Die Reformation und die Gegenreformation in der islamischen Welt – 2. Teil

Bevor ich mit meinen Ausführungen zur „Gegenreformation“ in der islamischen Welt beginne, möchte ich auf einen ganz wichtigen Punkt hinweisen, der derart zentral ist, dass ich ihn an den Anfang dieses zweiten Teils stelle. Es geht dabei um den Begriff des Laizismus, der im Zusammenhang mit Atatürk und der modernen Türkei immer wieder erwähnt wird. Diejenigen, die diese Bezeichnung schon gehört haben, definieren Laizismus als eine Staatsdoktrin, die eine „Trennung von Kirche und Staat„ verlange.

Wenn von „Trennung von Kirche und Staat“ – resp. im Besonderen vom türkischen Laizismus – die Rede ist, könnte der Eindruck entstehen, dass die Religion und der Staat völlig unabhängig voneinander existiert hätten, unabhängig im eigentlichen Sinne des Begriffs. Dabei könnte auch angenommen werden, dass zwischen “Kirche und Staat” eine Art Gleichberechtigung bestanden hätte, selbstverständlich immer ganz schön im eigenen Bereich, allerdings ohne gegenseitige Einmischung, insbesondere programmatischer Natur.

Im Staat von Atatürk kann allerdings von einer Gleichberechtigung oder gar von einer Unabhängigkeit der religiösen Institutionen nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil: Der Staat war der Religion nicht nur übergeordnet und zahlreiche religiöse Institutionen wurden für illegal erklärt. Der Staat bestimmte vielmehr auch in programmatischer und inhaltlicher Hinsicht, welche Teile der Religion zulässig waren und definierte dabei ein Religionsverständnis, das dem säkularen Staat nicht in die Quere kam. Die Behörde, die diese gebändigte Form des Islam definierte war die Religionsbehörde Diyanet. Freilich hat Diyanet unter dem Islamisten Erdogan eine ganz andere Funktion erhalten, als dies ursprünglich vorgesehen war. Diese Art von Kontrolle des Staates ist jedenfalls ohne Frage mit dem im Westen geltenden Verständnis der Religionsfreiheit nicht zu vereinbaren. Solange die Prinzipien dieser Art von “Laizismus” allerdings hochgehalten wurden, solange blieb die Türkei ein säkularer Staat.

Die Tatsache, dass diese staatliche Kontrolle und Einmischung nicht nur in der Türkei sondern auch in der übrigen einst säkularen islamischen Welt stattfand, sollte die Menschen im Westen aufhorchen lassen: Sämtliche muslimisch geprägte Staaten, die im Zwanzigsten Jahrhundert so etwas wie Zivilisation erlebt haben, kontrollierten die Religion – ja sogar die eigene Religion – und liessen einen zahmen und mit säkularen Grundsätzen zu vereinbarenden Islam predigen. Sehr wichtig dabei ist die Feststellung, dass es sich bei den fraglichen Staatsoberhäuptern, die eine schariafreie Gesellschaft durchsetzten, keineswegs um Atheisten handelte. Diese muslimischen Staatsoberhäupter gaben aber eindeutig eine Marschrichtung vor: Keine Scharia! Derartige Grenzen wollte man im Westen bis vor Kurzem nicht setzen, und Diskussionen wie etwa die über ein Burkaverbot wären vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Wichtig ist hier noch der Hinweis, dass der Scharia-Lifestyle im Westen bereits akzeptiert und gelebt wurde, bevor dies in den muslimischen aber schariafreien Staaten der Fall war. Man kann sogar behaupten, dass der Scharia-Islam, der im Westen toleriert wurde, in diese Länder „zurückimportiert“ wurde.

Aber eins nach dem anderen…

* * *

Nach diesen Ausführungen sind wir nun bei der Gegenreformation im Islam angelangt, die meines Erachtens in den Jahren 1979/1980/1981 ihren Anfang nahm. Selbstverständlich kann so etwas wie das, was ich nachfolgend beschreiben werde, nicht aus dem “Nichts” entstehen. Auch diese drei schicksalhaften Jahre haben ihre Vorgeschichte, auf die ich kurz eingehen werde. Nichtsdestotrotz stehen einige zentrale Ereignisse in diesen Jahren im Fokus, die die islamische Welt verändern sollten. Es handelt sich dabei um folgende historische Begebenheiten:

  1. Die islamische Revolution im Iran (1979)
  2. Einmarsch der Sowjets in Afghanistan (25. Dezember 1979)
  3. Die Besetzung der Grossen Moschee in Mekka (20. November 1979)
  4. Die Machtergreifung von Zia-ul-Haq in Pakistan und dessen Erklärung ein islamisches System einrichten zu wollen (nizam islami) (1977-1979)
  5. Die Ermordung des ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat (6. Oktober 1981)

Aus Platzgründen werde ich nur kurz auf diese Ereignisse einzeln eingehen:

  1. Die islamische Revolution im Iran (1979): Als Demokrat kann man es selbstverständlich nicht bedauern, dass es im Iran eine Revolution gegen den Schah gab. Sehr bedauernswert ist allerdings, dass aus dem säkularen Iran – aus einer wahren Kulturnation – ein totalitärer Scharia-Staat geworden ist. Pikant dabei ist auch, dass durch einen schiitischen Gottesstaat ein ernstzunehmender Konkurrent Saudi Arabiens entstanden ist. Über diesen religiös motivierten Konflikt, bei dem es um die islamische Vorherrschaft geht, wird in der westlichen Presse leider zu wenig berichtet. Dass dieser Konflikt mittlerweile auch auf Schlachtfeldern in Drittstaaten wie dem Yemen ausgetragen wird, sollte einem Zeitungsleser nicht entgangen sein. Es soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass dieser sunnitisch-schiitischer Konflikt heute in erhöhtem Masse den Weltfrieden bedroht.
  1. Der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan und der damit entstandene internationale Dschihadismus, der zuvor von den Amerikanern sogar gefördert wurde, um die Kommunisten zu besiegen, hat unmittelbar zur Entstehung von al-Kaida geführt. Selbstverständlich sprach man damals noch von „brave Mujaheddeen“ und nicht von Terroristen.
  1. Hinsichtlich Besetzung der Grossen Moschee in Mekka und deren Folgen verweise ich auf diesen sehr aufschlussreichen Link.
  1. Durch die Machtergreifung Zia-ul-Haqs im Jahre 1979 wurde aus dem Pakistan ein Gottesstaat, was zuvor ganz sicher nicht der Fall war. Wie radikal sich dieses Land verändert hat, dürfte keinem entgangen sein.
  1. Die Ermordung des Präsidenten Anwar Sadat durch Dschihadisten, die mit dessen Annäherung zu Israel und mit dem Friedensvertrag nicht einverstanden waren. Wenn man sich dieses Bild von Studentinnen und Studenten der Universität Kairo aus dem Jahr 1978 ansieht und danach dieses aus dem Jahre 2004 (ebenfalls ein Bild von Studentinnen und Studenten der Universität Kairo), kann man sich jede weitere Bemerkung ersparen.

Man kann diese Jahre durchaus als eine Art Wende bezeichnen, ähnlich wie das Jahr 1989 (das bekanntlich auch eine Vorgeschichte hatte). Die islamische Welt hat sich seit diesen Ereignissen auf jeden Fall kontinuierlich verändert und hat sich grossmehrheitlich der Orthodoxie zugewandt, wobei der Westen in solchen Kreisen in seiner Gesamtheit als unmoralisch abgelehnt wird. Säkulare islamische Länder gibt es beinahe keine mehr, selbst wenn der Staatsoberhaupt eines solchen Landes kein Islamist ist wie etwa im heutigen Ägypten. Staaten, in denen zuvor schon aus traditionellen Gründen ein gemässigter Islam gelebt wurde, sind mittlerweile entweder islamisiert (Bsp.: Malaysia, Malediven, Indonesien) oder haben mit solchen Tendenzen zu kämpfen (Bsp.: Tunesien, Bosnien).

Ereignisse wie die oben beschriebenen sind natürlich keine Ursachen. Auf diese möchte ich selbstverständlich auch eingehen.

  • Die Hauptursache liegt im Islam selbst, der keine Trennung zwischen weltlichen und religiösen Dingen kennt und ein allumfassendes System ist und nicht bloss eine Religion. Wichtig dabei ist, dass dem orthodoxen Scharia-Islam ein selbstständiges Denken im westlichen Sinne fremd ist, was nicht besonders förderlich ist, wenn es darum geht, Menschen heranzuziehen, die genau dies tun und keine Autoritätsperson brauchen, die ihnen sagt, was sie zu tun haben. Daher ist es für sehr viele Muslime schwierig, aus eigenem Antrieb heraus, eine Trennung zwischen Religion und Alltag vorzunehmen und die Gebote, die der Islam für den gewöhnlichen Alltag macht und die islamische Rechtsordnung, geflissentlich zu ignorieren.Es wäre allerdings falsch zu behaupten, dass es keine Muslime geben würde, die eine Trennung zwischen dem Spirituellen und den weltlichen Dingen vollzogen hätten. Es gibt Millionen solcher Muslime! Weitere Millionen solcher Menschen sind wiederum in säkularen Gesellschaften aufgewachsen, waren schon immer gegen die Scharia und haben sich oft auch nie viel aus Religion gemacht. Damit hat das Ganze nichts mit den Genen der Menschen zu tun, wie ein anderer fälschlicherweise behauptet.
  • Die zweite wichtige Ursache ist die Entstehung der Muslimbruderschaft (1928) in Ägypten, die ihren Höhepunkt bei der Machtübernahme der Muslimbrüder in Ägypten hatte. Es handelt sich hierbei längst um eine internationale Organisation, die nicht nur in der islamischen Welt sondern auch in Europa beheimatet ist. Die Muslimbrüder wollen ganz klar eine Scharia-Gesellschaft und lehnen den westlichen Lebensstil ab. Diese Ablehnung ist nicht bloss „so nebenbei“, vielmehr ist sie wesentlicher Bestandteil ihrer Ideologie.
  • Eine weitere wichtige Ursache ist die westliche Toleranz gegenüber der Scharia und den Scharia-Parallelgesellschaften, die mit den Grundrechten (insbes. Religionsfreiheit) begründet wird. Man kann dabei etwa auf die Tolerierung Khomeinis in Frankreich hinweisen, der dort in aller Ruhe seine islamische Revolution und seine triumphale Rückkehr in den Iran vorbereiten konnte. Hinsichtlich der Türkei kann man ohne weiteres die folgende Behauptung aufstellen: Ohne Milli Görüs, der ab den frühen Siebziger Jahren in Deutschland mächtig werden sollte, hätte es weder einen Necmettin Erbakan noch einen Recep Tayyip Erdoğan in der türkischen Politik gegeben! Die Deutschen sollten sich die Frage stellen, weshalb für Erdoğan die Anhänger in Deutschland so wichtig sind!Ich könnte weitere Beispiele aufführen wie etwa den Anjem Choudary, der die Scharia und den Dschihad aus Grossbritannien in islamische Länder exportierte oder die zahlreichen Dschihadkämpfer des IS aus dem Westen, die sich im Westen und nicht etwa in einem Staat mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit radikalisiert haben.Bisher völlig unerwähnt geblieben ist der massive Schaden, den sich der Westen durch die Scharia-Toleranz selbst angetan hat. Dabei meine ich nicht bloss das freiwillige Kuschen vor dem Islam, was unseren Grundwerten zuwiderläuft, oder etwa die erhöhte Terrorgefahr. Vielmehr hat diese Toleranz, die nicht von allen getragen wird und wurde, zu einer Polarisierung der Gesellschaft und zur Entstehung oder Erstarkung von nationalkonservativen oder sogar rechtsextremen Gruppierungen geführt.
  • Als weitere Ursache ist die Förderung von Islamisten und Dschihadisten zu nennen. Dabei spielen wirtschaftliche Faktoren wie die Ölkrisen der Siebzigerjahre eine Rolle, als der Ölpreis in die Höhe ging, was islamischen Staaten, die einen rückwärtsgewandten Islam auf der Welt wollten, die Möglichkeit gab, ihre Ideologien zu exportieren. Saudi Arabien ist geradezu ein Paradebeispiel eines solchen Staates, das den Wahhabismus nicht nur bis in den Hindukusch exportierte sondern sogar nach Europa.
  • Eine sehr wichtige Ursache ist die Tatsache, dass der Westen in der islamischen Welt die Vorbildfunktion, die sie einst hatte, verloren hat. Das hat einerseits damit zu tun, dass der technologische Fortschritt auch die islamische Welt erreicht hat. Trotz der Tatsache, dass es sich sehr wenig um eigene Technologie handelt, können sich viele Muslime technologische Standards des 21. Jahrhunderts leisten. Spätestens seit Abu-Ghuraib hat der Westen auch den Anspruch auf moralische Überlegenheit eingebüsst.
  • Als letzte Ursache ist die westliche Förderung von Islamisten zu nennen, die einen noch verhassteren Feind zu bekämpfen haben. Als Beispiel kann ich beispielsweise die Unterstützung der afghanischen Dschihadisten gegen die Sowjets nennen. Es gibt aber sicher auch aktuellere Beispiele.
  • Sicherlich gibt es noch weitere Ursachen, die ich vergessen habe zu erwähnen. Es wäre überraschend, wenn ein solches Phänomen in der Kürze von zwei Blog-Artikeln begründet werden könnte.

* * *

Nachdem der Scharia-Islam auch in Westeuropa angekommen ist und zunehmend unsere Gesellschaft und Werteordnung bedroht, kann man sich die Frage stellen, was man tun kann resp. tun soll.

Das ist keine leichte Frage.

Die Geschichte der Reformation und der Gegenreformation in der islamischen Welt, wie ich sie hier geschildert habe, sollten dem Leser – so hoffe ich – aufgezeigt haben, dass in einer Gesellschaft, in der Muslime leben, zivilisatorische Grenzen gezogen werden müssen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass dies ohne ein Neuverständnis der Religionsfreiheit zu bewerkstelligen ist.

Islam_triumphant

Die Reformation und die Gegenreformation in der islamischen Welt – 2. Teil

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