteckt werden muss.

Wie falsch und vor allem krass kontraproduktiv diese koranischen Gedanken sind, sieht man am Ergebnis einer solchen Gesellschaftsordnung. Die Erfahrung zeigt, dass je islamisierter eine Gesellschaft wurde und die Zahl der Frauen, die das islamische Kopftuch trugen, zunahm, umso mehr nahmen auch sexuelle Belästigungen und Übergriffe in diesen Gesellschaften zu. Ägypten ist ein Beispiel einer solchen Gesellschaft, aber auch die Türkei unter Erdoğan. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits werden aufgrund des Weltbildes, das durch den Koran vermittelt wird, insbesondere Frauen, die keine Verschleierung tragen, als eine Art verfügbares „Freiwild“ wahrgenommen, da sie die „ehrbare“ Kleiderordnung des Islam nicht einhalten. Andererseits werden die Triebe von vielen Männern durch das Versteckspiel und die Geschlechterapartheid erst recht auf die Stufe eines sexuellen Notstands gebracht, insbesondere dann, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage sind zu heiraten, um damit wenigstens die islamisch zulässige Form von Sexualität zu erleben. Dies führt freilich dazu, dass es innerhalb einer Gesellschaft von Menschen, in der die Zahl der Kopftuchträgerinnen zunimmt, der Druck auf jenen Frauen wächst, die (noch) kein Kopftuch tragen. Dieser Druck ist teilweise sehr direkt und muslimische Frauen, die das Kopftuch nicht tragen, werden selbst in Europa oft mit den folgenden Worten angesprochen: „Du bist doch Muslimin, wieso trägst du kein Kopftuch?“ Teilweise findet dieser Druck auch dadurch statt, dass sich Frauen, die den sexuellen Notstand der Männer der Scharia-Gesellschaft, in der sie leben, gut kennen und sich auf diese Art und Weise zu „schützen“ versuchen. Heute, nach der Verbreitung des Islam in Europa, sind auch nichtmuslimische Frauen einem ähnlichen Druck ausgesetzt, weil ihre Nichtverschleierung für viele muslimische Männer, die nach den Massgaben dieser Gesellschaftsordnung denken, nichts anderes bedeutet als, dass sie verfügbar oder mindestens nicht ehrbar seien. Die Folge davon ist beispielsweise „Köln“.

Wenn die Scharia dazu noch zum staatlichen Recht wird, entspricht das Tragen des islamischen Kopftuchs ohnehin einer gesetzlichen Pflicht, wie etwa im Iran, wobei Zuwiderhandlungen hart bestraft werden, wie auch andere Verletzungen der in der Scharia verankerten strengen Sexualmoral. Davon sind europäische Länder zumindest gegenwärtig nicht betroffen. Das Problematische für unsere europäischen Gesellschaften ist ohnehin nicht, dass der Islam demnächst unseren Staat übernehmen könnte und wir unter dem Joch der Scharia leben müssten. Vielmehr konkurrenzieren und widersprechen solche Werte wie diejenigen, die hinter dem islamischen Kopftuch stehen, fundamentalsten Aspekten unserer allgemeingültigen Gesellschafts- und Rechtsordnung, was wir nicht achselzuckend hinnehmen dürfen. Damit spreche ich namentlich die mühsam erkämpfte Gleichberechtigung der Geschlechter an, die dazu geführt hat, dass Frauen und Männer heute meistens einen ungezwungenen gesellschaftlichen Kontakt zueinander pflegen. Die dabei entstandenen Gesellschaftsnormen, die heute als selbstverständlich gelten, aber auch staatliche Gesetze schützen die jeweiligen Individuen vor ungewollten sexuellen Übergriffen, dies ohne Einsatz von Instrumenten wie das islamische Kopftuch, das eine gesellschaftliche Sittlichkeit durchsetzen möchte, die sich mit unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung nicht wirklich verträgt. Von derartigen Sittlichkeitsvorstellungen haben wir uns nach dem klösterlichen Mittelalter ohnehin getrennt, als jeder und jede, die es sich leisten konnte, die Fleischeslust durch freiwillige Selbsteinsperrung in einem Kloster bändigen wollte. Überhaupt hat sich unsere Gesetzgebung von Sittlichkeitsvorstellungen, insbesondere von kirchlichen Einflüssen in diesem Bereich, vollständig emanzipiert. Heute betrifft nahezu jede mitteleuropäische Rechtsordnung im Zusammenhang mit der Sexualität das sexuelle Selbstbestimmungsrecht des Individuums und dessen Schutz. Die als selbstverständlich geltenden Gesellschaftsnormen und die entsprechenden Gesetze, die uns klare Grenzen auferlegen, schützen jedermann und zwar auf jeder Ebene des Privatlebens, beispielsweise in der Arbeitswelt, wo diesem Schutz eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wird, weil gerade in diesem Bereich Frauen und Männer oft täglich miteinander zu tun haben. Wie wir mit menschlicher Sexualität umgehen und welche Regeln wir in diesem Zusammenhang aufstellen, stehen im diametralen Widerspruch zu den Zielen der Scharia und der darin enthaltenen Sexualmoral.

Nach meinen bisherigen Ausführungen stellt das islamische Kopftuch ein Durchsetzungsinstrument der Scharia dar, mit dem die in der Scharia verankerte Sexualmoral gewährleistet werden soll. Diese Sexualmoral verlangt eine strenge gesellschaftliche Trennung von Männern und Frauen. Entgegen anderslautender Ansicht des Schweizerischen Bundesgerichts, das 1997 ausgeführt hat, das islamische Kopftuch sei ein starkes religiöses Symbol („symbole religieux fort“; vgl. BGE 123 I 296 ff.) trifft dies nach meinen bisherigen Ausführungen nicht zu. Mit einem religiösen Symbol hat das islamische Kopftuch ganz offensichtlich nichts zu tun. Ein religiöses Symbol ist beispielsweise das Kreuz, das die Christen an die Passion Jesu erinnert oder die vorislamischen Symbole Sichelmond und Stern, die der Islam übernommen hat und die auf zahlreichen Nationalflaggen islamisch geprägter Länder zu finden sind.

Meines Erachtens ist diese gesellschaftregulierende Funktion des islamischen Kopftuchs das Hauptproblem, das damit zusammenhängt. Dabei ist folgende Feststellung wichtig: Nicht hinter jeder religiösen Vorschrift müssen sich Regeln einer Gesellschaftsordnung verstecken. Wenn Muslime beispielsweise auf den Verzehr von Schweinefleisch verzichten, indem sie einer religiösen Vorschrift folgen, hat dies überhaupt keine Konsequenzen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die vorgenannten Stellen im Koran haben aber ganz offensichtlich eine Funktion, die das gesellschaftliche Zusammenleben tangiert. Einerseits wird damit eine tatsächliche Integration von Muslimen verunmöglicht und andererseits wird damit eine Parallelgesellschaft in Europa gefördert, die einer Sexualmoral folgt, die unmittelbare Konsequenzen auf unser eigenes Leben hat, weil unsere entsprechenden Vorstellungen dieser Sexualmoral krass widersprechen.

Obwohl das islamische Kopftuch kein religöses Symbol ist, bedeutet dies aber nicht, dass es keinen Symbolcharakter hätte. Diesen hat es in der Tat. Das islamische Kopftuch ist ein politisches Symbol des politischen Islam auf der Grundlage der Lehren von Hasan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Es gibt mittlerweile unzählige islamistische Gruppierungen. In dieser Hinsicht geht der entsprechende Gedanke aber immer auf ihn zurück. Es geht um die bewusste Ablehnung des westlichen Lebensstils und die Zuwendung zu den eigenen Werten, namentlich islamischen Werten. So schrieb Hasan al-Banna in seinen Erinnerungen:

„Die Ausrüstung des Orients ist Sitte und Glauben; wenn er diese beiden verliert, so verliert er alles, wenn er zu ihnen zurückkehrt, so kehrt alles zu ihm zurück. Vor fester Moral, Glauben und Überzeugung bricht die Macht der Unterdrücker zusammen. Daher werden sich die Führer des Ostens um die Festigung seines Geistes und um die Wiedergewinnung seiner verlorenen Moral bemühen, denn dies ist der einzige Weg zu einer echten Renaissance. Diesen Weg aber werden sie nur finden, wenn sie zum Islam zurückkehren und an seiner Lehre festhalten.“

Hassan al Banna

Hasan al-Banna

Durch das Tragen des islamischen Kopftuchs wird also zum Ausdruck gebracht, dass man den westlichen Lebensstil ablehnt und sich einer eigenen islamischen Identität zuwendet. In diesem Zusammenhang ist das Kopftuch tatsächlich ein Symbol, kein religiöses sondern ein politisches. Man könnte sogar von einer Uniform sprechen.

Diese beiden Aspekte, die ich im vorliegenden Blog-Artikel angesprochen habe, sind die Gründe dafür, weshalb ich eine überaus ablehnende Haltung gegenüber dem islamischen Kopftuch habe, die so weit geht, dass ich es – wenn ich könnte – aus dem Schutzbereich der Religionsfreiheit entfernen würde. Einerseits sollen aus meiner Sicht die Grundrechte nicht dazu dienen, dass Feinde unserer Werte unsere freiheitliche Gesellschafts- und Rechtsordnung auszunützen, um die Scharia zu gewährleisten, insbesondere auch nicht die darin enthaltene völlig unhaltbare Sexualmoral, sei es nur in einer Parallelgesellschaft. Andererseits sollen die Grundrechte auch nicht dazu dienen, um die Gesellschaft zu islamisieren und um eine Gesellschaftsordnung nach den Vorstellungen von Hasan al-Banna zu errichten, auch wenn diese wiederum „bloss“ die angesprochene Parallelgesellschaft betreffen sollte. Gerade die vergangene Abstimmungskampagne in Europa im Zusammenhang mit dem türkischen Verfassungsreferendum sollte verdeutlicht haben, dass die Scharia und die darin enthaltenen Werte unsere Gesellschaftsordnung erheblich gefährden oder unsere Gesellschaft zumindest massiv polarisieren.

Über das islamische Kopftuch

Integration über Moscheen? – Eine etwas andere Kritik über den ersten moscheereport von Constantin Schreiber

Zunächst möchte ich Constantin Schreiber für seine Reportage moscheereport, deren erster Teil am 27. März 2017 im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, ausdrücklich loben. Insbesondere der erste Teil dieser ersten Sendung von insgesamt dreien, der die eigentliche Reportage umfasste, war aus meiner Sicht sehr gelungen. Sowohl die gewählten Sequenzen aus einer Freitagspredigt im al-Nour Moschee in Hamburg als auch die Fragen, die gegenüber dem Imam gestellt wurden, waren sehr gut platziert. Damit konnte der kurze Reportageteil einem deutschsprachigen Zuschauer einen relativ guten Eindruck hinterlassen, wie es in dieser für die meisten Europäer fremden Welt aussieht und um welche Inhalte es bei einer Freitagspredigt geht. Solche Eindrücke in weniger als sieben Minuten kompakt zu vermitteln, war meines Erachtens eine starke journalistische Leistung. Selbstverständlich wäre es besser gewesen, wenn nicht nur der Reportageteil sondern die gesamte Sendung etwas länger gedauert hätte.

Meine Hauptkritik gegenüber dieser Sendung richtet sich einzig gegen den zweiten Teil, als Constantin Schreiber sich im Studio mit einem geladenen Gast und einer zugeschalteten Professorin aus Frankfurt über den Reportageteil der Sendung unterhielt und Fragen stellte. Beim Studiogast handelte es sich um Daniel Abdin, dem Vorsitzenden der Schura in Hamburg, einer Organisation mit Verbindungen zum Millî Görüş und zur DITIB, und bei der zugeschalteten Professorin um Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam in Frankfurt.

Bereits bei seiner Vorstellung der Gäste beging Constantin Schreiber meines Erachtens einen journalistischen Fehler. Obwohl die ausgestrahlte Freitagspredigt jene von der Hamburger al-Nur Moschee war und Daniel Abdin dem Hamburger SCHURA vorsteht, wurde die sich aufdrängende Frage nicht gestellt, ob zwischen dieser Moschee und dem Verband von Daniel Abdin eine Verbindung bestehen würde. Dies ist nämlich durchaus der Fall, was aus der Webseite der al-Nour Moschee hervorgeht. Die al-Nour Moschee ist Mitglied bei der SCHURA. Es wäre journalistisch nur korrekt gewesen, die Zuschauer darauf hinzuweisen, dass zwischen dem Studiogast und dieser Moschee eine unmittelbare Verbindung besteht. Dies wäre insbesondere nach den Eindrücken, die aus dem Reportageteil gewonnen werden konnte, notwendig gewesen.

Unangenehm überrascht war ich auch beim ersten Thema, das Constantin Schreiber ansprach. Es ging um die Frage, ob es gerecht sei, dass Frauen beim Freitagsgebet nicht dabei seien. Meine Kritik gegenüber diesem von Constantin Schreiber ausgewählten Themenbereich hat einerseits damit zu tun, weil sich nach dem Reportageteil ganz andere wesentlich wichtigere Fragen geradezu aufdrängten, die in der knappen Sendezeit nicht besprochen werden konnten. Auf diese werde ich ganz am Schluss eingehen. Andererseits ging es hier um eine Frage der islamischen Liturgie, die unmittelbar mit der Religionsausübung etwas zu tun hat, was meines Erachtens in dieser Form akzeptiert und respektiert werden muss. Die Alternative ist nämlich bei solchen Praktiken nicht mitzumachen, respektive sogar aus einer solchen Glaubensgemeinschaft auszutreten! Eine andere Möglichkeit sind freilich die gemischtgeschlechtlichen islamischen Gottesdienste, wenn möglich sogar mit einer Imamin an der Spitze des Gottesdienstes, was es ja auch schon gegeben hat und immer noch gibt. Es handelt sich hier jedoch nicht im Geringsten um Mainstream-Islam sondern um moderne Eigenkreationen des Islam der Beteiligten, was natürlich völlig zulässig ist. Diese von einigen wenigen praktizierten Religionspraxis, die doch sehr etwas Eigenwilliges darstellt, sollte meines Erachtens von Muslimen jedoch nicht wirklich verlangt werden, weil dies mit gesellschaftlichen Aspekten des Islam nichts zu tun hat und einzig die Liturgie betrifft. Im Übrigen ist die Nichtteilnahme von Musliminnen am Freitagsgebet wohl der unwichtigste Aspekt der islamischen Geschlechterdiskriminierung. Es gibt so viele wichtigere und relevantere Beispiele der Schlechterstellung der Frauen im Islam, dass man damit Bibliotheken füllen könnte.

Daniel Abdin, der aufgrund der Unsinnigkeit der Frage zunächst einen verblüfften Eindruck machte, konnte sich sehr schnell fangen und wies auf die Tatsache hin, dass beim Hadsch Frauen und Männer gemeinsam beten würden, was mit dem Freitagsgebet natürlich nicht das Geringste zu tun hat. Immerhin konnte er damit seinen Auftrag als Islamapologet erfüllen und den Eindruck vermitteln, im Islam gebe es so etwas wie Geschlechterdiskriminierung gar nicht. Das sei ein Missverständnis (wie natürlich alles Negative im Islam auf Missverständnissen beruhen muss).

Erstaunt war ich über die Professorin, die den Umstand ebenfalls kritisierte wie Constantin Schreiber, dass Frauen beim Geschehen nicht teilnehmen könnten, wenn sie beim Freitagsgebet nicht dabei wären.

Wie gesagt: Aus den vorgenannten Gründen ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass gegenüber der Liturgie einer Religion Kritik entgegengebracht wird. Auch die Vestalinnen im alten Rom bestanden nur aus Frauen und zwar aus Jungfrauen. Es ist keine Geschlechterdiskriminierung, wenn es innerhalb der Liturgie einer Religion geschlechterspezifische Rollenzuweisungen gibt. Im Judentum haben beispielsweise Frauen bei der Sabbat-Liturgie eine ganz spezielle und nur ihnen zugewiesene Rolle. Wer mit solchen geschlechterspezifischen Rollenzuweisungen nicht leben will, kann die entsprechende Glaubensgemeinschaft verlassen und bei Bedarf sogar eigenwillige New Age Kreationen von diesen Religionen gründen. Es ist allerdings völlig illusorisch zu glauben, dass eine solche Kreation eines Tages den europäischen Mainstream Islam bilden würde. Vor allem sollte nicht der Eindruck entstehen, dass eine allfällige Imamausbildung in Deutschland etwas am Umstand ändern würde, dass Frauen bei der Freitagspredigt nicht dabei sind. Über die Imamausbildung in Deutschland wurde gleich anschliessend gesprochen.

Beim zweiten Thema der Studiodiskussion ging es zunächst um die Tatsache, dass der Imam, der die Freitagspredigt hielt, seit 14 Jahren in Deutschland lebte und praktisch kein Wort Deutsch sprach. Dieser Umstand wäre ein sehr guter Ansatz gewesen, wenn Constantin Schreiber die richtigen Fragen gestellt hätte. Auf diese Tatsache angesprochen wurden die fehlenden Deutschkenntnisse des Imams vom Islamapologeten Daniel Abdin erwartungsgemäss verharmlost. So gab er wahrheitswidrig an, dass die Religionssprache die Hochssprache sei und der Imam diese komplizierte Sprache nicht ins Deutsche übertragen könne. Man wünsche sich in Deutschland geborene, aufgewachsene und ausgebildete Imame. Das sei ein Mangel.

Dazu folgendes: Es gibt tatsächlich so etwas wie die arabische Hochsprache, die Arabiya genannt und vom gemeinen Volk unvollkommen beherrscht wird. Dann gibt es die arabische Umgangssprache Ammiya. Davon zu unterscheiden ist das Koranarabisch, was Daniel Abdin wohl meinte. Ungeachtet dessen hatte Constantin Schreiber mit dem Imam ohnehin kein Interview über koranische Inhalte oder islamische Theologie geführt, womit die Entschuldigung unbegründet war.

Daniel Abdin hatte das Gespräch damit allerdings geschickt umgelenkt und es ging nun um die Imamausbildung in Deutschland, ein Thema mit dem ein versöhnlicher Konsens unter allen Gesprächsbeteiligten hergestellt werden konnte. Prof. Susanne Schröter unterstützte die Bestrebungen, Imame in Deutschland auszubilden, auch im Hinblick auf die angekommenen Flüchtlinge. Sie gab dazu an, dass man mit der Imamausbildung in Deutschland eine wichtige integrative Funktion erfüllen würde, in denen Moscheen eine wichtige Rolle spielen würden. Sie bemängelte anschliessend, dass Imame ohne Deutschkenntnisse sich zu wenig in der Gesellschaft umschauen könnten und damit seien die Kenntnisse über die deutsche Gesellschaft nicht ausreichend.

Mit diesen abschliessenden Worten der Professorin war die Sendung dann leider bereits zu Ende. Auf diese möchte ich nachfolgend etwas vertiefter eingehen.

Es ist eine Illusion und ein schwerwiegender Fehler, wenn man Moscheen oder dem Islam eine integrative Funktion einräumen will, wie dies von Prof. Susanne Schröter postuliert wurde. Eine Integration in den Westen über den Islam oder über Moscheen hat es nie gegeben und wird es nie geben. Das hat mit dem Islam selbst zu tun.

Islam bedeutet nämlich das pure Gegenteil von Integration, was bereits aus der Eröffnungssure des Koran, der al-Fatiha, deutlich wird, die ähnlich wie das christliche Vaterunser das islamische Hauptgebet bildet und vom Gläubigen, der sämtliche fünf Gebete des Tages verrichtet, täglich insgesamt 17x wiederholt wird. Die entsprechende Stelle (die 6. und 7. Ayat der Sure, die insgesamt 7 Ayat lang ist) lautet übersetzt wie folgt:

„Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht (den Weg) derer, die D(ein)em Zorn verfallen sind und irregehen!“

Diejenigen, die irregehen, sind nach unumstrittener Auffassung, die Christen. Unumstritten ist dies deshalb, weil dies nicht nur aus sämtlichen anderen Quellen des Islam hervorgeht. Vielmehr sagt es der Koran selbst. Ich verweise hier lediglich auf Sure 5:72 ff. Kurz zusammengefasst folgen die Christen deshalb einer Irrlehre, weil sie an die Trinitätslehre und an die Gottessohneigenschaft Jesu glauben. Das ist übrigens der Grund, weshalb Jesus im Koran immer wieder als Isa Ben Maryam (Jesus, Sohn der Maria) bezeichnet wird. Damit soll verdeutlicht werden, dass Jesus Sohn eines Menschen ist und nicht Gottes Sohn, wie die Christen ihn bezeichnen. Mit anderen Worten wird den Christen nichts anderes als Häresie vorgeworfen.

Auch diejenigen, die Gottes Zorn erregt haben sollen, sind klar definiert. Es handelt sich dabei um die Juden, was ebenfalls nicht bloss aus den ausserkoranischen Quellen sondern auch aus dem Koran selbst hervorgeht. Ich verweise lediglich auf Sure 2:87-90. Die Juden seien deshalb dem Zorn Gottes verfallen, weil sie ihm gefrevelt hätten. Damit wird beispielsweise die Anbetung des Goldenen Kalbes angesprochen. Sie hätten damit Gottes Gebote missachtet (1. Gebot: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben). Darüber hinaus würden die Juden Propheten ermorden, womit aber nicht Jesus gemeint ist, weil die Muslime nicht an die Kreuzigung Jesu glauben. Es sind andere Propheten gemeint. Mord ist aus islamischer Sicht eine schwere Sünde. Prophetenmord ist eine erhebliche Steigerung davon. Darüber hinaus wird der Zorn Gottes mit der angeblichen Thorafälschung der Juden begründet. Die Juden hätten nach islamischer Vorstellung Mohammed aus der Thora entfernt, der in ihrer Schrift angekündigt gewesen sei. Da dieser in der Thora fehlt, wird dies als Schriftfälschung und ebenfalls als eine schwere Sünde verstanden.

Der Koran sagt sehr eindeutig, wie mit Christen und Juden (mindestens) umzugehen ist. In Sure 5:51 heisst es doch sehr klar und deutlich:

“Ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden! Sie sind einander Freunde. Wer von euch sich ihnen anschließt, der gehört zu ihnen. Siehe, Gott leitet die Frevler nicht recht.”

Mit anderen Worten verlangt der Islam einerseits im islamischen Hauptgebet aber auch an anderen Stellen wie im vorgenannten Ayat eine klare Abgrenzung von Muslimen von den Nichtmuslimen. Man soll nicht so werden wie sie, wobei diesen andersgläubigen Menschen dazu noch aus muslimischer Sicht sippenhaftmässig sehr schlechte Eigenschaften nachgesagt werden, die bei einem gläubigen Muslim Abscheu erregen müssten. Darüber hinaus sollen Muslime keine christlichen und jüdischen Freunde haben.

Meines Erachtens ist es unter dieser gegebenen theologischen Konstellation schleierhaft, wie der Islam oder Moscheen, die ihrer Funktion entsprechend solche Inhalte verbreiten, zur Integration von muslimischen Migranten beitragen sollen. Ich sehe auch nicht, was eine Imamausbildung in Deutschland an diesen unumstösslichen theologischen Tatsachen ändern könnte, wie dies von den Diskussionsteilnehmern in der Sendung gewünscht wurde. Auch ein in Deutschland ausgebildeter Imam dürfte kaum das Gegenteil davon predigen, was im Koran steht.

Tatsache ist und bleibt, dass der Islam, sofern er orthodox gelebt wird, ganz klar ein Integrationsverhinderer ist und damit auch die Moscheen, die den orthodoxen Islam predigen, womit ich praktisch alle Moscheen meine. Die wenigen Ausnahmen sind nicht repräsentativ. Ich habe in der vorliegenden Darstellung lediglich zwei Koranverse genannt. Es gibt weitere solche Inhalte, die sich auch ausserhalb des Korans befinden, die ebenfalls verbindlich sind und nichts anderes aussagen. Auf gut Deutsch sagen sie immer wieder das Gleiche, wobei auch Steigerungen möglich sind: „Muslim, grenze dich von den Christen und den Juden ab und nimm dir aus ihrem Kreis keine Freunde!“

Die Tatsache, dass dies gelebter islamischer Praxis entspricht, wird aus der Tatsache deutlich, dass die Integration von muslimischen Migranten im deutschsprachigen Raum im erheblichen Masse gescheitert ist. Dies wurde aber auch aufgrund der Eindrücke im ersten Teil der Reportage von Constantin Schreiber für alle offensichtlich: Ein Imam, der sich seit 14 Jahren in Deutschland aufhält und nahezu kein Wort Deutsch spricht, hat diese Vorgaben des Korans und anderer islamischer Schriften bestens befolgt. Bei ihm hat so etwas wie Integration nicht einmal ansatzweise stattgefunden, wobei alles andere aufgrund der klaren Vorgaben des Islam eine Überraschung gewesen wäre.

Der grösste Mangel der Sendung war, dass Constantin Schreiber auf einen Aspekt der Reportage nur ungenügend einging, dies wohl in Unkenntnis der islamischen Vorgaben über den Umgang mit den Andersgläubgen (oder er hat diese Frage bewusst vermieden). Im Interview mit Constantin Schreiber gab nämlich genau dieser überhaupt nicht integrierte Imam an, dass er die Themen seiner Predigten aus Bereichen herausnehme, welche die Muslime beschäftigen würden. Es gehe um gesellschaftliche Themen wie etwa um das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Genau hier hätte Constantin Schreiber weiterbohren müssen.

Was kann von einem nichtintegrierten Imam, der sich seit 14 Jahren in Deutschland aufhält und praktisch kein Deutsch spricht, erwartet werden, das er über das Verhältnis zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sagen könnte? Die fehlenden Sprachkenntnisse dieses Mannes und seine komplett gescheiterte Integration müssten meines Erachtens auch ohne vertiefte Kenntnisse des Islam die Vermutung nahelegen, dass der Imam in seinen Predigten die Gläubigen kaum zu Handlungsweisen aufruft, die integrativ wirken können. Genau hier müsste nämlich deutlich werden, dass eine Integration über den Islam und damit über Moscheen an einem unüberbrückbaren Widerspruch leidet.

Trotz dieser Mängel dieser leider viel zu kurzen Sendung, bei der aufgrund dieses Umstands eine fachgerechte Vertiefung nicht möglich war, bin ich Constantin Schreiber für seine Reportage dankbar, weil er wie eingangs erwähnt, dem deutschsprachigen Fernsehpublikum einen Einblick in diese Welt gewährte, die vielen Menschen immer noch sehr fremd ist.

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(Der deutsche Journalist Constantin Schreiber; aufgenommen im Rahmen der Verleihung des Grimme-Preises 2016. Quelle: wikipedia)

Integration über Moscheen? – Eine etwas andere Kritik über den ersten moscheereport von Constantin Schreiber