Erstaufnahme von Gershwins “Rhapsody In Blue” und Migration

Liebe Leserin, lieber Leser

Dieses Mal verzichte ich auf einen längeren Text und verweise lediglich auf dieses Video, das ich vor etwas mehr als drei Jahren angefertigt und auf mein YouTube-Channel Atticus Jazz hochgeladen habe.

Darauf ist die erste Aufnahme von George Gershwins “Rhapsody In Blue” zu hören, aufgenommen am 10. Juni 1924 in New York City, mit George Gershwin selbst am Klavier. Die Schallplatte im perfekten Zustand ist Teil meiner Sammlung und die akustische Aufnahme wurde von mir mit speziellen und modernen Techniken restauriert.

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(Original-Label der Schallplatte aus dem Jahr 1924; Gershwin hatte das Stück in aller Eile für Paul Whiteman komponiert)

Die Aufnahme wird begleitet von Fotoaufnahmen, welche die Immigration über Ellis Island vor etwas mehr als 100 Jahren zeigt. Seit ich “Rhapsody In Blue” kenne, habe ich exakt jene Assoziationen, die auf diesen Bildern zu sehen sind. Weshalb dem so ist, ist etwas schwierig zu erklären…

Wenn man sich solche Bilder anschaut, kann man natürlich auch andere Assoziationen – etwa solche zu den heutigen Verhältnissen – knüpfen und sich Fragen darüber stellen über woher wir kommen und wohin wir gingen sowie über die Migration nach Europa und über ähnliche Sachverhalte. Das ist sicher zulässig, aber auf etwas möchte ich dennoch hinweisen: Die Migration in die Vereinigte Staaten – erst recht jene, die auf diesen Bildern zu sehen ist – erfolgte in Form einer Migration in ein Land von (unbegrenzten) Möglichkeiten, was letztendlich den amerikanischen Traum darstellt (American Dream). Der Migrant wanderte nicht in ein Sozialsystem ein, in welches er nie eingezahlt hatte, sondern er war vielmehr völlig frei, sich auf dem Gebiet des riesigen Landes zu verwirklichen und wenn er tüchtig genug war, konnte er es sehr weit bringen, wie beispielsweise auch Gershwin es weit bringen konnte. Das war das Versprechen! Ich denke, dass man dies mit der heutigen Migration nach Europa kaum vergleichen kann. Aber ich lasse jedem seine eigenen Gedanken. Viel Spass mit “Rhapsody In Blue”…

Erstaufnahme von Gershwins “Rhapsody In Blue” und Migration

Erdoğans orwellianische Presseerklärung zum “Tag der arbeitenden Journalisten”

Die Organisation “Reporter ohne Grenzen” beschreibt die aktuelle Situation der Medien in der Türkei, welche in der Rangliste der Pressefreiheit den wenig schmeichelhaften 157. Rang (von 180) einnimmt, mit den folgenden Worten:

“Die Türkei gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurde ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.”

Der nationalislamistische Diktator Erdoğan hat zum morgigen “Tag der arbeitenden Journalisten” eine Presseerklärung abgegeben, die nach dem Gesagten an Absurdität kaum zu überbieten ist und unweigerlich an das totalitäre System erinnert, das George Orwell in seinem Roman “1984” umschreibt. Hier ist meine Übersetzung, die ich unkommentiert lasse:

“Dass die Öffentlichkeit lückenlos, unabhängig und richtig informiert und dass unsere Mitbürger ihr Recht Nachrichten zu empfangen gewahrt wird, spielt für das Funktionieren unserer Demokratie eine lebenswichtige Rolle. Die türkische Presse erfuhr in den Zeiten der Stellvertretung, als unsere Demokratie eingeschränkt und die Rechte und Freiheiten aufgehoben wurden, unglücklicherweise sehr ernstzunehmenden Druck und wurde mehrmals zum Opfer.

Die Reformen, die in den 16 Jahren allgemein zum Leben gerufen wurden, haben veranlasst, dass die türkische Presse eine reichere, vielfältigere, demokratischere und freiheitlichere Stellung erhalten haben. Bei der Angelegenheit, dass die Unabhängigkeit der Medien auf die beste Art und Weise gewährleistet wird, spielt nebst juristischen Anordnungen, auch das Einhalten der Berufsethik und des Unabhängigkeitsgebots durch die Medienschaffenden eine bedeutende Rolle.

Ich glaube daran, dass unsere Medien – unter Beachtung der Berufsregeln und den Empfindlichkeiten unserer Nation – die Aufgabe, richtig zu informieren auf die schönste Art und Weise vollziehen wird und weiterhin unserer Demokratie einen Beitrag leisten wird. Ich gratuliere den Arbeitnehmenden zum „Tag der arbeitenden Journalisten“, wünsche denjenigen Journalisten, die bei der Verrichtung ihrer Aufgabe verstorben sind, Allahs Gnade und begrüsse bei dieser Gelegenheit alle Arbeitnehmenden der Presse mit herzlichen Gefühlen.

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(“Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke”, aus “1984” von George Orwell)

Erdoğans orwellianische Presseerklärung zum “Tag der arbeitenden Journalisten”

Frohe Weihnachten, Frau Annette Widmann-Mauz!

Die deutsche Integrationsministerin Annette Widmann-Mauz (CDU) hat gemäß einer Meldung der Bild-Zeitung wie so viele Menschen in dieser Zeit Weihnachtskarten verschickt. Auf der Karte seien zwar Weihnachtsmannmützen, Baumschmuck und Engel mit Heiligenschein zu sehen; aber das Wort Weihnachten würde fehlen, so die Zeitung heute Morgen.

Auf der Karte, die eben keine Weihnachtskarte sein darf (oder nur ein kleines Bisschen), steht:

„Egal woran Sie glauben … wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr.“

Vielen dürfte es ähnlich wie dem Bild-Journalisten ergangen sein und sie dürften sich hauptsächlich darüber aufgeregt haben, weil das Wort Weihnachten auf der Karte fehlt. Wenn man sich über diese Bücklingshaltung, mit der die eigene Kultur verleugnet wird, was wir in den letzten Jahren leider immer wieder beobachten konnten, echauffiert, ist dies meines Erachtens durchaus nachvollziehbar. Darauf möchte ich hier allerdings nicht eingehen. Ich persönlich finde in erster Linie die unglaubliche Dummheit, die aus dieser Weihnachtskarte hervorgeht und das Nichtbemerken von eklatanten Widersprüchen, in die sich Widmann-Mauz verstrickt, wesentlich bedenklicher.

Die erste Frage, die sich stellt ist, weshalb man Weihnachtskarten respektive Silvesterkarten überhaupt an Menschen verschickt, die diese Feste dezidiert nicht feiern wollen und man diese Haltung um jeden Preis respektieren will. Wenn jemand Weihnachten und Silvesterfeierlichkeiten aus religiösen Gründen ablehnt, diese Feste nicht feiert, diese Tage so begeht wie jeden anderen Tag, „braucht“ diese Person doch eine solche Karte nicht!

Dann dieses „Egal woran sie glauben!“

Ist das wirklich so egal, woran man glaubt? Und weshalb nimmt Widmann-Mauz an, dass jeder Mensch an irgendeinen „Gott“ glaubt, weil diese Aussage die Atheisten ausschliesst? Item.

Religionen schließen sich ferner oft nicht nur gegenseitig aus. Teilweise besteht ihr Entstehungsgrund überhaupt darin, dass eine andere Gruppe von Menschen Gott auf eine „falsche“ Art und Weise lobpreist und alternative Glaubensbedürfnisse entstehen. Der Islam ist eine solche Religion, weil der Hauptgrund seiner Entstehung darin besteht, dass aus islamischer Sicht bei Christen und Juden eine Falschgläubigkeit und sogar Schriftverfälschung vorlag und Gott korrigierend eingreifen musste. Diese Gedanken sind sogar im islamischen Hauptgebet al-Fatiha (erste Sure des Koran) vorhanden. Gerne verweise ich hinsichtlich dieser Themen auf einen früheren Aufsatz.

Offenbar ist es also überhaupt nicht egal, woran man glaubt! Mindestens für den muslimischen Adressaten scheint diese Frage selbst nach dem Verständnis von Widmann-Mauz überhaupt nicht egal zu sein. Wenn der Glaube wirklich so egal wäre, würde es auch keinen Anlass für die Annahme geben, dass der Adressat dieser Karte aufgrund des Wortes „Weihnachten“ beleidigt sein könnte. Den Respekt, den Widmann-Mauz gegenüber den Scharia-Muslimen entgegenbringt, würden diese übrigens niemals entgegnen und schon gar nicht mit einem „Egal woran du glaubst“, weil es eben nicht egal ist. Das dürfte selbst Widmann-Mauz bemerkt haben, weil sie gerade deswegen bestimmte Begriffe vermeidet.

Dann kommt ein weiterer Widerspruch. Weshalb wünscht sie Scharia-Muslimen eine „besinnliche Zeit“? Weshalb sollte jemand, der Weihnachten überhaupt nicht feiert, dem Silvester aus religiösen Gründen im besten Fall egal ist, sich im schlimmsten Fall über den „heidnischen Brauch“ aufregt, eine „besinnliche Zeit“ haben?

Muss Weihnachten überhaupt immer eine besinnliche Zeit sein? Ich bin Atheist, was die meisten meiner Leser bemerkt haben dürften. Dennoch „feiere“ ich, seit ich in Europa lebe, Weihnachten und dies obwohl ich nicht einmal christliche Wurzeln habe. Auch andere Menschen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis, die sich nicht zur Jungfrauengeburt zu Bethlehem bekennen, feiern Weihnachten, haben einen geschmückten Baum, machen Geschenke, trinken Glühwein an den Weihnachtsmärkten und singen sogar Weihnachtslieder. Für mich persönlich bedeutet Weihnachten beispielsweise, dass ich mir wie jedes Jahr Filme wie It’s a Wonderful Life oder „Meet me in St. Louis“ anschaue, die weihnachtlich geschmückte Stadt bewundere, in der ich wohne und mit Freunden, Familie und Bekannten überdurchschnittlich gut esse und trinke. Ist Weihnachten für mich deshalb aber eine „besinnliche Zeit“? Nein, wirklich nicht. Eine sinnliche Zeit vielleicht, weil die Gerüche und die Bilder, die man vernimmt, durchaus die Sinne anregen. Aber eine besinnliche Einkehr findet bei mir zumindest nicht statt, da ich kein spiritueller Mensch bin.

Mit ihren Neujahrswünschen gegenüber Scharia-Muslimen, die sie nicht beleidigen möchte, macht Widmann-Mauz einen weiteren Denkfehler. Menschen, die sich aus muslimischen Gründen über Weihnachten echauffieren, halten auch nichts von der Tatsache, dass der Jahreswechsel in irgendeiner Form gefeiert wird. Ganz im Gegenteil! Hinzu kommt, dass gemäß islamischer Zeitrechnung gar kein Jahreswechsel stattfindet, den man übrigens so oder so nicht feiern würde. Der Jahreswechsel – sei es im Sinne des christlichen Kalenders, sei es im Sinne des islamischen Kalenders – ist für Scharia-Muslime weder Anlass, besinnlich zu werden noch irgendetwas zu feiern. Daher ergibt auch dieser Wunsch, sofern er gegenüber Scharia-Muslimen geäußert wird, überhaupt keinen Sinn.

Die politische Absicht von Widmann-Mauz mit dieser Karte ist klar: Sie will um jeden Preis die gesellschaftliche Inklusion von Scharia-Muslimen. Diese sollen möglichst umfassend an der Gesellschaft und an staatlichen Leistungen teilnehmen und sollen immer einbezogen werden. Gleichzeitig sollen sie aber auch den Anspruch haben, sich in eine muslimische Parallelgesellschaft zurückzuziehen, wo die Regeln der Scharia gelten und ein gesellschaftlicher Umgang mit anderen Gruppierungen kaum oder überhaupt nicht stattfindet. Und dieser Anspruch, in einer muslimischen Parallelgesellschaft zu leben, soll durch Grundrechte geschützt werden. Und genau darin besteht der Widerspruch: Eine Inklusion von Menschen, die aus ideologischen Gründen die Inklusion, gleichberechtigte Koexistenz und ein freiheitliches Staats- und Gesellschaftsverständnis ablehnen und mit dem von der europäischen Aufklärung geprägten Toleranzgedanken nichts anfangen können, kann nur misslingen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten, Frau Widmann-Mauz!

Mit ihrer Karte, welche die vollständige Inklusion beabsichtigt, konnten Sie niemanden inkludieren! Weder die Scharia-Muslime, die Sie nicht beleidigen wollten, weil diesen solche Karten ohnehin egal sind, noch diejenigen, an die Sie ohnehin nicht gedacht haben, weil sie damit beschäftigt waren, um einen möglichst politisch-korrekten Auftritt vor den Scharia-Muslimen zu haben.

Noel

Frohe Weihnachten, Frau Annette Widmann-Mauz!

Für ein Verständnis der Glaubens- und Gewissensfreiheit der Aufklärung

Moderne Verfassungen von demokratischen Rechtsstaaten beinhalten regelmäßig sogenannte Grundrechtskataloge, wo einzelne Grundrechte Artikel für Artikel aneinandergereiht sind. Meistens befinden sich diese aufgrund ihrer großen Bedeutung unter den Bestimmungen ganz Anfang der jeweiligen Verfassung, so beispielsweise im deutschen Grundgesetz vom 8. Mai 1949 in seinen Artikeln 1 bis 19 aber auch in der Verfassung meines Landes, in der relativ jungen Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 in ihren Artikeln 7 bis 36.

Die Vorarbeiten und Beratungen der letzten Totalrevision, die zur vorgenannten Bundesverfassung aus dem Jahr 1999 führen sollten, fanden – so wie der Zufall es wollte – während meiner Studienzeit an der Universität Basel statt, was für mich ein unvergessliches und natürlich auch ein überaus aufregendes Erlebnis war. Ich studierte Rechtswissenschaften und gleichzeitig sollte das Grundgesetz unseres Landes einer Totalrevision unterzogen werden, was das letzte Mal vor mehr als 100 Jahren geschehen war! Ich hatte sogar doppeltes Glück: Einer meiner Professoren war nicht nur Verfassungsrechtsspezialist sondern auch Bundesparlamentarier, der das Mammutprojekt in einer Art Doppelfunktion sowohl als Experte als auch als Politiker begleitete und maßgeblich prägte, weshalb wir Studierenden die Entstehung der neuen Bundesverfassung aus einer privilegierten Nähe verfolgen konnten. Die Absicht bei dieser Totalrevision bestand darin, geltendes aber teilweise ungeschriebenes Verfassungsrecht mit der sogenannten Methode der „Nachführung“ in das neue Verfassungsdokument aufzunehmen und – dort wo nötig – einzelne materielle Korrekturen vorzunehmen. Das Ziel war also nicht ein komplett neuer Wurf aber auch nicht pure Kosmetik sondern vor allem die Herstellung eines modernen und lesbaren Verfassungsdokuments mit moderner Systematik auf der Grundlage vom geltenden Verfassungsrecht. Dazu gehörte natürlich auch die Schaffung eines Grundrechtskatalogs, platziert ganz Vorne in der neuen Verfassung, wo Grundrechte eben hingehören.

In der Bundesverfassung vom 29. Mai 1874, die zum Zeitpunkt meines Studienabschlusses immer noch in Kraft war, ist noch kein eigentlicher Grundrechtskatalog zu finden. Geschriebene Grundrechte waren vielmehr in der Verfassung, die aufgrund der vielen Teilrevisionen wie ein Flickwerk aussah, an unterschiedlichen Orten vorzufinden aber eben nicht am Anfang des Verfassungsdokuments. Die Ausnahme davon war der damalige Artikel 4 BV, die Rechtsgleichheit, die wegen ihrer immensen Bedeutung schlicht und einfach zu den ersten Bestimmungen der Bundesverfassung gehören musste. Außer den geschriebenen Grundrechten kannte die Schweiz vor dem Inkrafttreten der totalrevidierten Bundesverfassung des Jahres 1999 auch einige ungeschriebene Grundrechte, die durch die Rechtsprechung des Schweizerischen Bundesgerichts und des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte entwickelt worden waren. Im Verfassungsdokument selbst waren diese Grundrechte also nicht zu finden. Auch die Vorläuferin dieser Verfassung, die erste Bundesverfassung der Schweiz und somit gewissermaßen die Gründungsurkunde unseres Bundesstaates, die Bundesverfassung vom 12. September 1848, war in dieser Hinsicht nicht anders. Die Grundrechte waren nicht in einem Grundrechtskatalog ganz am Anfang des Verfassungsdokuments zu finden, sondern sie waren vielmehr in der Urkunde verteilt, abgesehen von Art. 4 BV1848, die exakt den gleichen Wortlaut hatte wie die vorhin angesprochene Art. 4 BV1874 und zwar:

„Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich. Es gibt in der Schweiz keine Untertanenverhältnisse, keine Vorrechte des Orts, der Geburt, der Familien oder Personen.“

An diesem Grundrecht, welches ganz simpel als Rechtsgleichheit bezeichnet wird, ist der geistige Ursprung bereits aufgrund der darin enthaltenen Aussagen sofort zu erkennen: Es trägt ganz klar die Unterschrift der Aufklärung. Doch wo waren dieses Grundrecht und andere Grundrechte entstanden und wie hatten sie ihren Weg in die Schweiz gefunden? Schweizer Erfindungen waren sie jedenfalls nicht, genauso wenig wie andere Staats- und Verfassungsprinzipien, die aus der Gedankenwelt der Aufklärung hervorgegangen waren. Wenn man die Antwort mit einem Verfassungs- oder zumindest verfassungsähnlichen Dokument verknüpfen kann, entstand die Rechtsgleichheit als niedergeschriebenes Grundrecht in den Vereinigten Staaten und zwar mit der Unabhängigkeitserklärung (1776), der United States Declaration of Independence, wo im zweiten Paragraphen die Rechtsgleichheit mit einer Reihe von Persönlichkeitsrechten verknüpft wird:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the Pursuit of Happiness. (…)“

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten, unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind, und dass zu diesen Rechten auch das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören…”

Diese wohl berühmteste Stelle der Unabhängigkeitserklärung stammt aus der Feder Thomas Jeffersons, der aufgrund seiner engen Freundschaft mit Lafayette von den französischen Philosophen der Aufklärung Voltaire, Rousseau und Montesquieu massiv beeinflusst war. Die Aufklärung sollte nicht nur für die Unabhängigkeitserklärung maßgeblich sein, sondern auch für die später entstandenen Verfassungsdokumente der Vereinigten Staaten, namentlich für die United States Constitution (1787) und die sogenannte Bill of Rights (1789), die ersten 11 Zusatzartikel zur Amerikanischen Verfassung mit einem eigentlichen Grundrechtskatalog. Es sollten aber nicht die Amerikaner sondern die benachbarten Franzosen sein, die derartige Ideen in die Schweiz importierten, die sich ihrerseits im Rahmen der Französischen Revolution (1789) auch von Amerikanern inspirieren ließen. Das daraus hervorgegangene und von der Französischen Nationalversammlung verabschiedete Verfassungsdokument mit der Unterschrift der französischen und amerikanischen Aufklärung ist die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 , die von Abbé Sieyès und Lafayette entworfen worden war, welche bei diesem Unterfangen Thomas Jeffersons Rat eingeholt hatten. Viel später sollte dieses wichtige Rechtswerk der Aufklärung die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 beeinflussen, die vor einigen Tagen 70 Jahre alt wurde.

Der Import dieser Ideale und Rechte aus der Gedankenwelt der Aufklärung in die Schweiz ist mit Krieg und Unterwerfung verbunden und erfolgte damit keineswegs freiwillig. Während des sogenannten Franzoseneinfalls in den Jahren 1798 und 1799 führte die Erste Französische Republik, die den Idealen der Aufklärung nacheiferte, Krieg gegen die Alte Eidgenossenschaft, wo die in den oben erwähnten Bundesverfassungen aus den Jahren 1848 und 1874 angesprochenen Untertanenverhältnisse, Vorrechte des Ortes und andere Rechtsungleichheiten durchaus noch vorhanden waren, die durch die französische Besatzung beendet wurden. Nachdem die Franzosen den Krieg gegen die Eidgenossen für sich entscheiden konnten, wurde die Helvetische Republik als eine sogenannte „Tochterrepublik“ Frankreichs ausgerufen, was der Schweiz ihre allererste rechtsstaatlich-demokratische Verfassung bescherte, die freilich eine aufgedrängte Verfassung war. Diese Verfassung, die von der Französischen Revolution und von der Aufklärung beeinflusst war, enthielt Grundrechte und nicht nur das: Sie enthielt sogar so etwas wie einen Grundrechtskatalog, der sich – wie dies bei modernen Verfassungen üblich ist – ziemlich am Anfang des Verfassungsdokumentes befand.

Betrachten wir die ersten grundlegenden Bestimmungen der ersten Helvetischen Verfassung vom 12. April 1798, die sich stark an die Erklärung von Menschen- und Bürgerrechten aus dem Jahr 1789 aus Frankreich anlehnt und teilweise sogar gleichlautend ist, etwas aus der Nähe, da dieses Verfassungsdokument spätere Verfassungen der Schweiz mindestens indirekt beeinflussen sollte:

In Ziffer 1 der Helvetischen Verfassung wird die Helvetische Republik als Einheitsstaat definiert, womit der Staatenbund der Alten Eidgenossenschaft beseitigt wird. Durch die gleiche Ziffer werden die Kantone geschaffen, die übrigens zum ersten Mal so bezeichnet werden. In Ziffer 2 wird die Gesamtheit der Bürger als Souverän bezeichnet und damit das Prinzip der Volkssouveränität begründet. Gleich danach wird die repräsentative Demokratie eingeführt. Ziffer 3 definiert das Legalitätsprinzip, was soviel heißt wie, dass das staatliche Handeln vom Recht bestimmt wird, welches eine verfassungsmäßige Grundlage haben muss. Unmittelbar nach der Aufzählung dieser fundamentalsten Staatsprinzipien für die neu gegründete Republik folgt Ziffer 4, die vor dem Grundrechtskatalog platziert ist. Dort steht folgender Leitgedanke zu den Grundrechten aber auch ganz grundsätzlich zum Staats- und Gesellschaftsverständnis der neuen Ordnung:

Ohne Titel

 (Die zwei Grundlagen des öffentlichen Wohls sind Sicherheit und Aufklärung. Die Aufklärung ist Reichtum und Pracht vorzuziehen.)

In Ziffer 5 folgt als erstes Grundrecht, die persönliche Freiheit, als „unveräußerliches“ Grundrecht, die hier als „liberté naturelle de l’homme“ bezeichnet wird, was unweigerlich an die oben zitierte Aussage in der Declaration of Independence von Thomas Jefferson erinnert. Gleich anschließend kommt in Ziffer 6 die Gewissensfreiheit, womit diesem Grundrecht aufgrund dieser Platzierung im Grundrechtskatalog eine ganz besondere Bedeutung beigemessen wird. Ich möchte diese Ziffer in vollem Wortlaut wiedergeben, weil wir damit gewissermaßen bei den verfassungsrechtlichen Wurzeln des Grundrechts der Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Schweiz angelangt sind, die gleichzeitig das Verständnis und Vorstellung der französischen Aufklärung über dieses Grundrecht beinhaltet:

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(„Die Gewissensfreiheit ist uneingeschränkt; jedoch ist die öffentliche Äußerung von religiösen Meinungen den Empfindungen der Eintracht und des Friedens untergeordnet. Alle Arten von Gottesdiensthandlungen sind erlaubt, solange sie die öffentliche Ordnung nicht stören und sich keine Herrschaft oder Vorzüge anmaßen. Die Polizei hat die Aufsicht darüber und das Recht, sich über die Dogmen und Pflichten, die befolgt werden, zu erkundigen. Die Beziehungen einer Sekte mit einer ausländischen Obrigkeit darf weder das Staatswesen noch den Wohlstand oder die Aufklärung beeinflussen.“)

Gerne möchte ich diese Zeilen kurz interpretieren:

Die Menschen können daran glauben, woran sie wollen. Den religiösen und ethisch-weltanschaulichen Ansichten sind keinerlei Grenzen gesetzt. Damit ist der innere Glaube eines jeden schrankenlos geschützt. Sofern jedoch religiöse Ansichten öffentlich geäußert werden, dürfen sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Einheit sowie den öffentlichen Frieden nicht gefährden oder stören. Öffentliche religiöse Äußerungen sind diesen Grundbedürfnissen der Gesellschaft sogar untergeordnet. Auch die Kultusfreiheit, welche Gottesdiensthandlungen ermöglicht, ist gewährleistet. Aber auch diese dürfen die öffentliche Ordnung nicht stören und sich vor allem einen Vorrang gegenüber dem Staat oder ein Herrschaftsbefugnis gegenüber den Bürgern anmaßen, womit im damaligen Kontext vor allem die katholische Kirche gemeint war. Das ist jedoch nicht der einzige Inhalt dieser Aussage. Damit wird auch ein Vorrang der Herrschaft des Staates gegenüber den Glaubensgemeinschaften definiert. Diese stehen sogar auch in inhaltlicher Hinsicht unter staatlicher Kontrolle, um zu verhindern, dass Gottesdienste für politische und religiöse Agitation missbraucht werden. Und zu guter Letzt wird auf eine indirekte Art und Weise die spezielle Beziehung zwischen dem Papst und der Katholiken angesprochen. Diese Verbindung mit dem Papst, die zwar nicht verboten wird, darf gemäß Verfassungstext keinen Einfluss auf die Grundprinzipien der Helvetischen Verfassung, namentlich auf den Wohlstand, Sicherheit oder auf die Prinzipien der Aufklärung, haben. Dieses Verbot der bloßen Einflussnahme der Kirche auf die Angelegenheiten des Staates illustriert übrigens auf eine wunderbare Weise den französischen Laizismus.

Die erste Helvetische Verfassung hatte nur eine kurze Lebensdauer, weil sie eine rechtliche Vorgabe von Besatzern war und wurde schon im Jahr 1800 de facto außer Kraft gesetzt. Darüber hinaus war mit ihr nicht einmal ein Bundesstaat entstanden, was für die damaligen schweizerischen Verhältnisse völlig inakzeptabel war, nachdem die Eidgenossenschaft zuvor während Jahrhunderten als Staatenbund existiert hatte und nun einen Einheitsstaat aufgedrängt bekommen hatte. Die Aufgabe der Helvetischen Verfassung bedeutete zwar nicht, dass damit auch die Gedanken der Aufklärung verschwanden. Im Bereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit erfolgte aber dennoch  ein Rückschritt, mit der Teile der alten voraufklärerischen Ordnung wiederhergestellt wurden, mit ihren staatlich anerkannten Kirchen, die einen besonderen Schutz des Staates genossen, eine Ordnung, die im Grundsatz mit dem Wesfälischen Frieden (1648) entstanden war. Man kann diese alte voraufklärerische Ordnung nicht einfach so verteufeln, weil sie seither bis in das 20. Jahrhundert hinein gewissermaßen den Religionsfrieden unter den großen christlichen Konfessionen in der Schweiz gewährleisten konnte. Das Ergebnis von dieser Kombination ist eine Religionsverfassungsordnung, die sowohl Gedanken der Aufklärung enthielt und dabei Elemente aus der ersten helvetischen Verfassung entnimmt, aber gleichzeitig auch die alte Ordnung mit den großen Kirchen berücksichtigte. So wurde in der ersten Bundesverfassung von 1848 die Kultusfreiheit („freie Ausübung des Gottesdienstes“) sogar nur anerkannten christlichen Konfessionen gewährt. Den Kantonen und dem Bund wurde aber an den Gedanken der Helvetischen Verfassung anknüpfend gleichzeitig das Recht eingeräumt, die geeigneten Maßnahmen zu treffen, um die öffentliche Ordnung und den öffentlichen Frieden zu wahren (Art. 44 BV1848). In der Bundesverfassung von 1876 wurde die Glaubens- und Gewissensfreiheit in Art. 49 für alle Glaubensangehörige für unverletzlich erklärt und die Kultusfreiheit garantiert. Allerdings erfolgten mit Art. 50 gleich die Einschränkungen, die gedanklich wiederum an die Helvetische Verfassung angelehnt waren. Die öffentliche Ordnung und der öffentliche Frieden hatten immer Vorrang.

Die heutige Bundesverfassung, deren Grundrechtsverständnis stark von der EMRK-Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte beeinflusst ist gewährt das Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit allen Gläubigen, Nichtgläubigen und Glaubensgemeinschaften sehr weitgehend. Einschränkungen sind dennoch möglich: Es braucht dafür eine gesetzliche Grundlage, ein öffentliches Interesse, der Eingriff muss verhältnismäßig sein und er darf den Kerngehalt des Grundrechts nicht verletzen. Darüber hinaus verfügen im Speziellen die Landeskirchen über Kantonsverfassungen weiterhin über Privilegien und sind Partner des Staates bei der Erfüllung von öffentlichen Aufgaben. Diese Privilegien werden gegenwärtig von einigen Juristen aber auch insbesondere von linken Politikern als eine Diskriminierung von Andersgläubigen empfunden, insbesondere von Muslimen, welche nicht über dieselben Rechte verfügen wie Angehörige von Landeskirchen. In diesem Kontext fordern die Parteispitzen der Schweizer Sozialdemokraten und der Grünen öffentlich-rechtliche Anerkennungen von islamischen Glaubensgemeinschaften und sogar einen „Schweizer Islam“.

Man kann meines Erachtens darüber streiten, ob es heute immer noch gerechtfertigt ist, dass die Landeskirchen trotz Mitgliederschwund und mangelndem Interesse an ihren Dienstleistungen staatliche Privilegien genießen. Ich persönlich stehe für eine strenge Trennung von Staat und Kirche und würde diese Frage natürlich verneinen. Allerdings ist die besondere Stellung der Kirchen etwas historisch Gewachsenes, das seit Jahrhunderten Bestand hat und damit mit der Schweiz und ihrer Geschichte verbunden ist, was ich als Schweizer respektiere. Es liegt in den Händen der jeweiligen Kantonsbürger, ihre Kantonsverfassungen zu ändern, wo die öffentlich-rechtlichen Anerkennungen von diesen Glaubensgemeinschaften niedergelegt sind. Unsere direkte Demokratie lässt die Abschaffung solcher Rechte jedenfalls zu. Aber was die Anerkennung von muslimischen Glaubensgemeinschaften anbelangt, kann ich einen solchen historischen Kontext beim besten Willen nicht erkennen. Anerkennungen von Glaubensgemeinschaften sind voraufklärerische Vorgänge, die christlichen Glaubensgemeinschaften eine Koexistenz ermöglichten, die sich zuvor bekriegten. Es ging hier um die Herstellung des Religionsfriedens in einem christlichen Zusammenhang nach einer Kirchenspaltung und Konfliktlösung und zwar in einer von Religon geprägten Zeit. Es ist ein historischer Kontext gegeben, der die hiesige Kultur über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Hinzu kommt, dass Kirchen es lernen mussten, mit den Vorgaben der Aufklärung zu leben und haben sich zusammen mit der Gesellschaft fortentwickelt, selbst die Katholische Kirche. Eine beispielsweise von der Ideologie der Muslimbruderschaft beeinflusste Moschee-Gemeinde kann mit dieser besonderen historischen Konstellation und mit diesem evolutiven Vorgang nicht in einen Zusammenhang gebracht werden.

Wenn wir das ursprüngliche, aus der Aufklärung hervorgegangene Verständnis der Glaubens- und Gewissensfreiheit, so wie dieses Grundrecht in der ersten Verfassungsurkunde der modernen Schweiz aus dem Jahr 1798 wiedergegeben wird, in Betracht ziehen und die dort enthaltenen Gedanken und Vorschriften dem Umgang unserer modernen Staaten in Europa mit dem Scharia-Islam, mit Salafismus, mit dem öffentlichen Beten, mit der Vollverschleierung, mit Hasspredigern, mit Kinderkopftüchern, mit Burkinis, mit dem Gedanken der öffentlich verbreiteten angeblichen Überlegenheit der muslimischen Glaubensgemeinschaft (Umma) gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften gegenüberstellen, kann ich es nur bedauern, dass wir uns von den Prinzipien und Grundgedanken der Aufklärung sehr weit entfernt haben, die überhaupt die Grundlage unserer Verfassungen und Grundrechten waren. Das Grundrecht der Glaubens- und Gewissensfreiheit war ganz offensichtlich nicht dafür geschaffen worden, um einer vormittelalterlichen archaischen Ideologie, die nichts mit der Aufklärung zu tun hat, sondern vielmehr das pure Gegenteil davon bedeutet, in Europa zum Durchbruch zu verhelfen. Dawa-Aktivitäten mit dem Ziel, die hiesige Bevölkerung zu bekehren und zu Salafisten zu formen, stehen im diametralen Widerspruch zu den ursprünglichen Gedanken der Gewissensfreiheit vor allem zu den oben angesprochenen Schranken, die bei der Schaffung des Rechts vorgegeben waren. Mit anderen Worten verfolgten die Verfassungsväter der Aufklärung mit der Schaffung dieses Grundrechts keineswegs das Ziel, öffentliche Glaubensakte geradezu in exzessiver Weise zu ermöglichen und zu erlauben, wenn man die immer noch stattfindende Verteidigung der Existenz von salafistischen Gegengesellschaften mit dem Hinweis auf die Grundrechte in Betracht zieht. Ganz im Gegenteil stand bei der Schaffung dieses Grundrechts die Aufklärung und die Sicherheit im Vordergrund und diese Werte gingen diesem Recht sogar vor, insbesondere bei der Verfolgung des gesellschaftspolitischen Zieles, eine sichere und aufgeklärte Gesellschaft aufzubauen. Dies kann man mit der Duldung von salafistischen Gegengesellschaften, die auf den Strassen Europas die Demokratie und die Menschenrechte verfluchen, und mit Staatsverträgen mit Moscheeverbänden, die der Muslimbruderschaft nahestehen, nicht wirklich in Einklang bringen und natürlich auch nicht mit der menschenverachtenden islamischen Vollverschleierung, die gegenwärtig von meines Erachtens etwas verwirrten Personen mit dem Hinweis auf den liberalen Rechtsstaat verteidigt wird.

Ich denke, dass es manchmal wichtig ist, zu den Wurzeln zurückzugehen, um nachzusehen, was man mit der Schaffung eines Rechts überhaupt beabsichtigt hatte, was ich mit diesem Blog tun wollte. Natürlich haben wir heute eine weiterentwickelte und freiheitlichere Verfassungsordnung als vor 220 Jahren. Dies soll uns jedoch nicht davon abhalten, die Ideale der Aufklärung weiterhin hochzuhalten, diese weiterhin anzustreben und uns auf diese zurückbesinnen, insbesondere auch dann, wenn es um den Umgang mit dem Islam und den voraufklärerischen gesellschaftspolitischen Forderungen der Scharia geht, die wir aus meiner Sicht nicht mit Rechten, die uns die Aufklärung beschert hat, fördern sollten. Vielmehr sollten wir uns auch die Schranken dieses Grundrechts in Erinnerung rufen, die gleichzeitig entstanden und heute etwas zurückgedrängt wurden. Ich jedenfalls sehe einen Widerspruch zwischen den Idealen der Aufklärung und der beinahe schrankenlosen Toleranz gegenüber der Scharia und werde mich immer dagegen wehren, dass Grundrechte in der Schweiz aber auch anderswo als Schariagewährleistungsrechte verstanden werden, die archaische Bedürfnisse befriedigen sollen. Das mag zwar nicht im Einklang mit der geltenden Verfassung stehen, aber Verfassungen können bekanntlich geändert werden, wie wir es in diesem Blog sehen konnten.

Für ein Verständnis der Glaubens- und Gewissensfreiheit der Aufklärung

Cem Özdemir und wie er die Welt nicht versteht

Vor dem Beginn der heutigen Islam-Konferenz gab der deutsche Grünen-Politiker mit türkischen Wurzeln, Cem Özdemir, der Zeitung WELT ein Interview. Der vorliegende Blog befasst sich mit einer Frage, die darin gestellt wurde und Cem Özdemirs Antwort.

„(…)

WELT: Dass sich die Türkei unter Erdoğan vom Kemalismus verabschiedet hat und in Richtung Islamismus aufgebrochen ist, lässt sich kaum dem Westen anlasten. 

Özdemir: In der Tat, die Hoffnung hat getrogen, das autoritäre, korrupte Militärregime in Ankara lasse sich durch eine Art konservative, um liberale und progressive Elemente ergänzte demokratisch-muslimische Partei ablösen. Es gab dafür durchaus Anzeichen, aber stattdessen hat Erdoğan die Seiten gewechselt und regiert heute mit einer Koalition von Fundamentalisten und Nationalisten. Das ist das Schlimmste, was der Türkei überhaupt passieren konnte. (…)“

***

Bereits in meinem Blog „Der gemäßigte Islamist Erdoğan – Appeasement bis zehn nach zwölf“, auf den ich gerne verweisen möchte, hatte ich vor etwas mehr als einem Jahr relativ umfassend die jahrelange Verharmlosung des türkischen Diktators im Westen am Beispiel der renommierten Schweizer Zeitung NZZ behandelt. Dabei hatte ich sämtliche Artikel, die ich ab 2002 in der NZZ finden konnte, in welchem Erdoğan oder seine Partei als „gemäßigt islamistisch“ bezeichnet wurden, zusammengetragen, kommentiert und unter anderem erklärt, weshalb es so etwas wie einen “gemäßigten Islamisten” nicht gibt.

Außerdem hatte ich darauf hingewiesen, dass Erdoğan den EU-Beitrittsprozess von Anfang an ganz bewusst dazu genutzt hatte, um die vierte Gewalt im türkischen Staate – namentlich den Nationalen Sicherheitsrat –  zu entmachten, was eine zentrale Forderung der EU für einen EU-Beitritt war. Diese Forderung war von Erdoğan nur zu gerne umgesetzt worden, weil damit genau jenes Hindernis aus dem Weg geräumt werden konnte, das ihn daran hindern würde, den türkischen Staat nach seinem Gutdünken umzubauen. Das Ergebnis davon ist heute für alle sichtbar: Es handelt sich um eine nationalislamistische neo-osmanische Präsidialdiktatur auf der Grundlage der Ideologie der türkischen Muslimbruderschaft. Der Name der entsprechenden Organisation dürfte insbesondere  deutschen Leserinnen und Leser bekannt vorkommen: Millî Görüş (“Nationale Sicht”) ist die von Necmettin Erbakan gegründete und vor allem seit Anfang der Siebzigerjahre in Deutschland groß gewordene türkisch-nationalistische Variante der Muslimbruderschaft.

Ich kann es den Menschen in Europa nicht übelnehmen, dass sie bei diesem vorgetäuschten Reformprozess Erdoğan auf den Leim gegangen sind und während Jahren nicht bemerkt haben, mit wem sie es hier zu tun hatten. Erdoğan war im Westen vor 2002 weitestgehend unbekannt und nur wenige kannten die obengenannten Zusammenhänge und seine politische Vergangenheit wirklich. Kaum einer kannte seine bedenklichen Aussagen, die er zuvor gemacht hatte, seit er die politische Bühne betreten hatte, oder kannte diese nur ungenau. Das trifft übrigens selbst heute noch zu, wie die Leserinnen und Leser gleich sehen werden. Das kann bei Cem Özdemir hingegen kaum behauptet werden, zumal wir hier von einem profilierten und an und für sich intelligenten Politiker sprechen, der Wurzeln in der Türkei hat, Türkisch spricht und nicht von einem Fussballer im Ruhestand, der in der Aktivenzeit zu viele Kopfbälle kassierte.

Hier einige dieser Aussagen Erdoğans, die man bei türkischen Muttersprachlern, die einigermassen gebildet sind, als bekannt voraussetzen kann. Deutsche Muttersprachler dürften diese leider nur ungenau oder unvollständig kennen, wenn überhaupt.

Aus der Zeitung MIlliyet vom 2. November 1994:

“Elhamdülillah, şeriatçıyız!”

(Al-hamdu lillah (Gott sei Dank), wir sind Schariaanhänger!)

Kurze sprachliche Erklärung: Im Türkischen existiert der Begriff “Islamist” nicht, obwohl die Sprache dies zulassen würde; man spricht von Schariaanhängern.

Eine weitere Rede von November 1994:

„Und jetzt (kommt’s)… Wenn von einem Staat die Rede ist, ist es in der Tat nicht möglich, dass dieser sowohl laizistisch als auch muslimisch sein kann; es ist notwendig, dass dieser (auch) als muslimisch bezeichnet werden, wie beispielsweise die Islamische Republik Pakistan. Ein Staat, dessen Bevölkerungsmehrheit aus Muslimen besteht, ist völlig etwas anderes. Unter diesen Umständen ist es natürlich nicht möglich, dass dieser (Staat) laizistisch ist. Und wenn wir von anderen einzelnen Einheiten sprechen – dies mag gleichzeitig in religiöser Hinsicht diskutabel sein – ist es gemäss Betrachtung (der Lehre) des Laizismus möglich, gleichzeitig laizistisch und muslimisch zu sein. Ich bin dieser Meinung, glaube ich.“

Gewiss kannte Özdemir auch die berühmte Fernsehsendung mit Aziz Nesin vom 21. November 1994, in welche Erdoğan LIVE zugeschaltet worden war. Über diese legendäre Sendung, die bei Türkeistämmigen als Allgemeinbildung gelten dürfte, habe ich einmal gebloggt und Erdoğans überaus bedenkliche Aussagen über die Scharia übersetzt. Das Ganze steht im Zusammenhang mit seiner Aussage vom 2. November 1994. Jeder Türkeistämmige, der nicht auf den Kopf gefallen war, hätte nach dem in dieser Sendung Gesagten erkennen müssen, was dieser Mann vorhatte.

Aus der Zeitung Milliyet vom 14. Juli 1996 wird Erdoğan mit den folgenden Worten zitiert:

„Die Demokratie ist ein Tram. Wir fahren dorthin, wohin wir fahren wollen und steigen dann aus. Die Demokratie ist kein Zweck sondern ein Werkzeug!“

Das war übrigens die korrekte Übersetzung des Zitats, das immer wieder falsch und unvollständig wiedergegeben wird. Meistens wird es mit dem “Moscheen-Kasernen-Gleichnis” in einen Zusammenhang gebracht. Das ist nicht korrekt, weil jene Aussagen nicht gleichzeitig sondern später erfolgten, namentlich im Jahr 1997. Am 21. April 1998 war Erdoğan verurteilt worden, nachdem er im Vorjahr in Siirt das folgende Gedicht zitiert hatte, das im deutschen Sprachraum nur auszugsweise bekannt ist, was dazu führt, dass man die Militanz des Nationalislamisten nur unvollständig erkennen kann.

„Soldatengebet

In meiner Hand das Gewehr, in meiner Seele der Glaube (an Allah),
Ich habe zwei Wünsche: Religion und Vaterland,
Meine Feuerstelle
(gemeint ist mein Zuhause) ist die Armee,
Mein Grosser
(mein Führer resp. Oberhaupt) ist der Sultan.
Hilf dem Sultan, oh Allmächtiger!
Vermehre sein Leben, oh Allmächtiger!

Die Minarette sind (unsere) Bajonette, die Kuppeln (unsere) Helme,
Die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen
(unsere) Soldaten,
Diese heilige Armee wacht über meine Religion.
Allahu Akbar, Allahu Akbar
(Gott ist am grössten)!

Unser Weg ist der heilige islamische Krieg zwecks Verbreitung der Religion,
Unser Ende ist das Martyrium;
Unsere Religion verlangt Aufrichtigkeit und Dienst an der Allgemeinheit,
Unsere Mutter ist das Vaterland
(auf Türkisch sagt man nicht Vaterland sondern „Mutterland“),
Unser Vater die Nation;
Lass das Vaterland blühen, oh Allmächtiger!
Lass die Nation sich freuen, oh Allmächtiger!

Deine Flagge ist der Glaube an die Existenz Gottes und deine Fahne das Sichelmond,
Die eine ist grün und die andere rot,
Zeige dich gegenüber dem Islam mit Mitleid und räche dich am Feind.
Mache, dass der Islam bis in die Unendlichkeit existiert, oh Allmächtiger!
Vernichte die Feinde, oh Allmächtiger!

Auf dem Schlachtfeld sind so manche tapfere junge Männer für die Religion und für die Heimat zu Märtyrern geworden;
Aus ihrer Feuerstelle
(aus ihrem Zuhause) soll Rauch kommen (d.h. ihre Häuser sollen bewohnt sein),
Die Hoffnung soll nicht erlöschen!
Mache den Märtyrer nicht traurig, oh Allmächtiger!
Mache sein Geschlecht
(seine Nachkommenschaft) nicht schwach, oh Allmächtiger!“

Nach der Vorstellung Özdemirs war also ein Mann, der ein solches Weltbild hatte, von einem Tag auf den anderen zu einem liberal-konservativen Demokraten verwandelt worden – ein Geläuterter sozusagen – und nach einigen wenigen Jahren hatte sich sein altes Ich wieder durchgesetzt, er war wieder ein Islamist und er tat genau das, was er in den Neunzigerjahren angekündigt hatte.

Denkt Cem Özdemir das wirklich?

Zum Schluss möchte ich aus nachvollziehbaren Gründen einige persönliche Worte an Cem Özdemir richten und ich hoffe, dass er diese Zeilen liest:

Nein, Cem Özdemir, Erdoğan hat niemals die Seiten gewechselt, wie Sie es immer noch zu behaupten wagen! Erdoğan war sein Leben lang ein Islamist und hat diese Eigenschaft zu keinem Zeitpunkt abgelegt. Es war nicht so, dass ihn seine alten Dämonen wieder einholten. Er ist nicht wieder abgestürzt wie ein Alkoholiker, der jahrelang trocken war. Er hat vielmehr den liberalen Reformer gemimt, um den säkularen, pluralistischen und sozialen türkischen Rechtsstaat mit Gewaltenteilung zu beseitigen, der zugegebenermassen erhebliche Defizite aufwies, europäischen Standards kaum entsprach, aber immer noch besser war als eine islamistische Einmann-Diktatur ohne Gewaltenteilung, die demnächst auch das von Kemal Atatürk abgeschaffte Kalifat wiedererrichten dürfte.

Nur so entre paranthèses zu Ihrer Aussage über ein angebliches “Militärregime in Ankara”: Die Vorgängerregierung von Erdoğan war jene von Bülent Ecevit (von der linken DSP) und zwar ab 1999. Sie haben also selbst heute noch den Nerv, Ecevits Regierung als „Militärregime“ zu bezeichnen, die von einer demokratischen und geläuterten Islamistenregierung abgelöst wurde? Welcher Partei gehören Sie schon wieder an? Muss ich hier als Liberaldemokrat wirklich verstorbene linke Politiker vor solchen Beleidigungen in Schutz nehmen?

Dass Europäer, die von den oben genannten Dingen keine Ahnung hatten und sich naiv verhielten, kann man vielleicht selbst heute noch durchgehen lassen. Bei Ihnen hingegen ist dies unverzeihlich, vor allem auch deswegen, weil Sie es immer noch nicht begriffen haben, dass Erdoğan die Europäer geleimt hat und Sie – statt die Europäer mit Ihrem Wissen als Türkeistämmiger zu warnen – sich noch naiver verhielten als diese.

Schaf

(Symbolbild)

 

 

Cem Özdemir und wie er die Welt nicht versteht

Die “feministische Theologin” und ihr ambivalentes Verhältnis zum Patriarchat

Doris Strahm, eine feministische Theologin aus der Schweiz, ist letzte Woche mit fünf weiteren prominenten linken Frauen medienwirksam aus der katholischen Kirche ausgetreten. In Deutschland und in Österreich dürfte man sie vermutlich außer in Fachkreisen kaum kennen, was für die weitere Lektüre dieses Blogs keine Rolle spielt, zumal ähnliche Kuriositäten, die ich heute ansprechen möchte, sich auch in unseren beiden Nachbarländern abspielen dürften und wohl auch anderswo in der westlich geprägten Welt. Doris Strahm ist jedenfalls schweizweit bekannt unter dem Stichwort „interreligiöser Dialog“, hat diverse Bücher und Aufsätze hauptsächlich in diesem Themenbereich geschrieben, hatte mehrere Lehraufträge und ist die Mitbegründerin des „interreligiösen Think-Tanks“ „IG feministische Theologinnen“. In ihrer gemeinsamen Medienmitteilung, in welcher sie insbesondere die rigide Abtreibungspolitik der katholischen Kirche kritisierten und sich dabei auf die jüngste Äußerung von Papst Franziskus bezogen, wonach Abtreibung Auftragsmord sei, schrieben die sechs Frauen:

„(…) Die Frauenfeindlichkeit hat in der römisch-katholischen Klerikerkirche seit Jahrhunderten System. Zölibatäre Kirchenmänner bestimmen über den Körper und die Sexualität der Frau, vertreten eine rigide und menschenfeindliche Sexualmoral (…)“.

 Weiter schrieben sie:

„(…) Einem solchen System wollen wir als Feministinnen nicht länger angehören: Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Und wie sich zeigt, ist auch unter Papst Franziskus nicht zu erwarten, dass sich dieses patriarchale System vielleicht doch noch ändern könnte. (…)“

Und sie schlossen mit den Worten:

„(…) Doch den römisch-katholischen Machtapparat mit seiner patriarchalen Theologie wollen wir mit unserer Mitgliedschaft nicht länger unterstützen. Wir gehen.“

Gegenstand meines heutigen Blogs ist nicht der Kirchenaustritt dieser Frauen sondern die islamapologetische Haltung Doris Strahms sowie eine Aussage aus einem Aufsatz, die mir ganz besonders auffiel. Nachdem Doris Strahm wegen des Patriarchats der katholischen Kirche, dessen Existenz ich selbstverständlich niemals bestreiten würde, ausgetreten war, wollte ich natürlich ihre Auffassungen über den Islam erfahren. Da sie sich als eine „feministische Theologin“ bezeichnet und sie und ihre Mitstreiterinnen politisch links stehen, hatte ich natürlich eine ganz konkrete und teilweise auch von Vorurteilen geprägte Erwartung, die allerdings nicht wirklich zu meiner großen Überraschung in jeder Hinsicht erfüllt wurde: Doris Strahm hat meines Erachtens eine überaus verharmlosende und in jeder Hinsicht wohlwollende Haltung gegenüber dem Islam. Dass das Patriarchat im Islam ein Wesensmerkmal ist und jenes der von ihr vielgescholtenen katholischen Kirche geradezu harmlos erscheinen lässt, würde sie in ihrer ganz grundsätzlich islamapologetischen Haltung so nicht stehen lassen.

Nur so nebenbei: Das Patriarchat im Islam ist so weitreichend und kulturprägend, so dass sogar säkulare Muslime und selbst Atheisten aus dem entsprechenden Kulturkreis davon beeinflusst sind.

Frauendiskriminierende Inhalte der Scharia werden in den Texten, die ich von Doris Strahm las, jedenfalls nirgends kritisch thematisiert und selbstverständlich würde sie im islamischen Kopftuch anders als ich kein Durchsetzungsinstrument der Scharia erkennen, welches die archaische Sexualmoral des Islam gewährleisten will. Dass es in dieser Sexualmoral unter Anderem darum geht, Frauen und Männer, die nicht verheiratet oder miteinander verwandt sind, gesellschaftlich möglichst zu trennen, weil das Gegenteil davon als Unsitte und Unmoral wahrgenommen wird, vermag sie nicht zu erkennen ebenso wenig die Tatsache, dass Frauen von dieser Sexualmoral und mit dem damit einhergehenden Patriarchat in diskriminierender Weise wesentlich stärker betroffen sind als Männer. Was sie aber vor allem nicht begriffen hat, ist die Tatsache, dass die katholische Kirche nicht wirklich über den Körper und Sexualität der Frau bestimmt, wie die sechs Frauen dies in ihrer Medienmitteilung schrieben, nur schon deshalb nicht, weil ihr die Mittel des Zwangs fehlen. Anders sieht dies in den islamischen Gesellschaften und Parallelgesellschaften im Westen aus, wo entsprechende Pflichten aus der Welt der islamischen Sexualmoral entweder durch den islamisch geprägten Staat oder durch die Gläubigen selbst durchgesetzt werden. Etwaige Einwände oder Kritik gegen diese Dinge werden von ihr pauschal als „neokolonialer Duktus westlicher Feministinnen“ bezeichnet, so Strahm in einer kopftuchapologetischen Vorlesung aus dem Jahr 2007 im Rahmen ihres Lehrauftrags für „Feministische Gender Studies“ an der Universität Luzern mit dem vielsagenden Titel „Schleiersichten – Feministische Debatten um das Kopftuch, Geschlechterkonzepte und Religion“.

Ich will mich nicht länger mit dem Islam-Appeasement von Doris Strahm in ihren Texten befassen, das freilich in einem offenkundigen Widerspruch zu ihrer Kritik gegenüber der katholischen Kirche steht. Wer das Patriarchat der katholischen Kirche, die katholische Sexualmoral und die Vereinnahmung des weiblichen Körpers meines Erachtens völlig zu Recht kritisiert, sollte meines Erachtens auch einen kritischeren Blick gegenüber dem Islam haben und damit aufhören, das Patriarchat im Islam schön zu reden.

Wie bereits erwähnt, soll das eigentliche Hauptthema meines heutigen Blogs eine einzelne aber vielsagende Aussage von Doris Strahm sein, die ich nachfolgend zitieren möchte. Ich las sie mehrmals und ließ sie so richtig auf der Zunge zergehen und empfehle meinen Leserinnen und Lesern das Gleiche zu tun, um zu erkennen, mit welcher Gedankenwelt wir es hier zu tun haben, die an unseren Universitäten weitervermittelt wird. In ihrem islamapologetischen Aufsatz „Damit es anders wird zwischen uns“ aus dem Jahr 2014 schreibt Doris Strahm:

„ (…) Ein Schlüsselwort in den interreligiösen Dialogen von Frauen ist daher Veränderung: Veränderung der patriarchalen religiösen Traditionen und Strukturen. Frauen eignen sich die Definitionsmacht an, lesen die Heiligen Schriften mit ihren Augen und suchen nach den befreienden Elementen in ihren religiösen Traditionen, um die patriarchalen Strukturen zu transformieren. (…)“

Als ich diese Sätze las, musste ich natürlich zunächst schmunzeln, weil diese im Zusammenhang mit ihrem Kirchenaustritt nichts anderes bedeuteten, als dass Doris Strahm selbst bei diesem Vorhaben kolossal gescheitert war. Ihre Aneignung der „Definitionsmacht“ hatte ihr jedenfalls nichts gebracht, sofern so etwas in ernstzunehmender Art und Weise überhaupt jemals stattfand, auch nicht das Lesen der „Heiligen Schriften“ mit Frauenaugen. Und vor allem war es ihr mit solchen Aktionen offensichtlich nicht gelungen, die „patriarchalen Strukturen“ der katholischen Kirche zu „transformieren“.

Da es im Aufsatz, aus dem die vorzitierte Textstelle stammt, nicht um die Kirche sondern vielmehr um den Islam geht, ist es nur fair, sich die Frage zu stellen, ob ein solches Vorhaben in der Welt des Islam gelingen könnte. Genau darin besteht ja die Forderung der „feministischen Theologin“. Das bedeutet also, dass sie von muslimischen Theologinnen erwartet, dass sie den Koran (und wohl auch die Hadithe) mit Frauenaugen lesen, nach befreienden Elementen suchen und damit den Islam von dessen patriarchalen Strukturen transformieren.

Die Leserinnen und Leser sollten nicht so pessimistisch sein! Die Antwort auf die Frage, ob so etwas möglich ist, ist ein klares Ja! Selbstverständlich ist so etwas möglich, dies allerdings in erster Linie an Universitäten in westlich geprägten Ländern, wo man dank den akademischen Freiheiten die Verquickung des Gender-Feminismus mit den Islamwissenschaften an Lehrveranstaltungen hautnah miterleben kann. Dort sind der Fantasie natürlich keine Grenzen gesetzt und man kann die ideologisch motivierte „Wissenschaft“ betreiben, die eigentlich keine ist, in der jede Kritik gegenüber dem Islam als „postkolonialer Rassismus“ bezeichnet wird, vermutlich begangen von weißen privilegierten heterosexuellen Cismännern, die über 50 sind.

In muslimisch geprägten Ländern hingegen müssten muslimische Frauen zuerst einmal überhaupt das Glück haben, in den Genuss eines Theologiestudiums zu kommen. Das ist nicht in jedem Land möglich. Wenn eine solche Theologin, der dies gelingt, danach eine feministische Lesart des Koran entwickeln und diese sogar an der Universität lehren würde, um den Islam von dessen patriarchalen Strukturen zu transformieren, würde sie allerdings ernsthafte Probleme bekommen, die man durchaus als lebensbedrohlich bezeichnen kann.

Die zweite Frage, die man sich auch stellen sollte: Gesetzt der Fall, dass die muslimische feministische Theologin mit der selbstgegebenen Mission, die patriarchalen Strukturen der islamischen Gesellschaft, in der sie lebt, und die islamische Theologie zu transformieren, nicht gelyncht wird: Glaubt Doris Strahm wirklich, dass islamische Gesellschaften dazu bereit sind, eine allfällige feministische Lesart der heiligen Schriften des Islam durch solche Gelehrte anzunehmen und ein eigenes und modernes Lebenskonzept daraus zu machen, so dass tatsächlich eine gesellschaftliche Transformation erfolgt? Wo soll das stattfinden? In den Scharia-Parallelgesellschaften in Europa? Oder gar in den muslimisch geprägten Ländern selbst?

Wer solche Dinge wirklich in Betracht zieht – und dies scheint bei Doris Strahm der Fall zu sein – ist hauptsächlich ideologisch motiviert und verfolgt geradezu utopische Ziele, die mit der Realität nichts zu tun haben. Vielleicht sollte sich Doris Strahm die nachfolgenden Fragen stellen und versuchen, diese ehrlich zu beantworten. Sie sind eine Art „Reality Check“ für „feministische Theologinnen“ mit einem ambivalentem Verhältnis zum Patriarchat.

„Ist das, was ich als Doris Strahm tue und in der Vergangenheit tat, auch in einem islamischen Kontext möglich? Gibt es feministische Theologinnen in muslimisch geprägten Ländern, die eine feministische Lesart der Heiligen Schriften (Koran, Hadithe und Sira) propagieren, um ihre patriarchalen Gesellschaften und Strukturen zu transformieren? Wie viele feministische Theologinnen in muslimisch geprägten Ländern mit Lehraufträgen an der Universität, die so etwas tun, engagieren sich im Bereich des „interreligiösen Dialogs“, bei welchem sie als Angehörige der Mehrheitsreligion Islam auf Geistliche und andere Vertreter anderer Religionen zugehen, sich genuin für die anderen interessieren und andere Religionen als eine Bereicherung wahrnehmen? Und vor allem: Wie viele feministische Theologinnen in islamisch geprägten Ländern haben – nachdem sie erkannt haben, dass sie die patriarchalen Strukturen ihrer Glaubensgemeinschaft nicht aufweichen können – sich vom Islam abgewandt und diese Handlung überlebt?“

Frauen

 

 

Die “feministische Theologin” und ihr ambivalentes Verhältnis zum Patriarchat

Über Hadithe und deren Rolle bei der Gestaltung einer islamischen Gesellschaft – Kritische Betrachtungen

Anfangs September dieses Jahres hat mich die geradezu hysterische Reaktion gewisser Journalistinnen und Journalisten veranlasst, Thilo Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ zu kaufen. Ich war einfach neugierig und wollte erfahren, was diese kolossale Empörung ausgelöst hatte. Schockiert hat mich das Buch keinesfalls. Schließlich las ich das Buch dann aber doch nicht zu Ende, weil es einige faktische Fehler enthielt, die nur von Unkundigen begangen werden können, auf die ich hier nicht eingehen möchte, zumal dies ohnehin nicht der Hauptgrund war, weshalb ich irgendeinmal die Lust verlor, weiter zu lesen. Es war vielmehr die aus meiner Sicht geradezu kindische Annäherung Sarrazins zum Korantext und vor allem auch seine ungenügende Behandlung der Hadith-Problematik. Dieser Herr – immerhin ein Akademiker – hatte sich einfach hingesetzt, den Koran von der ersten Seite bis zur letzten Seite durchgelesen und dachte tatsächlich, dass er mit dieser doch sehr eigenwilligen Methode eine objektive Meinung über „den Islam“ (was immer dieser Begriff für ihn bedeuten mag) bilden könne. Nur so nebenbei erwähnt: Selbst ich habe den Koran noch nie von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, obwohl ich über diese Dinge regelmäßig blogge. Ich werde es auch nie tun, weil ich ein solches Unterfangen für völlig sinnlos halte. Die Methode Sarrazins entspricht ungefähr der Annahme, dass man durch die Lektüre des BGB, ZGB/OR oder des ABGB – jeweils von der ersten bis zur letzten Seite des jeweiligen Gesetzeswerkes, so wie Sarrazin es mit dem Koran tat – das Zivilrecht Deutschlands, der Schweiz oder Österreichs verstehen könne. Darüber hinaus konnte ich – wie erwähnt – über seine geradezu dilettantische und vor allem auch viel zu kurze Behandlung der Hadithe und deren Bedeutung nur den Kopf schütteln. Der negative Eindruck über das Buch ließ mich dann nicht mehr los, obwohl ich auch viele Dinge darin las, denen ich absolut zustimmen kann und andererseits mit interessantem Zahlenmaterial konfrontiert wurde, das er als Volkswirt selbstverständlich gut lesen und interpretieren konnte. In meinem heutigen Blog soll es allerdings nicht um eine Buchkritik sondern um diese von Sarrazin und von anderen Personen, die sich ähnlich islamkritisch äußern, stiefmütterlich behandelten Hadithe und deren Bedeutung für die islamische Gesellschaft gehen. Ich halte diese ungenügende Berücksichtigung der Hadithe und die immer wieder anzutreffende Konzentration auf den Korantext für fatal, weil ein erheblicher Teil der Probleme in westlichen Gesellschaften im Zusammenhang mit der Scharia sowie die Bildung von muslimischen Parallel- und Gegengesellschaften ihre Grundlagen in den Hadithen haben und weitaus weniger im Koran. Ich werde nach der Behandlung der Hadithe kritische Betrachtungen vornehmen und insbesondere darauf eingehen, was die Hadithe auch für westliche Gesellschaften bedeuten, zumal sich doch schon einige Menschen in diesen aufhalten, für welche die Hadithe eine wichtige Rolle spielen.

Man kann die Hadithe nicht verstehen, ohne zuvor kurz auf die Entstehungsgeschichte des Islam aus der Perspektive der Muslime einzugehen. Der Gründungsmythos des Islam ist klar theologisch aber auch politisch motiviert, was viele wenn nicht gar die meisten Islamwissenschaftler nicht davon abhält, diesen dennoch für wahr respektive für historisch zu halten oder zumindest das meiste davon. Ich persönlich habe eine völlig andere Ansicht darüber, wie der Islam entstanden ist, was ich in einem früheren Aufsatz bereits angesprochen habe. Ich halte Mohammed für eine nachkoranische Erfindung auf der Grundlage der Hadithe und der Sira und denke ähnlich wie die meisten Forscher der Inarah-Gruppe, dass der Mohammed im Koran eine andere Person beschreibt, namentlich Jesus, dem der Ehrentitel „der zu Preisende“ beigegeben wurde, was „mohammad“ eben auch bedeutet und damit ein Gerundiv ist. Erst die wesentlich später entstandenen Hadithe und die Sira haben Leben in diese unbekannte und namentlich nicht genannte Person eingehaucht, womit aus dem Ehrentitel für Jesus „mohammad“ eine eigenständige Person entstand, der den Vornamen Mohammad trug. Darüber hinaus denke ich, dass der Koran wesentlich früher entstanden ist, als dies von der Tradition angenommen wird. Jedenfalls legt meines Erachtens auch das neu entdeckte Koranfragment „Birmingham Koran“ aufgrund dessen Radiokarbondatierung (568-645 n. Chr.) diesen Schluss nahe. Meine Auffassungen spielen allerdings für den praktizierten Islam überhaupt keine Rolle, weil Gläubige von der Wahrheit der Entstehungsgeschichte des Islam ausgehen, was Teil des muslimischen Glaubens ist.

Gemäß islamischer Überlieferung und Vorstellung soll ein arabischer Prophet namens Mohammed ab seinem 40. Altersjahr und während 23 Jahren bis zu seinem Tod – sprich zwischen den Jahren 610 bis 632 – auf dem Gebiet des heutigen Saudi Arabiens mehrfach vom Erzengel Gabriel aufgesucht worden sein. Der Erzengel soll Mohammed das unmittelbar von Gott ausgesprochene Wort übermittelt haben, damit dieser die entsprechenden göttlichen Verlautbarungen an die Menschen weitergeben konnte. Diese sogenannten Offenbarungen seien in der Form von Suren erfolgt, was man mit Korankapitel übersetzen kann. Diese Suren ihrerseits sind in Ayat (Verse) aufgeteilt. Da nach islamischer Vorstellung Gott mit dem Koran höchstpersönlich zu den Menschen spricht, ist dieser beinahe vollständig in direkter Rede verfasst. Mohammed hingegen spricht im Koran nicht. Selbst sein Name (wenn es sich überhaupt um einen Eigennamen handeln sollte) kommt im Koran nur viermal vor.

Gemäß islamischer Darstellung hätten die ersten Muslime die Suren, die ihnen der Prophet Mohammed vorgetragen habe, in erster Linie auswendig gelernt, mündlich weitergegeben, aber auch teilweise schriftlich niedergeschrieben. Jedenfalls habe es bis rund 25 Jahre nach dem Tod des Propheten den Koran in der vollständigen und uns heute bekannten Form gar noch nicht gegeben. Gemäß Darstellung der Tradition sei erst unter dem Kalifen Uthman der Koran in der angeblich auch heute noch bekannten redaktionellen Form entstanden. Auch die Reihenfolge der Suren, die keiner Chronologie folgt, würde auf diesen Uthman zurückgehen. Aus welchen Gründen auch immer sind die Suren im Koran redaktionell der Länge nach angeordnet. Der Koran beginnt mit der Eröffnungssure al-Fatiha, die dieses Prinzip durchbricht, weil sie das islamische Hauptgebet bildet. Anschließend folgen die Suren allerdings der vorgenannten Logik, womit die 2. Sure des Koran (al-Baqara, die Kuh) die längste Sure des Koran ist. Aufgrund der Bedeutung dieses Kalifen Uthman, dessen Existenz übrigens umstritten ist, spricht man vom sogenannten uthmanischen Kodex und gemäß islamischer Vorstellung sunnitischer Prägung entspreche dieser Kodex zu 100% dem heute „geltenden“ Kairoer Ausgabe aus dem Jahr 1924. Das stimmt selbstverständlich nicht, entspricht aber dem islamischen Glauben. Jedenfalls existieren zwischen vielen frühen Handschriften (wie beispielsweise die Koranfragmente von Sana’a) und der heute gültigen Ausgabe viele Unterschiede. Wie so oft im Islam haben wir es hier mit religiös motivierten Behauptungen zu tun.

Der Koran ist vom Umfang her ungefähr zehnmal kürzer als die Bibel (circa 77’000 gegenüber rund 774’000 Wörtern), enthält viele Geschichten über „Propheten“ wie Jesus, Moses, Noah und Abraham und kann in dieser Eigenschaft keine umfassende Rechts- und Gesellschaftsordnung gestalten, was die Scharia letztendlich ist. Diese Lücken werden insbesondere durch die Hadithe gefüllt, wobei diese Lückenfüllung massiv ist, wie die Leserin oder der Leser weiter unten im Text sehen wird.

Zwei Stellen im Koran spielen im Zusammenhang mit den Hadithen eine entscheidende Rolle und verknüpfen gewissermaßen die Hadithliteratur mit dem (göttlichen) Koran.

Sure 3, Vers 32

Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Doch wenn sie sich abkehren, so liebt Allah die Ungläubigen nicht.

Sure 33, Vers 21

Ihr habt ja im Gesandten Allahs ein schönes Vorbild, (und zwar) für einen jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allahs viel gedenkt.

Ein Gläubiger muss also nicht nur Gott gehorchen, der im Koran Befehle an die Gläubigen erteilt und Verhaltensnormen vorgibt. Er soll auch den Geboten und Befehlen des Propheten folgen (Sure 3, Vers 32). Darüber hinaus soll er sein vorbildliches Verhalten kopieren (Sure 33, Vers 21). Die entsprechenden Informationen, wie dies zu bewerkstelligen ist, entnimmt der gläubige Muslim insbesondere aus den Hadithen aber teilweise auch aus der Sira (fromme kanonisierte Prophetenbiographie), zumal die entsprechenden Informationen im Koran nicht vorhanden sind. Wenn ein Muslim diesen durch die Hadithe überlieferten Befehlen des Propheten folgt und auch das überlieferte vorbildliche Verhalten des Propheten kopiert, folgt er der sogenannten Sunna des Propheten, d.h. er lebt im Sinne der prophetischen Tradition. Wenn ein Muslim dies tut, führt er ein gottgefälliges Leben, zumal es nach islamischer Vorstellung ja Gott ist, der die vorgenannten beiden Koranverse den Menschen offenbart hat.

Wie ein gläubiger Muslim diese Regeln auf der Grundlage des Koran, der Hadithe und der Sira befolgen kann, beantwortet ihm die Scharia („der Weg zur Quelle“), was nichts anderes ist als die Gesamtheit dieser Quellen inklusive die Methode der Rechtsfindung. Wie in meinem letzten Blog erwähnt, handelt es sich bei der Scharia damit um Recht im weitesten Sinne, womit die Scharia eine Gesellschafts- und Rechtsordnung darstellt respektive abbildet, namentlich eine islamische Gesellschafts- und Rechtsordnung. Es geht beim Begriff Scharia damit bei weitem nicht nur um das islamische Zivil- und Strafrecht sondern um weitaus mehr, weil sie letztendlich sämtliche islamische Verhaltensnormen umfasst.

Die Hadithe beschreiben oft konkrete Alltagssituationen oder -episoden aus dem Leben des Propheten, in welchen Mohammed meistens der Hauptdarsteller ist, der teilweise etwas befiehlt oder sonst etwas gegenüber den Menschen, die ihn gerade umgeben oder ihn begleiten, bemerkt oder etwas kommentiert, etwas tut oder eben unterlässt und damit den Gläubigen kopierbare Verhaltensweisen vorgibt. Andererseits stellen Hadithe auch den Offenbarungszusammenhang der Koransuren her, was für die Interpretation des Koran oft entscheidend ist, weil eine Koranstelle erst durch einen entsprechenden Hadith jenen Sinn erlangt, dem die Doktrin und mit ihm die überwiegende Mehrheit der Scharia befolgenden Muslime folgen. Die Hadithe beeinflussen aufgrund des hergestellten Offenbarungszusammenhangs auch die Übersetzungen des Koran, zumal die Übersetzer in der Regel  von der Wahrheit dieser in den Hadithen niedergelegten Geschichten ausgehen. Das ist nicht naheliegend und wird insbesondere von einigen Forschern der Inarah-Gruppe bestritten, die eine andere Geschichte des Frühislam erzählen. Auch wenn ich persönlich deren Darstellungen über den Frühislam für plausibler halte, spielt dies nur eine akademische Rolle, weil die überwiegende Mehrheit (wenn nicht gar alle) der Scharia befolgenden Muslime an die Entstehungsgeschichte der Hadithe, so wie diese von der Tradition dargelegt wird, glaubt, sofern diese für ihren Glauben maßgeblich sind. Die Interpretation und die Maßgeblichkeit der Hadithe hängen dabei sehr wesentlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmte Rechtsschule des Islam ab aber auch von lokalen Traditionen und dem Grad der individuellen Orthodoxie, wobei es selbstredend auch innerhalb der Rechtsschulen wie auch unter Individuen unterschiedliche Auffassungen gibt.

Hadithe gibt es zu Hunderttausenden, was nichts anderes bedeutet als, dass der Koran vom Umfang her nur einen kleinen Teil davon ausmachen kann, was die Scharia ist. Meines Erachtens ist diese Erkenntnis entscheidend. Erst durch die Hadithe wird die Scharia zu einer allumfassenden Gesellschafts- und Rechtsordnung mit detaillierten Verhaltensnormen. Ausserdem bestimmen sie – wie erwähnt – die Auslegung des Korantextes. Mit dem Korantext allein wäre es nur schon aufgrund dessen Kürze gar nicht möglich, zu allen möglichen und unmöglichen Lebenssachverhalten eine islamische Meinung zu äußern.

Im sunnitischen Islam sind sechs Hadith-Sammlungen kanonisch, was allerdings nicht heißen soll, dass andere Hadithe keine Bedeutung hätten. Bei den vorgenannten kanonischen sunnitischen Hadith-Sammlungen handelt es sich um Sahih Bukhari und Sahih Muslim, die heiligsten Hadith-Quellen des sunnitischen Islam sowie um Ibn Madsch, Abu Dawud, Tirmidhi und Nasa’i. Die Autoren dieser Werke sind zwischen den Jahren 870 und 915 verstorben und haben damit über Vorgänge geschrieben, die sich angeblich zwischen den Jahren 610 und 632 abgespielt haben. Vor der Niederschrift seien die Hadithe gemäß Darstellung der Tradition mündlich überliefert worden.

Faktisch bedeutet dies, dass Hadithe mehrere hunderttausendfach auf die nachfolgende Art und Weise übertragen wurden, bis sie schriftlich erfasst wurden:

A hat von B gehört, der seinerseits von C gehört habe, der von D vernommen habe, wonach E den Gesandten Allahs gehört habe, wie er dieses und jenes gesagt hat (oder sich auf diese oder jene Art und Weise verhielt), als dies und das geschah (oder diese oder jene Frage gestellt wurde etc.).

Aus diesen hunderttausenden von Hadithen haben insbesondere auch die Autoren der vorgenannten wichtigen Hadith-Sammlungen unter Anwendung von in wissenschaftlicher Hinsicht zweifelhafter wenn nicht gar willkürlicher Methoden die „richtigen“ herausgesucht. Hierbei spielte insbesondere die angebliche Vertrauenswürdigkeit der sogenannten „Isnad“ (Überlieferungskette von Personen, welche den Hadith mündlich weitergegeben haben sollen) eine Rolle. Diese ist nicht immer gleich stark, wobei der Begriff „sahih“ (echt) die höchste Vertrauenswürdigkeitsstufe eines Hadith darstellt und ein solcher damit einen höheren Anspruch auf Authentizität genießt. Deshalb heißen die beiden heiligsten Hadith-Sammlungen des sunnitischen Islam Sahih Bukhari und Sahih Muslim, die in ihrer Heiligkeit unmittelbar nach dem Koran kommen. Der Grad der Vertrauenswürdigkeit eines Hadith basiert auf den in der Isnad genannten Personen, deren Bedeutung, deren Leumund, deren Vertrauenswürdigkeit im Generellen und der soweit wie möglichen Lückenlosigkeit der Überlieferungskette, wobei im Islam kaum in Betracht gezogen wird, dass nebst dem Hadith auch die Überlieferungskette erfunden sein könnte. Es gibt auch weitere Kriterien, die für die Maßgeblichkeit eines Hadith eine Rolle spielen, etwa dass er dem Koran nicht widersprechen darf, was die wichtigste Voraussetzung für die Vertrauenswürdigkeit eines Hadith ist.

Ich werde nun einige Hadithe wiedergeben, damit der Leser einen Eindruck erhält, was in diesen Texten steht. Ich werde die islamische Formel, mit der jeweils der Prophet gesegnet wird, wenn sein Name erwähnt wird respektive von ihm die Rede ist, weglassen, weil dies den Text lesbarer macht.

Aus der Hadith-Sammlung Sunnan Abu Dawud:

Der Hadith beantwortet die Frage: „Wann sollte einem Knaben befohlen werden, dass er das Gebet verrichtet?“

„As Subarah erzählt:

Der Prophet sagte: Befehle einem Jungen mit sieben Jahren, dass er das Gebet verrichten soll. Wenn er das zehnte Jahr erreicht hat, prügle ihn zum Gebet.“

Aus Ahmad Ibn Hanbal 5:75; Abu Dawud, Adab 167:

Abu al- Malih ibn`Usamas Vater bezog sich darauf, dass der Prophet gesagt haben soll: „Beschneidung ist Gesetz für die Männer und eine Bewahrung der Ehre für Frauen“.

Aus Sunnan Abu-Dawud:

„Eine Frau nahm in Medina Beschneidungen (bei Frauen) vor. Der Prophet sagte zu ihr: Schneide nicht zu viel, weil dies besser ist für die Frau und begehrenswerter für den Mann. Abu Dawud sagt dazu: Er (der Hadith) wurde von ‘Ubaid Allah b. ‘Amr from ‘Abd al-Malik mittels einer anderen Überlieferungskette übertragen Abu Dawud sagt ferner: Es ist keine starke Übermittlung. Er (der Hadith) sei in der mursal Form übertragen (es fehle der Link zu den Begleitern). Abu Dawud sagt: Mohammad b. Hasan ist eine obskure Quelle. Die Überlieferung ist schwach.“

Aus Sahih al-Bukhari, Band 5, Buch 58, Nummer 234:

„Erzählt von Aisha:

Der Prophet verlobte sich mit mir, als ich ein Mädchen von sechs Jahren war. Wir gingen nach Medina und wohnten im Haus von BanialHarith bin Khazraj. Dann wurde ich krank und mein Haar fiel aus. Später wuchsen meine Haare (wieder) und meine Mutter, Um Ruman, kam zu mir, während ich mit einigen meiner Freundinnen auf einer Schaukel spielte. Sie rief mich, und ich ging zu ihr, ohne zu wissen, was sie mit mir vorhatte. Sie ergriff mich bei der Hand und ließ mich an der Tür des Hauses stehen. Ich war außer Atem, und als sich mein Atem wieder beruhigt hatte, nahm sie etwas Wasser und rieb mir Gesicht und Kopf ab damit. Dann brachte sie mich ins Haus. Dort im Haus sah ich einige AnsariFrauen, die sagten: “Alles Gute und Allahs Segen und viel Glück”. Dann vertraute sie mich ihnen an und sie bereiteten mich (für die Hochzeit) vor. Unerwartet kam am Vormittag der Gesandte Allahs zu mir und meine Mutter übergab mich ihm, und damals war ich ein neunjähriges Mädchen.“

Aus Sahih Bukhari, Über das Kämpfen für die Sache Allahs (Dschihad), Kapitel 9: Der Kampf gegen die Juden:

Erzählt von Abu Huraira:

Allahs Gesandter sagte: „Die Stunde (die von den Muslimen erwartete und herbeigesehnte Apokalypse) wird nicht kommen, bis ihr mit den Juden kämpft und der Stein, hinter dem ein Jude verstecken wird, wird sagen: „O Muslim! Hinter mir versteckt sich ein Jude, komm und bring ihn um!“

Die gleiche Geschichte aus Sahih Muslim:

„Abu Huraira berichtet, dass Allahs Gesandter gesagt habe: „Die letzte Stunde wird nicht kommen, sofern die Muslime nicht gegen die Juden kämpfen und die Muslime sie töten, bis die Juden sich hinter einem Stein oder einem Baum verstecken und ein Stein und ein Baum würde (in diesem Fall sagen) Muslim, du Diener Allahs, hinter mir versteckt sich ein Jude; komm und töte ihn; aber der Gharqad Baum würde dies nicht sagen, denn es handelt sich um einen Baum der Juden.“

Ein Hadith aus Sahih Bukhari über die Menstruation; es geht darum, dass Frauen während der Menstruation auf das Fasten verzichten sollten.

Abu Sa’id al-Hudri berichtet:

Anlässlich des Opferfestes – oder es kann auch das Fest des Fastenbrechens gewesen sein – begab sich der Gesandte Gottes zum Gebetsplatz. Als er bei den Frauen vorbeikam, blieb er stehen und sagte zu ihnen: „ Ihr Frauen, ich rate euch, Almosen zu geben! Denn ich habe gesehen, dass die Mehrzahl der Höllenbewohner Frauen sind.“ Die Frauen fragten ihn: „Wie kommt das, o Gesandter Gottes?“ – „Frauen fluchen häufig und sind of undankbar gegenüber ihren Ehemännern. Auch sah ich nie jemanden mit weniger Verstand und geringerer Religiosität als manche von euch! Und ihr könnt selbst einen einsichtigen Mann betören!“ Die Frauen fragten: „Aber warum ist unsere Religiosität und unser Verstand mangelhaft, o Gesandter Gottes?“ Er erwiderte: „Ist es nicht so, dass der Zeugenaussage einer Frau nur das halbe Gewicht derselben eines Mannes zukommt?“ – „Doch, natürlich!“ –„Der mangelnde Verstand der Frauen ist der Grund dafür! Und ist es nicht so, dass eine Frau während ihrer Menstruation nicht betet und nicht fastet?“ – „Doch.“ –„Das ist die mangelhafte Religiosität der Frauen.“

Aus Sahih Bukhari im Zusammenhang mit der grossen Waschung (vor dem Gebet), weil das Gebet einer Person, die unrein ist, nicht angenommen wird.

Wenn eine Frau im Traum ein sexuelles Erlebnis hat:

Umm Salama, die Mutter der Gläubigen, berichtet:
Umm Sulaim, die Frau von Abu Talha, kam zum Gesandten Gottes und sagte: „O Gesandter Gottes, Gott schämt sich nicht, die Wahrheit zu sagen! Muss eine Frau, die im Traum ein sexuelles Erlebnis hatte, die grosse Waschung verrichten?“ Der Prophet erwiderte: „Ja, wenn sie nach dem Aufwachen Ausfluss bemerkt, soll sie das tun.“

Aus Sahih Bukhari (zur kleinen Waschung):

Urwa berichtet:

Wenn der Prophet die kleine Waschung verrichtet hatte, kämpften die Menschen fast miteinander, um die Reste seines Waschwassers für sich verwenden zu können.

Abbad Ibn Tamam berichtet:

Mein Onkel väterlicherseits frage den Gesandten Gottes, was zu tun sei, wenn man das Gefühl hat, während des Gebets Blähungen gehabt zu haben. Der Prophet erwiderte: „Setze das Gebet fort und unterbreche es nicht, sofern du nicht ein entsprechendes Geräusch oder einen Geruch wahrgenommen hast.

Aus Kanzul Ummal, Bd. 9, S. 129:

Der Prophet sprach:

„Das Zähneputzen enthält zehn Besonderheiten:

Es macht den Mund wohlriechend, es macht das Zahnfleisch fest, es beseitigt den Auswurf, es verleiht den Augen Glanz, es beseitigt den Zahnschmelz, es ordnet den Magen, es ist die Verfahrensweise (Sunnah) des Propheten, es erfreut die Engel, es stellt den Herrn zufrieden und es erhöht die Wohltaten.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Essen.

Aisha berichtet:

Der Gesandte Gottes aß sehr gern Süßigkeiten und Honig.

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über die Medizin.

Abu Huraira berichtet:

Der Prophet sagte: „Der böse Blick ist Realität!“ Und er verbot das Tätowieren.

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Wissen:

Abu Huraira berichtet:

Ich sagte: „Oh Gesandter Gottes, ich höre von dir so viele Hadithe, aber oft vergesse ich sie wieder.“ Der Prophet antwortete: „Breite deinen Mantel aus.“ Ich kam dieser Aufforderung nach. Danach bewegte der Prophet seine Hände, als schöpfe er etwas in meinen Mantel hinein. Dann sagte er: „Jetzt zieh ihn wieder an.“ Ich tat, was er gesagt hatte, und seitdem habe ich nichts mehr vergessen!

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über den Gebetsruf:

Abdullah ibn Umar berichtet, der Gesandte Gottes habe gesagt: „Das gemeinsame Gebet hat den siebenundzwanzigfachen Wert des alleine verrichteten Gebets.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über Tod und Begräbnis:

Abu Huraira berichtet:

Der Gesandte Gottes sagte: „Jedes Neugeborene hat von Natur aus die Anlage zum rechten Glauben. Es sind die Eltern, die es zum Juden, Christen oder Magier erziehen.“

Aus Sahih Bukhari, im Kapitel über das Essen:

Abu Aziz berichtet: Jemand fragte Anas: „Hat der Prophet etwas über den Knoblauch gesagt?“ Ja, der sagte: „Wer Knoblauch gegessen hat, soll sich ja nicht unserer Moschee nähern!“

Wie bereits oben erwähnt existieren mehrere hunderttausend solcher Hadithe, einige sind maßgeblicher als andere. Auch ihre jeweilige praktische Bedeutung und Bekanntheitsgrad sind jeweils ganz unterschiedlich und stark von den jeweiligen Traditionen einer Gemeinde abhängig. Gemäß islamischer Vorstellung sollen also Hadithe, die oft an Detailreichtum nicht zu überbieten sind, in einer derart hohen Zahl während rund 200 Jahren mündlich weitergereicht worden sein. Für die Verlässlichkeit und insbesondere Kanonisierung habe einzig die Vertrauenswürdigkeit der Überlieferungskette eine Rolle gespielt. Wer an den Wahrheitsgehalt respektive Historizität einer solchen angeblichen Überlieferung glaubt, sollte sich meines Erachtens als Muslim bezeichnen, weil solche Annahmen einzig mit Religion zu rechtfertigen sind. Nicht nachvollziehbar ist allerdings, dass die überwiegende Mehrheit der Islamwissenschaftler an den oben beschriebenen Methoden und am Wahrheitsgehalt dieser Geschichten wenig auszusetzen hat.

Die Leserin oder der Leser dürfte gemerkt haben, dass die Hadithe in intimste Bereiche der Privatsphäre eingreifen und eine islamische Meinung zu Dingen äußern, die mit Religion wenig bis gar nichts zu tun haben. In extremis bedeutet dies, dass die Religion das gesamte Leben bestimmt und jede einzelne Handbewegung reguliert. Vor allem aber wirken solche Regeln nur schon aufgrund ihrer großen Menge gesellschaftsgestaltend und -prägend. Je mehr sie ihre Wirkung entfalten und Geltung beanspruchen können, umso mehr bewegt man sich in die Richtung einer idealen islamischen Gesellschaft, in welcher die Scharia gilt, wo alle Menschen aus islamischer Perspektive ein gottgefälliges Leben führen. Je mehr dies erfüllt wird, umso mehr haben wir es allerdings auch mit einer  freiheitsfeindlichen Ideologie zu tun, zumal eine derart dichte Regulierung des Alltags in einem hohen Masse antiliberal wenn nicht gar totalitär ist. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb mein Blog „Freiheit oder Scharia“ heißt, was gewisse Leute, die meine Texte nicht kennen, als zu radikal wahrnehmen. Die Hadithe, die ich zitiert habe und die Vorstellung, dass es hunderttausende davon gibt, sollten jedoch meine Leserinnen und Leser überzeugt haben, was dieses Ausmaß, diese Regulierungsdichte und vor allem diese archaische Gesellschaftsstruktur, die durch die Hadithe und die Sira zum Vorschein kommt, für die Freiheit in unseren westlichen Gesellschaften bedeutet, wenn derartige Regeln zum gesellschaftlichen Massstab werden. Jedenfalls denke ich nicht, dass diese ideale islamische Gesellschaftsform mit dem freiheitlichen Leben in europäischen Gesellschaften zu vereinbaren ist, auch nicht wenn es sich dabei um Parallelgesellschaften handeln sollte.

Da die Scharia einerseits wegen ihres archaischen und rückständigen Inhalts und andererseits aufgrund ihrer allumfassenden Regulierung einer Gesellschaft die Entwicklung von muslimisch geprägten Gesellschaften massiv verhinderte, haben im 20. Jahrhundert politische Bewegungen diese eingeschränkt, respektive den Islam unter staatliche Kontrolle gestellt und versucht, diesen in erster Linie auf die Glaubensbereiche zu konzentrieren. Die Scharia als Gesellschaftsform wurde von der Öffentlichkeit weitestgehend verbannt. Zuvorderst steht selbstverständlich der Name des Staatsgründers der modernen Türkei, M. Kemal Atatürk, der mit seinen Reformen, Abschaffung des Kalifats und weiteren Massnahmen, die Türkei in die Moderne katapultierte. Ohne ihn und seine Reformen wäre dies niemals möglich gewesen. Auch andere Staaten, wie etwa der Iran oder Afghanistan, wurden von diesen Reformen beeinflusst und gewiss auch die Länder Nordafrikas. Es ist klar, dass das Vorgehen Atatürks der heutigen Vorstellung von Glaubens- und Gewissensfreiheit widerspricht. Andererseits muss man sich die Frage stellen, ob eine vormittelalterliche Scharia-Gesellschaft mit ungebildeten Analphabeten diesen Reformen vorzuziehen ist oder nicht. Ferner hat Atatürk die türkischen Frauen befreit, was jede säkulare Türkin bestätigen kann. Mit Scharia-Appeasement, wie dies heutzutage insbesondere von linken Parteien betrieben wird, lässt sich jedenfalls keine Gleichberechtigung der Geschlechter herstellen und die türkische Frauen wären heute nicht dort, wenn sie den Pseudofeministinnen der linksextremen Queer-Theory-Bewegung von Judith Butler gefolgt wären, welche in der Burka eine Ausdrucksform der Bescheidenheit erkennen. Da das 20. Jahrhundert von Figuren wie Judith Butler weitestgehend verschont blieb, stand dies natürlich nie zur Debatte.

Die Scharia ist eine endlose Quelle für die Rechtsfindung und in freiheitlichen Staatswesen wie den unseren kann sie sich leider hervorragend entfalten, obwohl sie eine freiheitsfeindliche Ideologie ist. Auch deshalb freuen sich Scharia-Muslime über ihren Aufenthalt in Europa, weil sie hier diese teilweise uneingeschränkter ausleben können als in ihren eigenen Heimatländern, die Einschränkungen der Scharia vornehmen, um ein Mindestmass an Zivilisation beizubehalten. Man denke nur an die Nikabverbote in Marokko oder Algerien, eine Maßnahme, die in Deutschland  undenkbar wäre. Ich habe derartige Äußerungen der Dankbarkeit schon in einigen Dokumentarfilmen gesehen, insbesondere auch von Scharia-Muslimen, die in Deutschland leben.

In unseren westlichen Demokratien existieren keine ausdrücklichen Einschränkungen der Scharia. Vielmehr gilt grundsätzlich der Vorrang staatlichen Rechts. So ist beispielsweise die Polygamie in den europäischen Staaten verboten und natürlich auch die Vornahme einer Körperstrafe (sog. Hadd-Strafe) nach islamischem Recht, weil der Staat hier immer noch das Gewaltmonopol hat (oder zumindest haben sollte). Da wir aber die Scharia anders als in den Herkunftsländer der meisten Scharia-Muslime nicht einschränken, ist für diese Menschen oft nicht erkennbar, welche Grenzen ihnen gesetzt wurden. Für gewisse ist ohnehin nur die Scharia maßgeblich. Oft sind staatliche Gesetze ihnen auch egal, weil in der liberalen Gesellschaft, in der wir leben, auch verbotene Dinge unentdeckt bleiben können und die Konsequenzen, die sie allenfalls gegenwärtigen müssten, nicht so gravierend sind. Die Folge davon ist der Aufbau von Parallel- oder im schlimmsten Fall Gegengesellschaften auf der Grundlage der Scharia, die mit den Werten, die in unseren Verfassungen verankert sind, wenig bis gar nichts zu tun haben. Wie wir mit diesen Problemen umgehen und dabei die Rechtsstaatlichkeit wahren können, wird uns in den nächsten Jahren gewiss noch beschäftigen.

Mohammed

Muhammad auf dem Berg Hira, Bild aus Siyer-i Nebi: Das Leben des Propheten. Istanbul, 1595. Hazine 1222, folio 158b – Topkapi

 

 

Über Hadithe und deren Rolle bei der Gestaltung einer islamischen Gesellschaft – Kritische Betrachtungen