Die Reformation und die Gegenreformation in der islamischen Welt – 1. Teil

Immer wieder wird in gesellschaftspolitischen Diskussionen gefordert, dass der Islam sich einem Reformationsprozess unterziehen müsse. Damit könne diese Religion – so wie das beim Christentum und beim Judentum geschehen sei – in der Neuzeit ankommen. Auf die auch von mir vertretene Meinung, wonach die Reformation ein viel zu positiv besetzter Begriff ist, möchte ich hier nicht eingehen. Vielmehr möchte ich mit der vorliegenden Darstellung den interessierten westlich-orientierten Leser auf gewisse historische Begebenheiten aufmerksam machen. Anschließend werde ich auf die Ursachen der von mir beschriebenen Entwicklung eingehen.

Eine Reformation im Islam im positiven Sinne dieser Wendung hat es bereits gegeben. Modernisierungsprozesse, die Säkularisierung der Gesellschaft, die Dominanz des Staates gegenüber der Religion, Rechte für Frauen und weitere solche Postulate sind Dinge, die der islamischen Welt keineswegs fremd sind. Bei dieser Entwicklung steht ganz zuoberst der Name der Gründer der modernen Türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk.

Bereits die Staatsform der Republik, ein Staats- und Verwaltungsrecht nach dem Vorbild Frankreichs und die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie (die freilich nicht jeder politischen Partei offenstand) zeigen, dass Atatürk ein zutiefst westlich geprägter Politiker war, was auf seine Erziehung und Ausbildung zum Offizier zurückzuführen ist. Zum Zeitpunkt der Geschichte, als Mustafa Kemal die Offiziersschule besuchte, gehörten Offiziere zur geistigen Elite im Reich, weil ihre Ausbildung westlichen Standards entsprechen musste. Gerade solche Leute waren überhaupt in der Lage, die Rückständigkeit der Scharia-Gesellschaft zu erkennen. Mustafa Kemal, der später Atatürk werden sollte, war ein Mann, der die Gesetze der Logik, westliche Philosophie, westliche Literatur, westlichen Durst nach Wissen und Erkenntnis und die Liebe zum Fortschritt schon als junger Offizier kennengelernt hatte.

Atatürk gab dem Scharia-Islam einen Beinahe-Todesstoss, indem er das Kalifat abschaffte, wovon sich die orthodox-islamische Welt nie wieder erholt hat. Auch die Errichtung des Islamischen Staates IS, der sich als „Kalifat“ versteht, ist in diesem Kontext zu sehen. Kurz nach der Gründung der Republik (29. Oktober 1923) wurde am 3. März 1924 das Kalifat abgeschafft. Anschließend kamen weitere Reformen wie die Abschaffung des arabischen Alphabets und des islamischen Kalenders, eine Zivilgesetzgebung nach dem Vorbild der Schweiz, eine Handelsgesetzgebung nach dem Vorbild Deutschlands, eine Strafgesetzgebung nach dem Vorbild Italiens, das Wahlrecht für Frauen, die Abschaffung der Scharia und vieles mehr.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass im Zuge dieser Reformen auch der Koran nicht mehr auf Arabisch sondern auf Türkisch rezitiert werden musste. Der Ruf des Muezzins war für eine Zeit lang Türkisch. Gerade diese Tatsache erinnert wohl unweigerlich an die Reformation Luthers! Diese Reform Atatürks wurde im Übrigen als erste Amtshandlung der Regierung Menderes (grosses Vorbild des Islamisten Erdoğan) beseitigt. Wesentlich später wurde Adnan Menderes gehängt, aber das soll uns hier nicht weiter interessieren.

Durch seine Reformen schuf Atatürk jedenfalls eine moderne Gesellschaft, die den Westen als Vorbild hatte. Überhaupt ist er der Schöpfer des Konzepts des „türkischen Staatsbürgers“. Zuvor gab es keine Bürgergesellschaft sondern bloße Untertanen. Atatürk ging rigoros gegen solche althergebrachte Untertanenverhältnisse vor.

Atatürks Reformen hatten aber nicht nur eine Wirkung in der jungen Türkischen Republik. Vielmehr wurden auch andere muslimische Staatsoberhäupter auf sie aufmerksam. So wurde Atatürk noch zu Lebzeiten vom persischen Schah (dem Vater des gestürzten Schah) und vom afghanischen König aufgesucht, die Atatürks Konzepte auch bei eigenen Landsleuten anwenden wollten. Wenn man sich Bilder aus diesen Ländern anschaut, die vor 1979 entstanden sind, wird man feststellen können, dass Atatürks Einfluss sehr weitreichend war, sogar nach seinem Tod. Seine Reformen hatten jedenfalls teilweise unmittelbar teilweise mittelbar eine große Wirkung auf die muslimische Welt.

Ich möchte hier noch ein Beispiel aus der muslimischen Welt erwähnen, das nicht unmittelbar auf Atatürk zurückgeht, namentlich auf das Ägypten unter Nasser und Sadat. Auch diese Gesellschaften waren mehrheitlich säkular orientiert, mindestens die urbanen Gesellschaften. Jedenfalls war es in Ägypten der Sechzigerjahre absurd, eine allgemeine Kopftuchpflicht zu fordern, wie dieses Video zeigt. Heute gibt es in Kairo kaum eine Frau, die sich ohne Kopftuch aus dem Haus getraut.

Das Gemeinsame an diesen vormaligen Entwicklungen in der islamischen Welt ist, dass sehr oft Staatsoberhäupter hinter den Reformprozessen standen, die entweder eine militärische Vergangenheit oder mindestens eine Nähe zum Militär hatten, das die Aufgabe hat, den säkularen Charakter des Staates vor dem Scharia-Islam zu bewahren. Der Grund dafür dürfte einerseits darin liegen, dass die militärische Elite – wie weiter oben erwähnt – eine Gesellschaftsschicht in der islamischen Welt war, die Zugang zur westlichen Bildung hatte, mit der für jeden klar denkenden Kopf die Defizite des Scharia-Islam offenbar werden. Da diese Leute im Gegensatz zu den heutigen Europäern wussten, was der Scharia-Islam ist und welche gravierenden Konsequenzen er auf die Gesellschaft hat, konnten sie diese Defizite sehr gut erkennen. Andererseits dürfte gerade einem Offizier des 20. Jahrhunderts, der aus einer rückständigen und vorindustriellen Gesellschaft stammt, sofort klar werden, welche Folgen der Scharia-Islam auf den technologischen Fortschritt hatte, wenn er sich die Waffen ansah, die ausschließlich aus dem Westen kamen. Somit war der Wunsch nach Industrialisierung, die nur durch die Errichtung einer modernen Gesellschaft zu bewerkstelligen war, sicherlich ein Hauptmotiv.

Das größte Defizit dieser Entwicklungen ist, war und bleibt die Tatsache, dass die Reformen nicht die Folge einer gesellschaftlichen Evolution waren. Vielmehr wurden sie von einer Elite „von Oben gegen Herab“ befohlen, wie man von Offizieren nicht anders erwarten kann. Ich möchte dies anhand eines sehr schönen Beispiels erläutern:

Die totalrevidierte Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft von 1874 räumte dem Bund die Kompetenz ein, im Bereich des Zivilrechts Gesetze zu erlassen, was zuvor kantonale Kompetenz war. 1892 erhielt ein Jurist namens Eugen Huber (im Übrigen ein ehemaliger Chefredaktor der NZZ!) vom Bundesrat den Auftrag, einen Vorentwurf für das Schweizerische Zivilgesetzbuch (ZGB) zu erstellen. Eugen Huber studierte daraufhin sämtliche kantonale Zivilrechtsordnungen und suchte – einfach erklärt – nach gemeinsamen Nennern und Kompromissen. Diese Arbeit wurde in drei dicken Bänden publiziert. Seine Arbeit am ZGB beendete er 1904 mit einem definitiven Entwurf, den der Bundesrat der Bundesversammlung unterbreitete. Die parlamentarischen Beratungen, die Eugen Huber selbst als Parlamentarier begleitete, dauerten von 1905 bis zur (einstimmigen) Schlussabstimmung vom 10. Dezember 1907. Am 1. Januar 1912 trat das Schweizerische Zivilgesetzbuch in Kraft.

Meines Erachtens kann man eine evolutive Entwicklung beim westlichen Gesetzgebungsprozess nicht schöner darstellen. Von der Errichtung der Bundeskompetenz bis zum Inkrafttreten des Gesetzes waren ganze 38 Jahre vergangen! Man hatte auf die Befindlichkeiten der Bevölkerung Rücksicht genommen und nach Gemeinsamkeiten und Kompromissen gesucht. Anders ist die Einstimmigkeit im Parlament nicht zu erklären.

In der jungen Türkischen Republik wurde dieses Produkt eines schweizerischen Kompromisses, das nach jahrelanger Suche nach Gemeinsamkeiten entstanden war, von einem Tag auf den anderen als Gesetz auf den Tisch gelegt. In der Tat wurde das Schweizerische Zivilgesetzbuch mehr oder weniger in seiner Gesamtheit ins Türkische übersetzt. Es fehlen einige Bestimmungen wie etwa Art. 5 ZGB (Verhältnis zu den Kantonen und zum kantonalen Zivilrecht), weil die Türkei ganz offensichtlich keine Kantone hat und nicht föderalistisch ist sowie etwa auch das Bauhandwerkerpfandrecht – ein Rechtsbehelf aus dem Bereich des Sachenrechts – mit dem die Türken offensichtlich nichts anfangen konnten.

Der Grund für die Rezeption des Schweizerischen Zivilgesetzbuches war einerseits die Tatsache, dass es zum damaligen Zeitpunkt eines der modernsten Zivilgesetzbücher war. Zum anderen hatte der damalige türkische Justizminister in Neuenburg Jura studiert, womit er das ZGB gut kannte. Es war anschließend auch naheliegend, dass die Türkei die passende Zivilprozessordnung zum rezipierten Zivilrecht vom Kanton Neuenburg übernahm, weil es damals noch keine eidgenössische Zivilprozessordnung gab, da zum damaligen Zeitpunkt das Zivilprozessrecht in der Kompetenz der Kantone war. Somit übernahm die junge Türkische Republik kantonales Recht, direkt aus dem Kanton Neuenburg!

Ich denke, dass es wohl kein besseres Beispiel gibt, um den Unterschied zwischen westlicher Rechtsetzung und westlich-orientierten Rechtsetzung in einem muslimisch geprägten aber säkularen Land zu illustrieren. Die Defizite sind offensichtlich.

Trotz dieser ganz offensichtlichen Unzulänglichkeiten muss betont werden, dass es dazu keine Alternative gab. Eine Entwicklung aus der Scharia heraus war ganz sicher keine Option. Man kann angesichts der noch gravierenderen Defizite der Scharia einen solchen obrigkeitlichen „Input“ letztendlich nur zustimmen, zumal ausgeschlossen werden kann, dass sich aus einer Scharia-Gesellschaft eine moderne Gesellschaft entwickeln kann.

Nachdem ich aufgezeigt habe, dass es in der muslimischen Welt durchaus so etwas wie eine Reformation bereits schon gab, ist auf eine enorm wichtige Tatsache hinzuweisen. Ein wesentlicher Teil der muslimischen Migranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die europäische Staaten einwanderten, entstammten aus Ländern, in denen diese „Reformation“ gewirkt hatte. Die Türken beispielsweise, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nach Deutschland einwanderten, waren in ihrer überwiegenden Mehrheit keine Islamisten. Die Pakistani, die nach Grossbritannien einwanderten, kamen aus einem säkular orientierten Staat. Die Maghrebiner, die nach Frankreich kamen, waren nur schon aufgrund ihrer schulischen Erziehung geprägt von der französischen Kultur. Es waren auf jeden Fall mehrheitlich noch keine Islamisten, die in den Westen kamen.

Die Gegenreformation, die in der islamischen Welt seit etwa 1979 läuft und die von mir beschriebene reformatorische Bewegung beinahe besiegt hat, wird Gegenstand des Zweiten Teils dieser Darstellung sein.

Atatürk

(Mustafa Kemal Atatürk, 1881-1938)

Die Reformation und die Gegenreformation in der islamischen Welt – 1. Teil

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