Eine islamkritische Einführung in die Welt der Scharia

Bevor ich mit meinen Ausführungen über die Scharia beginne, möchte ich zunächst klarstellen, dass ich größte Zweifel daran habe, dass der Islam tatsächlich so entstanden ist, wie dies die islamische Tradition darstellt. Insbesondere geht ein Teil der neueren Islamforschung (allen voran die Forscher der sog. Inarah-Gruppe) davon aus, dass der Koran möglicherweise früher existierte als dies von der Tradition angenommen respektive behauptet wird. Auch dürfte der Islam im Zweistromland entstanden sein und nicht etwa im heutigen Saudi Arabien. Zu erklären, weshalb dem so ist, würde den Rahmen der vorliegenden Darstellung sprengen. Selbst wenn die islamische Schilderung der Entstehungsgeschichte des Islam historisch betrachtet nicht korrekt ist, spielt diese in theologischer Hinsicht eine wichtige Rolle, weshalb sie nicht einfach übergangen werden kann. Die angebliche Historizität der islamischen Überlieferung dient nicht zuletzt auch der Legitimierung der Scharia.

Die islamische Tradition geht davon aus, dass ein Prophet namens Mohammed zwischen den Jahren 610 und 632 (insgesamt während 23 Jahren und ab dem 40. Altersjahr) auf der arabischen Halbinsel mehrmals vom Erzengel Gabriel aufgesucht worden sei. Der Erzengel soll ihm dabei Sure für Sure den ganzen Koran offenbart haben. Unter „Offenbaren“ ist in diesem Kontext das „Überbringen des unmittelbar vom Gott gesprochenen Wortes“ zu verstehen, weshalb der Koran nahezu zu 100% in direkter Rede verfasst ist, wobei nach islamischem Verständnis der Sprechende Gott höchstpersönlich ist.

Diese Eigenart unterscheidet den Islam ganz erheblich von anderen Religionen, bekanntlich auch vom Judentum und dem Christentum. Die Folge dieser ganz besonderen Eigenschaft ist unter Anderem, dass der Islam hinsichtlich der Schrift wohl kaum „reformierbar“ ist, wie dies von gewissen Kreisen im Westen gefordert wird. Welche Autorität könnte über „Gottes Wort„ stehen? Selbst wenn der Islam so etwas wie einen Papst hätte, wäre eine Veränderung der Schrift nicht möglich. Die immense Autorität und Wirkung dieser „direkten Rede Gottes“ kann kaum überschätzt werden. Der Gläubige und seine Glaubensgemeinschaft werden durch die Schrift persönlich angesprochen! Wie verpflichtend diese Gebote und Verbote unter einer solchen Konstellation wirken, ist in der islamischen Welt sehr deutlich zu erkennen.

Nach dem Gesagten kann man sich vielleicht vorstellen, weshalb es den meisten Muslimen derart schwer fällt, sich von gewissen Inhalten des Korans zu distanzieren, die viele Menschen im Westen schlicht und einfach unmöglich finden. Emanzipierte Muslime, die es ja auch gibt, geben in diesem Zusammenhang oft an, dass diese und jene Passage im Koran in ihrem Privatleben keine Rolle spiele und dass sie diese Stellen in einem historischen Kontext verstünden. Eine Distanzierung nehmen aber die wenigsten Muslime vor, indem sie offen eingestehen, dass sie diese oder jene Stelle im Koran ablehnen. Diese meines Erachtens ganz erhebliche Tatsache hat  mit dieser wichtigen Eigenschaft des Korans etwas zu tun, die dem Islam eine gehörige Portion an Absolutheit verleiht. Die Ablehnung von Koranstellen, so haarsträubend sie auch sein mögen, bedeutet für einen gläubigen Muslim letztendlich nichts anderes als die Ablehnung von „Wort Gottes“. Jedenfalls dürfte es wohl einfacher für einen gläubigen Christen sein, einen biblischen Inhalt wie beispielsweise eine Auffassung des Apostels Paulus abzulehnen, als für einen Muslim „das unmittelbar vom Gott ausgesprochene Wort“ im Koran. Die Schwierigkeit sich von koranischen Inhalten zu distanzieren und sich davon zu emanzipieren, bildet meines Erachtens eines der größten Probleme des Islam, wobei ich dieses Problem für unlösbar halte. Dass viele Gläubige die Gebote des Korans über die Gesetze von modernen Staaten stellen, in denen sie leben, geht meines Erachtens nicht zuletzt auch auf diese besondere Eigenschaft des Korans zurück.

Wenn man ein vernunftgesteuerter Mensch ist, die islamische Tradition nicht kennt und nun auch über die immense Heiligkeit dieser Worte für Muslime Bescheid weiß, würde man sich vorstellen, dass ein verantwortungsvoll handelnder Prophet Mohammed sich unmittelbar nach Empfang einer jeden Sure hingesetzt haben muss, um das soeben empfangene Wort Gottes niederzuschreiben oder mindestens per Diktat niederschreiben zu lassen, damit nichts aber rein gar nichts für die Nachwelt verloren geht. Beim Tod Mohammeds wäre der Koran dann komplett gewesen und die ersten Muslime hätten die losen Blätter nur noch binden müssen, um die erste vollständige Ausgabe des Korans in den Händen zu halten.

Einer solchen “Logik” widerspricht die islamische Darstellung.

Zum einen soll der Prophet gemäß islamischer Darstellung weder lesen noch schreiben gekonnt haben.

Diese Behauptung mag eine Person aus dem Westen angesichts der Weisheit, die die Muslime dem Propheten zurechnen, erstaunen; sie hat einen theologischen Hintergrund. Mit dem Argument des Analphabetismus des Propheten kann nämlich begründet werden, dass ihm der Koran tatsächlich von Gott (über den Erzengel Gabriel) offenbart worden sei. Mit anderen Worten sei der Koran nicht etwa von anderen heiligen Büchern abgeschrieben worden. Vielmehr sei es ein originäres Werk. Dieses Argument ist im Islam deshalb so wichtig, weil damit eine vom Judentum und Christentum losgelöste – d.h. eigenständige – Offenbarung begründet werden kann, obwohl im Koran Parallelen zu den vorgenannten Religionen ganz offensichtlich vorhanden sind. Damit kann ein Muslim sich gegen die Behauptung wehren, Mohammed habe den Koran aus den heiligen Schriften der Juden und der Christen abgeschrieben respektive zusammengetragen.

Zum anderen erzählt die islamische Darstellung ohnehin eine ganz andere Entstehungsgeschichte des Korans. Die Anhänger Mohammeds hätten die Suren in erster Linie auswendig gelernt, die ihnen der Prophet vorgetragen habe. So habe es in den ersten Jahren des Islam, unmittelbar nach dem Tode des Propheten, noch keine komplette Ausgabe des Korans gegeben. Erst rund 25 Jahre nach dem Tod des Propheten sei unter dem Kalifen Uthman das komplette Buch entstanden, das wir heute als Koran bezeichnen, im Übrigen auch die Reihenfolge der Suren. Man spricht dabei vom uthmanischen Koran oder vom uthmanischen Kodex.

Die heutige islamische Theologie beruft sich auf diesen uthmanischen Text. Diese Information, die uns die islamische Tradition gibt, bedeutet allerdings nichts anderes als, dass im Islam, in dem ein Buch eine derart zentrale Rolle spielt, welches gemäß islamischer Vorstellung an Heiligkeit nicht zu übertreffen ist, in den ersten Jahren dieser Religion nach dem Tode des Propheten noch gar nicht existierte, mindestens nicht in einer umfassenden Form! Vielmehr seien die Suren meist mündlich übertragen worden und die Gläubigen hätten diese auswendig gelernt.

Um dem Leser eine umfangmäßige Vorstellung über den Koran zu geben, möchte ich darauf hinweisen, dass die Bibel aus rund 774’000 Wörtern besteht. Der Koran hingegen umfasst ca. 77’000 Wörter und ist damit vom Umfang her rund zehnmal kürzer als die Bibel.

Zieht man noch in Betracht, dass rund 20% des Korans selbst für Experten völlig unverständlich ist, wird dieser Umfang in inhaltlicher Hinsicht noch kleiner. Damit sind die sog. „dunklen Suren“ des Korans angesprochen, deren Bedeutung nach islamischer Darstellung kein Mensch kennt und kennen kann, weil nur Gott sie angeblich verstehen könne. Sie bleiben aber im Koran, weil auch sie als heilig gelten, zumal auch sie gemäß islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben. Überschlagsmäßig gerechnet, bedeutet dies dennoch, dass den Menschen vorerst rund 61’600 Wörter aus dem Koran verbleiben, mit denen sie überhaupt etwas anfangen können. Das sind dann nur noch rund 8,5% des Umfangs der Bibel!

Es kommt hinzu, dass sich Suren in einigen Fällen inhaltlich widersprechen. Vielfach wird eine frühere mekkanische Sure durch eine spätere medinische Sure aufgehoben. In theologischer Hinsicht folgt man bei einer solchen Konstellation dem, was der Koran in Sure 2:106 sagt:

„Wenn wir einen Vers (aus dem Wortlaut der Offenbarung) tilgen [nansach] oder in Vergessenheit geraten lassen, bringen wir (dafür) einen besseren oder einen, der ihm gleich ist.[…]“

Das bedeutet, dass die frühere Sure materiell aufgehoben wird, d.h. sie gilt nicht mehr. Formell verbleibt die aufgehobene Sure aber weiterhin im Koran. Man nennt diesen Vorgang Abrogation.

Ich kann nicht sagen, wie viel der Koran durch die Abrogation noch zusätzlich an materiellem Inhalt verliert. Dem Leser sollte aber klargeworden sein, dass damit der Koran wegen seines geringeren Umfangs und den vorgenannten Gründen wesentlich weniger materiellen Inhalt vorweisen kann als die Bibel. Dem kann zwar entgegengehalten werden, dass die Bibel Wiederholungen enthält. Solche sind im Koran aber ebenfalls vorhanden.

Nachdem der Leser nun eine Vorstellung über den Umfang des Korans haben sollte, dürfte er nachvollziehen können, dass ein Buch von dieser Größe keinesfalls sämtliche Regeln beinhalten kann, die es in einer Gesellschaft überhaupt geben kann. Mit anderen Worten wäre ein allumfassendes System wie die Scharia, die im Übrigen nicht bloß aus islamischem Zivil- und Strafrecht besteht, sondern sämtliche islamischen Verhaltensregeln umfasst, allein auf der Grundlage des Korans nicht möglich.

Nach dem Gesagten stellt sich die Frage, weshalb sich eine solche allumfassende Gesellschafts- und Rechtsordnung im Islam überhaupt aufdrängt respektive aufgedrängt hat. Dies kann anhand folgender Stellen aus dem Koran relativ gut erkannt werden:

Sure 3:32

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

 Sure 33:21

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Damit wird den Menschen befohlen, einerseits den Geboten sowie Verboten des Korans und andererseits den Geboten und Verboten des Propheten zu gehorchen. Ferner sollen die Menschen das vorbildliche Verhalten des Propheten kopieren. Der gläubige Muslim folgt damit den Geboten und Verboten des Korans und folgt der Sunna des Propheten, wie dieser Vorgang auch bezeichnet wird.

Da der Koran nach islamischer Vorstellung das unmittelbar vom Gott gesprochene Wort wiedergeben soll, kann es freilich nicht sein, dass die darin enthaltenen Gebote und Verbote auch jene umfassen, die vom Propheten stammen. Beim Koran spricht ja Gott und nicht etwa der Prophet. Ferner findet man ohnehin nur sehr wenige Verhaltensweisen des Propheten im Koran. Es ist daher geradezu zwingend, dass es für die Gebote sowie Verbote des Propheten, dem der Gläubige folgen will, und für sein Verhalten, das er kopieren möchte, andere Quellen geben muss, die sich logischerweise nur außerhalb des Korans befinden können.

Bevor auf diese außerkoranische Quellen, insbesondere auf die Hadithe, eingegangen wird, ist darauf hinzuweisen, dass diese beiden vorgenannten Stellen im Koran geradezu eine Einladung für Missbrauch darstellen. Durch diese Stellen im Koran wird einer jeden Persönlichkeit, welche die Macht anstrebt, die Möglichkeit gegeben, Verhaltensweisen, Befehle und Gebote des Propheten zu erfinden, die gerade gelegen kommen. Wollte man als Herrscher oder einflussreicher Theologe vor der Niederschrift und Verbreitung der Hadithe ein Verhalten bei den Gläubigen durchsetzten, das im Koran nicht zu finden war, konnte man mit den vorerwähnten Stellen des Korans beliebige Vorschriften legitimieren und darauf hinweisen, das Ganze stehe zwar nicht im Koran aber der Prophet habe sich so verhalten respektive es so befohlen und man müsse seinen Befehlen folgen respektive sich dementsprechend verhalten, weil ja der Koran genau dies ebenfalls vorschreibt. Dass es diesen Missbrauch tatsächlich auch gegeben hat, ist selbst nach islamischer Darstellung unbestritten und ist nicht bloß eine Behauptung im vorliegenden Text. Hadithe wurden auch nach islamischem Verständnis zu Tausenden erfunden!

Der große Doyen der Islamwissenschaften, Ignaz Goldziher, hält freilich sämtliche Hadithe für nachkoranische Erfindungen. Sie widerspiegeln daher meines Erachtens keineswegs Befehle und Verhaltensweisen eines Propheten Mohammed sondern soziale, rechtliche und religiöse Vorstellungen der Gesellschaften, in denen die Hadithe verfasst wurden und zwar genau jene Vorstellungen, die zum Zeitpunkt der Niederschrift galten. Zur Begründung meiner vollumfänglichen Ablehnung der Authentizität der Hadithe kann darauf hingewiesen werden, dass sie unstrittig, d.h. selbst nach islamischer Darstellung, erst rund zweihundert Jahre nach der Niederschrift des Korans schriftlich niedergelegt wurden.

Die islamische Theologie sieht dies freilich anders. Die Hadithe seien nach ihrer Entstehung mündlich von Person zu Person weitergereicht worden und sie hätten daher schon vor ihrer Niederschrift existiert. Diese Personen, die sich die Hadithe weiterreichen, spielen sodann eine sehr wichtige Rolle dabei, ob ein Hadith sahih (höchster Grad an Vertrauenswürdigkeit eines Hadith) ist. Denn um sahih zu sein, müssen die Personen in der Überlieferungskette (sog. isnad) und die Überlieferungskette selbst vertrauenswürdig sein. Nebst der wichtigsten Voraussetzung für einen Hadith, die darin besteht, dem Koran nicht zu widersprechen, spielt für die Vertrauenswürdigkeit eines Hadith einzig die vorerwähnte Vertrauenswürdigkeit in der Überlieferungskette eine Rolle. Dass auch die Überlieferungskette in ihrer Gesamtheit erfunden sein könnte, ist im Islam nicht wirklich ein Thema.

Das bedeutet, dass bei jedem Hadith zunächst die Überlieferungskette erwähnt wird, bevor der Text anfängt. Das funktioniert praktisch so:

A hat von B gehört, der seinerseits von C gehört habe, der von D vernommen habe, wonach E den Gesandten Allahs gehört habe, wie er dieses und jenes gesagt hat, als dies und das geschah.

Die relevanten Hadithe befinden sich in Hadith-Sammlungen, von denen einige nach islamischer Theologie kanonisch sind. Zwei der wichtigsten Hadith-Sammlungen im sunnitischen Islam sind etwa Sahih Bukhari und Sahih Muslim; es gibt aber auch zahlreiche andere (die Schiiten haben wiederum andere), die teilweise nicht sahih sind, aber dennoch eine wichtige Rolle spielen, wie etwa die Sammlung von Abu Dawud. Da die Hadithe in den vorerwähnten beiden Sammlungen als sahih betrachtet werden, gelten sie allerdings als besonders heilig. Insbesondere Sahih Bukhari kommt im sunnitischen Islam hinsichtlich der Heiligkeit unmittelbar nach dem Koran.

In inhaltlicher Hinsicht sind in den Hadithen einerseits Lebenssituationen zu finden, die in erster Linie den Propheten als Hauptperson haben. Die in den Hadithen enthaltenen Verhaltensweisen des Propheten, dessen Gebote und Verbote sind dann für den Gläubigen bindend.

Praktisch wichtig sind insbesondere auch die Hadithe, die ganz konkrete Situationen umschreiben, bei denen die Suren des Korans offenbart worden seien. Damit wird ein Kontext zwischen dem im Hadith beschriebenen Ereignis und der Offenbarung der Sure hergestellt, was dem Textverständnis des Korans dient. Oft werden Suren erst durch diesen Kontext, der durch einen Hadith hergestellt wird, überhaupt verständlich. Angesichts der Tatsache, dass sämtliche Hadithe spätere Erfindungen sind, kann man sich vermutlich nun auch ausmalen, dass auch dieser Kontext vielfach erfunden ist und der Korantext in vielen Fällen wohl ganz etwas anderes sagen wollte als dies von der Tradition angenommen wird.

Nebst dem Koran und den Hadithen gibt es noch eine dritte Quelle der Scharia. Bei der sog. Sira handelt es sich um eine theologische motivierte Lebensgeschichte des Propheten, die kanonisch ist. Diese bietet eine weitere Möglichkeit, um das Verhalten des Propheten zu kopieren. Schon Ignaz Goldziher sagte über die Sira, dass es sich dabei um aneinandergereihtes Hadith-Material handle. Deren Verfasser haben dabei die Hadithe gewissermaßen “chronologisiert”.

Schließlich sind die wichtigen Kommentare zu nennen, Koran-Kommentare, wie der von Tabari, oder Kommentare anderer Quellen.

Anhand dieser Quellen können in der Scharia sog. fatwas ausgesprochen werden, die ihrerseits eine Quelle der Scharia sein können.

In der Regel wird eine fatwa mit dem deutschen Begriff „Rechtsgutachten“ übersetzt, was natürlich zutrifft. Allerdings ist in diesem Kontext unter dem Begriff Recht etwas wesentlich breiteres zu verstehen. Es geht bei der Scharia bei weitem nicht nur um zivil- oder strafrechtliche Rechtsgutachten. Vielmehr werden damit oft ganz alltägliche Dinge beantwortet. Von Körperhygiene bis zu den Essgewohnheiten, bei Fragen rund um die Sexualität, über die Kleidung, über die Art, wie der Bart getragen werden sollte; Es gibt nichts, worüber die Scharia keine Meinung hat, die nicht mit einer fatwa beantwortet werden könnte.

Das Beispiel, das ich nachfolgend besprechen werde, ist ganz bewusst gewählt und soll dem Leser zunächst den Eindruck hinterlassen, dass ja alles in bester Ordnung sei. Es geht dabei ums Zähneputzen. Es gibt offenbar zahlreiche Hadithe, die das Zähneputzen behandeln. Hier seien nur einige aus dieser Seite zitiert:

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen gehört zur natürlichen Veranlagung (fitra) und zum Monotheismus (Tawhid).“

(Kanz-ul-Ummal, Bd 6, S. 654)

Der Prophet (s) sprach:

Gabriel kam zu mir und sagte:

„Oh Muhammad! Wie sollen wir dir herab gesandt werden, während du dir nicht die Zähne putzt?“

(Bihar Al Anwar, Bd 76, Seite 130)

Der Prophet (s) sprach:

„Das Zähneputzen enthält zehn Besonderheiten:

Es macht den Mund wohlriechend, es macht das Zahnfleisch fest, es beseitigt den Auswurf, es verleiht den Augen Glanz, es beseitigt den Zahnschmelz, es ordnet den Magen, es ist die Verfahrensweise (Sunnah) des Propheten (s), es erfreut die Engel, es stellt den Herrn zufrieden und es erhöht die Wohltaten.“

(Kanzul Ummal, Bd. 9, S. 129)

Nun könnten die Befürworter der Volkszahngesundheit dazu angeben, dass dies ja wunderbar sei: Bereits die Scharia empfiehlt den gläubigen Muslimen, dass man sich die Zähne putzen sollte. Daraus folgt doch, dass damit die Scharia einen positiven Beitrag dazu leistet, dass Muslime gesunde Zähne haben.

Das Problem dabei ist, dass es nicht die Sache der Religion ist und sein kann, im Bereiche der Gesundheit oder der Medizin sachdienliche Tipps zu geben. Was gesund ist und was ungesund, wird durch die Erfahrungswerte bestimmt, die uns die Wissenschaften zur Verfügung stellen. Diese Erfahrungswerte ändern sich mit der Zeit. Wenn man dies auf die Zahnpflege überträgt, sei lediglich darauf hingewiesen, wie die Formen der Zahnbürsten sich in den letzten Jahrzehnten verändert haben, wie sehr sich die Zahnpasta verändert hat, die zunächst in Pulverform verkauft wurde und wie sich die Putzmethoden, die von den Zahnärzten empfohlen wurden, in den letzten 50 Jahren veränderten. Die moderne Zahnmedizin vom 21. Jahrhundert lässt sich auch nicht wirklich mit der Zahnmedizin vergleichen, wie wir sie vor 100 Jahren kannten. Da kann der Hinweis, wonach der Prophet seine Zähne mit einem Miswak geputzt habe, nicht wirklich etwas bringen, schon gar nicht, wenn man anfängt seine Zähne mit einem Miswak zu putzen, um damit den Propheten zu kopieren.

Das Beispiel der schariakonformen Zahnpflege zeigt, dass nicht rationale Argumente die Zahngesundheit fördern sondern Befehle respektive zu kopierende Verhaltensweisen. Damit ist auch möglich, dass allenfalls irrationale oder schädliche Aspekte in den Lebenswandel einfliessen können. Beispiel: Der grösste Teil des Vitamin D, das wir Menschen benötigen, wird vom Körper mithilfe des Sonnenlichts selbst hergestellt. Wenn der Körper vollständig verdeckt ist etwa durch religiöse Kleidung, wird dies mindestens nicht so gut gewährleistet wie bei Menschen, die keine religiöse Kleidung tragen.

Abgesehen von dieser möglichen Gesundheitsgefährdung stellt die Einmischung der Scharia auch einen massiven Eingriff in die Privatsphäre dar, wenn man bedenkt, dass solche Einmischungen sämtliche Lebensbereiche umfassen. Die Scharia hat eine Meinung darüber, ob Frauen sich mit Pinzetten die Augenbrauen zupfen dürfen, eine Meinung darüber, mit welcher Hand man sich den Hintern putzen sollte, wenn man das grosse Geschäft verrichtet hat; sie bestimmt etwa auch, dass Frauen während des Geschlechtsverkehrs nicht sprechen sollten, weil sonst das gezeugte Kind stottern würde. Die Scharia besagt, dass die Zeugenaussage eines Mannes doppelt so viel wert ist wie die einer Frau, dies weil sie “emotional” sei. Die Scharia sagt den Muslimen, dass sie keine Freundschaften mit Juden und Christen schliessen sollen. Auch sagt die Scharia, dass Muslime nach Ablauf der heiligen vier Monate Ungläubige ermorden sollen, wo auch immer sie diese antreffen. Erwähnenswert ist aber auch, dass die Scharia die Ermordung sämtlicher Juden für die Voraussetzung der Heilserfüllung bei der Apokalypse ansieht. Von der Verweigerung des Handshakes bis zu den Auspeitschungen von Menschen wie Raif Badawi, vom Kopftuch bis zur Burka, aber auch andere Unzulänglichkeiten des Islam, die uns beschäftigen, haben ihre Grundlage in der allumfassenden Scharia. Eines der wesentlichsten Probleme dabei ist genau diese Eigenschaft.

Für mich ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Menschen im Westen genau diesen Punkt verstehen, wenn von der Scharia die Rede ist. Hier geht es nicht bloss um Zivil- und Strafrecht sondern um Normen, die alles regeln und damit auch andere Gesellschaftsnormen konkurrenzieren. Damit ist auch gesagt, dass die Scharia niemals zur Integration von Migranten beitragen kann.

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