Über das Heiratsalter der Prophetengattin Ayesha – Ein islamkritischer Diskussionsbeitrag

Bevor ich mich dem Heiratsalter der Prophetengattin Ayesha, der Lieblingsfrau von Mohammed, zuwende, möchte ich vorausschicken, dass ich den Wahrheitsgehalt der entsprechenden Schilderungen in der islamischen Literatur anzweifle. Nach meinem Studium der wissenschaftlichen Publikationen der Inarah-Gruppe und Christoph Luxenbergs „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ denke ich, dass Mohammed eine nachkoranische Schöpfung ist, den es mindestens in der detaillierten Beschreibung, wie die islamische Tradition und die ihr sklavisch folgenden „Islamwissenschaftler“ und weismachen wollen, nie gegeben hat. Man muss aber nicht bloss die in der Islamforschung als Minderheit zu betrachtende Inarah-Gruppe zurückgreifen, um die Historizität der Hadithe und der Sira anzuzweifeln, wo diese Geschichten über Mohammed, seine Taten, seine Sprüche und seine Unterlassungen zu finden sind, damit auch die Geschichten über Ayesha. Bereits der grosse Doyen der Islamwissenschaften, Ignaz Goldziher, hielt die Hadithe allesamt für nachkoranische Erfindungen.

Selbst wenn die Forscher der Inarah-Gruppe der Wahrheit näher sein dürften als die islamische Tradition, sind die entsprechenden Forschungsergebnisse in erster Linie von akademischem Interesse. Im praktizierten Islam spielen diese so gut wie überhaupt keine Rolle. Ich würde schätzen, dass nicht einmal 1% aller Muslime jemals von diesen Arbeiten etwas gehört hat. Selbst die an den westlichen Universitäten gelehrte traditionelle Islamwissenschaft geht überwiegend von der Authentizität der Hadith-Quellen aus. Jedenfalls entspricht es einer ausgesprochener Minderheitsmeinung, dass die Existenz von Mohammed und Ayesha – und damit eine Heirat zwischen ihnen – bestritten wird, so wie ich es tue. Da nahezu alle Menschen, die sich zum Islam bekennen, von der Authentizität dieser Personen ausgehen und in ihrer überwiegenden Mehrheit auch die Geschichten um sie als wahr einstufen, lohnt es sich, diese Sache aus der Nähe zu betrachten.

Als allererstes möchte ich darauf hinweisen, dass die Geschichten um Mohammed und Ayesha nicht aus dem Koran stammen. Der Koran ist aus islamischer Sicht das unmittelbar vom Gott ausgesprochene Wort und ist daher in direkter Rede verfasst. Was die Welt von Mohammed und Ayesha und ihrer Geschichte zu wissen glaubt, stammt aus den Hadithen und der Sira (kanonische Prophetenbiographie, Teil der Scharia), die rund zweihundert Jahre nach der Schrift des Koran verfasst wurden, wobei die islamische Tradition von einer mündlichen Überlieferung bis zum Zeitpunkt der Niederschrift ausgeht, was von moderneren Islamforschern bestritten wird (unter Anderem von solchen aus der Inarah-Gruppe).

Bevor ich einige dieser Hadith-Stellen wiedergebe, möchte ich eine Klammer aufmachen. Immer wieder sehe ich in den Medien Artikel mit Vergleichen zwischen dem Koran und der Bibel und darüber, welches Buch „schlimmere Inhalte“ habe und welches mehr davon habe, etc. Diese Vergleiche sind aus meiner Sicht deswegen völlig unbehelflich und sogar überaus dumm, weil sie die Hadithe nicht einbeziehen. Die Person Mohammed, insbesondere sein Charakter, sein Wesen, seine Taten und seine Befehle stammen aus den Hadithen (und der Sira). Die aus meiner Sicht grössten Probleme, die sich aus der Scharia ergeben, haben ihre Grundlage vor allem in den Hadithen und der Sira und nicht im Koran. Gerade die Person Mohammeds als Vorbild für die Menschen wird in den Hadithen gezeichnet. Ohne die Hadithe gebe es keine “Sunna des Propheten”, der ein Muslim folgen würde. Das Wort „mohammad“ kommt im Koran übrigens nur viermal vor, wobei Christoph Luxenberg selbst diese Stellen nicht im Sinne eines Vornamen versteht, sondern vielmehr mit dem Gerundiv des Wortes „preisen“ („der zu Preisende“) übersetzt. Aus seiner Sicht verbirgt sich hinter diesem Begriff im Koran eine andere Person: Jesus. Auf jeden Fall sind sind es in erster Linie die Hadithe, welche der Nachwelt die Person Mohammed überliefert haben und nicht etwa der Koran.

Im Zusammenhang mit dem Heiratsalter von Ayesha möchte ich zunächst die im sunnitischen Islam wohl heiligste Hadith-Quelle Sahih Bukhari zitieren. Sahih ist im Übrigen die höchste Vertrauenswürdigkeitsstufe eines Hadith, womit ich die Bedeutung dieser Quelle unterstreichen möchte. Besonders hervorheben möchte ich, dass es sich bei dieser Quelle um Mainstream-Islam handelt und nicht etwa um „Extremismus“ oder etwas Marginales.

Narrated Aisha (diese Links verweisen direkt auf islamische Online-Quellen mit den entsprechenden Fundstellen und beinhalten auch Vorgaben für die Scharia-Praxis):

The Prophet engaged me when I was a girl of six (years). We went to Medina and stayed at the home of Bani-al-Harith bin Khazraj. Then I got ill and my hair fell down. Later on my hair grew (again) and my mother, Um Ruman, came to me while I was playing in a swing with some of my girl friends. She called me, and I went to her, not knowing what she wanted to do to me. She caught me by the hand and made me stand at the door of the house. I was breathless then, and when my breathing became Allright, she took some water and rubbed my face and head with it. Then she took me into the house. There in the house I saw some Ansari women who said, “Best wishes and Allah’s Blessing and a good luck.” Then she entrusted me to them and they prepared me (for the marriage). Unexpectedly Allah’s Apostle came to me in the forenoon and my mother handed me over to him, and at that time I was a girl of nine years of age.

Narrated `Aisha:

that the Prophet married her when she was six years old and he consummated his marriage when she was nine years old, and then she remained with him for nine years (i.e., till his death).

Narrated Hisham’s father:

Khadija died three years before the Prophet departed to Medina. He stayed there for two years or so and then he married `Aisha when she was a girl of six years of age, and he consumed that marriage when she was nine years old.

Hier eine weitere Quelle (Abu Dawud), die sahih ist (aber nicht Sahih Bukhari).

Narrated ‘Aishah:

The Messenger of Allah married me when I was seven years old. The narrator Sulaiman said: or Six years. He had intercourse with me when I was nine years old.

Hier eine Stelle aus Sahih Muslim, der wohl wichtigsten Hadith-Sammlung, die im sunnitischen Islam an Heiligkeit nur von Sahih Bukhari übertroffen wird, dies aber nur ganz knapp.

‘A’isha (Allah be pleased with her) reported:

Allah’s Messenger married me when I was six years old, and I was admitted to his house at the age of nine. She further said: We went to Medina and I had an attack of fever for a month, and my hair had come down to the earlobes. Umm Ruman (my mother) came to me and I was at that time on a swing along with my playmates. She called me loudly and I went to her and I did not know what she had wanted of me. She took hold of my hand and took me to the door, and I was saying: Ha, ha (as if I was gasping), until the agitation of my heart was over. She took me to a house, where had gathered the women of the Ansar. They all blessed me and wished me good luck and said: May you have share in good. She (my mother) entrusted me to them. They washed my head and embellished me and nothing frightened me. Allah’s Messenger (, may peace be upon him) came there in the morning, and I was entrusted to him.

Es gibt noch viele weitere Hadith-Stellen, die diese Geschichte beschreiben, aus wichtigen und aus weniger wichtigen Hadith-Sammlungen. Im Ergebnis sagen sie in ihrer überwiegenden Mehrheit alle das Gleiche aus. Massgeblich ist allerdings in erster Linie nicht diese Mehrheit sondern die Autorität, die den jeweiligen Schriften zukommt. Ich habe oben nur aus denjenigen Sammlungen zitiert, denen die höchste Autorität zukommt. Übrigens haben die Schiiten teilweise andere Hadith-Quellen. Auch in diesen anderen Quellen dürfte Ayesha vorkommen. Obwohl ich den schiitischen Islam zu wenig gut kenne, kann ich aufgrund Medienberichten über den Iran ausschliessen, dass Ayesha in den entsprechenden Quellen älter ist.

Wenn man diesen Quellen folgt, die wie eingangs erwähnt keinen Anspruch auf Historizität erheben können, bedeutet dies, dass diese Ehe ungefähr im Jahr 620 n. Chr. geschlossen wurde, als Mohammed 50 und Ayesha 6 Jahre alt waren. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Ayesha noch nicht in die Obhut von Mohammed begeben. Zuvor hatte sie auch noch mit ihren Freundinnen gespielt. 3 Jahre später, ca. im Jahr 623 n. Chr. hat Mohammed (53) mit Ayesha (9) die Ehe vollzogen, d.h. zum ersten Mal mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt. Ayesha blieb danach 9 Jahre mit Mohammed, bis dieser verstarb.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass einer westlich zivilisierten Leserin und einem westlich zivilisierten Leser des 21. Jahrhunderts die Haare zu Berge stehen, wenn sie oder er von sexuellen Handlungen eines Ü50ers mit einem Mädchen erfährt, das sich altersgemäss noch nicht einmal in der Pubertät befindet. Da der Schutz von Kindern – insbesondere auch der Schutz ihrer physischen, psychischen und sexuellen Integrität – höchste gesellschaftliche und rechtliche Priorität geniesst, kann ich niemandem verübeln, wenn er bei Einschätzung und Wertung dieser Geschichte den Begriff „Pädophilie“ verwendet.

Ich würde meine Leser hier aber gerne besänftigen, insbesondere auch solche, die beim Lesen dieser Zeilen als erstes an Pädophilie gedacht haben. Da davon auszugehen ist, dass sich diese Geschichten nie ereignet haben, gibt es auch keine real existierende Person, der man derartige Untaten zurechnen kann. Darüber hinaus hätten sich diese Dinge – wenn überhaupt – vor über 1000 Jahren ereignet. Seither wurden millionenfach real existierende Mädchen auf der Grundlage dieser Geschichte sexuell missbraucht. Diese namenlosen Opfer sollten uns meines Erachtens mehr bekümmern als Ayesha, deren Existenz nicht gesichert ist. Es geht mir in diesem Blog-Artikel ohnehin nicht darum, die Phantasiefigur Mohammed als alten Pädophilen zu entlarven und ihn mit Schimpf und Schande zu überziehen, wie es viele andere Autoren tun, die sich als Islamkritiker bezeichnen. Vielmehr möchte ich dem Leser zeigen, nachdem ich die Grundlagen dieser Geschichte geliefert habe, wie Muslime mit dieser Story umgehen, insbesondere die heutigen Muslime. Das ist meines Erachtens wesentlich spannender und vor allem gesellschaftlich relevant.

Zunächst gibt es eine sehr erhebliche Zahl von Muslimen weltweit, die dieses Verhalten ihres Propheten mehr oder weniger eins zu eins kopieren (so wie es der Koran in Sure 33:21 vorschreibt) und kleine Mädchen heiraten, die sich teilweise nicht einmal in der Pubertät befinden und mit ihnen den Geschlechtsverkehr vollziehen. Aus dem Sahih Muslim Hadith, den ich oben zitiert habe, leiten Scharia-Muslime etwa die Befugnis des Vaters ab, für seine minderjährige Tochter eine Ehe zu arrangieren. Diese Leute haben überhaupt keine Probleme oder Skrupel, wenn sie diese Geschichte vernehmen. Für sie ist hier alles im grünen Bereich.

Dann gibt es ebenfalls eine sehr grosse Zahl von Muslimen, die diese Geschichte nicht wirklich kennt. Ich kann dem Leser versichern, dass es Millionen solcher Muslime gibt. Dabei handelt es sich vor allem um Muslime, die kein Arabisch sprechen. Diese kennen weder den Koran noch die Hadithe wirklich gut und kennen den Islam in erster Linie aus den Schilderungen des Imams. Wenn dieser solche Inhalte in seine Predigt nie einschliesst und nie darüber spricht, können diese gläubigen Muslime die entsprechenden Geschichten auch nicht kennen. Viele Muslime aus dieser Gruppe würden die Angaben in den Hadithen umgehend bestreiten, sofern sie von einem Nichtmuslim darauf angesprochen würden. Die klassische Antworten dürften dem Leser bekannt vorkommen: „Das ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Du hast etwas missverstanden. Der Prophet war die Güte in Person und hätte so etwas nie gemacht. Das kann nicht sein!“ Es gibt auch liberale (aber gläubige) Theologen, die diese Inhalte bestreiten würden. Vor Jahren habe ich auf YouTube mehrere Aussagen solcher (türkischer) Theologen gehört, die ich heute leider nicht mehr finden konnte und daher keine Quellen anbieten kann. Ich kann mich aber sehr gut an die Argumentationen erinnern. Zum einen wurden dabei gewisse Hadithe als Fälschungen identifiziert, insbesondere solche, die nahelegen, dass Ayesha bei ihrer Verheiratung 6 und bei ihrer Entjungferung 9 gewesen sei. Das könne nicht sein, weil ein Kind in diesem Alter sterben oder sich zumindest schwer verletzen würde, wenn man mit ihm Geschlechtsverkehr haben würde. So etwas würde man Mohammed, der die Güte in Person gewesen sei, niemals zutrauen. Ayesha muss deshalb 18 gewesen sein, als Mohammed mit ihr geschlafen habe. Ich habe auch schon einen Theologen gehört, der auf der Grundlage der Hadithe versucht hat zu beweisen, dass Ayesha 18 gewesen sein muss, als Mohammed mit ihr Geschlechtsverkehr gehabt habe. So etwas gibt es, respektive gab es. Neuere Videos in türkischer Sprache, die ich gesehen habe, sind unmissverständlich auf der Linie der Hadithe. Selbstverständlich kann man den liberalen Theologen  hoch anrechnen, dass sie versuchen, den Islam in die zivilisierte Welt des 21. Jahrhunderts zu holen. Das Problem bei dieser apologetischen Haltung ist jedoch, dass sie theologisch auf höchst wackligen Füssen steht. Die Autorität der Hadithe, die oben zitiert wurden, ist erdrückend. Eine theologische Gegenposition ist kaum haltbar, sofern man die Autorität dieser Hadithe anerkennt.

Damit komme ich zu einer dritten kleineren Gruppe von Muslimen. Diese lehnen die Hadithe und ihre Autorität vollumfänglich ab. Eine Untergruppe dieser Gruppe sind solche Muslime, die nebst den Hadithen auch die medinischen Suren des Koran ablehnen. Für diese sind nur die früheren mekkanischen Suren massgeblich, die sich mehr auf Glaubensinhalte konzentriert als die medinischen, die politischer sind. Diese Haltung ist überaus spannend. Das Problem dabei ist, dass viele Suren des Koran, insbesondere auch viele mekkanische, erst durch die Hadithe verständlich werden, die den Zusammenhang der Offenbarung wiedergeben. Ohne Hadithe ist die Interpretation eines erheblichen Teils des Korans nahezu unmöglich. Die Alternative, die diesen Leuten verbleibt, ist aus meiner Sicht die Übersetzungsergebnisse von Christoph Luxenberg, der auch dunkle Suren des Korans übersetzen konnte.

Dann gibt es eine kleine Gruppe von Muslimen, wie beispielsweise die Aleviten, die nicht nach der Scharia leben und bei denen Mann und Frau gleichberechtigt sind. Das Heiratsalter Ayeshas gehört nicht in ihr spirituelles Weltbild.

Und als letztes gibt es eine sehr grosse Gruppe von Muslimen, die diese Eigenschaft nur deshalb haben, weil ihre Eltern und ihre Grosseltern als Muslime geboren wurden. Sie lehnen ganz bewusst die Scharia ab und damit auch deren Regeln über das Verheiraten junger Mädchen. Diese Muslime unterscheiden sich überhaupt nicht von Westeuropäern hinsichtlich ihrer Werte, insbesondere wenn es um Kindsmissbrauch geht. Wenn überhaupt erleben solche Muslime den Islam in einem höchstprivaten Bereich oder im Rahmen von hohen Feiertagen, bei denen sie die obligaten Verwandtenbesuche unternehmen und aus Respekt die Alten begrüssen, die religiöser sind. Die Rede ist von säkularen Muslimen, die völlig unauffällig und bestens integriert in westlichen Gesellschaften leben.

Es stellt sich nun die Frage, wie wir mit Muslimen, die in Europa leben und dieser Geschichte über einen wohl nie stattgefundenen Kindsmissbrauch eine positive oder rechtfertigende Haltung entgegenbringen, umgehen sollten.

Meine Ansichten darüber sind recht strikt und auch apodiktisch. Diese Leute haben keinen Platz in Europa. Kindsmissbrauch lässt sich niemals rechtfertigen oder entschuldigen und kann auch aus der Position der Religionsfreiheit heraus nicht entschuldigt werden. Der Schutz von Kindern und ihre sexuelle Unversehrtheit gehen solchen archaischen Traditionen in jeder Hinsicht vor. Alles andere würde einen Zivilisationsbruch bedeuten. Wir Europäer dürfen rechtfertigenden Positionen unter keinen Umständen Toleranz entgegenbringen, insbesondere auch keine Ehen anerkennen, die unter Missachtung der Partnerwahlfreiheit mit Minderjährigen geschlossen wurden. Jemand, der Kindsmissbrauch mit der Religion rechtfertigt, kann sich niemals in unsere westliche Gesellschaft integrieren.

Mohammed_and_his_wife_Aisha_freeing_the_daughter_of_a_tribal_chief._From_the_Siyer-i_Nebi

(Mohammed und Aischa. Miniatur aus dem Siyer-i Nebi, 1388; Quelle: wikipedia)

Über das Heiratsalter der Prophetengattin Ayesha – Ein islamkritischer Diskussionsbeitrag

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