„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

In westlichen Printmedien, Rundfunk und Fernsehsendern werden immer wieder Interviews durchgeführt, in denen des öfteren zuallererst die folgende Frage gestellt wird:

„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

In aller Regel ist der Interviewpartner, der diese Frage zu beantworten hat, ein „Islamexperte“, oft sogar selbst ein Muslim. Die Antwort lautet natürlich praktisch immer: „Nein!“

Wenn der Journalist einigermaßen vorbereitet ist, kommt irgendeinmal der Hinweis auf die Gewaltpassagen im Koran, worauf der „Experte“ in der Regel erwidert, dass diese in einem historischen Kontext zu sehen sind.

Tatsache ist, dass dieser „Experte“ damit in aller Regel keineswegs die Unwahrheit sagt, aus seinem eigenen Blickwinkel betrachtet selbstverständlich. Es gibt viele Muslime, die die sog. Gewaltpassagen in einem historischen Kontext verstehen.

Ist damit alles gesagt?

Nein! Der Koran ist nicht besser oder schlechter als die Bibel, das Neue Testament eingeschlossen. Es sind Zeugnisse von vergangenen Kulturen, die mit der westlich-zivilisierten Gesellschaften wenig zu tun haben, auch wenn gewisse Leute dies anders sehen.

* * *

Was mich bei dieser „ersten Interviewfrage“, ob der Koran wirklich ein schlimmes Buch sei, so furchtbar aufregt ist, dass sie das Grundproblem des Islam nicht anspricht.

Der Koran enthält einige sehr unverdächtige Passagen ohne jede Gewalt, die gravierende Konsequenzen haben. Es geht dabei um die koranische Aufforderung, dem Propheten Allahs zu folgen. Weil nach islamischem Verständnis im Koran Gott zu den Gläubigen in “direkter Rede” spricht, ist diese Aufforderung als direkter Befehl Gottes an den Gläubigen zu verstehen. Das heißt nichts anderes als, dass der Gläubige den Befehlen und Geboten des Propheten Folge leisten muss. Diese Aufforderung kommt mehrfach im Koran vor. Hier nur eine Stelle.

Sure 3:32

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

Darüber hinaus fordert der Koran den Gläubigen auf, das Verhalten des Propheten zu kopieren.

Sure 33:21

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Dieses ganze Verhalten nennt man im Islam „der Sunna des Propheten folgen“. Der Gläubige folgt damit in jeder Hinsicht seinem Beispiel. Ob dies auf eine korrekte Art und Weise erfolgt, d.h. im Sinne der Überlieferung und der Doktrin, entscheidet die Scharia, die islamische Gesellschafts- und Rechtsordnung. Wenn ein Gläubiger eine Frage zu einer Alltagssituation, Religion, Rechtsstreitigkeit oder was auch immer hat, werden diese in sog. Fatwas beantwortet, sprich in Rechtsgutachten. Je nach „Gutachter“ haben diese eine unterschiedliche Tragweite.

* * *

Das Problem bei den obgenannten Aufforderungen war, dass die Gläubigen über keine Quellen verfügten, wie sich dieser Gesandte Gottes (mit dem ursprünglich Jesus gemeint war) verhalten hatte und was er befohlen hatte.

Aufgrund dieses Mangels entstanden rund zweihundert Jahre nach dem Koran die Hadithe und zwar in unglaublichen Mengen. Plötzlich war jedes Detail im Leben des Propheten Mohammed bekannt, der im Koran nur dreimal namentlich erwähnt wird. Dazu gehören insbesondere auch die jeweilgen Konstellationen, bei denen Suren offenbart wurden, was die Gelegenheit hervorbrachte, diese in einem Kontext zu sehen, wobei dieser Kontext freilich rund zweihundert Jahre nach der Niederschrift des Koran überhaupt entstand.

Es ist klar, dass die vorgenannten Suren ein erhebliches Missbrauchpotenzial hinter sich verbergen. Diesen Missbrauch gab es tatsächlich auch. Es wäre unvorstellbar, dass ein machthungriger Herrscher keine Worte in den Mund des Propheten gelegt hätte oder ein “Theologe”, damit seine Untertanen resp. die Anhänger diese Regeln befolgen, wie wenn es sich dabei um einen Befehl Gottes handeln würde.

Freilich hat es Muslime schon immer beschäftigt, ob die Hadithe vertrauenswürdig sind. Dazu haben sie ein System entwickelt, das einzig der Vertrauenswürdigkeit der Überlieferungskette und der darin enthaltenen Personen als Massstab nimmt. Natürlich kann eine solche “Garantie” nicht wirklich ernstgenommen werden.

Im Ergebnis wird aber in den Hadithen ein Mann als Vorbild dargestellt, das aus der Perspektive der Autoren dieser Schriften in jeder Hinsicht perfekt war und ihren Idealvorstellungen entsprach.

* * *

Genau das ist das Kernproblem des Islam, das viel erheblicher ist als die so genannten Gewaltpassagen. Dieses System bedeutet einen gesellschaftlichen Stillstand und da die Scharia angeblich jede erdenkliche Frage zu beantworten weiss, ist das Ganze dazu noch totalitär. Jeder einzelne Lebensbereich – ob spirituell, den ganz normalen Alltag betreffend, oder Zivilrecht – ist dabei unter dem Gesichtspunkt der Scharia zu überprüfen. Damit haben wir es nicht mehr bloss mit Religion zu tun sondern mit einem Gesellschaftssystem. Das Ganze wäre sogar problematisch, wenn der zu kopierende Mann in einem zivilisierten Umfeld und in der Neuzeit gelebt hätte, denn auch dies hätte einen gesellschaftlichen Stillstand bedeutet. Hier kommt hinzu, dass dieser Mann, den man kopieren soll, ca. im 9. Und 10. Jh. im Nahen Osten „designed“ wurde.

Wenn ein Mensch sein Leben dazu widmet, das Verhalten eines fiktiven Mannes zu kopieren, der vor mehr als 1000 Jahren erfunden wurde und der dem gesellschaftlichen Ideal dieser Zeit in einer ganz spezifischen Region entspricht, ist es nicht möglich, dass dieser Mensch sich in eine westlich-zivilisierte Gesellschaft integriert. Das ist – wie es auch in der Praxis ersichtlich ist – auch nicht gewollt.

Scharia zu billigen bedeutet damit nichts anderes als eine Parallelgesellschaft zu billigen und zwar eine Parallelgesellschaft, die nach dem Vorbild eines Mannes leben will, ein Vorbild, das mindestens aus heutiger Perspektive und nach westlich-zivilisiertem Verständnis schlicht und einfach grauenhaft ist.

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„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

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