Das islamische Kopftuch und das untaugliche “Nonnen-Argument”

Eine der eindrücklichsten Persönlichkeiten, die ich in meinem bisherigen Leben kennenlernen durfte, war mein Französischlehrer im Gymnasium, dessen Namen ich aus Diskretionsgründen nicht nennen möchte. Im Grunde genommen war mein Lehrer ein Philosoph und publizierte neben seiner Lehrertätigkeit, die für ihn wohl hauptsächlich einen Brotjob darstellte, wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften und verfasste Bücher in seinem Fachbereich. Da seine eigentliche Leidenschaft der Philosophie galt, war sein Französisch-Unterricht eine Philosophie-Lehrveranstaltung, die selbstverständlich in französischer Sprache abgehalten wurde. Während sein Vorgänger uns Sätze beigebracht hatte wie «Voici la bicyclette de Suzette!», sprach dieser solche aus wie «Guy de Maupassant était un naturaliste métaphysique!». Als Schüler war man damit gewissermassen gezwungen, richtig gut Französisch zu lernen, um nur ansatzweise seinem Unterricht folgen zu können. Jedenfalls habe ich später im Gymnasium kaum mehr Französisch dazugelernt.

Mein Lehrer hatte nebst seinen hervorragenden Eigenschaften als Intellektueller auch eine bemerkenswerte persönliche Vergangenheit. In den Fünfzigerjahren hatte er Europa als Dominikanermönch verlassen, um im damaligen Belgisch-Kongo als Philosophie-Professor an der Universität einer Lehrtätigkeit nachzugehen. Viele Jahre später in den Siebzigern hatte er sein Mönchsgelübde niedergelegt und eine attraktive und überaus kultivierte Frau geheiratet. Obwohl ich nicht behaupten kann, dass er und ich ein Herz und eine Seele waren und uns eine besonders enge Lehrer-Schüler-Beziehung verband, war ich von seinem Unterricht, der sehr anspruchsvoll war, und natürlich von seiner Persönlichkeit angezogen und es war daher für mich schnell klar, dass ich das von ihm angebotene Freifach Philosophie belegen würde, das von etwa 6-7 weiteren Mitschülern besucht wurde. Diese kleine Zahl gefiel meinem Lehrer sehr, weil die Unterrichtskonstellation ihn zweifelsohne an antike griechische Philosophenschulen erinnerte. Er genoss sichtlich seinen Philosophie-Unterricht, den er gemeinsam mit seinen Schülern sehr frei gestalten konnte.

nun

(entrückte Nonne)

Im Rahmen dieses sehr liberal gestalteten Philosophie-Freifachs unternahmen wir im Herbst des Jahres 1987 einen Ausflug in ein Frauenkloster. Der Anlass dafür war die Handschriftensammlung des Klosters, die meinen Lehrer brennend interessierte. Alte Manuskripte gehörten zu seinen zahlreichen Interessen und er hatte auch schon antike Bücher in den Unterricht mitgenommen. Natürlich sollten wir auch etwas über das Leben im Kloster erfahren. Aufgrund seiner eigenen Vergangenheit als Dominikanermönch hatte dieser Besuch ganz klar auch einen persönlichen Touch. Da wir alle über sein früheres Leben Bescheid wussten, bestand auch damit ein Zusammenhang.

Die Ausbeute in der Klosterbibliothek an Manuskripten, die wir zu sehen bekamen, war an der Quantität etwas mager, aber bis zum heutigen Tag kann ich die Schönheit des einzigen Buches, das wir bewundern durften, nicht vergessen. Es war ein handgeschriebenes und -bemaltes Buch über Kräuterheilkunde. Unsere Begleiterin während unseres gesamten Aufenthalts im Kloster war eine Nonne, die das Buch genauso wie wir auch zum ersten Mal gesehen hatte, obwohl sie schon seit Jahren in diesem Kloster lebte. Über weitere Bücher konnte sie uns keine Auskunft geben, weil sie sich mit solchen Dingen gemäss eigenen Angaben überhaupt nicht befassen würde.

Andere Nonnen – davon lebten ungefähr 25 im Kloster – sahen wir während unseres gesamten Besuches nicht. Beim Orden handelte es sich um einen sog. Schweigeorden, d.h. die Schwestern sprachen praktisch nie miteinander und kommunizierten auch sonst nicht mit der Aussenwelt, ausser wenn es wirklich unbedingt sein musste. Dazu gehörte offensichtlich auch unser Besuch. Damit war unsere Begleiterin die Public Relations Verantwortliche des Klosters, wobei ich mir auch heute nicht erklären kann, weshalb ausgerechnet sie diejenige war, die für das Kloster mit der Aussenwelt in Verbindung trat.

Sie erzählte uns aus dem Leben im Kloster mit ihrer engelhaften und hohen Stimme und mit der Sprache eines Kindes, woran ich mich deshalb so lebhaft erinnern kann, weil das Ganze für mich ein Schlüsselerlebnis war. Als wir von unserer Begleiterin mehr über den Verzicht zu Kontakten zur Aussenwelt und über ihr Schweigegelübde erfahren wollten und ob sie dies nicht als eine massive persönliche Einschränkung empfinden würde, erklärte sie, dass die Nonnen sich mit solchen Dingen nicht befassen und ein Leben in der Stille des Gebets führen würden. Ein einziges Mal habe es eine Art Notfallsituation gegeben und die Nonnen seien von ihrem Pfarrer informiert worden. Als wir erfahren wollten, was das für ein Ereignis gewesen sei, gab sie an: «Ja wissen Sie, damals war doch das mit den Strahlen…». 

Da wir nicht verstanden, was sie damit meinte, bohrten wir ein wenig weiter, bis wir erfuhren, dass sie damit die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl meinte. Damals, im Jahr 1987, war dieses Ereignis immer noch recht aktuell und jedes Kind wusste darüber Bescheid. Im weiteren Gespräch stellten wir jedoch fest, dass unsere Nonne den Namen Tschernobyl bis zum Zeitpunkt unserer Diskussion noch nie gehört hatte. Auch hatte sie in keiner Zeitung etwas darüber gelesen, im Radio davon gehört oder im Fernsehen einen Bericht über dieses Ereignis globalen Ausmasses gesehen. Ihre einzige und vor allem auch einmalige Information war diejenige vom Pfarrer gewesen, der den Nonnen etwas von „den Strahlen“ erzählt und ihnen spärliche Informationen darüber gegeben hatte, ob und welche Massnahmen zu treffen waren, um Gesundheitsschäden zu vermeiden.

Ich war erschüttert und entrüstet darüber, als ich feststellen konnte, in welchem Ausmass sich dieser Mensch von der Aussenwelt nahezu vollkommen abgekapselt hatte. Diese Frau hatte nicht die geringste Ahnung darüber, was sich auf unserer Welt und in unserer Gesellschaft abspielte. Sie führte nicht einmal Gespräche mit ihren Ordensschwestern und hatte jeden Bezug zur Realität verloren. Sie lebte in einer Art Paralleluniversum und hörte sich so an wie ein kleines unreifes Kind im Vorschulalter mit der Stimme einer Grossmutter, die zu einem Säugling spricht und gewissermassen “entrückt” war.

Auch wenn die Klosterfrau, die ich hier beschrieben habe, nicht für alle Nonnen repräsentativ sein mag, die weltweit aktiv sind, sollte dieses Beispiel dem Leser mindestens zeigen, was es früher einmal hiess, eine Nonne zu sein. Damit meine ich längst vergangene Zeiten vor Jahrhunderten, als in Europa wesentliche Teile der Bevölkerung, die es sich finanziell leisten konnten und die aus familiären, gesellschaftlichen oder politischen Gründen es wohl auch mussten, zu Mönchen oder zu Nonnen wurden. Zu Hunderten sperrten sich Männer und Frauen mehr oder weniger freiwillig in Klöster ein, insbesondere weil sie sich der fleischlichen Sünde – sprich der Sexualität – entziehen wollten. Wie jene Nonne, die ich vor 30 Jahren kennenlernen durfte, lebten sehr viele dieser Menschen völlig abgeschieden von der Welt und hatten in vielen Fällen dieses Gefängnis aus freien Stücken gewählt.

Mich hat dieses Erlebnis, bei dem ich einen Menschen kennenlernen durfte, der fernab der Realität lebte, in einem solchen Ausmass geprägt und beeindruckt, dass ich mich auch nach 30 Jahren sehr lebhaft daran erinnern kann. Selbstverständlich gehört zu diesem Eindruck auch der Zusammenhang zu meinem Lehrer, der uns zu diesem denkwürdigen Ort geführt hatte, der selbst einst auch ein in gewisser Hinsicht vergleichbares Leben geführt hatte wie diese bedauernswerte Frau, sich aber später von seinen Fesseln befreien konnte. Ganz offensichtlich war für mich natürlich auch der sichtbare Kontrast zwischen meinem hochgebildeten Lehrer, der als Mönch eine geistig anspruchsvollere Vergangenheit hatte als diese kindliche Nonne. Zwar zeigt gerade das Beispiel meines Lehrers auf, dass in diesen Gefängnissen auch gewisse Entfaltungsmöglichkeiten und intellektuelle Höheflüge nicht ausgeschlossen sind. Diese sind jedoch Männern vorbehalten, wie beispielsweise den Jesuiten, die in dieser Hinsicht sogar eine Art Elite bilden. Intellektuelle Nonnen hingegen dürften ganz gewiss einer verschwindend kleinen Minderheit angehören und in dieser Hinsicht war unsere Nonne ganz gewiss repräsentativ.

Als Mensch des 21. Jahrhunderts kann ich es gut nachvollziehen und habe Verständnis dafür, dass es andere Menschen gibt, die den ganz gewöhnlichen Alltag, die Gesellschaft, die weltlichen Dinge, materielle Werte und politische Sachverhalte nicht aushalten und ein von diesen Dingen abgeschiedenes und zurückgezogenes Leben führen möchten. Unsere liberale Gesellschaftsordnung und unsere Toleranz gegenüber nahezu allen individuellen Lebensgestaltungen lassen dafür ohne weiteres einen Freiraum. Mit anderen Worten erlaubt unsere Gesellschaft einen vollständigen Rückzug aus der Gesellschaft. Das sog. Aussteigen ist nicht verboten. Jeder darf sich in ein Kloster zurückziehen, sofern er dies will – natürlich auch in ein buddhistisches Kloster in Asien oder Indien – und kann ein Leben in Versenkung, Gebet und Meditation führen. Selbstverständlich sollen auch Frauen, die dies unbedingt möchten, Nonnen werden dürfen und natürlich will ich auch niemandem verbieten, eine solche Nonne zu werden, wie jene, die ich einst kennenlernen durfte. Ich kann sehr gut damit leben, dass es in unserer Gesellschaft Sonderlinge gibt, die jeden gesellschaftlichen Kontakt meiden wollen, sich vollständig abschotten, so dass sie nicht einmal in der Lage wären, den Namen des aktuellen amerikanischen Präsidenten zu nennen oder eine E-Mail zu verschicken.

Ich hätte allerdings grösste Mühe damit, wenn beispielsweise vom heutigen Tage an immer mehr katholische Frauen sich für ein Leben im Kloster entscheiden würden, so dass die Zahl der Nonnen in dem Masse zunehmen würde, dass auf den anderen Frauen, die sich nicht für das Klosterleben entschieden hätten, ein gesellschaftlicher Druck aufgebaut würde. Selbstverständlich hätte ich nicht nur wegen dieses negativen Einflusses auf andere Frauen grösste Schwierigkeiten mit einer solchen höchsthypothetischen Entwicklung, die es mindestens in naher Zukunft nicht geben wird. Vielmehr würde ein solcher Umstand eine Rückkehr ins finsterste Mittelalter bedeuten, was ich ganz klar nicht will und ich kann mir nicht vorstellen, dass in unserer Gesellschaft eine derartige Rückbesinnung zu “christlichen Werten” erwünscht ist. Es wäre mindestens für mich unerträglich und selbstverständlich auch zutiefst beunruhigend, wenn sich die Mehrheit der Katholikinnen zu Persönlichkeiten entwickeln würden, die mit der oben beschriebenen Klosterfrau vergleichbar sind, also zu Menschen, die jeden Bezug zur realen Welt und zur Gesellschaft verloren haben und welche – ausser zum Pfarrer  – nahezu keine Kontakte zu Männern pflegen.

Zusammengefasst bedeutet dies, dass in unseren westlichen Gesellschaften die individuelle Lebensgestaltung einer Nonne, die sich von der Welt nahezu vollständig abgekapselt hat und in vielen Fällen ein Leben in selbstgewählter Ignoranz lebt, keinem gesellschaftlichen Ideal entspricht. Vielmehr wird diese Art von Lebensführung als eine Art Ausnahmeerscheinung bei einigen wenigen Sonderlingen hingenommen. Hinzu kommt, dass die Toleranz gegenüber dieser gesellschaftlichen Randerscheinung auch kulturell zu rechtfertigen ist. Nonnen mögen schon lange nicht mehr zu einer gesellschaftlichen Norm gehören. Es gibt sie aber in Europa seit Jahrhunderten und sie gehören daher gewissermassen zum kulturellen Inventar, womit die Verbreitung des islamischen Kopftuchs in Europa in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten kaum verglichen werden kann. Als absolute Randerscheinung, die vom Aussterben bedroht ist, aber zweifelsohne zur Vergangenheit dieses Kontinents gehört, haben daher Nonnen wohl eine ganz andere kulturelle Daseinsberechtigung.

So untauglich der Verweis auf die Nonnen ist, um das islamische Kopftuch zu rechtfertigen, umso tauglicher ist er, um aufzuzeigen, weshalb der Vergleich gerade das Gegenteil offenbart von dem, was man damit eigentlich aussagen wollte.

Westliche Gesellschaften haben sich vom Joch der Kirche befreit und leben nicht mehr in den Zwängen vergangener Jahrhunderte. Frauen und Männer haben einen offenen und (meistens) ungezwungenen Kontakt zueinander und in der Regel kein Bedürfnis danach, sich in Klöster einzusperren, um der fleischlichen Sünde und damit der Hölle zu entkommen. Nonnen sind vom Aussterben bedroht. Der Grund dafür ist insbesondere auch unsere freiheitliche Rechts- und Gesellschaftsordnung, in der wir leben. Dazu gehört insbesondere auch die Religionsfreiheit, die in ihrem ursprünglichen Sinn dafür dient, dass der Mensch keinen religiösen Zwängen ausgesetzt sein soll und sich ohne solche Zwänge frei entwickeln kann. Es ist daher eine logische Konsequenz, dass in einer solchen Gesellschaftsordnung Nonnen zu Ausnahmeerscheinungen gehören und keineswegs zu einer gesellschaftlichen Norm. Gerade auch aus diesem Grund ist der Verweis auf die Nonnen bei der Rechtfertigung des islamischen Kopftuchs reichlich absurd. Die Religionsfreiheit dient nämlich wie jedes andere Grundrecht in erster Linie zur Emanzipation und Befreiung des Menschen und nicht zu dessen Fesselung und Abkapselung.

Das islamische Kopftuch und das untaugliche “Nonnen-Argument”

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