Atomare Aufrüstung der islamischen Welt und der Türkei – Forderungen eines einflussreichen türkischen Theologen

In der Ausgabe vom 16. März 2017 der türkischen Zeitung Yeni Şafak (zu Deutsch: neue Dämmerung) erschien ein Artikel eines der einflussreichsten islamischen Theologen der Türkei, der meines Erachtens auch europäische Leser interessieren sollte. Einige wenige deutschsprachige Medien haben über dessen Artikel berichtet. Ich möchte hier etwas vertiefter darauf eingehen. Wie bei meinem letzten Blog-Artikel werde ich einerseits eine möglichst originalgetreue Übersetzung vornehmen und andererseits Erklärungen zum Text abgeben, damit westliche Leser diesen besser einordnen, erfassen und damit dessen Tragweite begreifen können.

Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass der Artikel in der Form einer Kolumne erschienen ist, was im türkischen Journalismus im Vergleich zum westlich geprägten Journalismus eine Besonderheit darstellt. Der Kolumnenjournalismus ist der prägende Journalismusstil in der Türkei, wobei bekannte und unbekannte Autoren einen wesentlichen Teil einer Zeitung für ihre Kolumnen in Anspruch nehmen, dies meistens täglich. Diese Kolumnen befinden sich meistens am Seitenrand einer Zeitung, weshalb die entsprechenden Journalisten als “Seitenrandschreiber” (“köşe yazarları) bezeichnet werden, wohingegen die eigentlichen Nachrichten – meistens in der Form von Agenturmeldungen – sich in der Seitenmitte befinden. Das Besondere beim türkischen Kolumnenjournalismus ist, dass die entsprechenden Journalisten und Autoren in ihren Kolumnen politische, insbesondere auch gesellschaftspolitische Forderungen aufstellen und für eine Sache klar Partei ergreifen. Mit anderen Worten geht es in dieser Art von Journalismus nicht primär um die möglichst wertneutrale Vermittlung von Informationen sondern um Meinungsbildung. Auch der hier besprochene Artikel ist in dieser Hinsicht typisch für den türkischen Kolumnenjournalismus.

Bei der Zeitung Yeni Şafak, in der dieser Artikel erschienen ist, handelt es sich um ein islamistisches Medienprodukt, das es schon seit den Neunzigerjahren gibt und das der Milli Görüş und dem islamofaschistischen Diktator Erdoğan sowie seiner AKP nahesteht. Milli Görüş ist jene Organisation, die die meisten Leser bereits aus Deutschland kennen, die für den Aufstieg von Erdoğan eine Schlüsselrolle gespielt hat. Sie ist weiterhin weltweit aktiv, wobei ihr Entstehungsort Deutschland ist, ein Land, das die Aktivitäten dieser Organisation schon immer geduldet und sich auf deren “Beobachtung” beschränkt hat, was offensichtlich ungenügend war und immer noch ist. Die verkaufte Auflage der Zeitung betrug im Januar 2017 110’620 Exemplare, was für eine türkische Zeitung sehr hoch ist. Im Vergleich dazu beträgt die Auflage der Zeitung Cumhuriyet 55’000 – 70’000. Im Jahr 2016 war Yeni Şafak damit die elfte unter den auflagenstärksten Zeitungen der Türkei, womit wir es hier mit einem Massenprodukt zu tun haben.

Auch der Theologe, der den Artikel verfasst hat, Hayrettin Karaman, ist weder in der Türkei noch in der türkischen Community in Europa ein Nobody. Er ist Professor der Theologie, wobei anzumerken ist, dass er die Mittelschule abgebrochen hat, um in einer Imam-Vorbeter-Schule (imam hatip okulu) zu studieren, womit seine akademischen Weihen von westlichen Lesern nicht wirklich ernst genommen werden sollten. Solche Schulen stehen nicht einmal annähernd auf der Stufe unserer Gymnasien, was man auch in diesem Artikel von Deutschland Radiokultur nachlesen kann. Hayrettin Karaman ist ein enger Vertrauter des Diktators Erdoğan und hat über 50 Bücher verfasst. Vom Bekanntheitsgrad her könnte man ihn mit einem Hans Küng vergleichen, aber bitte wirklich nur in dieser Hinsicht. Es gibt sogar einen deutschen Wikipedia-Eintrag über ihn.

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(Auzeichnung von Hayrettin Karaman im Jahr 2015, bei der er vom Diktator als “Vorarbeiter” (ırgat) bezeichnet wurde, im Sinne eines Wegbereiters für den islamofaschistischen Wandel; der Herr links im Bild ist der Präsident von Diyanet, also jener Organisation, die den zahlreichen islamofaschistischen DITIB-Vereinen in Europa und anderswo vorsteht)

Die Sprache des Autors ist geprägt von unnötig langen und sehr umständlichen Sätzen. Man kann über ihn zwar nicht sagen, dass er ein ungebildeter Vollpflock ist wie Erdoğan, weil er weniger Türkisch-Fehler macht als dieser. Speziell ist diese Überlänge von Sätzen dennoch, weil sie eine kulturelle Besonderheit darstellen. Lange verschachtelte Sätze vermitteln bei vielen Türken den Eindruck von Weisheit und akademischer Vorbildung, was solchen Texten eine gewisse Autorität verleiht. Wichtig dabei ist allerdings die Feststellung, dass dieser Text inhaltlich – wie der Leser selbst feststellen wird – keinesfalls klug ist, aber bloss so daherkommt. Ich habe die Sätze des Theologen bei der Übersetzung teilweise auseinander genommen, damit der Text verständlicher wird. Der Leser, der der türkischen Sprache nicht mächtig ist, sollte wissen, dass der Stil des Autors geschwollen und unnötig kompliziert ist, insbesondere wenn man ihn inhaltlich analysiert.

Mit anderen Worten hinterlässt ein solcher Text bei einem eher mässig gebildeten Publikum den Eindruck, dass hier ein besonders intelligenter Mann seine Meinung kundtut. Mir als Akademiker, der die türkische Sprache sehr gut versteht, macht der Artikel von Karaman in sprachlicher Hinsicht einen extrem altklugen Eindruck, wobei für mich aufgrund des Inhalts seines Geschwafels auch intellektuelle Defizite  offensichtlich werden.

Nach diesen Vorinformationen nun zum Text, dessen Übersetzung in kursiver Schrift wiedergegeben wird.

Was getan werden sollte?

Zunächst hat die Christenheit den Fanatismus und danach – nachdem der Westen damit angefangen hatte, die Religion als ein Accessoire/eine Vitrine zu benutzen und seine wahren Absichten gegenständlich wurden – hat der Westen für den Zweck der Verfolgung von nationalen und regionalen Interessen, Pläne geschmiedet, diese verwirklicht, oder ist daran diese zu verwirklichen, um entweder den islamischen Osten zu vernichten, oder um ihn auf die Art und Weise zu verändern, so dass er so aussieht wie er selbst, oder um ihn immer auf die Art und Weise unter seiner Herrschaft zu halten, dass er immer seinen eigenen Interessen dienen würde.

Sehr wichtig bei diesem Anfang ist die Feststellung, dass der Autor nicht nur den Westen sondern auch die Christenheit als Feind definiert. Den Begriff Feind verwendet er später im Text auch ausdrücklich.

Er macht verächtliche Bemerkungen darüber, dass Religion in westlichen Gesellschaften nur ein Accessoire darstelle. Damit widerspricht diese vom Autor behauptete Eigenschaft der Religion im Westen seinem eigenen Konzept, namentlich der Scharia. Dort ist nämlich die Religion das Gegenteil eines Accessoires. Vielmehr regelt die Scharia sämtliche Lebensbereiche, die es gibt.

Mit dem Ausdruck Vitrine will der Autor einen oberflächlichen Umgang des Westens mit der Religion verdeutlichen. Religion sei für den Westen vor allem einmal eine Show, die man den anderen präsentiert. Dieses Zeigen der Religion wird als unislamisch angesehen, wobei Islamisten ihrem eigenen Verhalten in diesem Zusammenhang völlig unkritisch gegenüberstehen. So gibt es immer wieder Gebetsaktionen mitten auf der Strasse oder auf dem Gehsteig, was Europäer mittlerweile ebenfalls kennen dürften.

Der Autor wirft dem Westen in diesem ersten Absatz seines Textes vor, dass der Westen ein verstecktes Spiel spiele und seine wahren Absichten verberge. Die Ausführungen des Imams entsprechen klassischen islamistischen Verschwörungstheorien, die man mittlerweile beinahe täglich hört.

Auch heute sind Religion, nationaler Egoismus und Interessenverfolgung, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, angebliche Gefahr, die aus dem Islam ausgehe/Angst vor dem Islam (Islamophobia) als Karmas daran, die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen. Und gleichzeitig wird der eigentliche Grund/Motiv verborgen und als Vorwand wird auf zeitgenössische, westliche Werte wie Menschenrechte und Demokratie hingewiesen. Die antitürkischen Aktivitäten haben an Geschwindigkeit zugenommen, nachdem man Propaganda darüber betrieben hatte, dass diese Werte verletzt worden seien, und eine Wahrnehmung erzeugt wurde, dass dies zutreffen würde.

Der Autor sieht viele Gründe für dieses angeblich versteckte Spiel des Westens, darunter sogar die Religion, womit er sicherlich die christliche Religionen ansprechen möchte. Er macht dabei auf mehrere aus seiner Sicht sehr negative gesellschaftliche Eigenschaften im Westen aufmerksam und behauptet, dass der Westen diese Dinge wie Karmas verfolgen würde. Demokratie und Grundrechte würden dabei als Vorwand gebracht, um die angeblich eigentlichen Motive zu verschleiern. Dabei gehe es insbesondere darum, antitürkische Propaganda zu betreiben.

Wenn von Werten wie Menschenrechte, Gewissen, Moral, Gerechtigkeit die Rede ist, weiss jeder und sieht es auch, dass der Westen eine überaus hässliche Doppelmoral anwendet, ohne sich zu schämen, oder sich um irgendjemanden zu kümmern. Der heutige Reichtum, den der Westen (USA eingeschlossen) heute besitzt, wurde über den Weg der Usurpation und Raub (Kolonialismus) mehrheitlich vom Osten gewonnen. Die Mengen an Blut, die der Westen für seine gottverfluchten Interessen im Osten fliessen liess, und das Ausmass der von ihm zerstörten materiellen und immateriellen Werte können aufgrund ihrer hohen Zahl nicht einmal berechnet werden.

Der Islamofaschist wiederholt hier das Märchen, wonach der Wohlstand im Westen auf die Ausbeutung der islamischen Welt beruhe, was ganz sicher nicht stimmt. Der wissenschaftliche Fortschritt, den er später in seinem Text erwähnt, ist beispielsweise überhaupt kein Thema für ihn. Insbesondere dieser Absatz des Textes ist eine Hasstirade gegen den Westen.

Es kann auch solche geben, die sagen: „Das war früher einmal, jetzt ist der Westen zivilisiert, dort hat sich eine auf Menschenrechten beruhende Demokratie etabliert, es muss legitime Gründe dafür geben, für die Dinge die sie heute tun“.

Auch wenn es oberflächlich sein mag, ist es aufgrund der internationalen und nationalen Vorgehensweisen vollkommen offensichtlich, dass Europa und die Europäer, so wie es ihre Ahnen taten, versuchen den wahren Grund (Islamfeindlichkeit und materielle Interessen) zu verheimlichen und um die öffentliche Meinung zu täuschen, bestimmte zeitgenössische Werte ausbeuteten; diese Dinge nicht zu sehen, ist auf die Geistes- und Herzensblindheit zurückzuführen, die schädlicher ist als die Augenblindheit.

Das Besondere in diesem Abschnitt ist, dass der Islamofaschist den Europäern einerseits Rassismus vorwirft und dabei selbst in hohem Mass rassistisch ist, in dem er auf die Ahnen der Europäer verweist, von denen dieser Rassismus stamme und an die Nachkommen weitergegeben worden sei.

Wenn der Westen dem Osten und im besonderen der Türkei, die ein Leader-Potenzial hat, das antut, was ihm gerade beliebt, tut er das nicht, indem er der Macht der Gerechtigkeit, des Rechts, der Justiz oder der zeitgenössischen Werte vertraut. Vielmehr vertraut er auf die finanzielle und militärische Macht.

Die Türkei, die Leader-Potenzial haben soll, ist eine typische Wendung bei den türkischen AKP-Islamofaschisten, die in Erdoğan einen Führer mit Weltformat sehen. Mit einem solchen Führer an der Spitze könne die Türkei die ganze islamische Welt anführen. Obwohl dieser Anspruch völlig unrealistisch ist, weil die Araber keineswegs auf einen Erdoğan gewartet haben, sind dies die Grossmachtphantasien der überwiegenden Mehrheit der AKP-Anhänger, auch in Deutschland.

Sofern der Osten sich davor retten will, unterdrückt und ein Opfer zu sein, reicht es nicht, dass seine Religion gerecht und seine (religiöse) Rechtsangelegenheit berechtigt ist; es ist notwendig, in einer Zeit, in der nicht derjenige im Recht ist, der das Recht auf seiner Seite hat, sondern derjenige, der stark ist, die Macht hat, stärker als der Feind zu sein.

Die religiöse Rechtsangelegenheit, von der hier die Rede ist, ist ein spezieller Begriff, den ich etwas näher erläutern muss. “Dava” kann mit dem deutschen Begriff “Rechtssache”, “Sache” oder mit dem Englischen “cause” übersetzt werden. Es geht also um einen übergeordneten Zweck, den man verfolgt. Damit ist die Errichtung eines islamischen Staates auf der Grundlage der Scharia gemeint. Husayn Al-Quwatli, der ehemalige Generaldirekter von Dar al-Ifta, dem spirituellen Zentrum des sunnitischen Islam in Libanon, hat 1975 sehr treffend formuliert, wie Muslime sich in ihrem Verhältnis zum Staat zu benehmen und welche Ziele sie zu verfolgen hätten (aus David D. Grafton, The Christians of Lebanon: Political Rights in Islamic Law, London/New York, 2003, S. 4, Übersetzung aus dem Englischen von mir selbst): “Die Position des Islam ist in einem Punkt sehr klar; namentlich darf der wahre Muslim keine desinteressierte Position gegenüber dem Staat einnehmen. Im Ergebnis bedeutet dies, dass seine Haltung im Hinblick auf den Herrscher und die Herrschaft nicht unentschlossen sein darf, dass er sich mit halben Ergebnissen zufrieden gibt. Entweder ist der Herrscher ein Muslim und die Herrschaft eine islamische, dann wird er mit dem Staat zufrieden sein und diesen unterstützen, oder der Herrscher ist kein Muslim und die Herrschaft unislamisch. In diesem Fall wird er diese Herrschaft ablehnen, dagegen Widerstand leisten, und daran arbeiten, diesen Staat abzuschaffen, sanft oder mit Gewalt, öffentlich oder im Geheimen.” Damit ist die dava angesprochen, von der auch Karaman in seiner Kolumne hier spricht.

Die erste Bedingung dafür ist, dass sich der unterdrückte und sich in der Opfereigenschaft befindende Osten vereinigt und sich gegenseitig unterstützt. Wenn man sich auf dem Weg der Vereinigung und der gegenseitigen Unterstützung befindet, kann man auch im Mass des unbedingt Erforderlichen mit den Guten von den Bösen auch zusammenarbeiten, um die Hindernisse zu überwinden.

Es ist gut möglich, dass der Islamofaschist hier Russland meint, wenn er von den Guten unter den Bösen spricht.

Es gab Zeiten, da sei militärische Stärke Pfeile und Pferde gewesen. Jetzt sind es – allen voran die nuklearen – Waffen, die nach wissenschaftlichen und technologischen Massstäben der Gegenwart hergestellt wurden und jene Geräte, die deren Gebrauch sicherstellen.

Ohne Zeit zu verlieren und ohne auf die Worte des Westens zu hören und seine Hinderungen ignorierend müssen wir darauf schauen, nicht solche Waffen zu kaufen sondern diese zu erfinden. Mögen wir solche erfinden, Gleichgewicht schaffen, aber sofern kein Zwang besteht, sollten wir keine Massenvernichtungswaffen einsetzen; der Weg diese einzusetzen besteht ja auch darin, die Waffen zu besitzen, die der Feind auch hat, oder solche Waffen, die stärker sind.

Wenn der Herrgott es erlaubt, werde ich in meiner Sonntagskolumne über den Plan des Westens schreiben, den er in der Geschichte durchgeführt hat, um die grosse ottomanische Türkei zu zerstückeln und die Wurzeln des Islam auszutrocknen.

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