Der Scharia-Vorbehalt

Als Grundrechte werden jene verfassungsmäßigen Rechte bezeichnet, die in Grundrechtskatalogen der Verfassungen moderner Rechtsstaaten vorkommen. Einerseits handelt es sich dabei um Freiheitsrechte, die vor allem die Eingriffsmöglichkeiten des Staates in die Rechte der Individuen einschränken. Andererseits handelt es sich dabei um Gebote wie die Rechtsgleichheit, Willkürverbot oder um prozessuale Minimalgarantien. Derartige Grundrechte aber auch jene, die in der Europäischen Menschenrechtskonvention verankert sind, kann der Bürger direkt anrufen, d.h. vor staatlichen Gerichten geltend machen, wenn er der Ansicht ist, dass sie verletzt wurden.

Davon zu unterscheiden sind die sogenannten Menschenrechte, wie sie beispielsweise in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (oder UN-Charta) vorkommen. Diese haben keinen defensiven Charakter wie die Freiheitsrechte sondern vielmehr einen programmatischen. Mit anderen Worten sollen die Rechtsordnungen, die die UN-Charta ratifiziert haben, von deren „Geist“ beseelt werden.

Über die Menschenrechte wird immer wieder gesagt, dass sie universell seien, d.h. dass sie überall und jederzeit gelten sollen. Von der Allgemeinheit, die in der Regel juristisch unkundig ist, werden die Menschenrechte oft als höheres Gut angesehen als die verfassungsmäßigen Grundrechte, obwohl man sich in staatlichen Verfahren nur auf diese letzteren direkt berufen kann.

Oft werden die Begriffe Grundrechte und Menschenrechte auch durcheinandergebracht. Das ist kein Zufall. Wenn man sich die UN-Charta ansieht, wird man feststellen können, dass es sich dabei um ein zutiefst westliches Dokument handelt. Vielfach entsprechen sie – mindestens im Geiste – den Grundrechten, wie es sie in den modernen westlichen Verfassungsstaaten bereits vor der UN-Charta schon gab. Schlussendlich ist zu erwähnen, dass auch viele nicht-westliche Staaten sich solche Standards gegeben haben, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg wie beispielsweise Japan oder Indien.

Nichtsdestotrotz muss bedauerlicherweise eingestanden werden, dass die UN-Charta trotz des angeblich universellen Charakters nie wirklich überall und zu jederzeit beachtet wurde. Niemand kann beispielsweise behaupten, dass die beiden ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates Russland (zuvor UdSSR) und China in ihrer Geschichte der UN-Charta besondere Beachtung geschenkt hätten. Deshalb denke ich, dass der Begriff „universell“ eher ein westliches Wunschdenken ist, wenn von der universellen Charakter der Menschenrechte die Rede ist. Demnach sollten die Grundrechtsstandards der westlichen Staaten überall auf der Welt gelten und alle Menschen sollten in einer Demokratie leben mit funktionierender Gewaltenteilung. Das Ganze am besten noch mit sozialer Gerechtigkeit.

Dazu wird es leider nicht kommen. Die Menschenrechte werden unglücklicherweise nie universell sein.

Das hat nicht bloß mit unserem Einsatzwillen etwas zu tun sondern vielmehr mit der Tatsache, dass es Millionen von Menschen auf dieser Welt gibt, die mit den Gedanken, die mit den in der UN-Charta verankerten Rechten offenbar werden, mit der westlichen Kultur und dem westlichen Rechtsverständnis nichts anfangen können und gegen solche Rechte sogar Widerstand leisten. Es existieren ferner ebenfalls Millionen von Menschen, die nicht in einer Demokratie leben möchten und den Begriff Gewaltenteilung nicht einmal kennen. Ausserdem ist es heute im 21. Jahrhundert unbehelflich, auf eine westliche moralische oder gesellschaftliche Überlegenheit hinzuweisen. Das Bedürfnis, den Westen kopieren zu wollen, gehört der Vergangenheit an.

Meines Erachtens ist die ernüchternde Feststellung wichtig, dass die Menschenrechte keineswegs universell sind, dies eher einem westlichen Wunschdenken entspricht und keineswegs behauptet werden kann, dass die ganze Menschheit auf die Errichtung von modernen Verfassungsstaaten hofft. Andererseits müssen wir erkennen, dass diese Werte für uns selbst derart wichtig sind, weshalb wir sie – wohl irrtümlicherweise – als universell bezeichnet haben. Das bedeutet, dass wir unser System, das auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung beruht, um jeden Preis verteidigen müssen.

Dazu gehört meines Erachtens auch die Nichtduldung von Rechts- und Gesellschaftssystemen wie die Scharia, die der Demokratie und den Regeln der Rechtsstaatlichkeit widersprechen. Hinsichtlich der Scharia sagt der Europäische Gerichtshof der Menschenrechte folgendes:

„Die Einführung verschiedener Rechtssysteme kann nicht als vereinbar mit der EMRK betrachtet werden. Ein System verschiedener Rechtsnormen für die Angehörigen verschiedener Religionen würde die Rolle des Staates als Garant individueller Rechte und Freiheiten und unparteiischer Organisator der Ausübung der unterschiedlichen Religionen in einer demokratischen Gesellschaft abschaffen, indem Individuen verpflichtet würden, nicht länger den vom Staat in seiner oben beschriebenen Rolle aufgestellten Regeln, sondern statischen Regeln der jeweiligen Religion zu folgen. Überdies würde es dem Diskriminierungsverbot des Art. 14 EMRK widersprechen. Die Scharia ist unvereinbar mit den grundlegenden Prinzipien der Demokratie, die in der Konvention festgeschrieben sind. Die Feststellung der Unvereinbarkeit der von der Wohlfahrtspartei angestrebten Einführung der Scharia mit der Demokratie durch den Verfassungsgerichtshof war daher gerechtfertigt. Dasselbe gilt für die angestrebte Anwendung einiger privatrechtlicher Vorschriften des islamischen Rechts auf die muslimische Bevölkerung der Türkei. Die Freiheit der Religionsausübung ist in erster Linie eine Angelegenheit des Gewissens jedes Einzelnen. Die Sphäre des individuellen Gewissens ist grundverschieden von der des Privatrechts, welche die Organisation und das Funktionieren der Gesellschaft als Ganzes betrifft.

In Anbetracht der Unvereinbarkeit der Ziele der Wohlfahrtspartei mit den Grundsätzen der Demokratie und der Tatsache, dass sie auch die Anwendung von Gewalt zum Erreichen dieser Ziele nicht ausgeschlossen hat, entsprach die Auflösung der Wohlfahrtspartei und der vorübergehende Entzug bestimmter politischer Rechte der übrigen Bf. einem dringenden gesellschaftlichen Bedürfnis und war verhältnismäßig zum verfolgten Ziel. Der Eingriff war daher notwendig in einer demokratischen Gesellschaft iSv. Art. 11 (2) EMRK. Keine Verletzung von Art. 11 EMRK (einstimmig, im Ergebnis übereinstimmende Sondervoten von Richter Kovler sowie von Richter Ress, gefolgt von Richter Rozakis).“

Nach diesen Ausführungen des höchsten europäischen Gerichts in Grundrechtsbelangen kann meines Erachtens nicht ernsthaft behauptet werden, dass ein Scharia-Islam „nach Deutschland“ oder sonst wohin in Europa gehöre. Die Scharia widerspricht fundamentalsten Regeln unserer Gesellschaftsordnung. Beispielsweise kann bei Geltung der Scharia von einer Gleichberechtigung der Geschlechter nicht die Rede sein. Kein Land, in dem die Scharia gilt, kann den Minimalstandards entsprechen, die wir von modernen Verfassungsstaaten erwarten. Diese Länder haben auch keine Grundrechtsgarantien, wie wir sie kennen.

Sie haben andere.

Ein bemerkenswertes rechtliches Dokument aus der islamischen Welt ist zweifelsohne die „Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ aus dem Jahre 1990, die von den Mitgliedern der Organisation der Islamischen Konferenz verabschiedet wurde. Die Kairoer Erklärung ist eine Art Gegenentwurf zur UN-Charta und hat ebenfalls einen programmatischen Charakter.

Hier die bemerkenswerten ersten Zeilen:

„ Die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz betonen die kulturelle und historische Rolle der islamischen Umma, die von Gott als die beste Nation geschaffen wurde und die der Menschheit eine universale und wohlausgewogene Zivilisation gebracht hat, in der zwischen dem Leben hier auf Erden und dem im Jenseits Harmonie besteht und in der Wissen mit Glauben einhergeht; und sie betonen die Rolle, die diese Umma bei der Führung der durch Konkurrenzstreben und Ideologien verwirrten Menschheit und bei der Lösung der ständigen Probleme dieser materialistischen Zivilisation übernehmen sollte; (…)“

Ich lasse das umkommentiert.

An diversen Stellen der Kairoer Erklärung wird ein Scharia-Vorbehalt angebracht. Das heißt, dass diese und jene Rechte gewährt werden, sofern es die Scharia erlaubt. Mit anderen Worten will die Mehrheit der islamischen Staaten, die die Kairoer Erklärung immerhin ratifiziert haben, den Grundrechten einen Scharia-Vorbehalt voranstellen. Diese unumstößlichen “göttlichen Regeln” sollen also bei der Anwendung von Grundrechten stets beachtet werden. Ein solches Denken widerspricht fundamentalsten Regeln, die in westlichen Gesellschaften gelten. Wir dürfen uns aber keine Illusionen darüber machen und klar feststellen, dass nicht bloß Staaten sondern vielmehr auch einzelne Individuen nach dem Prinzip des Scharia-Vorbehalts funktionieren. Solche Menschen gibt es mittlerweile millionenfach auch im Westen.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass sehr viele Muslime im Westen leben, die westlich orientiert sind, mit der Scharia nichts zu tun haben wollen und bei denen die Integration – ja vielleicht sogar die Assimilation – bestens gelungen ist. Diese Menschen sind nicht Mitglied in Islamverbänden, weil sie in der Regel kein besonders religiöses Leben führen. Die Politik sollte sie mindestens im Hinterkopf behalten.

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(kleinere Hadith-Bibliothek)

Der Scharia-Vorbehalt

„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

In westlichen Printmedien, Rundfunk und Fernsehsendern werden immer wieder Interviews durchgeführt, in denen des öfteren zuallererst die folgende Frage gestellt wird:

„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

In aller Regel ist der Interviewpartner, der diese Frage zu beantworten hat, ein „Islamexperte“, oft sogar selbst ein Muslim. Die Antwort lautet natürlich praktisch immer: „Nein!“

Wenn der Journalist einigermaßen vorbereitet ist, kommt irgendeinmal der Hinweis auf die Gewaltpassagen im Koran, worauf der „Experte“ in der Regel erwidert, dass diese in einem historischen Kontext zu sehen sind.

Tatsache ist, dass dieser „Experte“ damit in aller Regel keineswegs die Unwahrheit sagt, aus seinem eigenen Blickwinkel betrachtet selbstverständlich. Es gibt viele Muslime, die die sog. Gewaltpassagen in einem historischen Kontext verstehen.

Ist damit alles gesagt?

Nein! Der Koran ist nicht besser oder schlechter als die Bibel, das Neue Testament eingeschlossen. Es sind Zeugnisse von vergangenen Kulturen, die mit der westlich-zivilisierten Gesellschaften wenig zu tun haben, auch wenn gewisse Leute dies anders sehen.

* * *

Was mich bei dieser „ersten Interviewfrage“, ob der Koran wirklich ein schlimmes Buch sei, so furchtbar aufregt ist, dass sie das Grundproblem des Islam nicht anspricht.

Der Koran enthält einige sehr unverdächtige Passagen ohne jede Gewalt, die gravierende Konsequenzen haben. Es geht dabei um die koranische Aufforderung, dem Propheten Allahs zu folgen. Weil nach islamischem Verständnis im Koran Gott zu den Gläubigen in “direkter Rede” spricht, ist diese Aufforderung als direkter Befehl Gottes an den Gläubigen zu verstehen. Das heißt nichts anderes als, dass der Gläubige den Befehlen und Geboten des Propheten Folge leisten muss. Diese Aufforderung kommt mehrfach im Koran vor. Hier nur eine Stelle.

Sure 3:32

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

Darüber hinaus fordert der Koran den Gläubigen auf, das Verhalten des Propheten zu kopieren.

Sure 33:21

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Dieses ganze Verhalten nennt man im Islam „der Sunna des Propheten folgen“. Der Gläubige folgt damit in jeder Hinsicht seinem Beispiel. Ob dies auf eine korrekte Art und Weise erfolgt, d.h. im Sinne der Überlieferung und der Doktrin, entscheidet die Scharia, die islamische Gesellschafts- und Rechtsordnung. Wenn ein Gläubiger eine Frage zu einer Alltagssituation, Religion, Rechtsstreitigkeit oder was auch immer hat, werden diese in sog. Fatwas beantwortet, sprich in Rechtsgutachten. Je nach „Gutachter“ haben diese eine unterschiedliche Tragweite.

* * *

Das Problem bei den obgenannten Aufforderungen war, dass die Gläubigen über keine Quellen verfügten, wie sich dieser Gesandte Gottes (mit dem ursprünglich Jesus gemeint war) verhalten hatte und was er befohlen hatte.

Aufgrund dieses Mangels entstanden rund zweihundert Jahre nach dem Koran die Hadithe und zwar in unglaublichen Mengen. Plötzlich war jedes Detail im Leben des Propheten Mohammed bekannt, der im Koran nur dreimal namentlich erwähnt wird. Dazu gehören insbesondere auch die jeweilgen Konstellationen, bei denen Suren offenbart wurden, was die Gelegenheit hervorbrachte, diese in einem Kontext zu sehen, wobei dieser Kontext freilich rund zweihundert Jahre nach der Niederschrift des Koran überhaupt entstand.

Es ist klar, dass die vorgenannten Suren ein erhebliches Missbrauchpotenzial hinter sich verbergen. Diesen Missbrauch gab es tatsächlich auch. Es wäre unvorstellbar, dass ein machthungriger Herrscher keine Worte in den Mund des Propheten gelegt hätte oder ein “Theologe”, damit seine Untertanen resp. die Anhänger diese Regeln befolgen, wie wenn es sich dabei um einen Befehl Gottes handeln würde.

Freilich hat es Muslime schon immer beschäftigt, ob die Hadithe vertrauenswürdig sind. Dazu haben sie ein System entwickelt, das einzig der Vertrauenswürdigkeit der Überlieferungskette und der darin enthaltenen Personen als Massstab nimmt. Natürlich kann eine solche “Garantie” nicht wirklich ernstgenommen werden.

Im Ergebnis wird aber in den Hadithen ein Mann als Vorbild dargestellt, das aus der Perspektive der Autoren dieser Schriften in jeder Hinsicht perfekt war und ihren Idealvorstellungen entsprach.

* * *

Genau das ist das Kernproblem des Islam, das viel erheblicher ist als die so genannten Gewaltpassagen. Dieses System bedeutet einen gesellschaftlichen Stillstand und da die Scharia angeblich jede erdenkliche Frage zu beantworten weiss, ist das Ganze dazu noch totalitär. Jeder einzelne Lebensbereich – ob spirituell, den ganz normalen Alltag betreffend, oder Zivilrecht – ist dabei unter dem Gesichtspunkt der Scharia zu überprüfen. Damit haben wir es nicht mehr bloss mit Religion zu tun sondern mit einem Gesellschaftssystem. Das Ganze wäre sogar problematisch, wenn der zu kopierende Mann in einem zivilisierten Umfeld und in der Neuzeit gelebt hätte, denn auch dies hätte einen gesellschaftlichen Stillstand bedeutet. Hier kommt hinzu, dass dieser Mann, den man kopieren soll, ca. im 9. Und 10. Jh. im Nahen Osten „designed“ wurde.

Wenn ein Mensch sein Leben dazu widmet, das Verhalten eines fiktiven Mannes zu kopieren, der vor mehr als 1000 Jahren erfunden wurde und der dem gesellschaftlichen Ideal dieser Zeit in einer ganz spezifischen Region entspricht, ist es nicht möglich, dass dieser Mensch sich in eine westlich-zivilisierte Gesellschaft integriert. Das ist – wie es auch in der Praxis ersichtlich ist – auch nicht gewollt.

Scharia zu billigen bedeutet damit nichts anderes als eine Parallelgesellschaft zu billigen und zwar eine Parallelgesellschaft, die nach dem Vorbild eines Mannes leben will, ein Vorbild, das mindestens aus heutiger Perspektive und nach westlich-zivilisiertem Verständnis schlicht und einfach grauenhaft ist.

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„Ist denn der Koran wirklich ein so schlimmes Buch?“

Der historische Jesus und die Entstehung der Scharia

Gemäß vorherrschender Ansicht der historisch-kritischen Forschung (dazu nur ein Werk von vielen) kam der historische Jesus ca. im Jahre 4. v. Chr. wahrscheinlich in Nazareth auf die Welt. Seine Eltern, die möglicherweise durchaus Maria und Joseph hießen, hatten ihn auf die natürliche Art und Weise gezeugt, genauso wie die übrigen Kinder, die sie hatten. Über die Kindheit und Jugend Jesu ist nichts bekannt. In seinen späten Zwanzigern dürfte er sich den Jüngern des Johannes des Täufers angeschlossen haben, den er aber kurze Zeit später wieder verließ und sich „selbständig“ machte und Jünger um sich scharte.

Jesus dürfte mit Gleichnissen gepredigt haben und einige Gleichnisse im Neuen Testament könnten durchaus auf ihn zurückgehen. Zu seinen Haupttätigkeiten gehörten aber wohl auch Exorzismen und Handauflegungen. Zentral war aber seine Botschaft über die Ankunft der Gottesherrschaft nach einer Apokalypse, die nach seiner Ansicht unmittelbar bevorstand, womit er sich – wie wir alle wissen – ganz offensichtlich irrte. Er war aber dennoch fest davon überzeugt und sein Ziel war es, so viele Juden wie möglich zu retten. Ja, Juden, denn Jesus richtete seine Botschaft über die bevorstehende Gottesherrschaft ausschließlich an seine Glaubensgenossen und nicht an die gesamte Menschheit. Er forderte seine Jünger sogar explizit auf, Nichtjuden nicht aufzusuchen. Dabei war es für den historischen Jesus wohl auch wichtig, dass vor allem die Außenseiter und die Ausgestoßenen der Rettung bedurften, weshalb auch Frauen bei seiner Anhängerschaft eine erhebliche Rolle spielten.

Aber nochmals: Auch so war die Botschaft Jesu (aus seiner Sicht mindestens) nicht für alle Zeiten gedacht. Die Welt stand ja nach seiner Ansicht unmittelbar vor ihrem Untergang. Ohne diesen Kontext ist es unmöglich, den historischen Jesus auch nur ansatzweise zu verstehen.

Um das Jahr 30 n. Chr. dürfte der historische Jesus die Tempelaristokratie in Jerusalem herausgefordert haben. Daraufhin wurde Jesus ziemlich sicher von Pontius Pilatus verurteilt, der ihn kreuzigen ließ (die Taufe und die Kreuzigung sind die sichersten Lebensstationen von Jesus). Dabei dürfte der Prozess nicht allzu lange gedauert haben, schon gar nicht bei einem Pontius Pilatus, dessen besondere Grausamkeit aus anderen Quellen belegt ist. Sehr unwahrscheinlich ist es, dass der Jesus in einem Felsengrab bestattet wurde. Viel wahrscheinlicher ist, dass er nicht einmal verscharrt wurde, wie dies bei Gekreuzigten ansonsten der Fall war.

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Kurze Zeit nach dem Kreuzestod Jesu entstand bei seinen Anhängern, deren Zahl sich zusehends vermehrte, der Glaube daran, dass er auferstanden sei. Dieser Auferstehungsglaube verdrängte immer mehr die tatsächliche Person aus dem Blickfeld. Selbst der früheste Autor des Neuen Testaments Paulus interessierte sich fast überhaupt nicht für den irdischen Jesus sondern vielmehr für den auferstandenen. In den später geschriebenen kanonischen vier Evangelien stand ebenfalls eine idealisierte Person im Vordergrund, die die Passion erdulden musste, der Kreuzesstod und die Auferstehung. Bemerkenswert dabei ist etwa, dass im früheren Markusevangelium Jesus durchaus noch ein Mensch ist, wogegen wir es beim späteren Johannesevangelium mit einem Gott zu tun haben.

Damit war das Christentum geboren. Es handelte sich dabei nicht etwa um die Religion von Jesus, der während seines ganzen Lebens Jude geblieben war. Auch war es nicht die von ihm gestiftete Religion. Vielmehr war es eine Religion über Jesus.

Nachdem die Teile des Neuen Testaments in unterschiedlichsten Regionen des Römischen Reiches mit unterschiedlichen Jesusvorstellungen verfasst worden waren, ging es mit einer Fragestellung weiter, die die christliche Welt für einige hundert Jahre beschäftigen sollte. Dabei sollten sich die klügsten Köpfe der damaligen Zeit mit der Frage beschäftigen, welche Natur Jesus hatte. War er Mensch? War er Gott? War er womöglich beides? Jedenfalls war die Frage nach der Natur Jesu während hunderten von Jahren die zentrale Frage im christlichen Glauben. Zwar wurde 325 n. Chr. das Konzil von Nicäa abgehalten, bei dem diese Frage autoritativ zugunsten der Trinitätslehre entschieden wurde. Doch war die Diskussion damit noch lange nicht abgeschlossen.

Diese überaus dumme und unnötige Diskussion über die Natur Jesu, die weder etwas mit der historischen Figur etwas zu tun hatte noch sonst irgendwelche weltbewegende Erkenntnisse hervorbrachte, war sicherlich auch einer der wesentlichen Gründe für den geistigen Stillstand der christlichen Welt, der noch Jahrhunderte andauern sollte.

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In diesem historischen Kontext entstanden der Koran und die koranische Bewegung ca. im 6. Jahrhundert. Wichtig dabei ist, dass dies nicht mit dem Islam gleichzusetzen ist.

Eine Gruppe von Menschen, die durchaus einem urbanem Umfeld entstammte – womit der Entstehungsort des Koran keineswegs das heutige Saudi Arabien war sondern wohl eher das Zweistromland – war dabei entschieden gegen die Gleichsetzung Gottes mit Jesus, respektive gegen die Vorstellung über dessen angebliche Gottessohneigenschaft. Damit wehrten sich diese Menschen mit aller Vehemenz gegen die theologischen Fragestellungen und Vorstellungen der damaligen christlichen Welt über Jesus.

Sie verehrten zwar Jesus, sie glaubten daran, dass er Messias (Mesih) sei und sie sahen in ihm einen Propheten in der Tradition Abrahams. Den Glauben aber, wonach er Sohn Gottes sei, nach einem Kreuzestod (den sie ablehnten) auferstanden sei (was sie ebenfalls ablehnten), war für sie sogar eine Gotteslästerung. Diejenigen, die an so etwas glaubten, namentlich die Christen, nannten sie, „diejenigen, die irregehen“. So steht es in der allerersten Sure des Koran.

* * *

Der große Abwesende in der bisherigen Darstellung ist Mohammed. Der Grund dafür ist, weil es ihn zunächst als eigenständige Persönlichkeit noch gar nicht gab. Auch im Koran kommt der “Name” lediglich dreimal vor, wobei anzumerken ist, dass mohamad auch ein Gerundiv ist und so viel bedeutet wie „der zu preisende“. So übersetzt der Linguist Christoph Luxenberg das Wort mohamad. Es handelt sich dabei also nicht um einen Eigennamen sondern um einen religiösen Titel.

Gemäss glaubhafter Darstellung der neueren Islamforschung, die nicht der Darstellung der islamischen Tradition folgt, handelt es sich bei dieser zu preisenden Person ursprünglich um Jesus. Dies mag auf den ersten Blick erstaunen. Doch sprechen nebst Münzen und anderen Inschriften auf festem Grund sehr viele Gründe dafür. Für den Anfänger kann ich dazu das Buch Good Bye Mohammed von Norbert G. Pressburg empfehlen. Für Fortgeschrittene eignen sich die Bücher der Inarah Gruppe, insbesondere auch der Meilenstein in der neueren Islamforschung schlechthin: „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ von Christoph Luxenberg.

Tatsache ist jedenfalls, dass im Koran fast nichts über das Leben und Wirken des arabischen Propheten Mohammed zu finden ist. Seine Lebensgeschichte ist vielmehr in der so genannten Sira zum ersten Mal zu finden. Bei der Sira handelt es sich um eine theologisch motivierte Prophetenbiographie. Die Tradition spricht dabei von Ibn Ishaqs Sira, die 150 Jahre nach Mohammeds Tod geschrieben worden sei. Die Existenz dieses Buches ist damit unbewiesen. Die beiden anderen Autoren, die von diesem Buch angeblich Teile übernommen hätten, Ibn Hisham und at-Tabari, lebten mehr als 200 Jahre nach dem angeblichen Tod des Propheten.

Nach Ansicht von Ignaz Goldziher, des Vaters der modernen Islamwissenschaften, handelt es sich bei der Sira um nichts anderes als um aneinandergereihtes Hadith-Material. Die so genannten Hadithe sind kleine Erzählungen, die eine Situation aus dem Leben des Propheten wiedergeben, in der er – vereinfacht ausgedrückt – etwas gesagt, etwas nicht gesagt, etwas getan oder etwas nicht getan hat. Die Hadithe selbst wurden ebenfalls rund zweihundert Jahre nach dem angeblichen Tod des Propheten niedergeschrieben und sind nach Goldzihers Meinung (und nach Ansicht der ernstzunehmenden Islamforscher) keine verlässlichen historischen Quellen und sind in ihrer Gesamtheit unglaubwürdig.

Das Spezielle nun ist, dass – wenn man der islamischen Überlieferung folgt – während zweihundert Jahren nach dem angeblichen Tod des Propheten niemand auf den Gedanken kam, die Hadithe niederzuschreiben. Dann waren sie plötzlich da, überliefert durch sichere Gewährsleute. Die Überlieferungskette mit diesen Gewährsleuten (Isnad) bildet dabei das „Echtheitszertifikat“. Wenn die Personen, die in der Überlieferungskette genannt werden, vertrauenswürdig sind, ist auch die Erzählung vertrauenswürdig. Dies zur Logik eines Hadith. Selbstverständlich können solche Darstellungen als historische Quelle über das angebliche Leben von Mohammed nicht ernst genommen werden, wenn man nach einem historischen Mohammed sucht, den es mindestens in der Form, wie sich ihn die Tradition vorstellt, wohl nie gegeben hat.

Damit ist die Person Mohammed in erster Linie das Produkt der Hadith-Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts. Das bedeutet zugleich, dass damit die Glaubens- und Gesellschaftsvorstellungen jener Kultur in der damaligen Zeit wiedergegeben werden. Sowohl der örtliche als auch der zeitliche Kontext ist dabei wichtig. Es entstanden zehntausende von Hadithen, in denen von Lebenssituationen Mohammeds die Rede war. Einige davon wurden kanonisch, andere nicht. Damit entstand der Personenkult um Mohammed.

Seit der Verbreitung und Geltung dieses Personenkults an jenen Orten, wo einst die koranische Bewegung zuhause war, haben wir es mit dem Islam zu tun und zwar in dem Sinne, was auch heute unter dem Begriff Islam zu verstehen ist. Es ist die Geburtsstunde der Scharia und des damit verbundenen geistigen Stillstands.

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(Eröffnungs-Sure, d.h. die erste Sure des Koran, die sog. al-Fatiha; Aziz Efendi (d. 16 August 1934) – Muhittin Serin: Hattat Aziz Efendi; Quelle: Wikipedia)

Der historische Jesus und die Entstehung der Scharia